Das entfesselte Schwert

Syrien/Irak In den IS-Ausbildungslagern werden Rekruten zu Fanatikern umerzogen – mittels einer obskuren Auslegung des Islams

Hamid Ghannams erster Tag im Camp des Islamischen Staats (IS) war eindrucksvoll. Früh am Morgen des 13. August nahm er seine gepackten Sachen und lief zur Hauptstraße seines Dorfs, um dort zwei seiner Cousins zu treffen. Seinen Eltern hatte er nichts von seinem Aufbruch gesagt.

Ein weißer Kleinbus brachte die jungen Männer zu einem IS-Lager beim Ölfeld Omar in der Nähe der Stadt Deir ez-Zor in Ostsyrien, wo sie die nächsten Wochen verbringen sollten. Am Steuer des Busses saß der Werber, ein entfernter Verwandter Hamids, der schon acht andere aus dem Dorf für das Ausbildungslager gewonnen hatte. Beim Ölfeld angekommen, sprach er einige Minuten mit einem IS-Mann, um sich dann zu verabschieden. „Haltet unsere Köpfe hoch“, rief er den drei Cousins zu, ehe er davon fuhr. Ein anderer IS-Mann hieß die Rekruten willkommen und bat sie, sich auf den Scharia-Unterricht vorzubereiten. „Du musst sehr geduldig sein“, erzählt Hamid. „Als Erstes prüfen sie dich, stellen dir Fragen zur Religion und reden über alles Mögliche mit dir. Sie sprechen über das Assad-Regime oder die Freie Syrische Armee, die sie eine falsch gepolte Truppe nennen. Anfangs ist es ziemlich anstrengend.“

Der Trainingsplan

Wenig ist darüber bekannt, was in den IS-Lagern auf syrischem und irakischem Boden geschieht, und besonders was die religiöse Komponente betrifft. Die Ideologie der Terrormiliz gilt als weithin identisch mit der von al Qaida oder der des saudischen Salafismus. Bisher hat sich kaum jemand der Mühe unterzogen, diese Ideologie genauer zu untersuchen. Damit wird die Bedeutung der religiösen Infiltration bei der Rekrutierung von IS-Kämpfern unterschätzt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Politiker diese Ideologie oft verzerrt darstellen, um dadurch die IS-Propaganda zu entlarven. Nicht zuletzt deshalb herrscht ein falsches Verständnis von der Anziehungskraft der Dschihadisten. Sowohl Generalmajor Michael Nagata, Kommandeur der US-Spezialeinheiten Nahost, als auch General John R. Allen, Barack Obamas Sonderbeauftragter für die „Allianz gegen den Islamischen Staat“ sagen übereinstimmend, die IS-Ideologie sei nicht hinreichend bekannt. Doch werde sich die Organisation nicht ohne ideologische Delegitimierung besiegen lassen.

Welche Geschichten bekommen die Rekruten in den Ausbildungslagern zu hören, damit sie derart zu fanatisiert werden? Und noch wichtiger: Zieht die Ideologie selbst neue Kämpfer an, oder dient sie nur dazu, bereits Angeworbene zu halten?

Hassan Hassan forscht am Delma Institute in Abu Dhabi. Zusammen mit Michael Weiss hat er das Buch Inside the Army of Terror geschrieben, das am 17. Februar bei Regan Arts, New York, erscheint

Übersetzung: Michael Ebmeyer

Bei Interviews mit IS-Mitgliedern, die der US-amerikanische Journalist Michael Weiss und ich geführt haben, ließ sich ein halbes Dutzend Kategorien von IS-Anhängern unterscheiden. Vielfach hing die Zuordnung von den Faktoren ab, die zur Gefolgschaft geführt hatten. Für mindestens zwei dieser Kategorien war die Religion das Hauptmotiv. Es handelte sich zum einen um langjährige Takfiri, radikale Sunniten, die andere Muslime als Ungläubige betrachten, zum anderen um junge Fanatiker, für die der IS an sich das Erstrebenswerte darstellt. Beide Gruppen bilden den Kern der IS-Identität und sichern deren Widerstandskraft. So viel steht fest, die religiöse Ideologie macht tatsächlich die Hauptattraktion des IS jenseits der Kampfzonen aus.

Dabei unterscheidet sich das Scharia-Training je nach Mitglied und hängt davon ab, wie die jeweilige IS-Filiale dessen Wert und Loyalität einschätzt. So variiert die Dauer der Ausbildung für Rekruten zwischen zwei Wochen, 45 Tagen und sechs Monaten bis hin zu einem Jahr. In den Lagern wird den Schülern ein Gemisch aus militärischer, politischer und Scharia-Anleitung zuteil, wofür in der Regel fünf Lehrer zuständig sind. Manchmal werden Zöglinge während des Trainings zu Außenposten geschickt, nicht jedoch an die Front. Nach Abschluss der Ausbildung bleiben sie unter Beobachtung und können ausgestoßen oder bestraft werden, falls Regelverstöße vorkommen. Wer Zweifel äußert, muss mit Peitschenhieben rechnen. Manchmal werden neue Kämpfer, die sich mit der Brutalität der IS-Aktionen schwer tun, für ein Zusatztraining zurückgeschickt, um ihren Glauben zu „stärken“.

Abu Moussa, Geistlicher in IS-Diensten, der aus Aleppo stammt, erklärt: „Die Rekruten müssen sich von säkularen Ideen reinigen. Dabei dürfen Fatwas nur von Geistlichen ausgesprochen werden. Ohne eine Fatwa darf niemand töten, außer auf dem Schlachtfeld. Man studiert außerdem Arabisch und lernt, Hocharabisch zu sprechen.“

Die Lehrer

Lehrer wie Abu Moussa – beim IS „Scharii“ genannt – sind oft akademisch gebildet und schon lange in der Organisation aktiv. Hinzu kommen junge, erst kürzlich geworbene Kleriker, um den Bedarf an Imamen zu decken. In jeder Stadt, die an den IS fällt, sind zuweilen 20 Moscheen neu zu besetzen. In Ostsyrien und im Westirak, wo viele Gebetshäuser zuvor von Sufis aus dem Naqschbandi-Orden geführt wurden, stehen nun Imame mit geringer religiöser Bildung auf der Kanzel. Mitunter setzt der IS auch einheimische Imame ein, um gemäß einer Strategie des „Teile und herrsche“ die Bewohner gegeneinander aufzubringen. Ob alt eingesessen oder neu eingesetzt, jeder Imam ist angehalten, über drei Grundphilosophien zu predigen, die von allen salafistischen und dschihadistischen Gruppen geteilt, vom IS aber in eigener Weise ausgelegt werden: Tawhid (strenger Monotheismus), Bidaa (Abweichung in religiösen Fragen) und Wala Wal Baraa (Treue zum Islam und Abkehr von allem Unislamischen).

„Die Leute sagen, al-Dawla würde Muslime exkommunizieren“, sagt Abu Moussa [al-Dawla – Staat – steht für den IS]. „Aber das tun wir nicht. Wir verbreiten unsere Lehre durch die Bekehrung und das Schwert. Die Grundlagen dieser Religion sind ein Buch, das anleitet, und ein Schwert, das den Sieg bringt. Deshalb gilt, wer sich gegen die Lehre des Propheten stellt, den erwartet nichts als das Schwert. So wie der Prophet die Lehre über die Welt verbreitet hat, tun wir es ihm nach. Als al-Dawla begann, die Freie Syrische Armee zu bekämpfen, waren viele dagegen. Sie hielten die vorgebrachten Beschuldigungen für falsch. Nach und nach wurde klar, dass die Vorwürfe doch stimmten. Der Prophet sagt: ‚Ich habe Siege mit Mitteln des Schreckens erlangt‘. Enthauptung und Kreuzigung, das alles steht im Koran und in der Sunna. In unseren Videos sehen Sie den Satz ‚Geh mit ihnen so um, dass die hinter ihnen Angst bekommen‘, und dieser Vers spricht für sich selbst.“

Bei der Indoktrinierung neuer Mitglieder vertraut der IS ganz auf Texte der Scharia, während erfahrene und hochrangige Mitglieder auch auf das Dschihad-Handbuch Die Verwaltung der Barbarei zurückgreifen, dessen Autor sich Abu Bakr Naji nennt. Man müsse, schreibt er, zwischen dem Dschihad und anderen religiösen Grundsätzen insofern unterscheiden, als es bei Ersterem nicht um Barmherzigkeit gehe, sondern um die Gewalt der Vergeltung, deren Ziel es sei, Feinde abzuschrecken.

Von seinem Selbstverständnis her sieht sich der IS als Sachwalter des wahren Islams und nicht als neue Strömung mit eigenen Lehren. Der „Mainstream“-Islam wird hingegen als „Erfindung“ der zurückliegenden Jahrzehnte abgetan. Um diesen „falschen Islam“ zu verwerfen, gräbt der IS tief in der Scharia wie der islamischen Geschichte und sucht nach abseitigen Lehren, die dann aufgebauscht werden. So wird den Rekruten der Eindruck vermittelt, Adressat eines reinen und wahren Islams zu sein.

Das System

Ein Beispiel für dieses Vorgehen ist die Strafe für Homosexualität. Zuletzt hat der IS als schwul bezichtigte Männer von Hochhausdächern werfen lassen. Diese Hinrichtungsart ist selbst in Ländern mit brutaler Scharia-Auslegung wie Saudi-Arabien unbekannt. Anders als die Steinigungen und Kreuzigungen riefen die Hochhausmorde außerhalb des IS keine Kritik an der Scharia hervor, weil der Sturz in die Tiefe nicht als Scharia-Strafe begriffen wurde. Gerade das Obskure an dieser Tötungsmethode macht sie für den IS so reizvoll. Sie soll nicht nur Schrecken verbreiten, sondern auch Fragen provozieren, zum Beispiel, weshalb die „Mainstream“-Geistlichkeit die entsprechenden Teile der Lehre angeblich verschweigt. Viele IS-Mitglieder betonen, sie seien von solchen kaum bekannten Textstellen fasziniert – und davon, dass der IS den Islam in solcher Klarheit verkörpere. Ein Mann namens Mothanna Abdulsattar schwärmt gar vom „Intellektualismus“ des IS – „von der Art, wie er die Religion verbreitet und das Unrecht bekämpft“.

Meist sind Rekruten schon Wochen vor der formellen Anwerbung durch Gespräche oder Predigten von der IS-Ideologie verführt worden. In den Ausbildungscamps nutzt die Organisation dann obskure Textstellen, um ihr eigenes Narrativ zusammenzubauen.

Es geht dabei immer wieder um Einzelereignisse, von denen in den heiligen Schriften die Rede ist, die von muslimischen Geistlichen normalerweise nicht als exemplarisch betrachtet werden. Der IS aber erhebt diese Sonderfälle in den Rang von Konzepten und verwendet sie, um Kämpfer zu bestärken, die sich mit Enthauptungen schwer tun. Deren Befürchtung, dass solche Handlungen unislamisch seien, wird dann die Geschichte von Mohammeds Heerführer Khaled bin al-Walid entgegengehalten, der nach der Schlacht von Ullais Hunderte von Kriegsgefangenen auf diese Weise tötete. Dies scheint zwar der islamischen Lehre zu widersprechen, doch der Heerführer hatte Gott geschworen, er werde die persische Armee in einen Fluss aus Blut verwandeln, sollte ihm der Sieg gelingen. Als es nach der Schlacht nicht genug gefallene Perser gab, um dem Versprechen gerecht zu werden, tötete man die Gefangenen. Die IS-Ideologen verweisen darauf, dass der Prophet Khaled bin al-Walid als das „entfesselte Schwert Gottes“ bezeichnet und Abu Bakr, der erste muslimische Kalif, ihn für diese gewonnene Schlacht gepriesen habe. Wenn also der IS Gefangene durch das Schwert töten lässt, wird das mit dem Vorbild al-Walids gerechtfertigt.

Nach dieser Indoktrination, die von den meisten muslimischen Geistlichen gemieden wird, gehen die Neulinge aus dem Ausbildungslager mit dem Gefühl hervor, sie hätten die wahre Botschaft des Islams erfahren. Rekruten wie Ghannam und seine Cousins werden – neben dem militärischen Training – mit theologischen Argumenten bewaffnet und in der Überzeugung in den Krieg ziehen, dass andere Muslime zumindest eine Mitschuld an der Unterdrückung des wahren Islams tragen.

06:00 25.03.2015

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