Thomas Ahbe
05.11.2004 | 00:00

Das Erbe der Verschmelzung

Staatsfeiernacht Vor 15 Jahren trat die "zweite deutsche Diktatur" unblutig ab. Der 9. November 1989 transportiert die Utopie gewaltloser Verständigung in die Gegenwart

Die Ereignisse in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 sind detailliert rekonstruiert, insbesondere durch die Arbeiten von Hans-Hermann Hertle. Sie lesen sich heute immer noch wie ein spannender Krimi. Das hier in seiner ganzen Fülle nicht darstellbare zufällige Zusammentreffen von verschiedenen Ereignissen führte zu atemberaubenden Konstellationen und schließlich zu einem historischen Wandel: Sowohl zu einer friedlich verlaufenden Machtaufgabe an der Nahtstelle zweier hochgerüsteter und einander feindlicher Militärblöcke, zum anderen zu einer folgenreichen Wendung in der friedlichen Revolution der DDR. Merkwürdig ist, dass dieses Datum dennoch nicht zu einem für die Deutschen ebenso identitätsstiftenden wie auch völkerverbindenden Jubeltag geworden ist.

Am 9. November 1989 saß ein schlecht vorbereiteter Günter Schabowski als SED-Sprecher in der internationalen Pressekonferenz. Ein italienischer Journalist fragte ihn, ob das drei Tage zuvor verkündete Reisegesetz nicht ein Fehler gewesen sei. Das Problem dieses Gesetztes ist, dass es undefinierte "Versagensgründe" und keine Ausstattung der Reisenden mit Devisen vorsieht. Zu Letzterem finden gerade Geheimverhandlungen in Bonn statt. Schabowski verteidigt das Gesetz und erläutert stockend, man wolle das Land so umgestalten, dass sich nicht mehr so viele Menschen zur Ausreise genötigt sähen. Hierzu brauche man allerdings Zeit, im Übrigen sei ja die Situation der DDR-Flüchtlinge in der BRD, in Zelten, Notunterkünften und Arbeitslosigkeit auch problematisch.

Und dann, gewissermaßen um sich Erleichterung zu verschaffen, kündigt er an, dass ja nun auch eine neue Regelung zur ständigen Ausreise aus der DDR gelten würde, womit er einen von ihm bisher ungelesenen Zettel zieht. Darauf steht jedoch nicht das, was Schabowski erwartet hat, er liest hastig, bruchstückhaft, wird nicht verstanden, kann Nachfragen nicht beantworten. "Wann tritt das in Kraft?" - "Das tritt nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich ..." Wenige Minuten später endet die Pressekonferenz, die Journalisten hasten davon.

In der nun anbrechenden Nacht entsteht eine Parallel-Welt. Die Medien berichten über eine Wirklichkeit, die zum Zeitpunkt des "Berichts" nicht besteht. Und erst die "Zuschauer", die an dieser vermeintlichen Wirklichkeit teilnehmen wollen, führen schließlich diese Realität herbei. Schabowskis undeutliche Äußerungen werden von westlichen Medien zugespitzt. AP und DPA sprechen in der ersten Stunde nach der Pressekonferenz davon, dass die Grenze offen "ist", der RIAS erklärt 20:16 Uhr die Grenze für "geöffnet", der Reporter der Tagesschau berichtet "auch die Mauer soll über Nacht durchlässig werden." Daraufhin beginnen sich an den Berliner Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Sonnenallee die Menschen zu sammeln. Die Diensttuenden sind nicht informiert - und die nächst höheren Ebenen auch nicht. Denn in der immer noch laufenden ZK-Tagung ist man weder über Schabowskis Äußerung auf der Pressekonferenz noch über die aktuelle Fernsehberichterstattung im Bilde. Um 21 Uhr haben sich an der Bornholmer Straße knapp 1.000 Menschen versammelt, die lautstark fordern, wovon ihnen die Medien "berichtet" hatten: Die Öffnung des Übergangs. Der Chef der für die Grenze zuständigen Stasi-Hauptabteilungen weist nach einer eindringlichen Lageschilderung eine perfide "Ventillösung" an: "Die am aufsässigsten sind ... und die provokativ in Erscheinung treten" werden mit einer die Wiedereinreise nach Ost-Berlin ausschließenden Stempelung im Pass nach West-Berlin gelassen.

Inzwischen vermelden die Tagesthemen "Die Tore in der Mauer stehen weit offen." In einer Liveschaltung ist der wie üblich geschlossene Grenzübergang Invalidenstraße zu sehen und wird zum Ausnahmefall umgedeutet: "Hier ... haben die Grenzpolizisten offenbar diese Weisung noch nicht bekommen, oder sie haben sie noch nicht verstanden." Berichte über die - de facto an der Bornholmer Straße Ausgewiesenen - Ost-Berliner dienen als Beleg für die Grenzöffnung: "An sehr vielen Grenzübergängen, nicht nur in der Bornholmer Straße - wir haben es auch gehört von der Sonnenallee und vom Ausländerübergang Checkpoint Charlie - ist es offenbar bereits möglich ... völlig komplikationslos nach West-Berlin zu kommen." Nach den Tagesthemen beginnt von beiden Seiten der Ansturm auf die Grenzübergänge, an der Bornholmer Straße stehen zwischen 20.000 und 30.000 Menschen. Auf der einen Seite drücken die Ost-Berliner gegen die Grenzsicherungszäune, auf der anderen Seite warten die West-Berliner und die Kamerateams mit ihren Scheinwerfern. Die verantwortlichen Stasi-Generäle am Telefon sagen: "Macht auf, es bleibt euch gar nichts anderes übrig." Gegen 23 Uhr 30 gibt der diensthabende Oberstleutnant Edwin Görlitz von der Passkontrolleinheit den Befehl: "Wir fluten jetzt!"

Bis Mitternacht gab man auch an den übrigen Grenzübergängen um Westberlin und an einigen innerdeutschen Übergängen dem Druck der Menschen nach. Eine Kontrolle über den beiderseitigen Reiseverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten erlangten die DDR-Behörden nicht mehr. Die Revolution in der DDR wurde nun zur Angelegenheit der Macher in Ost und West und verlor damit ihre politische Autarkie. Den größten Teil der Bevölkerung bekümmerte das wenig. Viele ergriffen die Gelegenheit, ihre Probleme individuell und nach ihren Vorstellungen zu lösen: durch die Abwanderung. Von der Maueröffnung bis zur Märzwahl 1990 gingen 300.000 Menschen in die Bundesrepublik, im Jahr 1990 eine halbe Million. Für andere Gruppen brach nach der Maueröffnung allmählich ein kurzes Jahr der Freiheit und der Anarchie an: Dauererregung, Kreativität, Selbstfindung, Lernen, symbolische Politik - während im Hintergrund lautlos, routiniert und effizient die neuen Endgültigkeiten fixiert wurden.

Bei der nach einem Jahr folgenden Privatisierung des DDR-Volksvermögens kamen die Ex-DDR-Bürger, ganz gleich ob sie in den alten oder neuen Ländern wohnten, schlechter weg, als die wohlhabenden Mittelschichten des Westens. Denn schneller und nachhaltiger als ihre ehemaligen Bürger ging das Vermögen der DDR nach 1990 in den Westen. Es kam zu einer Vermögensumverteilung aus dem öffentlichen in den privaten Bereich sowie von Osten nach Westen. Schon bei der Währungsunion hatten die Ostdeutschen einen Umtauschverlust von 62 Milliarden D-Mark hinzunehmen, das entsprach einem knappen Drittel ihres Finanzvermögens. Viel hat sich seitdem nicht geändert. Im Jahr 1991 betrug das durchschnittliche Geldvermögen der ostdeutschen Privathaushalte nur 21 Prozent des durchschnittlichen Geldvermögens der Privathaushalte in den alten Ländern, im Jahr 1996 waren es 33 Prozent. Die von 1991 bis 1996 jährlich ausgeschütteten 30 Milliarden D-Mark Sonderabschreibungen zum Aufbau in den Neuen Bundesländern kamen größtenteils den Anlegern in den alten Bundesländern zugute und fehlen heute der öffentlichen Hand.

Geht man nach dem Verkehrswert des Grundbesitzes im vereinigten Deutschland, so befinden sich nun 94 Prozent des deutschen Grundbesitzes in westdeutscher Hand. Als das Institut für Wirtschaftsforschung Halle 1997 in einer aufwändigen Studie analysierte, wer im ostdeutschen produzierenden Gewerbe die entscheidenden Anteilseigner auf der ersten und zweiten Ebene sind, kam man zu dem Ergebnis, dass 71,9 Prozent der entscheidenden Anteilseigner westdeutsche Eigentümer sind und 9,7 Prozent ausländische Anteilseigner. Ostdeutsche Kapitalbesitzer besaßen 9,7 Prozent des Kapitals und 7,0 Prozent waren öffentliches Eigentum. Die vom Westen aus genervt angemahnte Eigeninitiative der Ostdeutschen kann man unter diesen Bedingungen lediglich als Würstchenverkäufer und Toilettenpächter zeigen, doch die Zukunft Aufschwung Ost wird nun im Westen bestimmt.

Der 9. November war also weder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft noch einer glänzenden gemeinsamen Aufstiegsgeschichte. Zwar hat nahezu jeder durch die Maueröffnung mehr gewonnen als verloren, aber die Gewinne verteilten sich in den Jahren danach sehr ungleichmäßig. Was also sollten die Deutschen da gemeinsam feiern? - Sie sollten die Nacht des 9. Novembers 1989 feiern, als alle auf ihre Weise Sieger waren. Denn es hätte auch zu einem Massaker oder einen Bürgerkrieg kommen können. Doch der Machtapparat, der punktuell - zuletzt am 7./8. Oktober - zu staatsterroristischen Überreaktionen neigte, ging unblutig in seinen Untergang.

Die so genannte "zweite deutsche Diktatur" riss Ostdeutschland nicht in den kollektiven (Selbst)Mord eines Endkampfes. Die Erinnerung daran hat der 9. November transportiert, und damit einen utopischen Funken der Gewaltlosigkeit und der Verständigung. Was Wochen zuvor in Leipzig an beiderseitig akzeptablen Ergebnissen gebracht hatte, wurde in Berlin zum Finale geführt. Man nannte das damals "Sicherheitspartnerschaft" und meinte den kooperativen Abbau der Unsicherheit und Spannung, die entsteht, wenn ein zwar noch mit Zerstörungskraft ausgestatteter Machtapparat die Macht inzwischen verloren hat. Diese kooperative Zivilisiertheit ist die Mitgift der Ostdeutschen in die vereinigte Bundesrepublik.

Mit Blick auf die Nacht vom 9. November könnten sich die für gewöhnlich unvereinbaren "Sieger- und Verlierergedächtnisse" kognitiv und affektiv berühren. Wenn es wirklich einen gemeinsamen deutschen Feiertag, der niemanden ausschließt, geben soll, dann ist es dieser. Er hat - und ist insofern für traditionelle deutsche Gemüter vielleicht ungeeignet - nichts Heroisches und Triumphalistisches, sondern ein erlösendes dionysisches Moment der Verschmelzung des Getrennten. Damals, als der Grenzübergang Bornholmer Straße von Menschen überflutet war, machte sich ein Oberstleutnant der Grenztruppen auf den Weg zu seiner Mannschaft, mit flauem Gefühl, "denn die Stellung der Grenzsoldaten innerhalb der Bevölkerung war ja zu diesem Zeitpunkt nicht die beste". Seine Ankunft beschreibt er so: "Das Bild, das sich mir auf der Brücke bot, war überwältigend - und mir fiel ein Stein vom Herzen: Dort stand der Trabant-Kübelwagen unserer Soldaten. Er war voll mit Sekt, mit Schnaps, Blumen, mit Margarine, mit Schmalz, Bier, Büchsen, Flaschen, alles voll, der ganze Trabi voll. Und die Grenzposten standen da, lippenstiftbeschmiert, glücklich, selig, und jeder, der vorbeikam, klopfte ihnen auf die Schulter oder umarmte sie."

Inzwischen will die Bundesregierung den 3. Oktober als Staatsfeiertag abschaffen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Um den 3. Oktober ist es nicht schade, stattdessen sollte man die Nacht vom 9. zum 10. November zur Staatsfeiernacht erklären. Tagsüber wird gearbeitet, abends trifft sich die Hochkultur zu Banketten und Reden - und das Volk zu Feuerwerk und Party.