Das Ethos der Form

Mythen und Marktstrategien Eine Ausstellung über die Deutschen Werkstätten in Hellerau im Frankfurter Architekturmuseum

Die "Zehn Gebote für das deutsche Heim", mit denen der Firmengründer Karl Schmidt seine Produktionsziele umriss, öffnen den Blick für die Werthaltigkeit der Dinge. Das erste Gebot: "Richte dich zweckmäßig ein", könnte auch als Leitmotiv eine lange und erfolgreiche Produktionsgeschichte der Deutschen Werkstätten umschreiben, die über mehrere Generationen die Innenwelten des Wohnraumes der Deutschen bestimmten. Der schöne materialgerechte Furnierstuhl von Erich Menzel (1950/51) fungiert hier als treffsicheres Logo für eine vorausschauende Unternehmerphilosophie.

Der Mythos enthält eine Botschaft, doch was transportiert wird, gilt dem Bedeutungswandel der Formen. "Mythos Hellerau - ein Unternehmen meldet sich zurück", die Ausstellung im Frankfurter Architektur-Museum dokumentiert den ungebrochenen Optimismus einer frühen Moderne, die Formgebung und Reform als eine gesellschaftliche Aufgabe begriff. In der Trinität von Funktion, Gebrauch und Form spürt man doch ein wenig vom Ethos der Form: eine moralische Verantwortung, die heute, im pluralistischen Stilgemisch, befremdlich wirkt.

Architekten, die sich dem Material und der Form verschreiben, verwandeln sich bisweilen in Überzeugungstäter, gefestigt im Glauben, mit ein Mehr an Ästhetik den Kulturanspruch des Wohnens anzuheben. So sind die Werkbiografien traditionsreicher Firmen zugleich auch Bestandsaufnahmen von Wohnstandards und Befindlichkeiten, die gerade in den Abweichungen vorgegebener Wohnprogramme die geheimen Wünsche ihrer Bewohner offen legen. Die Deutschen Werkstätten Hellerau, die das deutsche Innenleben vom Wohnzimmer bis zum Schlafzimmer mit einer Vielzahl von Möbelprogrammen formten, präsentieren sich in den Räumen in Frankfurt als ein Auslaufmodell: Dass es zwischen ästhetischem Anspruch und sozialem Verharren viel Reibungspunkte gibt, das haben die Ausstellungsmacher wohl aus Respekt gegenüber einer traditionsreichen Firma übersehen.

Den hohen Maßstäben der Handwerkskunst, aber auch der breiten Produktionspalette einer über hundert Jahre währenden Firmengeschichte wird die Ausstellung nur punktuell gerecht. Ein aufwendiges Design schmälert die Wirkung der wenigen Unikate, die als Restposten auf eine gesellschaftliche Aufbruchstimmung verweisen. Zudem vermitteln kleine Fotos und Miniaturmodelle nur teilweise den ästhetischen Standard der Produkte. Höchste handwerkliche Qualität und fehlende Sinnlichkeit wirken kontraproduktiv - was Fehlurteile nach sich zieht. Das bewegte Auf und Ab einer deutschen, sehr erfolgreichen Unternehmergeschichte ist in Details steckengeblieben und der Mythos von Helleraus großer Vergangenheit durch die geringe Anschaulichkeit der Objekte verblichen.

Die Utopie des Gründers Karl Schmidt, der die Versöhnung von Handwerk und Technik predigte, für preiswerte Massenprodukte plädierte und zudem überzeugt war, dass mit dem Einsatz von Maschinen auch die soziale Frage des Wohnens gelöst werden könne: An solch einer Utopie hält sich die Erfolgsstory des Unternehmens nicht mehr lange auf. So fällt auch die Antwort auf den entscheidenden Wandel, den Schritt vom Serienmöbel zum Designprodukt, durch die wenigen Exponate eher dürftig aus. Wer mehr wissen will, benutzt den Katalog: Dass der Ausstellung trotz ihrer Schwächen exemplarischer Charakter zukommt, liegt nicht zuletzt an der hohen handwerklichen Qualität des Hellerauer Stammpersonals. Es hat, wie die Museumsdirektorin Ingeborg Flagge im Vorwort zum Katalog vermerkt, maßgeblich deutsche Architektur- und Städtebaugeschichte mitgeschrieben. Mit diesem Rückblick auf die Produktion wird auch die Problematik der gegenwärtigen Wohnkultur deutlich, die die Begriffe "Werthaltigkeit und Materialkenntnis" in die Geschichtsferne der frühen Moderne rückt.

Die ersten Maschinenmöbel bestanden aus typisierten Elementen, waren schwer und massiv, doch einfach zu zerlegen. Der Zwang zur Rationalisierung führte zu einem weiteren Ausbau von Typenmöbelprogrammen, die für das Erscheinungsbild der zwanziger Jahre charakteristisch sind. Werkbund, Bauhaus, Deutsche Werkstätten Hellerau: Die Reformbewegung hatte viele Väter. Fortschrittliche Unternehmen wie die AEG unter Walter Rathenau, aber auch die Architekten des Bauhauses und des Deutschen Werkbundes, sie waren Wegbereiter des Neuen Bauens und wohl ein letzter Versuch, Haus und Wohnen als einen einheitlichen Lebensentwurf zu interpretieren. Diese Einheit durch eine Vielfalt der Gestaltung zu erreichen, ist sowohl formal als auch atmosphärisch in der Beziehung von Wohnraum und Möbel in Hellerau angelegt. Die eigentümliche Geschlossenheit der Räume der frühen zwanziger Jahre, die karge, sparsame Möblierung legt nahe, dass Zweckmäßigkeit und ästhetischer Anspruch sich bedingten. So liegt auch in der Ruhe der Wohnräume ein Lebensgefühl, das sich einer handwerklichen Schönheit noch verpflichtet fühlt; jene Balance aus Ordnung und Freiheit, die aus einer Vertrautheit mit den Dingen rührt, eine Haltung, die dem Wahren und Schönen einen moralischen Wert unterlegt.

Interieurs berichten vom Innenleben, doch Architektenentwürfe und individuelle Lebensentwürfe sind nicht per se identisch. So sind es Abweichungen, mitunter Diskrepanzen, die Räume lebendig halten und die nachhaltiger als die Schöpfer der guten Formen über die ästhetischen Vorlieben ihrer Bewohner berichten. Vergleiche lassen sich auch zum Bauhaus ziehen.

Das Bauhaus, das nach einem einheitlichen Weltbild strebte, suchte die geistigen Werte aus der Vorherrschaft individueller Vorlieben zu befreien. Die körperlose Leichtigkeit der Möbel kam diesen spirituellen Gedanken neutraler Raumkonzepte entgegen. Die Vorstellung von Walter Gropius, "typisierte Grundformen" für die Wohneinrichtungen zu entwickeln, stand dem handwerklichen Verständnis formal ambitionierter Künstlerarchitekten diametral entgegen. Die "absolute Gestalt" passte in ein ideologisch gefärbtes Weltbild radikaler Reformer, die negierten, dass es auch um individuelle ästhetische Bedürfnisse ging.

Auch Helleraus Reformprogramme waren vom Städtebau bis zum Haus ganzheitlich angelegt. Der formbestimmende Einfluss des Unternehmers auf die Möbelproduktion war nicht zuletzt dem künstlerischen und sozialen Engagement Karl Schmidts zu verdanken, der davon überzeugt war, qualitativ hochwertige Möbel kostengünstig vertreiben zu können. Handwerk und Industrie als Verbündete: eine ungewöhnliche Partnerschaft, die an der Utopie sozialer Gerechtigkeit festhielt und die renommierte Architekten mit Möbelentwürfen beauftragte, um so die Qualität vom Haus bis zur Wohnzimmereinrichtung anzuheben.

Der Avantgarde kam das Konzept gelegen. War sie doch überzeugt, mit anspruchsvollen Produkten einen stärkeren Einfluss auf die industrielle Massenanfertigung zu erreichen. Typisierung, Vorfertigung, Fließbandproduktion: Karl Schmidt, gelernter Tischler und Unternehmer in Personalunion, hatte mit dieser Entscheidung die Strategie seines Unternehmens festgelegt, ein Ziel anvisiert, das den Intentionen des Werkbundes, aber auch denen des Bauhauses weitgehend entsprach. Entscheidend jedoch war, dass Schmidts Sachverstand und seine Reformideen bei der Avantgarde der Architekten ein breites Echo fanden. Die Liste berühmter Architekten, die mit ihren zukunftsweisenden Entwürfen den Aufstieg des Unternehmens beschleunigten, erwies sich zudem als eine glänzende Visitenkarte für einen stärkeren Einfluss auf den europäischen Markt. So unterschiedliche Akzente Künstlerpersönlichkeiten wie Peter Behrens, August Endell, Richard Riemerschmid, Bruno Paul, Heinrich Tessenow oder Franz Ehrlich in ihren Entwürfen setzten, für das Profil der Deutschen Werkstätten Hellerau, die aus Materialkenntnis ihrer Mitarbeiter und der Präzision der Verarbeitung ihrer Wertschätzung bezogen, war diese breite Entwurfspalette ein Gewinn und eine Möglichkeit, neue Märkte zu erschließen.

"Sachlichkeit, Sparsamkeit und Klarheit": Der Qualitätsanspruch der Reformer wurde eingelöst. Die "billige Wohnung" von Adolf Schneck 1931 basierte auf einer Fließbandanfertigung mit dem Ziel, Wohntypologien zu verkaufen. Parallel dazu entwickelte 1930 Bruno Paul ein komplettes Wohnungsprogramm, das den Bedürfnissen einer "wachsenden Wohnung" entsprach. Das ausgefeilte Systemmöbel erschien als ein verdecktes Design, das dem Material den zeitgemäßen Zuschnitt lieferte.

Der Erfolg und die Resonanz eines Unternehmens sind auch das Ergebnis seiner visuellen Vermittlung. Die soziale Botschaft dieser Ausstellung hat in einem konkurrierenden Design einen selbstherrlichen Partner gefunden, der dem Mythos der Objekte abträglich ist.

Das Unternehmen, das 1992 von der Treuhand in Privatbesitz überging, muss sich auf einem veränderten Markt neu orientieren. Aber auch die Kundschaft ist eine andere geworden: Banken, Hotels, Flughäfen und Firmen hoffen von der Erfahrung einer traditionsreichen Firma zu profitieren. Die Schwerpunkte der Werkstätten Hellerau sind auf drei Segmente verteilt: Innenausbau, Objektgestaltung und Möbelgestaltung. Die Qualität der ausgeführten Objekte beeindruckt. Die Mythen des Alltags? Sie sind in den alten Objekten archiviert - und heute: Der Blick auf Kunst und Design ist pluralistischer, aber auch anspruchsloser geworden.

Mythos Hellerau. Deutsches Architekturmuseum. Frankfurt am Main, noch bis zum 5. Januar 2002, Katalog 9 EUR

00:00 06.12.2002

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