Das englische Double

UK Boris Johnson wird als Premier das absurde Theater aufführen, das auch Trump inszeniert. Der rassistische Teil der Briten will es so
Das englische Double
Der Fisch (links) stinkt vom Kopf (rechts)

Foto: Dan Kittwood/Getty Images

Boris Johnsons Wahl zum Chef der Konservativen und damit zum britischen Premier wirkt wie der Höhepunkt der jahrzehntelangen Realitätsverweigerung einer nostalgischen, orientierungslosen Elite. Johnson wurde von nur 138.000 Wahlberechtigten auserkoren – Parteimitglieder, die zu 97 Prozent alt, weiß, männlich und – laut Umfragen – rassistisch sind. Er hat gewonnen, indem er auf die narrativen Techniken zurückgriff, mit denen Großbritanniens Rechte vertraut ist: Getöse, Irrationalismus, Lügen. Johnson wedelte bei einem Meeting mit einem Räucherhering, um zu behaupten, die Anbieter dieser britischen Spezialität dürften sie wegen der EU-Regeln nicht mehr ohne Eis ausliefern. Tatsächlich ging diese Vorschrift auf britische Gesetze zurück, aber Johnsons Publikum und seine elitären Helfer interessierte das nicht.

Das gesamte Projekt eines harten Brexits, für das der nun Auserkorene und sein Anhang Theresa May stürzten, beruht auf der Illusion, der EU-Austritt sei ein schneller, einfacher Weg zur Deregulierung der britischen Wirtschaft. Er werde Wachstum und Wohlstand zurückbringen. Dabei spielt keine Rolle, dass es sich um eine Illusion handelt. Denn Illusionen sind alles, was dem britischen Konservatismus noch bleibt.

Wie in den USA wird sich nun das Gros der Tory-Parlamentarier der Regierung eines Clowns fügen, dem sich die zentristischen Technokraten um Theresa May und ihren ehemaligen Finanzminister Philip Hammond verweigern. Sie werden durch eine Reihe altbekannter, teils grotesker Politiker ersetzt. Gescheiterte autoritäre Figuren und versteckte Rassisten wissen in diesem Moment um die Chance ihres Lebens.

Was aber bedeutet die Wahl für Europa und die Welt? Nun, Johnson wird jetzt ebenfalls das Iran-Abkommen fallen lassen und Trumps Konfrontation mit Teheran übernehmen, um unter seinen Anhängern zu punkten. Freilich kann die königliche Armee wegen der Kürzung des Verteidigungsetats, für die auch Johnson gestimmt hat, nicht mehr als ein Schiff auf einmal aufbringen, das im Golf patrouilliert. Britische Kreuzer, Drohnen und Marines, die den Iran mit Kampfkraft „konfrontieren“, sind nichts weiter als die Requisiten eines absurden Theaters.

Da mag der US-Präsident Johnson als den „britischen Trump“ bejubeln so viel er will. Anders als das Original muss sein Double nun mit einem Konflikt zurechtkommen, den er sich mit seinem No-Deal-Brexit selbst ausgesucht hat. Dass ihm mit der EU-Kommission eine starke Widersacherin entgegentritt, liegt auf der Hand. Johnson will den Austrittsvertrag trotzdem verhandeln, weil ihn das Kalkül reizt, Millionen von konservativen Wählern zurückzugewinnen, die zu Nigel Farages Brexit-Partei abgewandert sind.

Großbritannien hat darauf gewartet

Freilich werden ein EU-Ausstieg ohne Abkommen, das dadurch ausgelöste Einbrechen des Bruttosozialprodukts und soziale Chaos gut für das Geschäft der rechten Populisten sein. Linke, Migranten und die sozialliberale Mitte, denen in der Boulevardpresse ständig die Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft bestritten wird, lassen sich dafür verantwortlich machen. Und wer dann immer noch die blaue EU-Fahne mit sich herumschleppt, landet am Pranger, als Verbündeter von Britanniens Gegnern. Sollte aber die neue Brüsseler Kommission die irische Regierung opfern und beim Austrittsvertrag einknicken, wird Johnson seinen „Sieg“ bei vorgezogenen Parlamentswahlen sofort auskosten wollen. Denn bisher verdankt er seine Macht allein einer konservativen Hierarchie, die den Widerspruch zwischen der Notwendigkeit eines weichen Brexits und der Notwendigkeit, den Rückhalt bei der zunehmend fremdenfeindlichen Mittelschicht aufrechtzuerhalten, nicht lösen kann. Johnson wird diese Schicht gnadenlos hofieren. Sein ganzes Erscheinungsbild – närrisch, resistent gegenüber rationaler Expertise, immer bereit für unterschwelligen Hass auf den Islam – ist allein fünf Prozentpunkte im Wahlkampf gegen Farage wert.

Kein Zweifel, es herrscht eine hässliche Stimmung auf der britischen Insel. Die Wähler sind polarisiert, weil aus der Auseinandersetzung um den Brexit ein Kulturkampf wurde und sich normale Parteipolitik bis auf Weiteres erledigt hat. Ein Blick auf die Umfragen lässt Johnson wissen, dass rechte Wähler mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit taktisch wählen als liberale und linke Wähler. Sollte er unter diesen Umständen eine vorgezogene Wahl gewinnen, wäre das ein ultimatives Signal an die progressive Wählerschaft in Schottland, dass die politische Ordnung des Vereinigten Königreichs unwiederbringlich verloren ist. Das Land wäre dann nur noch ein Referendum vom Auseinanderbrechen entfernt.

Das Einzige, was Johnson retten kann, ist er selbst – sein Ego, seine spektakuläre Faulheit und Ignoranz gegenüber dem Detail, die lange Vorgeschichte fragwürdiger Entscheidungen während seiner Amtszeit als Bürgermeister von London. Sein wahres Momentum ist sozial, nicht politisch. Das Großbritannien der Mittelschichtgolfklubs, der Privatschulen, der Think-Tanks des freien Marktes und des britischen Protestantismus hat immer genau auf dieses absurde Theater gewartet. Jetzt soll es aufgeführt werden.

Paul Mason, Autor von Postkapitalismus, schreibt u.a. für den Freitag und den New Statesman

Übersetzung: Konstantin Nowotny
13:35 24.07.2019
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