Das Elend der Holzarbeiter

Armutsbericht Die große Reportage „Deutschland von unten“ erschien 1931. Man sollte sie jetzt wiederlesen
Lennart Laberenz | Ausgabe 35/2016
Das Elend der Holzarbeiter
Einfache Lebensverhältnisse und anstrengende Handarbeit im Frankenwald
Foto: König, Lobenstein in Thüringen

Im Jahr 1931 erreicht die Wirtschaftskrise in Deutschland einen Höhepunkt, man zählt sechs Millionen Arbeitslose. Heinrich Brüning regiert mit Notverordnungen, die NSDAP-Reichsleitung richtet sich im Münchner „braunen Haus“ ein. In der kippeligen Lage veröffentlicht Alexander Graf Stenbock-Fermor seinen Band Deutschland von unten: „So weit ist es nun: Die selbstverständliche Forderung des Menschen auf Brot und Arbeit, auf ein menschenwürdiges Dasein, ist heute für Millionen Arbeiter ein fanatischer Wunsch, ein nie erreichbarer Zustand (...) Es ist wichtiger geworden, die Welt zu verändern, als sie darzustellen. Aber wenn Berichte über die Zustände, die um uns sind, dazu beitragen, die Augen zu öffnen und den Weg zu erkennen – hat das Schreiben einen Sinn.“

In der Geschichte der Sozialreportage hatte Friedrich Engels früh über Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) berichtet, der dänische Fotograf und Reporter Jacob Riis durchstreifte ab 1888 die Slums von New York. Riis war einer der Ersten, die ein Blitzlicht dafür verwendeten, Dinge sichtbar zu machen, die „die andere Hälfte“ eher nicht sehen wollte: verschimmelte Behausungen, Armut, Not. Seine Reportage How the Other Half Lives (1890) war ein Erfolg. Einige Jahre später etablierte der österreichische Reporter und Politiker Max Winter die Sozialreportage im deutschsprachigen Raum und erzählte aus der Glaskleinindustrie Nordböhmens (1900).

Der Anspruch, Dinge sichtbar zu machen, soziale Zustände zu beschreiben, sie politisch zu bewerten, war auch in der Weimarer Republik populär. Bildbände mit Reportagen erschienen. Egon Erwin Kisch war Der rasende Reporter (1925), Heinrich Zille, August Sander weiteten den Blick auf den Proletarier; Arbeiterschriftsteller und -fotografen wie Erich Grisar schilderten die Verhältnisse.

Hier lehnt sich Stenbock-Fermor an, er schaut auf die horrende Lage, auf Armut und harte Arbeitsbedingungen – Anfang der 20er Jahre hatte er ein Jahr unter Tage in Duisburg-Hamborn gearbeitet. Eigentlich als mehrbändige Reihe gedacht, wandert er nun für seine Reportagen durch fränkische Dörfer, in denen die Holzindustrie dahinsiecht, besucht eine Fürsorgeanstalt, in der geprügelte Mädchen eine Zuflucht fanden, berichtet von der bitteren Not der „Spielzeugschnitzer, Holzarbeiter, Bergleute im Erzgebirge“ und dem schweren Stand in der Waldenburger Kohleindustrie – in Niederschlesien arbeiteten die „am schlechtesten bezahlten Bergmänner in Deutschland“. Die eindrücklichen Fotografien im Band erinnern eher an Jacob Riis als an August Sander.

Stenbock-Fermors Erzählposition ist interessant. Der Spross eines baltischen Adelsgeschlechts wurde 1902 in Nitau bei Riga geboren, kämpfte auf Seiten der „Weißen“ gegen die russische Revolution, es dauerte eine Weile, bis er sich „der proletarischen Sache“ angenähert hatte. Die Reise durch die Provinz ist der Blick auf die Rückseite der Industriegesellschaft, dem ausgequetschten Proletarier steht der dickleibige, schlemmende Kapitalist im Restaurant gegenüber.

Wenn Stenbock-Fermor dann durch Berlin spaziert, dem Bau der U-Bahn zuschaut, Armenviertel besucht, beim Witwen-Schwof dabei ist und dem herzzerreißenden Selbstmord einer Elfjährigen in der Laubenkolonie nachforscht, ist er im Ton nah bei Franz Hessel, der 1929 durch die Stadt spazierte und beobachtete, wie „ältere Zeiten durchschimmern durch die Gegenwart“. Stenbock-Fermors Reportagen blicken auf den „Riss“, der sich durch Stadt und Gesellschaft zieht. 1931 hatte der Autor noch Hoffnung: „Aber es sind nicht die Proletarier, die Käthe Kollwitz zeichnete: müde, verzweifelt und zu Boden gedrückte Menschen. Es sind leidenschaftliche Kämpfer, Soldaten der Revolution.“

Info

Deutschland von unten. Reise durch die proletarische Provinz Alexander Graf Stenbock-Fermor Christian Jäger, Erhard Schütz (Hg.), Verlag für Berlin-Brandenburg, 240 S., 22 €

06:00 14.09.2016

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