Das doppelte Zarentum

Zeitenwechsel Gewaltenteilung an der Spitze der Macht, das ist etwas Neues für Russland - wie alkoholfreies Bier

Der Zar ist weit, das gilt in Russland auch heute noch, auch für "nasch Putin", unseren Putin, den Deutschen im Kreml, der keinen Wodka trinkt, Sport treibt, regelmäßig die Kirche besucht, pünktlich und diszipliniert arbeitet, und zwar nicht nur, wie Friedrich II., als erster Diener, sondern als erster Sklave (Fischer Jäger Pilot) des Staates, dessen Plan die Entwicklung des Landes fördert, den Wohlstand mehrt etc. Schließlich und endlich wuchs er als Waise in St. Petersburg auf, er kennt seinen Dostojewski, wie die Leute in Piter sagen, "den Geruch nasser Steine im Hausflur", das Haus, in dem Raskolnikov die Wucherin Lisaveta und deren schwachsinnige Schwester erschlug, um ein großer Mann der Geschichte zu werden und die napoleonischen Träume zu erfüllen. "Dostojewskis Klage, wo Staraja Rus versteckt ist" (Gennadij Gor), hat der Zar aus dem Volk nicht vergessen, auch unter seiner Tarnkappe nicht, die ihm half, alles über das Land zu erfahren, so, wie der Sultan in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht unerkannt durch Bagdad schleicht. Denn nicht die Lämmer schrieen in seiner Kindheit, sondern Makarenko-geschulte Erzieher, welche die 900-tägige Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht überlebt hatten, das Massensterben, Hunger und Kannibalismus. Nachzulesen in gespenstischer Intensität in den Gedichten von Gennadij Gor (1907-1981), die unter dem Titel Blockade von Peter Urban erstmals ins Deutsche übersetzt wurden (Gennadij Gor, Blockade, Edition Korrespondenzen, Wien 2007).

In Deutschland stellt man sich Russland oft als monolithischen Machtblock oder als Marionetten-Theater vor - oben zieht einer die Fäden und die anderen tanzen. Abgesehen von der im Ausland weitgehend unbekannten Konkurrenz der Sicherheitsdienste (Militär, Geheimdienste, Miliz), sind diese Bilder schon deshalb arg getrübt, weil sie die russische Mentalität missachten, den Witz der in Russland lebenden Völker, den Sarkasmus und schwarzen Humor, die Selbstironie und die theatralischen Aspekte in der Selbstdarstellung der Macht. Die Deutschen sind nirgendwo so unbeliebt wie in Deutschland, die Russen lachen über niemanden so gern wie über sich selbst, allerdings nicht im Beisein radikaler Touristen, die mit dem Demokratie-Lineal durchs Land reisen. In russischen Witzen ist nicht der andere der Versager, und wenn der Russe gewinnt, dann durch Bauernschläue oder Tollpatschigkeit.

Du sollst den Ast absägen, auf dem du sitzt, bevor es ein anderer tut! rät ein russisches Sprichwort. Ein Minister zum Thema Umweltschutz: "Wer lange leben will, muss weniger atmen".

Russlands Geschichte: Es ist Oktoberrevolution, der Großvater, ein zu Wohlstand gelangter, früher Sozialist, sagt zur Enkelin: Was wollen die Leute? Weshalb dieser Lärm auf den Straßen? Tochter: Die Leute demonstrieren, sie wollen, dass es keine Reichen mehr gibt! Großvater: Komisch, wir träumten in unserer Jugend, dass es keine Armen mehr geben sollte.

Die Geschichte verlangt ziemlich viel von den Menschen in Russland. Gestern Lenins Materiedefinition, der Kommunismus mit Nähzirkel und Blechorden, heute die qualvolle Aneignung westlicher Effizienz, das Leben nach den Prinzipien der Selektion, dem Ja-oder-Nein-Dualismus, bekenne oder schweige, erweise dich als Besitzer einer Geldkarte oder verschwinde, Überflüssiger! - Was passiert heute eigentlich mit den Menschen, die, wie Franz Kafka, Angst vorm Telefonieren haben?

Kaum ein Mensch in Russland ist so dumm, die Regierung für die Entwicklung des Landes verantwortlich zu machen, denn alle wissen, dass der Staat nicht nur stark, sondern im gleichen Maße schwach ist, dass er als Parodie oder als Naturgewalt auftritt. Russland als moralisches Vorbild für die ganze Welt, als Alternative zu Gold und Technik im Westen, dieser (Alb-)Traum Dostojewskis hinterließ bescheidene Ansprüche. In Deutschland definiert man Schuld vielleicht über Auschwitz, in Russland darüber, ob Brot im Haus ist. Die "Solidar-Beziehungen" sind nicht wie in Deutschland institutionalisiert, verstaatlicht, kommerzialisiert, sie bleiben in der Sphäre des Privaten. Angesichts der weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber jedweder Politik, ist das eigentliche Wunder, dass Russland überhaupt eine Regierung hat.

Dostojewski meinte, der Staat sei für die Mittelmäßigen da. Kaum ein Land wurde jemals auf der Höhe seiner Möglichkeiten regiert, doch "Russland ist in den letzten fünfzehn Jahren trotz aller inneren Schwankungen bei weitem freier geworden als es zu jedem anderen Zeitpunkt seiner Geschichte gewesen ist", meint der Schriftsteller Viktor Jerofejew. "Die Freiheit vor allem im Privatleben hat nie gekannte Ausmaße erreicht und ist kaum wieder zurückzunehmen. Was immer der Westen über den Zustand russischer Freiheiten sagt." Viele meinen, die jetzige Regierung sei die erste in der Geschichte Russlands, der die Probleme des Landes bekannt wären. Russland, das sind immerhin knapp einhundert Völker, Tschuwaschen und Armenier, Baschkiren und Aserbadschainer, Juden und Deutsche, auch die Kalmücken und die Tuwiner möchten ihre buddhistische Kultur pflegen, und die Schamanen im Altai wollen für Räucherstäbchen keine Steuern bezahlen.

"Vsjo budet Coca-Cola" - "Alles wird Coca-Cola", das war im letzten Sommer 2007 die am häufigsten in Russland zu sehende Werbebotschaft. Der Spruch ist etwa so zynisch wie jener der Deutschen Bank nach dem Fall der Mauer: "Aus Ideen werden Märkte!" Aber die Ankündigung zeigt, wo die Reise hingeht. Die Lokomotive läuft. Russland entwickelt sich zum weltweit drittstärksten Wachstumsmarkt nach China und Indien. Der Kapitalismus kommt bei den kleinen Leuten an. Eine Bibliothekarin in der Provinz, die vor kurzem noch nicht wusste, wozu man ein Konto bei der Bank braucht, kann sich heute eine Wohnung auf Kredit kaufen. Sushi-Essen ist die große Mode.

Und so passt das Gesicht des neuen Zaren Dimitri Medwedjew, der ein jüngerer Bruder des alten ist, zu Russlands radikalem Aufbruch in die Moderne. Verdächtige Schattierungen sind aus seiner Biographie nicht bekannt, er ist ein höflicher, junger, dynamischer Mensch, der sich auszudrücken weiß, ein Deep-Purple-Fan, dessen Gattin einen VW Golf fährt, Baujahr 1999.

Weshalb gerade dieser Jurist und Manager ausgewählt wurde, wissen in Russland die Think-Tanks, die Denkfabriken. Auch wenn diese nicht öffentlich tagen, so leisten sie doch ihre Arbeit. Wer daran zweifelt, unterschätzt Russlands Elite, die seit Jahren gesamtstrategisch handelt.

Der neue Zar scheint "völlig tugendlos und das bremst auf angenehme Weise den Flug des russischen Traums. Ganz schüchtern sagt man, er sei ein Demokrat. Niemand aber hat seinen Demokratismus je gesehen oder gehört." (Andrej Komov, Das friedliche Leben).

Man darf die Behauptung wagen, dass Putin und Medwedjew zusammen arbeiten werden wie ein Schweizer Uhrwerk. Denn eine listigere PR-Strategie als der ganzen Welt zu zeigen, wie kollegial und freundschaftlich Russland regiert werden kann, während die Weltpresse nach Streit und Spaltung lechzt, hätten auch amerikanische Think-Tanks sich nicht ausdenken können. Putin, der als Retter Russlands in die Geschichte eingehen möchte, ordnet sich ein, aber nicht unter. Zwar rätseln manche Staatsbeamte schon, welches Porträt sie künftig in ihren Amtsstuben aufhängen, das des alten oder das des neuen Zaren, auch von offiziellen Anfragen diesbezüglich wird berichtet. Doch der alte Zar ließ bereits bekannt geben, das sei jedem selbst überlassen. Gewaltenteilung an der Spitze der Macht, allein diese Botschaft ist etwas Neues für Russland - wie alkoholfreies Bier.

Ein positiver Vorschlag zuallerletzt: Es ist längst an der Zeit, ein deutsch-russisches Kultur-Fernsehen zu gründen, vergleichbar den Sendern arte oder Kultura. Der Bedarf an Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschland und Russland ist um einiges größer als es der zwischen Deutschland und Frankreich war.

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