Das Erbe der Allochthonen

Hypnose In Hafid Bouazzas Roman "Paravion"sitzen die Auswanderer auf fliegenden Teppichen

"Es lebe die Entwurzelung! Es lebe die Unbehaustheit! Es lebe die Phantasie!" Mit diesem Credo und viel Phantasie erzählt der aus Marokko stammende 35-jährige Schriftsteller Hafid Bouazza in seinem jüngsten Roman Paravion die Geschichte der Entwurzelung einer Gruppe von Auswanderern aus einem fiktiven Land namens Morea Richtung Norden. Die Verkehrsmittel, die sie dorthin befördern, sind nicht die Boeing 737 oder der Airbus 380, sondern leistungsschwache fliegende Teppiche!

Dass dieser märchenhafte Roman einige autobiographische Züge vorweisen kann, ist nicht zu übersehen. Der Autor Bouazza ist bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Marokko aufgewachsen und wurde dann von seinem Vater, der zur ersten Generation der "Gastarbeiter" in den Niederlanden gehörte, nachgeholt. Bouazza ordnet sich aber nicht in die Kategorie der Migranten-Autoren ein, die sich nach der Ermordung des Regisseurs Theo van Gogh 2004 in den Niederlanden sehr gut verkaufen und als Synonym für die Multikulturalität der niederländischen Gesellschaft präsentiert werden. "Es gibt jetzt zum Beispiel mehrere Dichter und Schriftsteller marokkanischer, palästinensischer und iranischer Herkunft, die völlig akzeptiert sind. Sie schreiben niederländisch, bekommen Preise für ihre Bücher", betont der bekannteste Schriftsteller dieses Landes Cees Nooteboom.

Bouazza erhielt 1996 tatsächlich einen von diesen Preisen. Für sein erfolgreiches Debüt De voeten van Abdullah wurde er mit dem E. du Perron Preis ausgezeichnet, der an Personen oder Gruppen verliehen wird, die sich auf kulturellem Gebiet um ein gutes Verhältnis der verschiedenen in den Niederlanden wohnenden Bevölkerungsgruppen verdient gemacht haben. In diesem Erzählband schildert Hafid Bouazza das Leben der einfachen Menschen in einem marokkanischen Dorf. Der Schauplatz in Bouazzas zweitem Buch, Momo, verwandelt sich in ein holländisches Kaff am Rande eines Kanals mit einer Mühle und einem farblosen Zentrum. Das hatte für manche Feuilletonisten gereicht, um ihm das Image eines Pendlers "zwischen zwei Kulturen" zu verleihen, der zwischen zwei Stühlen sitzt und vor allem darunter leidet, obwohl Bouazza selbst dies abstreitet und absolut nicht als multikulturelles Sprachrohr oder als Stimme "der zweiten Generation der Allochthonen" bezeichnet werden möchte. Er sei nur Schriftsteller und wolle auch als solcher anerkannt werden.

Nichtsdestotrotz geht es in seinem jüngsten Roman Paravion auch in einer fantastischen Art und Weise um das Auswandern und das Ankommen zwischen den Kulturen. Die Hauptfigur der Geschichte, der arbeitsame Baba Baluk, muss sein Land verlassen, weil der Mangel an Lebensmitteln in seinem Dorf immer bedrängender wird und das Wetter kaum Anlass zur Vermutung gibt, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte. In Paravion ist dagegen das Wetter immer "schön" und auf ihn warten auch fruchtbare und arbeitsreiche Zeiten. Baba Baluk und seine Frau, Mamurra sind außerdem keine beliebten Nachbarn in der Dorfgemeinde. Die meist farbigen Dorfbewohner begegnen ihnen mit Argwohn. Schuld daran sind besonders die unbekannte Herkunft Mamurras, ihre beneidenswerte weiße Haut und ihre Beziehung zu den Zwillingen Cheira und Heira, die die Dörfler für Hexen halten.

Baba Baluk beabsichtigt, wie fast alle Arbeitsmigranten, nach einigen Jahren zurückzukehren. Dann würde er seine Frau mit Kleidern und Geschenken überhäufen. "Erblühen und erglühen würde sie vor lauter Gold wie ein Zitronenbaum". Er bleibt aber, wie fast alle Migranten, länger als "ein paar Jahre" in Paravion und wird schließlich für Mamurra als unauffindbar gelten. Das Schicksal Baba Baluks als geduldeter Einwanderer ist für Seinesgleichen in diesem fremden Land exemplarisch. Sie machen gemeinsam die Erfahrung, dass ihre Existenz auf nichts Festem und Zuverlässigem gründet, dass alle ihre Lebensplanungen vergeudet und nichtig sind. Ihnen bleibt nichts anderes als abends ins Teehaus Bar Zach zu gehen, sich dort moreanische Sender anzuschauen und über ihre Träume von Autos und über die Elektrogeräte der Marke Grundig, Mercedes Benz und Golf GTI zu reden. Ihr hartes Leben in der Fremde ist von einer tiefen Wehmut verfinstert. Denn "die Dinge waren einfach anders, als sie es gerne hätten. Sie besaßen keine Autorität, ihre Männlichkeit wurde nicht respektiert, hier zählte das natürliche Übergewicht ihres Geschlechts nichts mehr. Das war nicht gut!"

Diese Erfahrung, zu den "Überflüssigen" zu gehören, prägt das Bild, das sich die Teehäusler von der Welt und sich selber machen. Nur Sex hält die Balance zwischen Unheil und unsicherem Glück. Obwohl auf der Vorderseite des Teehauses das Schild hängt: "Für Frauen verboten", reden die Männer stets über Sex und Frauen oder über ihre sexuellen Erfahrungen mit Frauen. "Die Frauen von Paravion zeigten viel nackte Haut, die Palmsprösslinge ihrer durchsichtigen Gliedmaßen und meist bepunkteten Busen waren appetitlich anzusehen und erfüllten die Besucher des Teehauses mit Geilheit und Ekel gleichermaßen." Es ist das Besondere an diesem radikalen Buch Hafid Bouazzas über kulturelle Unterschiede, dass es dramatisch von Entwurzelung und Niedergang erzählt, diese Themen aber durch drastisch sexuelle Bilder schmälert. So pendeln seine Figuren zwischen Verlorenheit und Sentimentalität.

Bouazza kokettiert zuweilen ganz bewusst mit intellektueller Pornografie und dem Leid an ihr. Er ist ein Meister der Schilderung obszöner Bilder, in denen Frauen als widerlich "billige Nutten" oder stinkende Alkoholikerinnen vorkommen. Nur durch seine faszinierende Sprache hält man die dichte, frauenverachtende Atmosphäre in diesen plastischen Darstellungen aus. Denn er entscheidet doch letztlich den Wettstreit zwischen dem Reiz der Obszönität und dem Charme der Sprache zugunsten des letzteren. Mit der gleichen bezaubernden Stimme singt er auch Lieder über die Verbundenheit von Mensch und Natur: "Die Ziegenglöckchen wecken Baba Baluk und begleiten ihn den Hügel hinab. Die Ziegen grasten und fraßen Kakteen und Olivenblätter. Irgendwo testete eine Grille ihr Morsealphabet, ein Kuckuck zählte eine Ewigkeit von Stunden auf ... Baba Baluk hatte noch den Schlaf in den Gliedern und Lidern und war wie hypnotisiert vom Läuten der Ziegenglöckchen".

Auch Hafid Bouazza kann "hypnotisieren" und zwar mit einer "exotischen und fremdartigen" Sprache, die man etwa in seinem zweiten Roman Momo vorfindet. Momo ist eine Mischung von archaischem Wortschatz und Fragmenten aus anderen Sprachen, gepaart mit den Wortneuschöpfungen. Um diese Vielschichtigkeit zu erreichen, hat er sich lange und intensiv mit vielen historischen Wörterbüchern beschäftigt. Bouazzas Motto könnte auch "Es lebe die Sprache!" lauten. Das macht die Übersetzerin Ira Wilhelm mit ihrer hervorragenden Übertragung auch im Roman Paravion sichtbar.

Hafid Bouazza: Paravion. Roman. Aus dem Niederländischen von Wilhelm Ira. Roman, Klett-Cotta, 218 S., 19,50 EUR


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00:00 21.10.2005

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