Das Entschlüsseln lohnt sich

Poesie Mit „Aus Waben“ ist nicht die Deko der legendären Quizsendung „Dalli Dalli“ gemeint, sondern das aufregende Debüt des Lyrikers Tobias Roth
Beate Tröger | Ausgabe 30/2013 2
Das Entschlüsseln lohnt sich

Foto: WOJTEK RADWANSKI/ AFP/ Getty Images

In diesem Frühjahr erhielt der 1985 in München geborene Tobias Roth einen der beiden Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise und damit einen der wichtigsten Preise für deutschsprachige Nachwuchslyrik. Aus Waben versammelt nun einige der preiswürdigen Gedichte. „Aus Waben“ – damit ist eine spezifische Vorstellung von Sprache und Dichtung verbunden: „Immer sind da / Die Bienen / Und tragen / Zusammen“, heißt es im Gedicht „Honigraum“. Es braucht Fleiß, Geduld und Zeit, bis Waben sich ganz gefüllt haben, man aus ihnen Honig schleudern kann. Anders gesagt: Roths Schreiben speist sich aus einem starken Interesse an der abendländischen Kulturgeschichte und ihren Vermittlungsformen.

Der junge Autor erscheint als poeta doctus, vertraut mit der griechischen und römischen Mythologie, bewandert in der abendländischen Dichtungs- und Musiktradition und der bildenden Kunst. Verbunden mit dem Gebrauch von Fachterminologie, etwa dem „Tragopan“ – ein Hühnervogel aus dem Himalaya – oder der „Lemniskate“ – eine schleifenförmige, geometrische Kurve –, wird dem Leser eine harte Entschlüsselungsarbeit abgefordert. Einige der Gedichte neigen ins Professorale.

Doch aus Roths intensiver Beschäftigung mit der abendländischen Kunst- und Kulturgeschichte entstehen auch höchst eindrückliche Gedichte. Zu ihnen zählt „Alexanderschlacht“. Es verweist auf Albrecht Altdorfers gleichnamiges Gemälde von 1529, das in der Alten Pinakothek in München hängt und zu den Gemälden gehört, die man, einmal gesehen, nicht mehr vergisst. Altdorfers Alexanderschlacht zeigt Heerscharen, die vor einem Kriegslager aus weißen Zelten kämpfen. Im Hintergrund erheben sich Städte, darüber wölbt sich ein bewegter, dramatisch ausgeleuchteter Himmel. Ein frühneuzeitliches Wimmelbild, das den Krieg wie ein Naturereignis aussehen lässt, in Roths Worten: „Die Weltlandschaft ist überzogen von großem Schlachten / Einem Pelz von Lanzen. Eine Phantasie / Über Landkarten zerrt am Maßstab, fluchtet im Zorn“.

Eros und Schreiben

Nur elf Verszeilen umfasst dieses Gedicht – das klingt wenig im Vergleich zur Überfülle von Figuren und Details, die Altdorfer auf die Leinwand gebannt hat. Doch Roths Verse fügen dem Gemälde eine kritische Dimension hinzu, indem sie das Blut voraussehen, das der Betrachter des Gemäldes nicht zu Gesicht bekommt: „die Körper versalzen den Boden / Bleiben im Feld, dessen Brot wird weitergegessen“. So ist „Alexanderschlacht“ zugleich eine beeindruckende Würdigung des Gemäldes und eine kluge Aufforderung, es neu zu betrachten.

Aber noch einmal zurück zum Titel: Kultur- und literaturgeschichtlich gehören Biene, Erotik und Schreiben eng zusammen. Sappho schwor der Liebe ab, verlegte sich aufs Dichten und bekannte: „Weder den Honig noch die Biene begehre ich“. Bienen- und Honiggedichte von Emily Dickinson, Sylvia Plath oder Ted Hughes ziehen solche Verbindungslinien, ebenso Monika Rincks jüngster Gedichtband Honigprotokolle. Auch bei Roth sind Biene, Erotik und Schreiben eng verbunden, etwa in dem spielerisch-bukolischen „Hunderttausend Milliarden Nymphen“, einem Gedicht, in dem die Luft zu Honig wird, es vor Bienen nur so schwirrt und die Worte des sprechenden Ichs den Bienen zum Baumaterial ihrer Waben werden. Komik, wie sie in dieser Titelzeile anklingt, spielt übrigens in Roths Versen ebenfalls eine wohltuende Rolle, wenn der ehrfürchtige Blick auf die dichterische Tradition einem amüsierten den Vortritt lässt: „Diverse Wunderhörner stehen schon auf dieser Weide.“

Aus Waben. Gedichte Tobias Roth Verlagshaus J. Frank 2013, 88 S., 13,90 € Beate Tröger stellte im Freitag zuletzt Lyrik aus Südafrika vor

06:00 08.08.2013
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