Das Ende einer Tour

Alltag Die Alpen verändern sich. Vom Rausch des Gipfels und der Vernunft der Umkehr

Der dicke Mann an der Talstation, das sei er gewesen vor fünf Jahren. Alle, ausnahmslos alle aus der Gruppe hätten über ihn gelacht. Ben ist Rhetoriker und den dicken Mann braucht er als Intro für das, was folgt. Ben spricht über den langen Weg der vergangenen fünf Jahre, in denen er sich von einem Eigenheim in den Vororten Frankfurts, von einer unglücklich gewordenen Ehe, einer zum Alptraum gewordenen Anstellung und fast 40 Pfund Übergewicht getrennt hat.

Dieser Weg hat ihn, sagt er, verdammt viel gekostet, und er endet im Moment hier in den Alpen, am Zustieg zum Biancograd, bei idealen Wetter- und Eisbedingungen. Es ist 3.30 Uhr in der Frühe, und wir sitzen mit Stirnlampen im brüchigen und gefährlich abschüssigen Gelände am Fuß des Piz Bernina. Mindestens vier andere Seilschaften sind uns voraus, man sieht glühwürmchenartige Lichtbewegungen, weitere zwei folgen. Trotzdem sitzen wir ganz still und lauschen Ben, der weiterhin über den Weg spricht, den inneren Weg, für den er diese Gipfel, Grate und den Nimbus berühmter Namen braucht. Sie seien Anlass und gleichzeitig Bestätigung für das, was er zurücklegt. Tausend Fuß Geröll, Tausend Meilen Eis will er durchqueren, um aus dem fetten Unglück seines eigentlich erfolgreichen Erwachsenenlebens herauszufinden.

Ben ist Amerikaner. Als wir uns zur Tourenplanung kennen lernten, zeigte er mir ein Ausweisfoto, auf dem er tatsächlich nicht wiederzuerkennen war und sagte: "Das ist es, was Deutschland aus mir gemacht hat." An jedem Tag, den wir gemeinsam in den Schweizer Bergen verbringen, spricht er mehrmals von Colorado und den Rockies, von Orten und Zeiten, da das Klettern und das Leben noch fraglos und in Ordnung waren. "Warum habe ich nur aufgehört, ich denke die ganze Zeit darüber nach", fragt er immer wieder.

Es ist nicht einfach, etwas zu finden, was einen optimal fordert. Mit einem sonderbarerweise nicht kaputt zu kriegenden Gefühl der Unsterblichkeit war ich in diese Tour eingestiegen. Trotz der fast schlaflosen Nacht im überfüllten Matratzenlager der Tschierva Hütte war ich hoch motiviert und fühlt mich stark.

Diese Euphorie - ich bin grundsätzlich gedanklich kurz vor dem Gipfel, unabhängig in welchem Abschnitt einer Tour ich mich befinde - werde ich nicht los, davon kurieren mich auch keine Sentenzen wie "derWegistdasZiel". Ich bin mehr als wach, von fast überzüchteter Aufmerksamkeit. Die Sinne sind in jedem Moment auf alles gerichtet, jeden Luftzug, jedes Geräusch - etwa das eines abbrechenden Steins in der dunklen Umgebung registrierend, während Augen, Hände und Füße in dem kleinen beleuchteten Fleck agieren, den die Lampe vorgibt. Greifen, testen, treten, keinen Fehler machen, es ist ganz leicht, atmen, treten. Nicht hinunter schauen. Sich einfach weiter bewegen. Keinen Fehler machen. Beim Stehen auf dem Gehweg fällt man auch nicht einfach um. Es ist ganz leicht.

Da sagt Tobias: "Stop. Das ist mir zu heiß. Wenn hier einer abpfeift, dann ist er weg. Versteht ihr, aus, finito. Ist das klar." Zwei Stunden sind wir schon gegangen, wir schauen wie mit riesigen Fragezeichen über den Köpfen den Tourenführer an. "Und ich geh in´ Knast. Wäre ja nicht der erste Hochtourenführer dort." Jetzt wird es klar. Das hier ist das Ende unserer Tour. Unserer Supertour, die noch gar nicht richtig angefangen hat. Der Piz Bernina über den Biancograd - der Höhepunkt und höchste Punkt der Woche endet hier und jetzt, bei besten Eisbedingungen und dem ersten Tag mit stabilem Wetter nach zweieinhalb Wochen Bergsteigen.

Der eine protestiert stumm, der andere lautstark. "Mir ist langweilig", nölt Jan und fragt nach Saschas Handy, um seine Freundin anzurufen. Der erinnert an die Uhrzeit. Motzen, Maulen, Schmollen, das Tobias mit dem Angebot unterbricht, sie könnten die Tour allein zu zweit, unabhängig von Ausbildung und Führung machen. Privat und selbstständig. Plötzlich ruhig und recht ernst geworden ziehen die beiden schließlich los.

Ich schweige und heule ein bisschen. Tobias sagt: "Es ist mir egal", und man merkt, dass das nicht der Fall ist.

Inzwischen sind auch die anderen Seilschaften vorbei gezogen. Etwa 400 Meter vor uns ist Lichterstau. Dort scheint es schwieriger zu werden, vielleicht binden sich alle ein. Wir bleiben einfach sitzen, irgendwann wird es schließlich hell werden. Beeilen müssen wir uns nicht mehr. Tobias führt die Gruppe, es ist seine erste Führung nach sieben Jahren. In den zehn davor hat er Dutzenden von Gruppen heroische Erfahrungen und Gipfelglück verschafft und ihnen dabei das Gefühl von Sicherheit gegeben. Wie auf den Touren der letzten Tage ist er auch hier wieder fassungslos über die Veränderungen am Berg. Noch vor einigen Jahren näherte man sich dem Grat auf einem Firnfeld. Die Schwierigkeit der Tour bestand im Überschreiten des Eis- und Felsgrats zwischen Piz Bianco und dem Berninagipfel. Inzwischen haben sich der Zustieg und die gesamte Tour stark verändert. Wer Gletschertouren in alpinen Regionen zwischen 3.000 und 4.000 Metern plant, der sollte keinerlei Literatur, Fotos oder Topografien verwenden, die älter sind als ein Jahr. Der heiße lange Sommer 2003 sorgte allein schon für massive Veränderungen an den Wegen. Vor allem die Zustiege haben durch das Abtauen von Firn- und Eisflanken, riesige Randklüfte und Felsabbrüche zum Teil einen völlig anderen Charakter bekommen.

Die schrumpfenden Gletscher legen loses Gestein und Geröll bloß, das dumpfe Rumoren von Eis- und Gesteinsbrocken ist in der gesamten Bernina im Minutentakt zu hören. Nähere sich niemand ohne Helm einer Wand. Auch hier, am Zustieg zum Biancograd, sehen wir in der inzwischen einsetzenden Morgendämmerung einen großen gelblichen Fleck an der Wand, Zeichen für einen noch recht frischen Wandabbruch. Die Vorsicht unseres Tourenführers ist offensichtlich begründet, das Gelände ist nicht schwierig, aber ernst: Sicherungsmöglichkeiten gibt es nicht und ein Sturz hätte tödliche Folgen. Ich staune, mit welcher Selbstverständlichkeit der Strom der Bergführer mit ihren Klienten vorbeizieht.

Ben wundert sich, wie immer noch so viel da oben sein könne, "wo doch ständig so viel runterkommt". Und tatsächlich werden wir während dieser Bernina-Woche, von der wir drei Tage auf einem Gletscher unmittelbar gegenüber dem Palü zelten, das Gefühl nicht los, der Berg habe begonnen, sich selbst zu demontieren. Fast ist man versucht, diese Zerrüttung auf eine Haltung der Berge selbst zurückzuführen; als sei es Überdruss an der eigenen Größe, an der Unbeständigkeit des Klimas und den vielen Besuchern.

Direkt vor unseren Augen schimmern jetzt drei Palü-Gipfel in allen Orange- und Violett-Tönen. Ich stehe im "Festsaal der Alpen" und muss an den gefledderten Palast der Republik denken. Die Endlichkeit des "ewigen Eises" hat aus der Cambrena Eisnase ein Näschen werden lassen, dafür sind sämtliche Schneeflanken, auf denen man problemlos zusteigen konnte, mittlerweile zu Schutthaufen von der Stabilität eines Kartenhauses mutiert. Aus den Scharten knallen im Zehnminutentakt Gesteinskatapulte - die reinsten Himmelfahrtskommandos. "Alles Asche" ,zischt Tobias beim Begin der geplanten Einsteiger-Tour und spuckt selbst Gift und Galle, "wir drehen um, das ist Kamikaze hier."

Zurück bei den Zelten macht Jan die Bemerkung, ab jetzt ginge es vielleicht um Letztbesteigungen als neue Kategorie. Wer durchstieg zuletzt diese und jene Alpen-Nordwand, bevor sie kurz darauf zusammenkrachte? Wer mäanderte am trickreichsten über Gletscher, die fast nur noch aus Spalten bestehen? Wer machte die letzte Winterbegehung auf einem Grat, auf den danach kein Schnee mehr fiel?

Es steht fest, dass die Geschichte des Alpinismus keine wirklich lange sein wird. Abgesehen von den Wahnsinnstaten einzelner - so soll auch Leonardo da Vinci bereits im 15. Jahrhundert auf dem Monte Rosa, einer Erhebung von immerhin 4.634 Metern, gestanden haben - beginnt die Geschichtsschreibung im Allgemeinen mit den beiden Briten Pococke und Windham im Jahre 1741 natürlich an keinem anderen Ort als Chamonix. Knapp 300 Jahre später kann man sich den unglaublichen Mut dieser Leute immer noch kaum vorstellen: Von den Eisbrüchen am Gletscherfuß glaubte man damals, sie seien verlassene Städte und nachts kehrten die verstorbenen Einwohner zurück. In den Schnee- und Eishöhlen wohnten die nach ihrem Entdecker benannten Scheuchzer-Drachen und die gigantischen Felsen konnten nur von Hexenhand auf die vergleichbar zarten Eissockel gehoben worden sein - Hexentische eben.

Tobias erzählt von einer Erfahrung am Matterhorn - dem "Geschäftsberg". Von dem Tag, als er in ähnlichem Gelände zu fast der gleichen Uhrzeit ein ähnliches Geräusch gehört hatte wie das des nahen Steinschlags. Nur dass das Geräusch von zwei Körpern kam, dem eines Bergführers und seines Klienten. Keine 200 Meter oberhalb waren sie gestürzt und das polternde Fallen und dumpfe Aufschlagen hatte minutenlang angedauert. Tobias ging damals trotzdem weiter. Wir gehen zurück. Danach fühlt es sich so an: "Ich saß allein in der Zelttür und hatte einen wunderbaren Blick von dem großen, öden Schneefeld vor mir bis hinunter in das 80 oder 100 Kilometer lange Tal, durch das wir hinaufgekommen waren. Um mich herum herrschte vollkommene Stille, und keine Menschenseele war zu sehen. Ich wartete auf die Ankunft der übrigen Begleiter, und mein Geist war wie leergefegt." Das schrieb Sir Martin Conway 1895 auf seinem Weg zum Nanga Parbat, es ist eine andere Geschichte, Aber das eine bleibt gleich: Mein Geist, wie leergefegt.


Wir werden in einem zweiten Anlauf den Piz Cambrena doch noch machen, werden trotz besten Wetterberichts in einen Wettersturz kommen, zu dritt in einen Zweier-Biwacksack schlüpfen, wir werden bei einer Sicht von 20 Metern, Schneetreiben und in einer elektrostatischen Atmosphäre, die die Eispickel zum Summen bringt, irgendwie den Abstieg finden. Und Tobias wird, nachdem alles überstanden ist, sagen "Es war mir nicht einerlei."


00:00 20.08.2004

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