Das Empirische der condition humaine

ABSEITS DES GENDER-MAINSTREAMS Die französische Philosophin Geneviève Fraisse über das Geschlecht in der Philosophie und die Niederungen der Politik im Europaparlament

Wer sich fragt, wieso es gegenwärtig zwar einen transatlantischen, aber keinen deutsch-französischen Dialog zur Geschlechterfrage gibt, stößt schnell auf die unterschiedliche fachliche und institutionelle Einbindung deutscher und französischer Feministinnen. Denn anders als in Deutschland und den USA haben die Französinnen ihr akademisches Heil nicht in der Gründung spezieller Frauen- oder Genderforschungs-Institute gesucht. Statt dessen setzten sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihren Marsch durch die sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten sehr erfolgreich fort und erweiterten die unterschiedlichen Disziplinen - Linguistik und Psychologie, Soziologie und Philologien, vor allem aber die Philosophie - um grundlegend neue Fragestellungen und Kritik.

FREITAG: 1989 haben Sie zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution ein Buch veröffentlicht, das Sie in Frankreich sehr bekannt gemacht hat. Worum ging es in "Muse de la Raison"?

GENEVIEVE FRAISSE: Um zweierlei: Zum einen wollte ich aufzeigen, wie ein Ereignis, das der Beginn einer möglichen Gleichheit war, nämlich die Französische Revolution, mit der Ausgrenzung der Frauen aus der Sphäre des Politischen einher ging. Ich habe mich gefragt, wie es möglich war, einerseits die universellen Menschenrechte zu verkünden und gleichzeitig den Frauen die Staatsbürgerrechte zu verweigern. Das ist ein Paradox, dem man in der abendländischen Philosophiegeschichte sehr oft begegnet, und es schien mir notwendig, im Jahr der Revolutionsfeierlichkeiten darauf aufmerksam zu machen.

Zugleich steht diese Untersuchung in einem größeren Kontext, der mich bis heute beschäftigt. Die Geschichtlichkeit der Geschlechterdifferenz ist ein Projekt, das ich um so schwieriger finde, je länger ich daran arbeite. Was ich in Muse de la Raison begonnen habe ist, eine Genealogie zu konstruieren, um nachzuweisen, dass die Geschlechterdifferenz historisch keine Invariable ist, dass sie Teil der Geschichte, vielleicht sogar deren Motor ist.

Sie haben einmal geschrieben, Sie seien zu Foucaults Methode verdammt gewesen - in welcher Hinsicht?

Als ich angefangen habe, stellte ich sehr schnell fest, dass die Frage nach dem Geschlecht kein Philosophem ist, kein klassischer Gegenstand der Philosophie. Was nicht heißt, dass die Philosophen dazu nichts zu sagen haben, sondern nur, dass sie es nicht systematisch tun. Dank Foucault habe ich also erst einmal abseits des klassischen Kanons zu forschen begonnen, in den Texten des 19. Jahrhunderts, die sich explizit mit der Frauenfrage befassten. Ausgerüstet mit den subversiven Fragen, die diese Texte im Hinblick auf die Geschlechterdifferenz aufwarfen, bin ich dann zu Kant und Fichte, zu Nietzsche und Schopenhauer zurückgekehrt.

Während jemand wie Judith Butler in der Geschlechterdifferenz selbst einen Effekt des Diskursiven sieht, sprechen Sie immer wieder von deren Empirizität. Wo wäre die anzusiedeln, wenn nicht im Biologischen?

Sie ist nirgends anzusiedeln, sie ist einfach da. Dass Butler und andere genau diesen Punkt umgehen, halte ich in der Tat für ein großes Problem. Denn dass die abendländische Philosophie die Geschlechterdifferenz nicht als philosophisches Thema betrachtet, liegt, glaube ich, genau darin begründet. Der Fakt, dass es zwei Geschlechter gibt und dass wir uns über Sexualität fortpflanzen, ist das Empirische der condition humaine schlechthin. Davon ausgehend hat die Menschheit begonnen, über sich nachzudenken, sich selbst als denkende konstruiert. Was man dabei auf keinen Fall verwechseln darf, sind also Empirizität und Natur.

Aber führt diese Verknüpfung von Geschlechterdifferenz und Fortpflanzung nicht dennoch in die entgegengesetzte Richtung - weg von der Geschichte, zurück zur Biologie?

Nein, denn wenn ich sage, es gibt zwei Geschlechter, sage ich damit noch nichts über den Inhalt der Geschlechterdifferenz. Man muss da unterscheiden: Es gibt das Weibliche und das Männliche, die mit Inhalten, Werten verbunden sind. Die Geschlechterdifferenz selbst ist eine leere Kategorie - und im Gegensatz zu vielen Feministinnen stehe ich nicht unter dem Druck, sie mit irgend etwas füllen zu müssen.

Würden Sie das, was Sie tun, als feministische Philosophie beschreiben?

Nein, ich mache keine feministische Philosophie - dem Denken ein solches politisches Apriori vorzuschreiben, halte ich für gefährlich. Ich bin eine Frau, die Philosophie betreibt und die Feministin ist. Als solche interessiere ich mich für die Erscheinungsformen der Geschlechterdifferenz in der Philosophie. Darum geht es mir - im Gegensatz zu vielen Debatten innerhalb der Genderstudies oder unter politischen Feministinnen. Sie schlagen sich um eine Antwort - mir geht es um die Fragen.

Dennoch sind Sie in die Politik gegangen?

Wenn einem vorgeschlagen wird, innerhalb einer Regierung die Rechte der Frauen zu vertreten und man 25 Jahre lang für diese Rechte gearbeitet hat, sagt man nicht nein.

Aber als Politikerin muss man Position beziehen, Entscheidungen treffen. Egal, wie spannend die Fragen sind.

Was Sie sagen, ist zutiefst richtig. Ein typisches Beispiel dafür ist der Konflikt, den wir in Frankreich vor einigen Jahren hatten, als es darum ging, ob man jungen Musliminnen erlauben solle, in der Schule ein Kopftuch zu tragen oder nicht. Was ist hier wichtiger: die Gleichheit der Geschlechter oder die Anerkennung der Differenz? - eine typische Aporie, die man nicht lösen kann, aber als Politikerin muss man eine Entscheidung treffen.

Welche Übereinstimmungen haben Sie gefunden zwischen Ihrer philosophischen Theorie und der politischen Praxis?

Geneviève Fraisse ist seit den späten sechziger Jahren in der französischen Frauenbewegung aktiv und mit ihrem Buch über das Paradox der Französischen Revolution bekannt geworden, in dem sie die Dialektik von universellen Menschenrechten einerseits und dem gleichzeitigen Ausschluss der Frauen andererseits analysiert. Die Historikerin und Philosophin, Mitarbeiterin am renommierten Centre National de Recherche Scientifique in Paris und spezialisiert auf die Philosophie des 19. Jahrhunderts, wurde von Lionel Jospin als interministerielle Beauftragte für Frauen in die Regierung geholt, wo sie das "loi sur la parité" mit vorbereitete. Vor zwei Jahren wurde die parteilose Fraisse von den Kommunisten auf Platz zwei ihrer Liste für die Europawahlen nominiert. Seither ist sie Abgeordnete im Europaparlament.

Von den zahlreichen Büchern, die Geneviève Fraisse in den letzten fünfzehn Jahren geschrieben hat, wurden bislang nur zwei ins Deutsche übersetzt: Geschlechterdifferenz, 1996 bei edition diskord erschienen, sowie die Aufsatzsammlung Geschlecht und Moderne: Archäologie der Gleichberechtigung von 1995, die mittlerweile vergriffen ist. Im Mai diesen Jahres sind zwei neue Bücher von Geneviève Fraisse in die französischen Buchhandlungen gekommen: Les deux gouvernements widmet sich den - erst nach der Französischen Revolution getrennten - Sphären des Politischen und der Familie; La controverse des sexes versammelt philosophische Essays der Autorin zur Geschlechterfrage aus den vergangenen zehn Jahren.

Dazu muss man zunächst einmal sagen, dass beides sich sehr gut ergänzt. Schon vor 30 Jahren haben wir über Fragen der Geschlechterdifferenz nachgedacht und waren zugleich militante Feministinnen, die sich in der Frauenbewegung engagierten. Die Philosophin kann also ohne weiteres mit der engagierten Intellektuellen koexistieren - das ist überhaupt nicht widersprüchlich.

Was mein gegenwärtiges Engagement in der Politik angeht: Die Weise, wie das Thema Frauen in Politik und Philosophie behandelt wird, ähnelt sich sehr. Ein Beispiel ist die Zeitlosigkeit, die der Geschlechterdifferenz immer wieder zugeschrieben wird. Das ist wie in Figaros Hochzeit: Den Herr-Knecht-Konflikt kann man datieren, während der Konflikt der Geschlechter scheinbar ahistorisch ist, weder Anfang noch Ende kennt. Ein ähnliches Insistieren auf der Ahistorizität dieses Konflikts habe ich in der Politik erlebt, als es um das Loi sur la Parité, das Quotierungsgesetz für die französischen Kommunalwahlen, ging, das ich für die Regierung Jospin mit vorbereitet habe. Immer wieder bin ich da gefragt worden: Wozu brauchen wir ein Gesetz - wir brauchen doch nur zu warten. Der Fortschritt kommt bestimmt! Haben wir etwa gewartet als es um die Alphabetisierung ging? Nein, da haben wir ein Gesetz gemacht, Zwang angewandt.

Seit der Europäische Gerichtshof 1995 die Bremer Quotenregelung kippte, erwarten viele Frauen hierzulande von Europa nichts Gutes mehr. Sie sind vor zwei Jahren als Unabhängige auf der Liste der französischen Kommunisten ins Europaparlament eingezogen und seitdem Mitglied im Ausschuss für Frauenrechte und Chancengleichheit. Was bringt Europa den Frauen?

Ich sehe eine Reihe von Initiativen - etwa im Kampf gegen häusliche Gewalt - wo Europa die Länder nach vorne gebracht hat. Das ist natürlich nicht einfach, schon weil der Status der Frauen innerhalb der EU so außerordentlich heterogen ist. Nehmen Sie eine Forderung, die ich für außerordentlich bedeutsam halte - die Gleichstellung der Frauen in der Arbeitswelt: Da sind manche Länder ganz begeistert von der Flexibilisierung der Arbeitszeiten und sehen darin einen Riesenfortschritt für die Frauen. Mir dagegen macht das Angst, wenn ich den ungeheuren Verlust an wirtschaftlicher Autonomie bedenke, den das beispielsweise für die Französinnen bedeuten würde.

Womit beschäftigen Sie sich zur Zeit?

Meine Hauptsorge gilt augenblicklich der Frage, was wir den EU-Beitrittsländern im Hinblick auf die Anerkennung der Frauenrechte abverlangen können. Die Situation der Frauen dort ist ja nicht notwendig gut. Viele der Errungenschaften der kommunistischen Regimes wie eine liberale Abtreibungspraxis, das Recht auf einen Arbeitsplatz oder der Anspruch auf Kinderbetreuung sind in den vergangenen Jahren erschüttert worden. Gleichzeitig hat die Gewalt gegen Frauen zugenommen. Ich möchte sicherstellen, dass Europa sich nicht erweitert, ohne dass diese Themen berücksichtigt werden - dafür versuche ich gegenwärtig zu mobilisieren.

Sie haben bereits erklärt, dass Sie sich nach Ende der Legislaturperiode wieder ihren wissenschaftlichen Forschungen zuwenden wollen. Was hat Sie als Philosophin in der Politik am meisten verblüfft?

Die Selbstverständlichkeit mit der Politiker im Herzen der Macht ihre Gegner bekämpfen. Und ich muss zugeben: Im Vergleich zu den hochsymbolisierten Konflikten und der unterschwelligen Gewalttätigkeit unter Intellektuellen hatte das manchmal auch etwas ungeheuer Erfrischendes für mich.

Das Gespräch führte Karin Nungeßer

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00:00 25.05.2001

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