Das Ende des Schweigens

Mensch-Erzähler In seinem neuen Roman "Zwanzig Jahre und ein Tag" kehrt Jorge Semprún noch einmal zum Mythos des Spanischen Bürgerkriegs zurück

Jorge Semprún zählt zweifelsohne zu den Europäern des 20. Jahrhunderts, die ein außergewöhnliches Schicksal haben. Er beginnt, bereits als Kind mehrere Sprachen, unter anderem Deutsch, zu lernen. Später folgen die Erfahrungen von Buchenwald, jene grauenvollen, schrecklichen Erfahrungen im deutschen Konzentrationslager nach dem politischen Kampf im Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Frankreich. Dann erlebt er die Auferstehung des Überlebenden, die Entscheidungen über die Existenz - das "Sein zum Tode" - das Leben im Exil und Untergrund im Kampf gegen die Franco-Diktatur.

Semprún erlebt später den Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Spaniens als Antwort auf seine antistalinistische Forderung nach innerer Demokratisierung der spanischen KP. Parallel dazu vollzieht sich die Geburt des Schriftstellers mit seinem Buch Die große Reise (1963). Schließlich wird er nach Francos Tod der erste Kulturminister unter der monarchistisch-demokratischen Regierung von Felipe Gonzáles. Modernes innovatives Schreiben und spanische Kultur schlechthin sind in meinen Augen obligatorisch mit der Lebens-Geschichte, den Erfahrungen, der Selbstreflexivität Jorge Semprúns verbunden.

Wer heute Spaniens Gegenwart und Vergangenheit, Ereignisse, Bilder, Alltagsleben, Debatten, Lebensgefühl, Mythen, wer die politisch-kulturellen-gesellschaftlichen Zusammenhänge begreifen möchte, sollte Semprúns Buch Zwanzig Jahre und ein Tag lesen. In dem historischen Roman mit philosophisch-theologisch-poetologischer Ausrichtung, der an politisch scharfsinniger Ironie nicht zu überbieten ist, wird eine paradoxe Situation nachvollziehbar erklärt: Warum es sechzig Jahre dauerte, bis Spanien begann, den Bürgerkrieg einer Revision zu unterziehen. Eine Grundvoraussetzung bildete die politische Initiative, die Massengräber des Bürgerkriegs zu öffnen und damit Raum für ein kollektives Gedächtnis zu schaffen: Ein Spanien, das seine Toten sieht und in der Lage ist, Geschichte(n) zu erzählen, jenseits der bisherigen Versionen von Helden und Schlachten. "Erst in den letzten Jahren mit der Sicherheit einer fest verankerten, funktionierenden Demokratie wurde es wirklich möglich über den Bürgerkrieg zu schreiben", kommentierte Jorge Semprún kürzlich in Berlin.

Zwanzig Jahre und ein Tag spielt zwischen 1936 und 1985, dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs, der langen Franco-Diktatur, die auch nach dem Tod des Generals 1975 noch fortwirkt, bis zum Übergang zur Demokratie 1985. Damals konfrontierte die Zeitschrift Cambio 16 ihre Leser spektakulär mit der Überschrift: "Franco, das sind auch Sie". Der Roman fokussiert die Jahre 1954 und 1956, entscheidende politische Momente für die Arbeit Semprúns im spanischen Untergrund unter verschiedenen Pseudonymen, Federico Sánchez, Juan Larrea, einschließlich der sich anbahnenden Auseinandersetzung mit der KP-Führung. Doch biographische Lektüren des Romans greifen zu kurz.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Geschichte über eine "alte Rache", ein Ereignis Anfang des Bürgerkriegs und seine Folgen. Semprún lässt sie seinen Freund, den berühmten Stierkämpfer Domingo Dominguín erzählen. Dieser kämpfte zunächst auf der Seite der Nationalen, unterstütze aber dann den Widerstand gegen Franco maßgeblich. Bei einem Mittagessen Ende Mai 1954 in einem Madrider Restaurant mit Leuten aus dem Stierkampfmilieu erzählt Dominguín: "Am 18. Juli 1936 hatten die Bauern auf einem Landgut in der Provinz Toledo, als sie von der Erhebung der Militärs erfuhren, den jüngsten Sohn der Besitzer umgebracht. Und doch kam es nicht an auf jenen Tod, auch wenn er die Ursache war. Interessant war, was später kam. Jedes Jahr nach dem Ende des Bürgerkriegs, veranstaltete die Familie - die Witwe, die Brüder des Verstorbenen am 18. Juli eine Gedenkfeier. Nicht nur eine Messe, sondern eine richtige theatralische Bußzeremonie. Die Bauern des Gutes wiederholten den Mord, rituell, symbolisch, eine Art Mysterienspiel, tauchten abermals ein in die Erinnerung an jenen Tod. Sie sahen sich dazu gezwungen, ein weiteres Mal Buße für ihn zu tun. Sie sahen sich jedes Jahr hineingezogen in diese kollektive Erinnerung, schuldig gesprochen durch sie. Sie waren nicht die Mörder von 1936 gewesen, aber die Zeremonie machte sie gleichsam zu Komplizen dieses Todes, zwang sie, für ihn einzustehen. Eine Bluttaufe gewissermaßen".

Genau hier in der "eucharistischen Erinnerung" liegt der Schlüssel zur Erklärung der paradoxen Situation: das jahrzehntelange kollektive Schweigen. Sie wird noch deutlicher in der Fortsetzung der Erzählung Dominguíns. Er analysiert und beschreibt nämlich die Mechanismen psychischer und moralischer Gewalt der Franco-Diktatur, die das Funktionieren der politischen Gewalt - die Errichtung der Arbeits-, Konzentrations-, Internierungslager, Gefängnisse - ergänzen: "In der Verewigung dieser Erinnerung verewigten die Bauern nicht nur ihren Status als Besiegte, sondern auch ihren Status als Mörder. Sie verewigten den unerträglichen Grund ihrer Niederlage, indem sie der Ungerechtigkeit jenes Todes gedachten, der ihre Niederlage, ihre Reduzierung auf den Status von Besiegten in heimtückischer Weise rechtfertigte. Kurz, diese Bußzeremonie, der Vertreter von Kirche und weltlicher Obrigkeit beizuwohnen pflegten - trug dazu bei die soziale Ordnung zu heiligen".

Das Aufbegehren gegen diese soziale Ordnung im kleinen privaten Maßstab setzt Semprún 1956 an. Nach zwanzig Jahren beschließt die Witwe der Gutsbesitzerfamilie die Zeremonie abzuwandeln, zu einer gemeinsamen Bestattung ihres verstorbenen Ehemanns José María Avendaños und eines ehemaligen Landarbeiters, Chema Scheelauge umzufunktionieren. Dieser war Guerillaführer in der Bergen von Toledo, geriet 1949 in Gefangenschaft und starb 1956 im Gefängnis von Burgos. Warum kann dieser lokale, private Vorstoß konservativ liberaler Kreise - ein "Tal der Gefallenen im Familienmaßstab" zu errichten - im nationalen Maßstab, öffentlich erst Ende des Jahrhunderts umgesetzt werden? Eine Antwort im Roman: Die Präsenz und Macht jener "hispanischen Barbarei", wie sie der Kommissar der politischen Polizei Roberto Sabuesa repräsentiert. Sabuesa bedeutet Spürhund, spanische Leser erkennen auf Anhieb die Anspielung auf Roberto Conesa, den Chef der politischen Polizei Francos, der auch unter der monarchistisch-demokratischen Regierung im Amt blieb. Berühmt und berüchtigt für die Enttarnung und Hinrichtung einer Gruppe junger Mädchen der Kommunistischen Jugend 1939 in Madrid, "die dreizehn Rosen", wie sie in der mythischen Erinnerung des Widerstands hießen. Sabuesa ist 1956 zur alljährlichen Buß-Zeremonie auf dem Landgut angereist, sein Ziel: dem Sohn des Verstorbenen, Lorenzo Avendaño, Aktivist bei den Madrider Studentenunruhen 1956, eine Falle zu stellen, ihn als Verbindungsmann zu Federico Sánchez zu enttarnen. Als er hört, dass die Landarbeiter mit der schrecklichen Simulation - der Zeremonie - nicht mehr weitermachen wollen und auch die Witwe befindet: "Zwanzig Jahre, es reicht!" unterbricht er sie um festzustellen: "Zwanzig Jahre sind gar nichts. Bis ans Ende des Jahrhunderts sollten Sie diese Zeremonie wiederholen. Sie und ihre Nachkommen: dem Roten liegt es im Blut. Man sollte etwas Ähnliches im ganzen Land veranstalten". Genau das passierte in Spanien: Teile der Kirche und der weltlichen Obrigkeit veranstalteten Ähnliches im ganzen Land, sie festigten die soziale Ordnung nicht nur, sondern heiligten sie.

"Für mich ist die Heimat des Schriftstellers nicht die Sprache, sondern der Sprachstil", lässt Semprún den jungen Intellektuellen Lorenzo Avendaño sagen. Die Rolle, die Semprún nicht der Sprache, wie Thomas Mann, sondern dem Sprachvermögen zuschreibt, steht direkt in Verbindung zu Schreiben und Leben Semprúns. In Zwanzig Jahre und ein Tag haben wir es wie in allen Romanen Jorge Semprúns mit einem Erzählertypus zu tun, der ein "l´homme-mémoire", ein Mensch-Gedächtnis ist: eine abgewandelte Form der Erzählerfigur des "l´homme récits" (Mensch-Erzähler), wie ihn die strukturalistische Literaturwissenschaft in den 1970er Jahren einführte. Die Gleichung lautete: Diskurs ist Leben. Ende des Diskurses bedeutet Schweigen und Tod. Der "Mensch-Erzähler" wurde zum Topos in der Literaturwissenschaft und in verschiedenen Formen von Maurice Blanchot bis zu John Barth durchgespielt. Was ist die wichtigste Lektion dieses "Mensch-Gedächtnisses"? Es ist die Unmöglichkeit zwischen individuellem und sozialem Gedächtnis zu unterscheiden. Der Roman zeigt, dass das individuelle Gedächtnis radikal sozial ist und Vergangenheit eben auf diese Weise definiert wird: Sie existiert nur als soziales Konstrukt.

Folgen wir dem Denken Semprúns, so wird das Vergangene nur in dem Maß in der Erinnerung rekonstruiert, in dem es notwendig ist. Erinnern ist in dieser Theorie ebenso wichtig wie Vergessen. Genau das lehrt uns Semprún mit seinen Romanen. Er hat diese Lehre bei Maurice Halbwachs, seinem ehemaligen Professor an der Sorbonne gehört. Dieser große Theoretiker des sozialen und kollektiven Gedächtnisses wurde wie Semprún in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er umgebracht wurde. Mit L´ Ecriture ou la vie (1994) hat Semprún Halbwachs ein Denkmal gesetzt. Semprún übernimmt die Aufgabe, mittels Sprache und Erzählung Gedächtnisvermögen zu konstruieren.

Zudem ist Jorge Semprúns Zwanzig Jahre und ein Tag eine Enzyklopädie intellektuellen Lebens des modernen Spanien: von der Generation der Lehrer Luis Buñuels und Federico García Lorcas, Américo Castro, über die großen Dichter der "Generation 27" Jorge Salinas, Miguel Hernández, José Bergamín, Juan Larrea, die Philosophin Maria Zambrano, bis zur Generation Federico Sánchez, deren Vertreter im Moment des spanischen Bürgerkriegs so alt waren wie Sophie Scholl und jünger.

Jorge Semprún: Zwanzig Jahre und ein Tag. Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 291 S., 19,80 EUR


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00:00 06.05.2005

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