Das Ende der Lässigkeit

Antisemitismus Das Leben ist für unsere Kolumnistin gerade nicht mehr so easy – als Jüdin
Das Ende der Lässigkeit
Keine Parallelwelt: Menschen tragen die traditionelle jüdische Kopfbedeckung bei einer Kundgebung in Berlin

Foto: Imago Images/snapshot

Es war lässiger irgendwie, nicht besorgt, nicht ängstlich zu sein. Ich hatte diese entspannte Haltung, zum Leben, der Gesellschaft, dem, was man Zusammenleben nennt. Ich nahm die Diskussionen über das deutsch-jüdische Verhältnis mit Humor, und ich berief mich dabei auf eine lange, schöne Tradition, die ich wieder lebendig machen wollte: die des jüdischen Humors. Vertreter des Zentralrats der Juden und jene, die davon sprachen, niemals ihre Koffer in Deutschland ausgepackt zu haben, der deutsch-jüdischen Geschichte wegen, nannte ich Antisemitismus-Sucher, wenn sie den berüchtigten ermahnenden Zeigefinger hoben. Ich war sensibel genug, ihnen keine Empfindlichkeit vorzuwerfen – ich selbst hatte nicht das Grauen, das schlimmste von allen, erleben müssen, das sie durchlitten haben, und kam mir dennoch lässig vor: Ich gehörte zur nächsten, enspannten, angstfreien Generation.

Das war, bevor Menschen, die äußerlich als Juden und Jüdinnen zu erkennen sind, auf offener Straße und bei Tageslicht attackiert und bespuckt wurden, in München, Berlin, Hamburg, Frankfurt, was keine vollständige Liste ist, nur ein Anfang. Das war, bevor Davidsterne an Hauswände geschmiert wurden, um zu markieren, dass in jenen Häusern Juden und Jüdinnen leben, um jüdisches Leben zu brandmarken. Das war auch, bevor ich in den sozialen Medien zum ersten Mal den Spiegel-Geschichte-Titel sah: „Jüdisches Leben in Deutschland: Die unbekannte Welt von nebenan“, auf dem zwei typisch jüdisch-orthodox gekleidete alte Herren zu sehen sind, mit langen Bärten und Schläfenlocken. Ich hielt das Cover erst einmal für einen Witz, etwas, das von Postillon oder Titanic stammt, bis ich verstand, dass es ernst gemeint ist. Es handelt sich um eine aktuelle Ausgabe. Alte Stereotype, die auch Der Stürmer gerne verwendet hat. Da sind sie ja, die Juden, so sehen sie, so sehen wir alle aus, die Unbekannten von nebenan. Anders, fremd und möglicherweise beängstigend. Der Spiegel argumentiert, das Bild zeige „öffentliches, sichtbares, jüdisches Leben, wie es vor dem Holocaust existierte“, und ich weiß nicht, wo ich beginnen soll, das Problem dieser Bebilderung zu erklären.

In den vergangenen Jahren und Monaten sind die Straftaten mit antisemitischem Motiv gestiegen, Eltern jüdischer Kinder haben teils Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, die Bundesregierung hat das Amt eines Antisemitismus-Beauftragten eingerichtet, und das sagt vielleicht schon alles: Nicht nur das Amt, sondern auch das Wort für das Amt musste erschaffen werden. In der Schule haben wir das „Nie wieder!“ ständig gehört, aber es hat nicht kämpferisch geklungen, es hatte in meinen Ohren einen trägen, gesättigten Klang: Natürlich nie wieder. Das ist ja wohl sonnenklar.

Man könnte mir jetzt, im Nachhinein, Naivität vorwerfen, und vielleicht täte man das mit Recht. In den vergangenen Jahren und Monaten haben sich nach und nach in unserem Land Grenzen verschoben, Grenzen des Sagbaren, dessen, was als „salonfähig“ gilt. Es haben sich auch Grenzen zwischen den Rollen verschoben: was links ist, was konservativ, was rechts und was bereits rechtsextremistisch. Die Mitte ist nach rechts gerückt, Parteien sind nach rechts gerückt, der Ton hat sich verschärft. Der ansteigende, immer sichtbarere, immer gewaltbereitere, immer offenere Antisemitismus ist ein Symptom dieser Grenzverschiebung, bei Weitem nicht das einzige. Ehrlich, mir ist gerade der Humor vergangen.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin über interkulturelle Begebenheiten für den Freitag

06:00 21.08.2019
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