Das Ende der Netzplanwirtschaft

Energiewende Der Umbau der Stromnetze bietet die große Chance zur Entmonopolisierung des Marktes. Dazu brauchen wir die öffentliche Hand und einen freien Wettbewerb

Wir erleben ein Rennen gegen die Zeit. Wird es Konzernen gelingen, den ökologischen Umbau weiter dort zu blockieren, wo er ihre Existenz gefährdet? Oder wird es die Gesellschaft schnell genug schaffen, die Konzernwirtschaft zu entmachten? Und wird sie rechtzeitig die notwendige ökologische Intelligenz- und Handlungsfähigkeit gewinnen?

Bis jetzt ging es darum, demokratisch Entscheidungen für den Technologiewechsel herbeizuführen. Jetzt geht es zusätzlich um den Wechsel zu einer nachhaltigen Machtarchitektur: Dekarbonisierung durch Dekonzentration.

Das Ende der Großkraftwerke

Eine strategische Chance öffnet sich dafür beim Neu- und Ausbau der Stromnetze, der für das 21. Jahrhundert die Entwicklungsrichtung bestimmen wird. Die EU kalkuliert den Investitionsbedarf für die europäische Infrastruktur bis 2020 auf etwa 500 Milliarden Euro. Die einfachsten Daten der Netzplanung werden wie militärische Geheimnisse behandelt. Die beteiligten Machtgruppen – von der Energiewirtschaft bis zur Autoindustrie – wollen möglichst geräuschlos neue Machtregeln aushandeln: von den trans­europäischen Stromtrassen bis zu den Ladestationen für Elektroautos. So wird ein Um- und Ausbau der Stromnetze eingeleitet, der die Macht der Konzerne absichert. Die Folge: Der Umstieg auf eine nachhaltige Energieversorgung wird verzögert, bis es zu spät ist.

Doch es ist noch möglich, durch eine demokratische Auseinandersetzung Weichenstellungen für eine egalitäre Infrastruktur durchzusetzen: So könnten sich die machtauflösenden Potenziale der regenerativen Energien endlich entfalten. Eine bisher ungeahnte Dynamik des ökologischen Umbaus würde ausgelöst. Stromnetze, die einen tatsächlich freien Strommarkt ermöglichen, hätten das Ende der Großkraftwerke wie der Stromkonzerne zur Folge.

Energiefluss von unten

Gerade erleben wir eine tiefe Krise des monopolistischen Paradigmas der Stromversorgung. Bisher wird die Leistung weniger Großkraftwerke von zentralen Leitstellen zusammengeschaltet, um sie von oben auf die passiven Stromverbraucher zu verteilen.

Noch funktioniert diese Netzplanwirtschaft. Bis jetzt konnten die regenerativen Energien in dieses System integriert werden. Doch das war nur möglich, weil es gelang, ihren Anteil klein zu halten. Die zentralistische Struktur ist aber mit einem schnell wachsenden Angebot an regenerativer Energie unvereinbar. Sie diskriminiert Strom aus Wind und Sonne – schon weil sie zu träge ist, um die Energie aus diesen natürlich schwankenden Quellen flexibel einzuspeisen.

Die Netze sind außerdem ausgelegt auf einen Energiefluss von oben nach unten. Regenerative Energien verlangen aber, dass umgekehrt „von unten“ in kommunale und regionale Netze eingespeist wird. Systembedingt sind die großen Leitstellen kommunikationstechnisch unterentwickelt. Sie können nur plump große Einheiten ab- und zuschalten, sind aber unfähig, die Stromeinspeisung von Millionen kleiner Einheiten sinnvoll zu steuern.

Zu dumme Stromzähler

Es ist absehbar, dass der Anteil der regenerativen Energien eine kritische Masse erreicht und die Disfunktionalität der zentralistischen Stromnetze desaströs wird. Das Versprechen der Versorgungssicherheit wird durch den primitiven Stromnetzzentralismus unerfüllbar werden.

Die Stromkonzerne gehen auf einem schmalen Grat. Sie müssen mehr Flexibilität und Transparenz ermöglichen und wollen gleichzeitig die Kontrolle über das System nicht verlieren. Die Kunden sollen durch Anreize motiviert werden, ihren Beitrag zur Stabilität des Netzes zu leisten. Doch dies ist nur möglich, wenn sie nicht mehr wie passive Endverbraucher behandelt werden. Andererseits sollen sie auch nicht zu selbstständig werden, sondern an ihre Versorger gebunden werden.

Wie erreicht man das? Eine Antwort heißt „Smart Meter“. Eine neue Generation von Stromzählern soll nach EU-Recht europaweit eingeführt werden. Mit ihnen bekommen die Konzerne laufend Daten über das Verbraucherverhalten, und auch die Kunden werden über ihren Verbrauch informiert.

Verbraucher sollen entscheiden

Mit dieser elektronischen Pädagogik wollen die Konzerne teure Spitzenlast-Kraftwerke einsparen. Doch was als Hightech-Innovation gilt, ist bisher wenig innovativ. So zahlen sich selbst die neuesten „Smart Meter“-Angebote mit zeitvariablen Tarifen kaum aus: weder für den Verbraucher noch für die Umwelt oder die Versorgungsstabilität. Was als „smarte“ Netzwerk-Technologie gilt, ist immer noch zu wenig intelligent, um das Stromnetz ökonomisch und ökologisch effizient zu regeln.

Das EU-Recht ist bisher auf eine Modernisierung der Stromnetze innerhalb des oligopolitischen Paradigmas ausgelegt. Dadurch bleiben die technischen Möglichkeiten auf halbem Wege stecken. Für Jahrzehnte werden so die Weichen falsch gestellt und die Energiewende blockiert.

Warum wird neue Kommunikationstechnologie in den Stromnetzen so zögerlich und einseitig eingeführt? Pseudowettbewerb und selektive Marktinformation genügen nicht. Statt von wenigen Machtzentren aus, muss von allen Verbrauchern über den Stromfluss entschieden werden. So wie die Versorgung mit Äpfeln nur funktioniert, wenn alle selbst entscheiden können, wann sie wie viele Äpfel zu welchem Preis kaufen – so ist es auch mit der Stromversorgung. Die Verbraucher sind die technisch prädestinierten Entscheider, weil ihnen durch die Energiewende eine aktive Rolle zukommt. Ob durch das eigene Solardach oder den Akku des Elektroautos: Die privaten Energieverbraucher werden immer häufiger zu unverzichtbaren Energielieferanten.

Liberaler Netzsozialismus

Wir benötigen genau jenes kollektive Erkenntnis- und Entscheidungsverfahren, das die Stromkonzerne seit einem Jahrhundert systematisch blockieren, weil es ihre Existenz bedroht: den freien Markt.

Von einem freien Markt kann allerdings nur die Rede sein, wenn der Markt egalitär durch liberalen Netzsozialismus organisiert wird. Die Stromnetze müssen dafür in die öffentliche Hand überführt werden. Von der einzelnen Kommune bis zur gesamten EU – die öffentliche Hand könnte dann unabhängig Marktpflege betreiben, wenn sie selbst nicht als Stromproduzent tätig ist.

Die Stromnetze werden so „öffentliche Stromseen“ – offen für alle Bürger, um diskriminierungsfrei Strom einzuspeisen oder zu entnehmen. Der öffentliche Netzbetreiber erfasst dafür minütlich und automatisiert alle Angebots- und Nachfragesignale. Es gibt keine Stromtarife mehr und auch sonst keine Verträge zwischen Produzenten und Konsumenten. Der Vertragspartner aller Transaktionen ist der öffentliche Auktionator.

Ressourcenverbrauch minimieren

Bei allen Stromverbrauchern und Stromproduzenten sind von den Kommunen Geräte zur interaktiven Stromnetzsteuerung zu installieren, welche die Preissignale aufnehmen und wiedergeben. Die Steuergeräte für nachhaltige Strommärkte können nur einen passenden Ort haben: Sie sind in den Händen aller Stromverbraucher.

Der Stromverbrauch wird sich so in den Nachfragespitzen durch hohe Wettbewerbspreise verringern, zum Beispiel laufen Waschmaschinen nur, wenn der Strompreis unter eine einprogrammierte Schwelle fällt. So gleichen sich die Angebots- und Nachfragekurven an, der Ressourcenverbrauch wird minimiert. Der fossile Kraftwerksbestand geht so von selbst vom Netz, denn sein Betrieb ist zu teuer und zu unflexibel. Gleichzeitig sind machtfreie Energiepreise sozial, denn durch den Wettbewerb tendiert der Profit gegen Null.


Mit dieser Infrastruktur kann der öffentliche Netzbetreiber den Marktpreis immer so aussteuern, dass Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Kauf- und Verkaufspreis unterscheiden sich nur durch die Netzspanne, den Kostenanteil des öffentlichen Netzbetriebs.

Die Folge ist keine lokale Selbstversorgungsökonomie, sondern ein freier europäischer Strommarkt. Der durch machtfreie Interaktion entstandene Preis entscheidet, ob es sinnvoll ist, in Norddeutschland Fotovoltaikanlagen zu betreiben oder Solarstrom aus Südspanien zuzukaufen.

Dezentrale Stromflüsse

Die Entscheidungslogik dafür baut sich jeweils von unten nach oben auf. Registriert der kommunale Netzbetreiber einen Stromüberschuss, wird dieser automatisch auf der nächsten Netzstufe in der Region vermarktet. Ergibt sich für die gesamte Region ein Stromdefizit oder ein Überangebot, finden jeweils umgekehrt Transaktionen auf die höhere oder niedrigere Netzstufe statt. Dadurch ergibt sich ein starker Trend zu dezentralen Stromflüssen. Je weiter der Strom „herantransportiert“ werden muss, umso teurer werden Bau und Betrieb des Netzes, und diese Kosten fließen in die Preisbildung ein.

Die Zeit ist reif für eine antimonopolistische Öko-Revolution mit den Mitteln einer tatsächlichen Marktwirtschaft. Während Marx davon überzeugt war, dass die technologische Entwicklung notwendig die Monopolisierung des Kapitals hervorbringt, können wir jetzt Marx vom Kopf auf die Füße stellen: Die technologische Entwicklung ermöglicht eine zunehmende Dezentralisierung des Kapitals und so ein ökologisch intelligentes Wirtschaftssystem.

Walter Oswalt hat Philosophie studiert und leitet heute das Walter Eucken Archiv in Frankfurt. Er war Abgeordneter der ersten Grünen-Fraktion im Römer. Oswalt ist Mitglied im Beirat von Attac.

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14:30 22.08.2011

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