Das Doppelleben der Bilder

Ausstellung Turner-Preis-Träger Simon Starling reflektiert in Stuttgart das Sammeln selbst
Yvonne Bialek | Ausgabe 02/2014

Dem 46-jährigen Briten Simon Starling gelingt eine überraschend lustvolle Aktualisierung der sogenannten Archiv-Kunst, die heute im Ruf schwerverdaulicher Ausstellungskost steht. Nicht so in Stuttgart.

Fast wünscht man sich, die Ausstellung in der Staatsgalerie fände dort an einem zentraleren Ort statt. Will man seine aktuelle Präsentation der „Analogue Analogies“ im Altbau sehen, muss man zunächst das ganze Haus durchqueren. Der Blick streift dabei Bruchstücke der bekannten Kunstgeschichte: Modigliani hier, Broodthaers dort. Dann wieder passiert man leere Treppenhäuser und karge Aufgänge einer unübersichtlichen Museumsarchitektur. Dies ist die Vorbereitung, eine Art Latenzphase, auf Starlings Kommentar zum „System Museum“.

Die Kuratorin Alice Koegel lud den Turner-Preis-Träger als nunmehr dritten Künstler ein, sich mit der ehrwürdigen Sammlung der Staatsgalerie auseinanderzusetzen. Zweifellos ist Starling dieser Aufforderung gefolgt. Doch er tut es nicht, indem er sich die Originale im Depot vornimmt, obwohl man ihm hierfür alle Türen des Hauses geöffnet hätte – ein wahrlich seltener Umstand in der rigiden Museumspolitik, die ihren Besuchern oftmals mehr vorenthält, als zu sehen gibt. Im Fokus von Starlings Arbeit steht aber eine andere Abteilung des Hauses: das Fotoarchiv und -labor, das seit den 1920er Jahren systematisch Werke der Sammlung und Ausstellungen der Staatsgalerie dokumentiert. In diesem Archiv leben die Kunstwerke ihr zweites Leben – ein Doppelleben, wenn man so will – als ihre eigenen fotografischen Reproduktionen.

Hieraus wählte Starling verschiedene Papierabzüge ikonischer Werke der Sammlung wie de Chiricos Gemälde Metaphysisches Interieur mit großer Fabrik von 1916 oder Man Rays Noire et Blanche von 1926. Dazu kommen historische Ansichten von Sammlungspräsentationen, die die Kunstwerke angeordnet im Ausstellungsraum zeigen. Wir sehen Polkes Zirkus neben Richters Kuh II oder ein Gemälde Pollocks neben dem von Mark Tobey.

Starling berichtet von seiner Erinnerung an den Besuch deutscher Museen zu seiner Studienzeit: „Die Formel schien gewissermaßen in Stein gemeißelt – ein Richter hier, ein Polke dort, LeWitt, Long etc. Alles wunderbare Dinge, doch am Ende versuchte ich spielerisch zu erraten, was wohl um die nächste Ecke kommen würde.“ Das Prinzip seiner Ausstellung ist, sich die Reproduktionen und Ausstellungsansichten anzueignen und sie wie ein Kartenspiel neu zu mischen. Dazu fotografierte Starling die ausgewählten Abzüge stets im gleichen Format neu: vor schwarzem Hintergrund mitsamt einer Farbskala. Die so entstandenen etwa vierzig großformatigen Drucke erscheinen wie gerahmt. Der Rahmen als ein Werkzeug des Ein- und Ausschlusses, die Fotografie und das Ausstellungswesen treten damit bei jeder Aufnahme Starlings sichtbar vor Augen.

Allegorie des Museums

Die reproduzierten Reproduktionen spinnen nun in gemäßigter Petersburger Hängung neue Verbindungslinien zwischen Werken, die im Museum wahrscheinlich niemals zusammen präsentiert werden würden. Aber die utopische Neuhängung folgt einem klaren kuratorischen Konzept: die Bilder im Bild setzen sich allesamt selbst mit Fragen der Reproduktion auseinander, wie beispielsweise Gertschs fotorealistisches Gemälde nach einem Schnappschuss von Patti Smith. Auch zeigt er uns ein Werk Louise Lawlers, die sich in ihren Fotografien seit den 1980er Jahren mit dem Kunstsystem und seiner Rollenverteilung beschäftigt. Starling vollführt hier einen Rollenwechsel: der Künstler wird zum Kurator eines hochkomplexen Netzes aus Verweisen.

Die Ausstellung ist auch ein positives Bekenntnis zur Fotografie; dass sie wiederholbar ist, wird hier nicht als Manko gesehen, sondern als Möglichkeit eingesetzt. Duane Hansons hyperrealistische Skulptur der Putzfrau von 1972 geistert gleich mehrfach durch seine Analogien. Das Original überrascht den Besucher auch heute noch: man vermutet zunächst ein lebendiges Wesen. Ihre prekäre Lebendigkeit scheint pars pro toto zu stehen für Starlings Wiederbelebungsversuche in Stuttgart. Im zweiten Teil der Ausstellung baut er das Fotolabor, das heute wegen seiner veralteten Technik nicht mehr gebraucht wird, im Originalmaßstab und mit kompletter Ausstattung nach. Die Dunkelkammer im White Cube erscheint wie ein aufgebahrter Leichnam, dem man mit Abstand den letzten Gruß erweisen kann.

Somit wird die konservierte Dunkelkammer zu einer Allegorie des Museums, dessen Aufgabe die Bewahrung von Kunst ist. Doch, „Museum und Mausoleum verbindet nicht bloß die phonetische Assoziation“, schrieb Adorno. Ein Ausweg aus der Leichenstarre scheint eine solch präzise und gleichzeitig anregende Revisionen zu sein, wie sie Starling in Stuttgart unternimmt. Hier gelingt es ihm, uns die Sammlung mit neuen Augen sehen zu lassen, sodass man den Weg zu seiner Ausstellung gern noch einmal mit einem Rundgang durch das ganze Haus verbinden will.

Analoge Analogie Simon Starling Staatsgalerie Stuttgart, Offenes Depot, bis 23. März

Yvonne Bialek ist Kunsthistorikerin

 

06:00 22.01.2014

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