Das Ensemble „Kleiner Bruder Wutboy“

Interview Das Kollektiv Sexy Theater Menschen über sein Stück „Das autoritäre Zeitalter des Megazorns“

Rechtspopulismus, AfD, Trump, Trump, Trump. Sexy Theater Menschen hat sich gefragt, was man dem eher links eingestellten Hamburger Theaterpublikum Kluges bieten könnte. Ihr Stück im Ernst Deutsch Theater ist eine Mischung aus Agentenstory und Groschenroman, gefüllt mit geballter Theorie.

der Freitag: Das Stück ist komplex und verwirrend. Wie würdet ihr die Handlung von „Das autoritäre Zeitalter des Megazorns“ beschreiben, wenn es überhaupt möglich ist?

Rune: Wir haben eine Unmenge an Texten zum Thema Rechtspopulismus gelesen und das Ganze in eine Agentenstory mit Groschenroman-Humor verwandelt. Das klingt verrückt, funktioniert aber überraschend gut. Die Szenen bleiben durch die Verbindung von komödiantischen Elementen und geballter politischer Theorie in Erinnerung. Man kann lachen und nachdenken gleichzeitig.

In einer Szene trifft die Figur „Agent Wow“ auf den Weihnachtsmann, der von DHL aufgekauft und jetzt als Subunternehmer ausgebeutet wird.

Anton: Agent Wow ist unsere Clownsfigur. Zu Beginn wird er nach Nicaragua geschickt, um dort die Demokratie und Freiheit zu verteidigen, bis er bemerkt, was in diesem Konflikt vor sich geht. Unsere Figuren sind alle sehr naiv, aber gutmütig.

Daniel: Dramaturgisch geht man als Zuschauer mit Agent Wow den Weg, den wir bei der Recherche gegangen sind. Wo kommt der Rassismus her und bis wohin reicht er zurück? Und gibt es überhaupt einen Weg hinaus? Später trifft er dann auf Megazorn und seinen kleinen Bruder Wutboy. Aber ich will nicht spoilern.

Was wollt ihr mit dem Stück denn genau erreichen?

Daniel: Die meisten Hamburger Theatergänger sind ja tendenziell eher links, die können wir schlecht eines Besseren belehren. Wir haben uns also überlegt, was wir den Leuten mit auf den Weg geben können, damit sie im Alltag besser mit Rechtsradikalismus umgehen können.

Gab es einen konkreten Auslöser dafür, dieses Stück zu schreiben?

Anton: Sicherlich die veränderte Wahrnehmung von Geflüchteten zum Jahreswechsel 2015. Der Aufstieg der AfD, Pegida, Donald Trump – das alles beunruhigt ja vermutlich jeden von uns. Gerade in den USA sehen wir, dass da eine alte, konservative Mittelschicht das Gefühl hat, dass sich ihr Weltbild auflöst. Das sorgt bei vielen für Panik, selbst bei Leuten, die jetzt Biden gewählt haben – zumal es auch noch seine Politik war, die einen Trump verursacht hat. Während der Recherche bin ich irgendwann bei Wilhelm Heitmeyer gelandet. Er beschreibt, wie die AfD einen autoritären Nationalradikalismus normalisiert hat. Die Sprache und das Denken einer ganzen Gesellschaft rücken nach rechts.

Nicht unbedingt ein Schauspieler-Klischee, politikwissenschaftliche Arbeiten zu lesen.

Anton: Das mag schon sein. Angefangen hat das bei mir 2008, da hab ich Schulden von David Graeber gelesen, der erst kürzlich sehr überraschend verstorben ist. Wirklich schade, das war ein sexy Denker! Letztendlich stehen wir ja vor denselben Problemen wie schon Generationen von Menschen vor uns: Wieso gehen wir so zerstörerisch mit der Natur und unseren Mitmenschen um? Daraus ist ein riesiger Materialberg entstanden, auch für den nächsten Teil, Megazorn 2 Psychological Warfare. Wir wollen die Idee ja noch zu Ende denken – wenn die Theater dieses Jahr noch mal aufmachen.

Das Stück ist vermutlich unmöglich auswendig zu lernen. Weshalb alle mit Textbuch auf der Bühne stehen.

Ayla: Die Texte sind sehr komplex. Normalerweise hätte man bei einer Stückproduktion eine sechswöchige Probenzeit. Als klar war, dass wir das Stück im Ernst Deutsch Theater zeigen können, haben wir in drei Wochen unser Recherchematerial durchgearbeitet, und dann war das Stück noch nicht mal geschrieben.

Wie ist es dann entstanden?

Anton: Na ja, zunächst hatten wir drei Wochen Dauerpanik und dann noch mal zehn Tage Panikattacke, in denen wir inszeniert haben. Meine Kollegen mussten da am meisten drunter leiden. Die haben erst bei der Generalprobe die letzte Fassung in der Hand gehabt. Aber es geht nicht darum, so zu tun, als wüssten wir, was wir da reden. Der Zuschauer kriegt diese Texte an den Kopf geworfen und fühlt sich nicht dümmer als die Leute, die auf der Bühne stehen. Die verstehen schließlich genauso wenig, worum es hier gerade geht.

Und wie ist dieser Ensemble-Name entstanden?

Ayla: Ja, darum ranken sich diverse Mythen. Bei unserem ersten Kollektiv-Treffen haben wir uns erst lange in Kreativität erbrochen und viele schlimme Wortwitze gemacht. „Theater“ musste drin sein, „Menschen“ sollte vielleicht vorkommen. Spätestens beim Antrag auf Kulturförderung mussten wir etwas haben. Dann wurde das unser Arbeitstitel.

Daniel: Genau, wir haben dann meinen Platzhalter für unsere Chat-Gruppe genommen.

Ayla: Eine Sache, auf die ich großen Wert lege: Wir sind nicht sexy Theatermenschen, sondern Sexy Theater Menschen. Die Herangehensweise war dilettantisch, aber am Ende gab es eine Abstimmung, und dann waren alle glücklich.

Also „sexy“ ist gleichwertig auf Theater und Menschen bezogen.

Daniel: Klar, hast du uns mal angeguckt? (lacht)

Anton: Vor allem ohne Artikel. Wir sind Sexy, Theater und Menschen. Jeder kann ein Sexy Theater Mensch sein.

Hattet ihr einmal direkten Kontakt zu offen auftretenden Rechtspopulisten?

Rune: Ich hatte mal einen Job, wo meine Kollegen ganz offensichtlich rechtsradikal unterwegs waren. Das war teilweise hart, aber auch sehr lehrreich. Wir kriegen in unserer linken Blase nie wirklich mit, wie divers es auf der Gegenseite zugeht.

Ayla: Ich hatte das mal im Bekanntenkreis, wenn sich Leute beschweren, warum man ausgerechnet im Stadtteil mit „dem schönsten Kinderspielplatz“ ein Flüchtlingsheim bauen muss. Meistens weiß man gar nicht, wie man da richtig reagieren soll. Ich hab dann erst mal viele Fragen gestellt.

Anton: Ich habe ehrlicherweise Angst davor. Ich will mit ihnen nichts zu tun haben. Das heißt aber nicht, dass wir nicht doch versuchen sollten, in einen Austausch zu kommen. Nur so kann man schließlich was verändern.

Das Ensemble

Sie sind eine Gruppe von sechs Theaterschaffenden aus Hamburg. Anton Pleva studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ist Theaterregisseur und Schauspieler. Daniel Schütter ist Sänger der Band kollektiv22 und arbeitet als Schauspieler und Sprecher. Ayla Yeginer studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften und ist seit der Spielzeit 2020/2021 Hausregisseurin am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. Rune Jürgensen studierte Schauspiel im Hamburger Studio Frese und ist als Theater- und Filmschauspieler aktiv. Die weiteren Mitglieder: Marvin Müller studierte Literatur in London, aktuell Dramaturgie an der HfMT Hamburg. Henrik Schimkus ist freier Musiker und Sounddesigner.

Info

Das autoritäre Zeitalter des Megazorns von Sexy Theater Menschen soll am 8. Dezember im Ernst Deutsch Theater Hamburg laufen. Die Fortsetzung, Megazorn 2 Psychological Warfare, ist für den 30. Januar 2021 angekündigt

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06:00 06.12.2020

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