Das eigentliche Tabu

Vielheit Sarrazin hat eine Phantomdebatte ausgelöst, die vor allem eines zu Tage förderte: Ängste. Loswerden können wir sie nur gemeinsam – durch eine neue Identität

Seit Thilo Sarrazin Ende August 2010 die These in den Raum schleuderte, dass Deutschland dabei sei, sich abzuschaffen, wird eine Phantomdebatte geführt. Sie ist Platzhalter für eine schwere narzisstische Kränkung. Von all jenen, die sich nicht trauen, dem Monstrum ins Gesicht zu blicken, das ihnen aus dem Spiegel entgegenstarrt, hört man den Satz: Es war an der Zeit, dass diese Integrationsdebatte geführt wird, bis dato wurde zu wenig über die Probleme mit den Muslimen gesprochen. Die Absurdität dieser Vorhaltung, die unterstellt, dass über die Integrationsprobleme in Deutschland nicht gesprochen wurde – obwohl dies seit fünf Jahren tagtäglich geschieht –, entlarvt in ihrer mantraartigen Wiederholung das eigentliche Phänomen: es gibt einen tief sitzenden Rassismus, der sich schleichend und stetig vom Rand der Gesellschaft in die Mitte hineinbewegt, um dort für eine verita­ble Krise zu sorgen.

Konstruktion des "genuin Anderen"

Die Sarrazin-Debatte sei wie ein reinigendes Gewitter gewesen – auch ein häufig gehörter Satz. Für wen eigentlich? Für alle die, die ihre Ressentiments nun frank und frei dem Muslim ins Gesicht schleudern und der Gesellschaft vor die Füße werfen können? Für alle, die nach Jahren das Gefühl haben: Wenn sie schon nicht mehr sagen dürfen, was eigentlich deutsch ist, wollen sie wenigstens sagen können, was es ihrer Meinung nach nicht ist und auch nicht sein soll? Die Konstruktion des „genuin Anderen“ dient dabei als Räuberleiter, um auf der anderen Seite die verlorene nationale Identität wiederzufinden. Eine Identität, die zwischen den Polen oszilliert, gleichzeitig von Massenmördern und von Dichtern abzustammen. So entsteht ein psychopathologisches Verhaltensmuster, das sich verselbstständigt, solange die Frage der nationalen Identität nicht neu diskutiert wird.

In großen Teilen Deutschlands gibt es einen tief sitzenden Rassismus, ein Menschenbild, demzufolge das Fremde nicht nur als Bedrohung, sondern auch von seinen Defiziten her hinterfragt wird. Dies geschieht mit dem Ergebnis, dass eine Bringschuld gegenüber Deutschland reklamiert wird, die auf dem Weg in die Integration ausgebügelt werden müsse. 45,8 Prozent der Menschen in Deutschland sind der Meinung, es würden zu viele Ausländer hier leben.

Krise trennt

Bis dato war diese emotionale Abwehr nicht Teil des öffentlichen Diskurses; erst in den letzten Monaten sind Tendenzen zur Abwertung ganzer Menschengruppen offensichtlich geworden. Da durch eine verinnerlichte Scham und das Bewusstsein von Schuld aufgrund der historischen Erfahrung des Dritten Reiches dieses Wort in Deutschland unsagbar geworden ist, spricht man hier nur selten von Rassismus – üblicherweise von Ausländerfeindlichkeit oder Diskriminierung.

Doch dieses Moment von Selbstkritik wird durch das Buch von Sarrazin ausgeschaltet, wo es lapidar heißt: „Diskriminierung scheidet als Grund für die mangelhaften Erfolge der muslimischem Migranten im Bildungs- und Beschäftigungssystem aus.“ Um im Folgesatz zu konstatieren, dass für mangelnde Bildungserfolge die genetische Prädisposition dieser Gruppe verantwortlich sei. Und selbst hier wird Sarrazin noch gegen den Vorwurf des Rassismus in Schutz genommen.

Es ist Konsens in Deutschland, dass aufgrund einer traumatischen Vergangenheit eine verallgemeinernde Ausländerfeindlichkeit nicht sein darf. Daher schützt man sich gegen den Vorwurf, ganze Menschengruppen aufgrund ihres Andersseins abzuwerten – indem man etwa die Vietnamesen oder die osteuropäischen Juden verschont und den abwertenden Diskurs vornehmlich auf die Muslime bezieht. Man sieht es als explizite Errungenschaft des Westens an, dass man nicht frauenfeindlich sein darf, und konzentriert sich auf Kopftuchträgerinnen als zu befreiende Subalterne. Man darf nicht antisemitisch sein und schiebt die eigene Verantwortung dafür weg, indem man kollektiv die Muslime für die nach dem deutschen Antisemitismus frei gewordene Leerstelle besetzt und sogleich die jüdisch-christliche Tradition als Gegenpol zum Islam und als Basis einer deutschen Leitkultur stilisiert. Ebenso verhält es sich mit dem eigenen, scheinbar nonchalanten Umgang mit Homosexualität, dessen Normalisierung die neue deutsche Offenheit dokumentieren soll, und der sich doch immer wieder in homophoben Diskursen bricht, die angeblich „nicht so gemeint sind“ – die wahren Schwulenhasser sind ja die Muslime. Die werden zu Trägern jener Rassismen, die die Deutschen nicht mehr zu haben glauben.

Die Grenze des Sagbaren verschoben

Die Grenze des Sagbaren hat sich durch die Sarrazin-Debatte verschoben. Während Parallelgesellschaft, Ehrenmord und Zwangsehe noch scheinbar neutrale Worte waren, deren deskriptives Moment sich zur Totalinterpretation des muslimischen Innenraums ausweitete, taucht „der Kinderschänder Mohammed“ nun im politischen Diskurs unter Islamkritikern auf. In vielen Nachbarländern wird ein solches Wording bereits in den parlamentarischen Diskurs eingespeist, mit Begriffen und Wendungen wie Gebärmaschinen, Geburts­djihad oder Tsunami der Islamisierung.

Wir müssen den Alltagsrassismus in der Bevölkerung ernstnehmen. Selbst der Wunsch nach einem homogenen Deutschland ist nachvollziehbar, obwohl Deutschland nur kurze Zeit homogen war: nach den Säuberungen des Dritten Reiches und vor dem Beginn der Einwanderung in den sechziger Jahren, die erst spürbar wurde, als die Wirtschaftskrise Ende der siebziger Jahre einsetzte.

Mit der homogenen Phase Deutschlands verbinden sich also Vollbeschäftigung und Wirtschaftswunder. In Krisenzeiten ist es nachvollziehbar, wenn Ängste mit Blick auf eine verklärte Vergangenheit kompensiert werden. Es ist soziologisch belegt, dass in solchen Momenten der Ausschluss des Anderen, des Fremden aus der kollektiven Identität dazu dient, sich selbst ein Gefühl von Stärke zu verleihen. All das müsste thematisiert – gegenwärtige Ängste müssten von den politischen Parteien artikuliert werden.

Zukunft vereint

Würde man den Rassismus offen benennen, dann könnte an der Analyse von Klischees und Ressentiments endlich gearbeitet werden. Abschottung, Kälte und Zurückweisung könnten gesellschaftspsychologisch betrachtet werden; man könnte den Zuwanderern erklären, dass dieses Land Hilfe nicht nur bei qualifizierten Arbeitsplätzen benötigt, sondern auch bei der Bewältigung eines tief sitzenden Traumas. Man könnte außerdem darauf verweisen, dass Deutschland nicht rassistischer ist als Holland, Belgien oder Polen – eher weniger. Und dass es weit weniger rassistisch ist als die meisten Länder im Nahen Osten. Man könnte den Selbsthass und das Bedürfnis nach nationaler Identität und Patriotismus thematisieren, der quälenden Frage der Scham nachgehen, der quälenden Frage, was denn eigentlich deutsch ist – und versuchen, gemeinsam eine Antwort darauf zu finden.

Stattdessen reden wir über Integration. Solange wir nicht über das wahre Problem sprechen in Deutschland, gibt es hier kein reinigendes Gewitter, sondern eine Smog-Wolke, die uns den Atem nimmt, den wir für einen gemeinsamen Diskurs brauchen. Soll diese Debatte wirklich ein reinigendes Gewitter sein, dann muss dieses deutsche Tabu in den Diskursraum gebracht werden.

Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben weitaus weniger Probleme mit Begriffen wie Heimatland oder nationale Identität, da sie nicht das Trauma der verschämten Nation durchlebt haben. Das untergründige Hadern, das traumatische Nichtbekenntnis hätte aus Deutschland ein Land machen können, das die Idee des Nationalismus als einziges Land der Welt überwunden hätte. Offensichtlich haben viele Menschen das Bedürfnis nach Vaterlandsliebe und Patriotismus, ebenso wie es bei vielen Menschen ein starkes Bedürfnis nach Religion und Glauben gibt. Für Menschen, die religiös und national unmusikalisch sind, um mit Max Weber zu sprechen, sind diese Zugänge unmodern.

Für weite Teile der Bevölkerung, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, scheinen sie aber ein elementares Grundbedürfnis darzustellen – und auch darüber sollten wir reden. Über unsere gemeinsame Identität im pluralen Deutschland: die neue deutsche Identität, die sich nicht über Herkunft definiert oder Religion und Kultur – denn genau diese Formen von Rassismus und Ausschluss gilt es zu überwinden. Die neue deutsche Identität definiert sich über einen gemeinsamen Ausblick in die Zukunft eines heterogenen Deutschland in einem entgrenzten globalen Markt, einem entgrenzten globalen Raum. Ein Deutschland, das als Basis Menschen mit unterschiedlichen Vergangenheiten hat, jene, die einen sozialistischen Traum hatten und eine Desillusionierung erfahren haben, andere, die Deutschland als Land mit Milch und Honig kannten, zu einer Zeit, die auch von Trennungsschmerz geprägt war. Auch wenn die Vergangenheit und die einzelnen Narrative die Menschen von­einander unterscheiden – die Vorstellung von einer gemeinsamen deutschen Identität könnte sie einigen.

Gekürzter und leicht bearbeiteter Abdruck aus dem von Hilal Sezgin herausgegebenen Buch "Manifest der vielen", das gerade im Blumenbar Verlag erschienen ist. Naika Foroutan arbeitet als Politikwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität Berlin. Sie leitet dort das Forschungsprojekt HEYMAT. Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle. Im Zuge der Sarrazin-Debatte veröffentlichte sie mit ihren Kollegen das Dossier: Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand

11:00 06.03.2011

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