Das dritte Glas: Auf die Liebe!

Tradition Die Pickle Bar – eine slawische Version der Aperitivo Bar – will feierlich Grenzen verwischen
Das dritte Glas: Auf die Liebe!
KW Institute for Contemporary Arts, Slavs and Tatars, Figa, 2016

Courtesy Figar and Tatars

Wir interessieren uns schon seit Langem für Gastfreundschaft und Sprache – schließlich ist das Übersetzen eine Art linguistischer Gastfreundschaft: das Einladen des Fremden in unsere Sprache, während wir uns selbst in die Sprache des Fremden verbannen oder exilieren. Für unsere neue Pickle Bar haben wir uns das georgische Phänomen des Tamada angeschaut: eine seltene Gelegenheit, bei der Sprache und Gastfreundschaft in flüssiger Form zusammenfallen. Jedes Mal, wenn Wein serviert wird – meist zu einer Mahlzeit, oder dazu, was im Georgischen „supra“ (ein Bankett) genannt wird –, wird ein Toastmaster bestimmt, der für jede Trinkrunde einen Toast ausbringt. Der Tamada sollte eloquent, charismatisch und, vielleicht am wichtigsten, trinkfest sein (ein betrunkener Tamada ist ein kompletter Fauxpas). Traditionell besteht eine eher starre Struktur an Trinksprüchen: Der erste wird auf den Gastgeber ausgesprochen, der zweite auf die Verstorbenen, der dritte auf die Liebe, der vierte auf die Nation etc. Wir sind zwar große Fans von Traditionen, aber wir ziehen es vor, uns ihnen sozusagen durch die Hintertür zu nähern – schliesslich ist die Hintertür der Ort, an dem sich Immigranten, People of Colour oder Homosexuelle traditionell trafen. Schlemmen und Trinken sind im letzten Jahrhundert zu Markenzeichen der nationalen Identität Georgiens geworden, ebenso wie die allgemeinere (wenn auch bemerkenswerte) Großzügigkeit der kaukasischen Gastfreundschaft.

Wir interessieren uns seit Langem für das, was wir – in Ermangelung eines besseren Wortes – „dumme“ Medien nennen: diese eher banalen, niederen, manchmal volkstümlichen Elemente, die ansonsten hochgestochene, esoterische oder komplexe Ideen transportieren. Der Tamada (und das Bankett) ist nur ein Beispiel: Was die meisten Georgier oder Besucher als einen weiteren überwältigenden Abend erleben, ist in Wirklichkeit ein Ort von fesselnder politischer und sozialer Dynamik. Ein weiteres „dummes Medium“ ist der Pickle-Saft, der in unseren Räumlichkeiten serviert wird: In weiten Teilen Mittel- und Osteuropas wird die Gärungslake traditionell als Katerkur verwendet, um den Körper zu regenerieren und die am Vorabend angerichteten Schäden zu heilen; in den USA und im Vereinigten Königreich hingegen wird Pickle-Saft als neuestes Produkt auf dem Sportgetränkemarkt als Energiegetränk angepriesen. In der eher bescheidenen, übrig gebliebenen Flüssigkeit von Großmutters Sauerkraut findet sich also ein defätistischer Slawist oder ein positivistischer Atlantiker: Suchen Sie sich was aus.

Diskursive Plattformen

Wir träumen schon seit Langem davon, eine slawische Version der Aperitivo Bar zu eröffnen: statt der eher bürgerlichen Wein- und Käsetheke einen Ort zu schaffen, an dem verschiedene vergorene Produkte und Spirituosen genossen werden. Im Gegensatz zum Trinken im Westen ist das Trinken in den meisten Teilen des ehemaligen Ostblocks eine ritualisierte, fast feierliche Angelegenheit, eine Gelegenheit, die Zunge zu lösen, aber auch rhetorische Ausschweifungen zu genießen. Gerade in einer Zeit wie der unsrigen, in denen die Sprache von rechts und links unter Druck gesetzt wird, halten wir es für dringend geboten, die Grenzen von Zunge, Rachen, Ohren, Zähnen und Lippen als diskursive, aber auch als affektive Plattformen auszuloten. Nach vorübergehenden Gastspielen in Warschau, Stockholm, Budapest und Toronto öffnet die Pickle Bar im September ihre Türen dauerhaft in einem ruhigen Viertel in Moabit, ein paar Häuser von unserem Atelier und Wohnort entfernt. In Zusammenarbeit mit den KW Institute of Contemporary Art haben wir drei Künstlerinnen – Schalwa Nikwaschwili, Ana Prvački und Selin Davasse – eingeladen, jeweils einen Tag lang Hof zu halten, das Ritual der Tamada radikal zu überdenken und Vorstellungen von Nationalität, Identität und Gastfreundschaft neu zu überdenken.

KW on location Slavs and Tatars’ Pickle Bar, Stephanstraße 11, 10559 Berlin

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06:00 10.09.2020

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