Johnny Häusler
14.01.2010 | 13:00 8

Das Ende der Plattenkritik, wie wir sie kennen

Popgeschichte Die Musikzeitschrift "Spex" schafft die gute alte Plattenkritik ab. Was haben wir sie geliebt! Aber gibt es nicht doch Alternativen?

Mit der aktuellen Ausgabe der Spex hat sich das Musikmagazin von der bisherigen Form der Plattenkritik verabschiedet. Man könnte den Schritt für eine gelungene PR-Aktion halten: Der Tagesspiegel reichte einen Kommentar an die Zeit weiter, die FAZholte sich zur Klärung des Traditionsbruchs den ehemaligen Spex-Autor Diedrich Diederichsen und ließ ihn das Wort „Distinktionsbewaffnung“ erfinden, und auch der Autor dieser Zeilen sieht einen Teil seiner Sozialisierung schwinden.

Und dann auch wieder nicht. Aber der Reihe nach. Gegen Ende der siebziger Jahre waren Publikationen wie der New Musical Express (NME) oder Sounds für mich Pflichtlektüren aus England, die ihren Lesern eine Welle neuer Musik um die Ohren hauten. Jede Zeile bewies die Hingabe der Autoren zur Popkultur, und so taten britische Musikjournalisten wie Garry Bushell mehr für meine musikalische und fremdsprachliche Entwicklung als meine Musik- und Englischlehrer. Deutsche Musikjournalisten hingegen waren frustrierte alte Säcke, die ihre Schreibmaschine vom neuen Dylan-Release zur nächsten Stones-Anniversary-Box schleppten. Stellte ich mir vor. Und lag damit vermutlich gar nicht so falsch.

Der erste Blick beim Aufschlagen des neuesten NME (Sprich es laut aus, Mann: EN-EM-Y!) galt den Plattenrezensionen, welche die Eintrittskarte zum Tempel der Coolness waren. Ohne diese Rezensionen hätten die TV Personalities ohne mich über „Part Time Punks“ gelästert und The Fall wären in ihren „Container Drivers“ unbemerkt an mir vorbei gerauscht. Zur gleichen Zeit begannen junge Autoren in Deutschland, Musikrezensionen im frisch gegründeten Magazin Spex zur Kunstform zu erheben. Als fotokopiertes Fanzine gestartet, nahm die Spex – damaliger Untertitel: „Musik zur Zeit“ – dem deutschen Magazin Sounds den Ball ab, und als Sounds 1983 mit dem Musik Express zwangsfusioniert wurde, liefen nicht nur Leser, sondern auch Autoren zur Spex über.

Viele Meinungsquellen

Deren Kritiken nahm ich zwiespältig auf. Zwar waren auch britische Musikrezensionen nicht frei von Eitelkeiten und Ausuferungen, doch sie behielten eine emotionale Nähe zur Musik: Aus ihnen sprach Liebe und Leidenschaft. Die Plattenkritiken in der Spex hingegen empfand ich als, Sorry, Akademikergewichse, und Spex-Autoren waren frustrierte Germanistik-Studenten, die nicht tanzen konnten. Stellte ich mir vor. Und lag damit vermutlich gar nicht so falsch.

Sei’s drum, heute ist sowieso alles anders. Das Internet ermöglicht es, sich binnen Sekunden einen eigenen Eindruck vom neuen Werk eines Künstlers zu verschaffen, und wir haben Zugriff auf unendlich viele Meinungsquellen. Musik-Blogs sorgen für Übersicht, und so dürfte die Spex-Entscheidung bei der digitalen Gemeinde allenfalls ein gelangweiltes wayne? auslösen: Wen interessiert’s? – und nur wir neuen alten Säcke werden etwas sentimental.

Die Spex ohne Rezensionen, das könnte als konsequente Reaktion auf den Medienwandel respektiert werden. Wäre da nicht die Tatsache, dass die Spex ihre Kritiken keineswegs ersatzlos streicht und somit an den Long Tail abtritt oder sie als Diskussionseinladung im Netz weiterleben lässt. Nein, die bisherigen Artikel im Heft werden durch die Transkribierung einer Redaktionsdebatte über eine Veröffentlichung ersetzt. Statt die Entwicklung der neuen Formen und Spielarten der Popkultur zu begleiten, zu reflektieren und zu bewerten, galoppiert man ab jetzt vom Einerseits ins Andererseits und kommt damit verkopfter daher als zuvor. Statt endlich tanzen zu lernen.

Johnny Häusler betreibt das preisgekürte Blog

spreeblick

. Er war Frontmann der Band Plan B und wurde mindestens einmal abfällig in der Spex erwähnt.

Kommentare (8)

wahr 14.01.2010 | 18:25

Dass die Musikalbum-Einheit einen Niedergang erlebt, ist ja noch lange kein Grund, sich nicht auch zukünftig eine Ansicht zu Kulturprodukten – wie immer sie auch aussehen mögen – abzuringen und sich damit – als Kulturmag – der Öffentlichkeit zu stellen. Daher verstehe ich nicht, warum man jetzt großspurig ein Ende der Plattenkritik herbeireden muss und dieses Ende dann mit einem Wechsel zum dialogischen Format flankiert. Es ändert sich ja faktisch nur das Kulturprodukt (meinetwegen von „Musikalbum“ zu „Musiktrack auf Blog“). Eine kritische Auseinandersetzung kann doch nach wie vor durch den Rezensionstext eines Autors erfolgen. Ich habs daher so ähnlich schon zum Text von Diederichsen in der FAZ geschrieben:

Der Knackpunkt eines „dialogischen Formats“, wie es die SPEX jetzt für Plattenkritiken einführt, ist sein struktureller Mangel an Offenheit. Wenn eine Person einen Text schreibt, also über ein Sujet reflektiert, dann ist das ein offenens System. Der Autor geht ein Risiko ein, er schreibt den Text für ein Leserpublikum, von dem er nicht weiß, wie es reagiert. Daher muss er seine Kritik gut vorbereiten, bevor er sie in die Welt hinausschickt, möchte er seine Reflektionen nicht um die Ohren gehauen bekommen.
Wenn zwei oder mehrere Personen sich über ein Sujet im Dialog austauschen, dann ist das ein geschlossenes System. Der Gegenstand der Auseinandersetzung zappelt zwischen den teilnehmenden Parteien hin und her. Ein Leser wird gar nicht mehr benötigt, er ist überflüssig geworden. Der Text im dialogischen Format zieht den Schwanz ein, er benötigt die Welt da draußen nicht mehr. Er ist das Gegenteil einer sich abgerungenen, streitbaren Position. Die Kritik eines Kulturprodukts wird durch Gelaber ersetzt.

Das „Musik-Blogs“ für Übersicht sorgen, nun ja. Sie sorgen eigentlich eher für faszinierende Unübersichtlichkeit.

mick schulz 14.01.2010 | 19:32

Ich denke, dieser strukturelle Mangel an Offenheit ist ein rein theoretischer. Wenn ich in der Praxis eine solch dialogische Rezi lesen würde, könnte ich die genauso für Schmarren halten wie eine, die mit nur einer Stimme spricht. Es kommt darauf an, wie Meinungssicher und Explizit der/die Rezensent/en (oder -in/nen) sind. Wenn ich schreibe, die neue Broadcast ist scheiße, dann ändert es nichts, ob ich das im Dialog oder als normalen Fließtext schreibe. Darüber hinaus gibt es ja das durchaus übliche Format einer Pro- und Contra-Rezi. Das wäre demnach ja also auch geschlossen.
Zu ventilieren, dass es verschiedene Meinungen, hoffentlich auch klaren Dissens über eine Platte gibt, halte ich im Gegenteil eher für offen. Ob sich eine klare Meinung über ein Kulturprodukt abgerungen wird, ist ein Prozess, der sich außerhalb der Textform abspielt.
Wenn Du diesen einforderst, dann möchte ich laut mit einstimmen.

Dies alles unter dem Vorbehalt, dass ich die neue Ausgabe der Spex nicht gelesen habe. Immerhin hat der Marketing-Trick gezogen, ich geh die mir jetzt kaufen.

App. 1: Bei einer zweimonatigen Erscheinungsweise sind Plattenkritiken sowieso Quatsch, eine gewisse Aktualität muss nämlich sein.

App. 2: Übersicht ist auch Quatsch. Aber dafür haben Plattenkritiken in Magazinen auch nie gesorgt.

wahr 15.01.2010 | 00:16

Spannend würde ich die Dialogform finden, wenn die Redaktion sie in einem Internetforum führen würde. Dann könnten sich Leser direkt in den Prozess mit einmischen. Das geschlossene System könnte sich wirklich öffnen. Nach der Diskussion im Netz würde dann einer der beteiligten Spex-Autoren eine ausführliche Rezension in der nächsten Print-Ausgabe folgen lassen. Danach könnte die Diskussion im Internet dann gegebenenfalls weitergehen.

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Zitat: „App. 1: Bei einer zweimonatigen Erscheinungsweise sind Plattenkritiken sowieso Quatsch, eine gewisse Aktualität muss nämlich sein.“

Warum muss eine gewisse Aktualität sein? Bzw. was ist das „gewisse“ daran? Der Veröffentlichungszeitpunkt des Produkts? Finde ich, vom Standpunkt eines unabhängigen Kulturmags aus betrachtet, nicht wichtig. Wenn man Gründe hat, sich mit einem 47 Jahre alten Kulturprodukt zu beschäftigen, dann soll man es tun. Rezensionen könne dazu auch gerne sehr lang und ausführlich sein, sofern sie mich nicht langweilen. Aktualitätsbezogenheit von Rezensionen ist wirklich im Internet besser aufgehoben.