Das enthauptete Gymnasium

Turboabitur Die Gymnasialzeit wurde erst rabiat verkürzt, nun soll das amputierte Jahr wieder angeflickt werden. Was bedeutet das für die wichtigste deutsche Schule?
Das enthauptete Gymnasium
Hoch, durchkehren, runter – und wieder von vorne

Bild: Sean Gallup/Getty Images

Jetzt also auch Nordrhein-Westfalen. Und Schleswig-Holstein. Das verkürzte achtjährige Gymnasium G8 soll dort abgeschafft werden. Künftig werden wieder neun Jahre abzuleisten sein. Das bedeutet, das Abitur nach acht Jahren stirbt einen qualvollen Tod. Allerdings nur im Westen der Republik. Und eigentlich nur bei Eltern und ängstlichen Politikern. Im Osten und in vielen Gymnasien im Westen schütteln Schüler, Lehrer und Bildungsforscher mit dem Kopf. Sie wundern sich und sind entsetzt darüber, wie chaotisch die Politik in ihren Lebensbereich eingreift.

Aus dem Hin und Her um das Turbo-Gymnasium kann man viel lernen – über Kultusminister und Ministerpräsidenten, über hysterische Eltern und wie faktenfrei sie Bildungsdebatten führen. Über das Gymnasium selbst, das Lernen und seine Zukunft kann man in der Diskussion nur wenig erfahren. Denn um die – immer noch – bedeutendste deutsche Schule ging es in all´ den inzwischen 15 Jahren des Reform-Gezerres gar nicht. Obwohl doch alle behaupten, wie sehr ihnen die altehrwürdige Eliteanstalt und das Wohl der Kinder am Herzen lägen. Wenn das stimmen würde, wieso haben sie sich dann nicht viel früher eingeschaltet?

Stoibers Alleingang

Weil Edmund Stoiber sie in einer Nacht- und Nebelaktion überraschte. Stoiber setzte – nachdem das kleine Saarland vorangegangen war – das Turbo-Gymnasium im Jahr 2003 praktisch im Alleingang durch. Er entzog seiner Kultusministerin Monika Hohlmeier den Fall und schnitt dem Gymnasium ein Jahr ab, ohne pädagogische Überlegungen anzustellen. „Der Ministerpräsident Edmund Stoiber und ich haben uns sehr gestritten, denn es ging mir zu schnell", erinnerte sich Hohlmeier später. Andere Bundesländer im Westen folgten dem Bildungs-Leitwolf Bayern, im Osten gab es das G8 schon lange und beschwerdefrei. Tatsächlich aber wurde damals nicht etwa ein Gymnasium erschaffen, „wie es das in Deutschland in dieser Qualität noch nicht gibt" (Stoiber). In Wahrheit enthauptete und ruinierte Bayerns Ministerpräsident das Gymnasium. (Dazu gleich mehr.)

Anlass für die Verkürzung war damals der internationale Vergleich, das – vermeintlich – zu hohe Alter der Absolventen und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Das Problem der Reform: zunächst wurde die Verkürzung exekutiert, danach folgte ihre pädagogische Nachbearbeitung. Erst nach und nach wurden die Lehrpläne der Gymnasien so entlastet, dass das G8 für Schüler überhaupt leistbar war.

Gedemütigter Kultusminister

Das aber kam zu spät, denn inzwischen – tatsächlich dauerte es ziemlich lange – hatten sich Eltern zu Wutbürgern entwickelt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die notorisch unsicheren und kompasslosen Kultusminister auf sie hören würden – um die Reform wieder zurück zu drehen. Am brutalsten geschah dies erneut in Bayern: dort machte Ministerpräsident Horst Seehofer den Stoiber, nur andersherum. Er entmachtete, ja demütigte seinen Kultusminister Anfang des Jahres und setzte dem Gymnasium den Kopf wieder auf. Allerdings war es gar nicht die 13. Klasse, die man abgetrennt hatte und ab 2018 wieder anstückeln will; so mechanisch funktioniert die berühmte Entrümpelung von Lehrplänen nicht. Die Hin- und Zurück-Reform ist in der Realität viel komplizierter, man könnte im übertragenen Sinne sagen: Bald sitzt der Kopf auf dem Gymnasium zwar wieder drauf, nur irgendwie anders und schief.

Der Blöde ist immer der Regierende, der am inzwischen fest verankerten achtjährigen Gymnasium festhalten will.

Pädagogische Fragen waren bei der Gymnasialamputation und -retransplantation stets herzlich egal. Das kann man gut an den Akteuren erkennen. Fachleute beteiligen sich an der öffentlichen Debatte wenig und wenn, dann finden sie kein Gehör. Das große Wort führen Politiker, die das Gymnasium und das G8 benutzen, um sich bekannt zu machen; um den jeweiligen politischen Gegner, der grad an der Regierung ist, mit dem Thema zu jagen. Der Blöde ist immer der Regierende, der am inzwischen fest verankerten achtjährigen Gymnasium festhalten will. Der Angreifer ist dann zum Beispiel der Sozialdemokrat Stephan Weil, der mit der Wiedereinführung des G9 in Niedersachsen Wahlkampf machte – und gewann. Oder der CDU-Mann Daniel Günther aus Schleswig-Holstein, der das selbe tat – und gewann; nur halt gegen den SPD-Mann Torsten Albig. Oder Christian Lindner (FDP), der damit in NRW die Grünen und Sylvia Löhrmann nieder rang. Anything goes, egal, welche Wahl gerade stattfindet, sie wird zu einer Volksabstimmung über das G8 umgemünzt.

Beutestück Abitur

Gymnasium und Abitur sind so zu einem Beutestück der Politik geworden. Aber nur als Schlagwort, nicht als intellektuelles Konzept, das viel zur Herausbildung der deutschen Nation beigetragen hat. In diesem Land machten die Bürgerlichen keine Revolution, um Monarchie, König und Adel zu stürzen, nein sie schufen sich eine Elitelehranstalt, über die sie selbst in den Geistesadel aufsteigen konnten. Um diese anspruchsvolle wie anspruchsbeladene Gymnasium geht es.

Und hier liegt der wahre Grund, warum Abitur und Gymnasium so heiße Eisen in diesem Land sind. Weil jede Diskussion darüber das Privileg jenes gehobenen Bürgertums angreift, für das die Gymnasien stets als Nachwuchs-Veredelungsorte reserviert waren. Eine Art Privatschule in der staatlichen Schullandschaft, vorbehalten für Beamtenkinder, Kaufleute-Nachwuchs, Lehrersfamilien usw. Das einfache Volk ging in die Volks-, später Hauptschule, wo es eigentlich nur lesen und schreiben und beten lernte, die Angestelltenkinder besuchten die Realschule, wo sie in Buchführung und Technik unterwiesen wurden. Das Gymnasium aber war stets der Ort des sokratischen Dialogs, an dem nur verstandesbegabte Kinder teilnehmen konnten. Diese Rolle hat das Gymnasium in den Köpfen der Bürgerlichen etwa aus den Feuilletons von SZ und FAZ immer noch.

60 Prozent mit Hochschulreife

Von den Zahlen her ist das natürlich Quatsch. Denn das Gymnasium beherbergt heute 40 bis – in manchen reichen Stadtteilen – 80 Prozent des Jahrgangs. Die Abiturrate in Deutschland liegt ganz offiziell bei knapp 60 Prozent. Überall, sogar bei Sozialdemokraten, wird inzwischen darüber geklagt, dass heutzutage fast jeder das Abi mache und die Reifeprüfung so wahnsinnig leicht und wertlos geworden sei. Diese Entwicklung ist zunächst mal ganz logisch: öffnet man den Zugang zum Gymnasium – was einer demokratischen Gesellschaft und dem Weltmarkt gut ansteht – für breite Schichten, dann muss man es zwangsläufig auch leichter, mindestens anders machen als sokratisch, humanistisch usw. Würde man das nicht tun, dann produzierte man massenhaft Bildungsverlierer und gedemütigte Bürgerkinder. Das würde die Schüler kaputt machen und die Eltern noch wütender.

Das Bürgertum protestiert gegen das Acht-Jahres-Gymnasium G8, weil es das Privileg auf eine für sie reservierte Eliteanstalt konterkariert.

Der Kreis schließt sich: Angeführt wird der G8-Protest zwar von beflissenen Großbürgern, die eine Bonsaisierung ihrer Hausschule nicht zulassen wollen. Politisch brisant wird die Rebellion gegen das G8 durch das neu in die Gymnasien eingewanderte untere und mittlere Bürgertum – denn seine Kinder können nicht mithalten, wenn die Lerngeschwindigkeit zum Abitur zu hoch wird. Deswegen opponieren sie.

Das kann man verstehen.

Dass ihr geliebtes Gymnasium und das, ach! so wichtige Abitur am Ende auf der Strecke bleiben werden, verstehen diese Bürger noch nicht. Amputiert, wieder angestückelt, aufgefüllt und totgetrampelt, runter- und raufgequatscht – das Gymnasium ist tot, es wird am Ende eine stinknormale Schule geworden sein!

Und das ist, Ironie einer ganz anders gedachten Reform, auch gut so. Denn das 1812 in Preußen offiziell als elitärer Bildungsgang eingeführte humanistische Gymnasium, es hat im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr.

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17:19 21.05.2017

Ausgabe 48/2020

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