Das Ende der Trump-Show

USA Medien schneiden dem scheidenden Präsidenten nun das Wort ab. Zuvor waren seine Ausfälle noch willkommen
Das Ende der Trump-Show
„Wir müssen an dieser Stelle abbrechen, da der Präsident eine Reihe falscher Aussagen traf“, sagte NBC-Moderator Lester Holt

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Am 5. November, Tag zwei der längsten Woche für Amerika, war Joe Biden dabei, die Wahl zu gewinnen. Donald Trump trat ans Rednerpult im Weißen Haus, um seine üblichen Lügen über die Legitimität der Wahl auszuspucken. Innerhalb weniger Minuten unterbrachen drei der großen Fernsehsender – NBC, CBS und ABC – die Übertragung der Pressekonferenz.

„Wir müssen an dieser Stelle abbrechen, da der Präsident eine Reihe falscher Aussagen traf“, sagte NBC-Moderator Lester Holt. Der Mitte-links-Sender MSNBC unterbrach nach nur 35 Sekunden. „Das geht einfach nicht. Es fehlte jeder Bezug zur Realität, und angesichts dessen, was in unserem Land gerade los ist, ist das gefährlich“, erklärte Moderator Brian Williams.

Es dauerte nur vier Jahre voller abstoßender Lügen und rassistischer Ausfälle – die immer schon „gefährlich“ und „ohne jeden Bezug zur Realität“ waren – bis diese Fernsehsender endlich die Trump-Show abschalteten. Dass sie es angesichts der Dämmerung seiner Präsidentschaft taten, zeugt kaum von Heldenmut. Sie haben beständig Trumps niederträchtige Behauptungen ohne Unterbrechung gesendet, bestenfalls folgten dürftige Fakten-Checks. Mit Trump als Gegenspieler schossen ihre Einschaltquoten in die Höhe, gleiches galt für die Zahl der Digitalabos der New York Times und der Washington Post. Während seiner ersten Amtszeit wurde Präsident Trump in etwa jedem vierten Artikel der größten US-Zeitungen erwähnt (bei Obama war es jeder zehnte). Als Trump 2016 ein aufstrebender Kandidat war, sagte CBS-Chef Les Moonves: „Das mag für Amerika nicht gut sein, aber es ist verdammt gut für CBS.“ Abrechnungen seitens der etablierten Medien sollten jetzt also mit Skepsis betrachtet werden.

Zeit für eine Abrechnung aber ist es. Der politische Journalismus behandelte den Präsidenten wie eine einzigartige Anomalie und nicht etwa wie einen erklärbaren faschistischen Auswuchs des Spätkapitalismus. Gleichzeitig hielten die meisten politischen Reporter quasi-religiös daran fest, selbst Trumps untragbarsten Aussagen mit sogenannter Objektivität zu begegnen und „beide Seiten“ zu berücksichtigen. Der Präsident und seine rechtsextreme Agenda wurden dadurch sowohl zum Spektakel gemacht als auch normalisiert.

2017 sprach Trump von den „sehr anständigen“ Neo-Nazis in Charlottesville, Virginia. Im folgenden Monat verurteilten die sechs wichtigsten Qualitätszeitungen in 28 Kommentaren antifaschistische Aktionen, aber in nur 27 „white supremacists“ und Trumps Versäumnis, sich von diesen zu distanzieren. Seither gab es minimale ethische Fortschritte – einige Medien wie die Washington Post haben damit begonnen, Trumps Lügen „Lügen“ zu nennen statt lediglich Unwahrheiten. Die meisten nennen ihn oder seine rassistische Agenda noch immer nicht „rassistisch“.

Das Ende der Präsident-Trump-Show ist für die Zielvorgaben der Geschäftsführer*innen Anlass zur Sorge. Liberale und konservative Politikjournalisten werden sich die Rückkehr zu einer Normalität Prä-Trump wünschen: eine höflichere Normalität mit geschliffenen Umgangsformen, mit denselben Machtstrukturen eines enthemmten Kapitalismus und weißer Vorherrschaft. Sie könnten sich daran erinnern, dass die Sender einmal so verwegen waren, die Rede des „Bad President“ abzuschneiden.

Natasha Lennard ist Journalistin und lehrt „Creative Publishing and Critical Journalism“ an der New School in New York. 2019 erschien ihr Buch Being Numerous. Essays on Non-Fascist Life (Verso)

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