Das Dummerchen und die Närrin

Mukoviszidose Der Autor und Filmregisseur Pawel Sanajew erzählt mit seiner tragikomischen Kindergeschichte "Begrabt mich hinter der Fußleiste" vom Alltag in Russland

Im russischen Märchen hockt der dumme Iwan Durak hinter dem Ofen und wärmt sich den Hintern. Er ist der Tölpel, der für nichts zu gebrauchen ist. Trotz seiner Dummheit steckt in Iwan Durak aber auch eine seltsame Begabung zu Glück und Erfolg. Der 12-jährige Sascha Saweljew gleicht diesem märchenhaften Dummling: er ist zwar kein einfältiger Junge, aber ohne Elan und Kraft, um sich gegenüber der Umwelt zu behaupten. Sascha wohnt bei seiner Großmutter, die ihn, den chronisch kränklichen Jungen, aufopferungsvoll umsorgt, weil dessen Mutter nichts mit ihm zu schaffen haben will, wie Sascha beschreibt: "Meine Mutter hat mich gegen einen Giftzwerg und Erbschleicher eingetauscht und meiner Großmutter aufgehalst, für die ich ein schweres Kreuz bin. So, als Kreuz auf Großmutters Schultern, lebe ich seit meinem vierten Lebensjahr."

Seine Lage ist verzwickt, wie ihm ständig zu verstehen gegeben wird. Die Großmutter unternimmt alles, um die rätselhafte Krankheit des Jungen mit teuren homöopathischen Mitteln zu lindern. Mukoviszidose, diagnostiziert ein Arzt, doch die Großmutter nennt es nur "angeborene Idiotie", womit sie ihren zweiten Charakterzug verrät: Sie flucht wie ein Landsknecht, mit Vorliebe auf den stillen Großvater, auf ihre unmoralische Tochter oder auf Sascha, das "Dummerchen" und "undankbare Stück Scheiße". Kein Leichtes also für den Jungen, in der erstickenden Fürsorge überhaupt zu Atem und zu Wort zu kommen. Das einzige Mittel, das ihn zu schützen scheint, ist seine unfreiwillige Komik, mit der er sein Leben erzählt. Zur Schule geht Sascha kaum, die Großmutter bringt ihm zuhause bei, was seine Kameraden lernen. Nur gelegentlich kommt die Mutter, das "Flittchen" eines Alkoholikers, ihn besuchen. Es endet jedes Mal mit einem hässlichen Streit zwischen ihr und der Großmutter.

In seinem ersten Roman appelliert der 1969 in Moskau geborene Filmemacher (Last Week-End, 2005) und Autor Pawel Sanajew an ein bekanntes Bild aus Russland. Alle Bürden des Alltags lasten auf der Großmutter, die Kriege überlebt, alkoholisierte Männer ausgehalten und Kinder verloren hat, um am Ende kaum eine rechte Rente zu erhalten. Sascha beschreibt diese Situation aus kindlicher Distanz. Nur vage vermag er zu erahnen, was die Großmutter für ihn tut. Auch seine Krankheit versteht er nicht recht. Während er erzählt, versucht Sascha sein Schicksal und seine Ängste zu begreifen, die ihm durch das pädagogische "Feingespür" der Großmutter eingebläut werden.

Je mehr sie von ihrem Schützling absolute Loyalität einfordert, umso verrücktere Züge nimmt ihre Fürsorge an. Ganz auf sich und den Jungen fixiert, schiebt sie die Schuld für eigenes Unglück von sich weg auf ihren Mann und vor allem auf ihre Tochter, Saschas Mutter. Zwischen den beiden Frauen wird verbissen um den Jungen gerungen. Die Großmutter hält ihn als Geisel und macht vor keiner Drohung halt, am Ende inszeniert sie sogar eine arglistige Entführung. Aus lauter Verzweiflung wünscht sich Sascha einmal, dass er hinter einer Fußleiste in der mütterlichen Wohnung begraben werden möchte: "Meine Mutter würde im Zimmer umhergehen, und ich würde sie durch die Ritze sehen können."

Aus der teils ängstlichen, anfänglich auch naseweisen Perspektive des Jungen erzählt Sanajew ein Psychodrama mit gesteigert grotesken, tragischkomischen Zügen. Der Reiz seiner Erzählung liegt darin, dass sich alle Personen um den Ich-Erzähler herum im Laufe der Geschichte verwandeln. Aus der aufopfernden Großmutter wird eine böse Hexe, aus der schlampigen Mutter eine verunsicherte Frau, die mutlos um ihren Sohn kämpft. Beide sind sie gefangen in gesellschaftlichen Konventionen und Vorurteilen. In der verzwickten Konstellation sieht sich Sascha von widersprüchlichen Begehren bedrängt und zutiefst verunsichert. Seine erzählerische Unbeschwertheit und Lustigkeit zu Beginn erweist sich immer mehr als gespielt.

Erzähltechnisch ist Sanajews Roman nicht ohne Mängel. Anfang und Ende gehen chronologisch nicht zusammen. Bei der Großmutter lebend erzählt Sascha Geschichten aus seiner Erinnerung, wozu auch das abschließende Begräbnis der Großmutter gehört. Zudem umfasst das Buch zwei Kapitel, in denen der Großvater die großmütterliche Selbstlosigkeit heftig in Zweifel zieht. Sascha kann aber nicht Zeuge dieser Gedanken gewesen sein, weshalb diese zwei Kapitel unerklärliche Findlinge in der Erzählung bleiben. Zwiespältig mutet schließlich Saschas Buhlen um die Gunst der Leser und Leserinnen an, wie er es gleich zu Beginn des Romans erprobt: "ich bin sicher, das wird euch interessieren". Zum einen demonstriert er so eine kindliche Unsicherheit, in der zum anderen aber auch erzählerische Souveränität mitschwingt. Saschas Erinnerungsperspektive wird dadurch verunklart.

Insgesamt fallen diese Makel nicht allzu schwer ins Gewicht, weil sie in eine durchaus stimmige Erzählung des Jungen eingebettet sind. Sascha kann sich gegen den moralischen Druck der Großmutter nur behaupten, indem er seiner Schutzherrrin Tribut zollt in Form von vorgetäuschter Anerkennung und immer wieder beschworener Liebe. Diesen Mechanismus bildet Sanajew in seinem Buch einfühlsam und tragikomisch ab. Sascha kämpft verbissen, aber auch ohnmächtig darum, dass er die Loyalität der Großmutter gegenüber aufkündigen und der Mutter seine wahre Zuneigung beweisen kann. Diese Empfindungen überhaupt erst zu entdecken und auszudrücken, gelingt ihm nicht leicht. Sascha kann nur einer Herrin dienen. Doch welcher: der, die ihn mit Flüchen und Opfern nährt; oder der, die ihn liebt, sich aber gegen die Alte nicht durchzusetzen weiß? Indem sich Sascha innerlich zu einer Entscheidung durchringt, wird er schließlich selbst zum Motor für den allmählichen Wandel um ihn herum. Im Zentrum des sich drehenden Figurenkarussells stehend, wird er Zeuge, wie sich der wirbelnde Streit um ihn wie von selbst auflöst. Diese Entwicklung feinfühlig zu erzählen, ist Pawel Sanajew sehr schön gelungen.

Pawel Sanajew: Begrabt mich hinter der Fußleiste. Roman. Aus dem Russischen von Natascha Wodin. Antje Kunstmann, München 2007. 240 S., 17,90 EUR


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00:00 23.03.2007

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