Das Ende der Straße

Streetart Sie kleben ihre Kunst illegal auf Häuserwände und Litfaßsäulen. Aber auch Galerien und Firmen schmücken sich gern damit. Wie subversiv ist Streetart noch?

Der Mini Cooper ist frisch bemalt, vom Dach tropft chromsilberner Lack in dünnen Schlieren die Karosserie herunter. Ein Rentnerehepaar watschelt heran. „Dit sieht ja aus wie Taubenkacke“, sagt der Mann. „Nee, dit is’ Kunst“, entgegnet die Frau. Ein kurzer Moment Stille, dann gehen die beiden weiter. Streetart ist im wenig hippen Berliner Westen angekommen. Nur verstanden wird sie dort wohl noch nicht.

Der glänzende Mini Cooper ist eine Auftragsarbeit des New Yorker Straßenkünstlers Craig KR Costello. Bis Mitte Mai hat er zusammen mit drei anderen Szenegrößen den sogenannten Bierpinsel im Berliner Stadtteil Steglitz besprüht. Mit der Aktion Turmkunst 2010 – Streetart XXL soll das leerstehende Pop-Art-Bauwerk aus den siebziger Jahren wiederbelebt werden. Und das angestaubte Steglitz ein bisschen cooler werden, ein bisschen wie Kreuzberg.

Rückblende, Anfang April. Die „Schloss­turm GmbH“ hat ein Fest zum Auftakt der großen Sprühattacke organisiert. Das Fernsehen ist da, Radio, ein paar Lokal-Prominente. Starfriseur Udo Walz darf die Torte anschneiden. Der Hamburger Streetartist Flying Förtress seilt sich in einer Gondel vom Turm herab ab und zieht erste Linien auf dem seltsamen Turm. Die Passanten bekommen das aber nur halb mit. Denn unten auf der Bühne schmettert Udo Walz Gassenhauer. Es wirkt, als werde eine urbane Kultur durch die Peitsche des Stadtmarketings domestiziert.

Dabei gründet der Erfolg der jungen Kunstform Streetart, die aus den klassischen Graffiti-Sprühereien hervorgegangen ist, eigentlich auf Subversion und Respektlosigkeit. Das fängt beim Begriff an: Streetart findet wortwörtlich auf der Straße statt, im öffentlichen Raum, den Künstler mit ihren Inhalten füllen und umgestalten. Poster, Sticker, Schablonengraffiti, Installationen, Skulpturen und bemalte Fliesen werden dort platziert, wo sie von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Eigentumsfragen sind egal, wo Fläche ist, kommt Kunst hin.

Die Werke konkurrieren mit der Zeichenwelt der Verkehrsschilder und der Werbung. Oft sind die Motive politisch motiviert, konsumkritisch oder bewusst anstößig. Viele Arbeiten sagen aber auch einfach nur laut: „Hallo, da bin ich.“ So schließt sich der Kreis zu den Graffitisprühern und ihren kryptischen Namenszügen, die überwiegend der Markierung dienen.

Leidenschaft und Geschäft

Seit der Jahrtausendwende gibt es einen Boom, der vielen Künstlern Ausstellungen in Galerien ermöglicht. Es ist ein Markt entstanden, aus Leidenschaft wird ein Geschäft. Und wie so viele Subkulturen vorher, stellt sich auch die Streetartszene jetzt die Frage nach dem Ausverkauf. Rennt eine Kunstform, die für jedermann zugänglich sein will, nicht in eine Sackgasse, wenn sie den Weg in die weißgestrichenen Räume der Galerien sucht? Wenn sie für Großkonzerne Werbekampagnen gestaltet, damit diese sich mit unangepasster Coolness schmücken können? Dürfen Künstler Mini Cooper für dicke Schecks bemalen? Sollten sie nicht eher nachts Werbeplakate ungefragt verändern?

In der Berliner Szene ist ein Posterkleber, der sich Alias nennt, eine bekannte Größe. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Meist kleistert er an Haus- und Plakatwände großformatige Kinderfiguren, die einsam und traurig wirken. An diesem Nachmittag steht Alias in farbverschmierten Jeans und Daunenweste an einer Kreuzung in Kreuzberg. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verhaften Polizisten gerade einen mutmaßlichen Drogenhändler. Das schreckt Alias nicht. Ruhig kippt er Kleister in einen Plastikeimer. Dann zieht er los, die Plakatierstange mit dem breiten Pinsel in der Hand wie eine Lanze. An einem Hauseingang macht er halt, blitzschnell trägt er über Kopfhöhe Kleber auf. Zwei Freunde in Kapuzenpullis hat er dabei, sie checken die Umgebung, man weiß ja nie. Wildes Plakatieren ist in Berlin nur eine Ordnungswidrigkeit, aber mit der Polizei will keiner was zu tun haben.

Aus seiner Umhängetasche holt Alias ein Poster. Mit der Stange drückt er einen medizinballgroßen Clownskopf gegen die Fassade. Der Lippenstift der Figur ist verschmiert, es sieht aus wie Blut. Ein alter Türke bleibt stehen, schüttelt den Kopf. Ein modisch gekleidetes Touristenpärchen fotografiert die Figur und reckt die Daumen hoch. Nach einer Minute ist alles vorbei. Weiter geht’s.

Was bezweckt Alias damit? „Ich will Emotionen bei den Leuten auslösen“, sagt er. „Und ich will sie auf dem falschen Fuß erwischen. Beim Shoppen zum Beispiel. Dann, wenn sie eben nicht damit rechnen.“ Diese Ansprache sei so nur auf der Straße möglich, denn die Mutter mit dem kleinen Kind gehe eben nicht in die Galerie.

Straßenkunst ist für Alias ein Fulltimejob, der 30-Jährige macht nichts anderes. Er ist gelernter Mediengestalter, aber in dem Beruf arbeiten will er nicht mehr: „So auf Kommando kreativ sein, nach dem Motto: ‚Um zwölf muss das Logo fertig sein!’ Das geht gar nicht.“ Heute schläft er lange, hört Hip-Hop-Musik und produziert Plakate am Fliessband. 100 Stück am Tag, wenn er „einen Schub“ hat, wie er seine kreativen Phasen nennt. Er kauft nur die Sprühdosen und das Papier, die Plastikfolie für die Schablonen klaut er von Werbetafeln am Straßenrand.

Ab und an macht er eine Ausstellung in Eigenregie, dort verkauft er seine Poster dann für 200 Euro das Stück. „Um meine Arbeiten auf der Straße zu finanzieren“, sagt er. Mit dem etablierten Kunstbetrieb möchte er nichts zu tun haben: „Ich will nicht irgendwann in Berlin-Mitte in einer schicken Galerie stehen müssen und irgendwelchen grauhaarigen Sammlern meine Bilder erklären.“ Er wolle lieber reisen und Leute kennenlernen. Gerade erst habe er in Bologna geklebt, bald gehe es hoch nach Bristol, in die Heimatstadt des großen Banksy.

Der Brite ist eine lebende Legende – und der berühmteste Seiltänzer zwischen Kunst und Kommerz. Einst fing Banksy in Großbritannien mit Schablonengraffiti an. Dann setzte er die Puppe eines Guantanamo-Häftlings in Disneyland aus und bemalte die Grenzmauer zwischen Israel und dem Gazastreifen. Zuletzt erregte sein Spielfilm Exit through the Gift Shop Aufsehen auf der Berlinale. Sechsstellige Summen müssen Sammler inzwischen für Leinwände des Briten zahlen. Aber trotz Ruhm und Reichtum – Banksy bleibt unabhängig. Sein ­Gesicht ist weiterhin nur seinem Spiegel bekannt, und seine Arbeiten sind weiter unbequem. Deshalb gilt er in der Streetartszene als Gottvater, seine Jünger pilgern nach London und Bristol und begeben sich auf Spurensuche.

Auch mancher Berliner Kiez ist mittlerweile ein Freilichtmuseum. Immer mehr Touristen strömen in die Szene-Stadtteile, in denen es plakatives Rebellentum zu bewundern gibt. Gesäubert wird so gut wie nichts mehr, stattdessen bieten Agenturen jetzt Straßenkunst-Spaziergänge an. Webseiten wie goart-berlin.de versprechen echte „Berliner Szene“ für 85 Euro, „auf Wunsch mit Fahrrad“. Der Turnschuhgigant Adidas hat einen Berliner Streetartführer als App für das I-Phone entwickelt. Und auf Immobilienportalen werben Hausbesitzer für Wohnungen in Trendvierteln bereits mit Streetart an der Hausfassade.

„Das ist absolut ätzend“, sagt Alias. „Ich bin vor sieben Jahren nach Friedrichshain gezogen. Ich habe diesen Kiez mitgestaltet. Und natürlich ist es beschissen, wenn man unfreiwillig zur Gentrifizierung beiträgt.“ Daran ändern könne er aber nichts, er wolle ja nicht aufhören. Den Streit, wieviel zu viel ist, trägt die Szene mitunter auch mit ihren eigenen Mitteln aus. Vor einem halben Jahr hat ein Unbekannter in Friedrichshain gelbe Preisschilder über die Plakate von Alias und anderen Klebekünstlern gepappt. Alias hat das ziemlich aufgeregt, aber er ist nicht dahinter gekommen, wer die Schilder geklebt hat.

„Ich kann mir aussuchen, mit wem ich zusammenarbeite. Für Handyhersteller und Automobilkonzerne würde ich nie was machen“, sagt er. Dabei wandelt er manchmal auf einem schmalen Grat. Dem Steglitzer Turmkunst-Projekt steht er wohlgesonnen gegenüber, aber den bemalten Mini Cooper findet er daneben.

Die Szene ist sehr heterogen

Gute Firmen, böse Firmen. Eine Unterscheidung, die schwer fällt. Die Szene ist heterogen, niemand hat die Deutungshoheit. Es gibt Künstler, die machen Kunst, für jeden, der zahlt. Es gibt Künstler, „die gehen eine Woche vor der nächsten Ausstellung auf der Straße kleben. Nur um authentisch zu wirken“, erzählt Alias. Und es gibt Künstler, die wieder und wieder Kontrapunkte zu den allgegenwärtigen Konsumauforderungen im öffentlichen Raum setzen. Aber das ist eine Sisyphos-Aufgabe, von der keiner seine Miete zahlen kann.

Beim Eröffnungsfest im Steglitzer Bierpinsel nippt Christoph Tornow an einem Energydrink. Im Turm läuft die Vernissage einer Streetart-Ausstellung, die das Fassadenprojekt begleitet. Tornow ist der Kurator, seine Hamburger Vicious Gallery präsentiert an Stellwänden die Arbeiten ihrer Künstler. An einem Stand gibt es T-Shirts und Plastikspielzeug zu kaufen.

„Na klar sind wir ehrgeizig, na klar wollen wir verkaufen“, bellt Tornow, 33, über den Smalltalkteppich der Gäste hinweg. „Aber wir leisten hier auch ganz bewusst Aufklärungsarbeit, für unsere Kultur, für einen Lifestyle.“ Tornow ist eigentlich Augenarzt, zugleich aber seit Jahrzehnten in der Hamburger Graffitiszene verwurzelt. Vor vier Jahren wagte er den Sprung und gründete die Vicious Gallery. Einige von Tornows Künstlern sind bereits Schwergewichte, deren Werke fünfstellige Preise erzielen. Das produziert auch Neid. Die Scheiben seiner Galerie im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurden schon zerkratzt und besprüht.

„Ich bin kein Politiker“, sagt er. „Ich kann nicht ändern, dass die ganze Gesellschaft durchkapitalisiert ist. Kunst ist ein Geschäft – und wenn ein Künstler in unsere Galerie will, dann muss er eben auch kommerzieller arbeiten.“ Den Zirkus rund um den Steglitzer Turm nehme er mit Humor, wichtig sei nur, dass die Künstler dabei nicht instrumentalisiert werden.

Ganz so locker nimmt die Berliner Szene die Sprühaktion nicht. Am Tag nach dem Eröffnungsfest finden sich in Blogs Fotostrecken, versehen mit Kommentaren voller Spott und Häme. Das Ganze sei ein Karneval, auf dem die Künstler zu Tanzbären mutierten, schreibt ein Nutzer. Streetart sei auf diese Weise zwar nicht umgebracht, aber zumindest assimiliert worden.

Der silberne Mini wird nirgends erwähnt, kein Foto, kein Kommentar, nichts. Vielleicht steht er immer noch allein in der dunklen Unterführung neben dem Bierpinsel. Und die Passanten wundern sich weiter über die Taubenkacke.

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17:00 19.05.2010

Ausgabe 39/2020

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