Das "ewig Böse in uns selbst"?

Modernisierte Mythen Schicksalsgemeinschaft oder "individualisierte Trümmergesellschaft"? Zwei Text-Bild-Bände zum Kriegsende 1945

Die Sichtweise auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg ist in den letzten Jahrzehnten nicht nur durch die Spannung zwischen den Generationen, den politischen Bekenntnissen und geschichtswissenschaftlichen Paradigmen erweitert worden. Auch technische Entwicklungen, die Vervielfachung der Fernsehsender und die Verflechtung zwischen TV-, Film-, DVD- und Buch-zum-Film-Produktionen haben das Bild von der Vergangenheit, auch das des Nationalsozialismus, beeinflusst.

An die Stelle der als anstrengend empfundenen, analytischen und differenzierenden Texte tritt nun häufig das scheinbar eindeutige Foto, Montagen zeitgenössischen Filmmaterials oder "wahre Erinnerungen" und "echte Gefühle" im Zeitzeugeninterview. So können moderne Präsentationen dann auch Botschaften transportieren, die aus der Zeit des Röhrenradios zu stammen scheinen - während mit vergleichsweise eher konventionellen Darstellungsweisen ein auf der Höhe der Zeit stehendes Geschichtsbild geliefert wird. Das zeigen zwei Text-Bild-Bände zum Ende der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkrieges.

Ganz modern folgt der Band Die letzten 100 Tage des Zweiten Weltkriegs dem aktuellen Mediendesign. Seine Autoren, Christian Hartmann und Johannes Hürter, beide Redakteure der Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Dozenten an der Universität der Bundeswehr in München, zeigen auf jeweils einhundert Doppelseiten einen Countdown vom "Tag 100" bis zum "Tag 1", dem der deutschen Kapitulation. Auf jeder Doppelseite werden - bisweilen auch in die Geschichte zurückgreifend - "Begebenheiten", die "jeweils symptomatisch für die Geschichte des ›Dritten Reiches‹ und das Zweiten Weltkrieges" sind, geschildert und über eine Nachrichtenleiste mit der taggenauen Chronik verknüpft. Zu Beginn jeden Monats informiert eine Karte über das Zusammenschmelzen des nationalsozialistischen Machtbereichs. Diese Darstellungsweise erlaubt es zwar, viele Aspekte knapp und anschaulich abzuhandeln, führt aber auch dazu, dass alles als gleichermaßen wichtig nebeneinander steht: Die Massenerschießungen von Gefängnis- und Lagerinsassen oder die der Hinrichtungen in Plötzensee einerseits neben dem Sieg des bayerischen Fußballgaumeisters von 1945 oder den Zootieren als Bombenopfer andererseits.

Immer wieder zitieren die Autoren aus nur spärlich kommentierten Tagebüchern und Briefen von 1945. Abgesehen vom Tagebuch eines KZ-Häftlings, der über die Perspektive der Verfolgten des Naziregimes informiert, widerspiegeln die anderen Dokumente - die einer Hausfrau, eines Soldaten, eines Flak-Helfers und einer Krankenschwester in amerikanischer Gefangenschaft - lediglich die begrenzte Sicht der deutschen Durchschnittsbevölkerung auf den Gang der Dinge. Das informiert über den Geist der Zeit, jedoch nicht darüber, was die Volksgenossen nicht wussten oder nicht wissen wollten. Auch im Kalenderblatt zum 19. März 1945 anlässlich des sogenannten "Nero-Befehls" übernehmen die Autoren die Perspektive der konformen Bevölkerungsmehrheit völlig ungebrochen. Sie kommentieren: "Der Nationalsozialismus wendet sich am Ende gegen die eigene Bevölkerung" - so als wären Nazis und ihre Vollstrecker nicht schon vom ersten Tag an mit mörderischer Konsequenz zuerst gegen die politische Linke, schließlich gegen Juden, Behinderte, "Asoziale" vorgegangen und als hätten diese Gruppen nicht zur "deutschen Bevölkerung" gehört.

Auf die politischen Gegner des Nationalsozialismus und den Kampf gegen das Regime weist das Buch nur sehr selektiv hin. Gleich zweimal wird der konservative militärische Widerstand thematisiert, während man den sich in sowjetischer Gefangenschaft im Bund deutscher Offiziere Sammelnden "Kollaborationsbereitschaft" attestiert. Zwei Doppelseiten verweisen jeweils auf die Neugründung der SPD und die Ankunft der Gruppe Ulbricht im April 1945. Bei der Darstellung der Sowjets dominieren Schilderungen des Terrors gegen die deutsche Bevölkerung und die todbringende Kampfkraft der sowjetischen Militärmaschinerie. Die blutige Schlacht um Budapest schildern die beiden Autoren völlig aus Sicht der deutschen Besatzer, die immer nur als "Verteidiger" bezeichnet werden. Sie schreiben: "Die Lage der Verteidiger ist verzweifelt. Sie haben kaum noch Munition und Verpflegung. Dennoch wagen sie am Abend des 11. Februar das Unmögliche ... Sie rennen zu Fuß gegen eine vielfache Übermacht an und werden von Maschinen- und Panzerfeuer regelrecht hingeschlachtet." Die Schlächter sind die Russen. Die Endkampf-Ideologie und die deutsche Befehlslage von 1945 wird nicht problematisiert.

Diese Doppelseite ist durch zwei Bilder illustriert. Auf dem einen sieht man Rotarmisten nach der "Einnahme von Budapest", das andere zeigt in einer Samariterszene die "Verteidiger": Eine Dame im eleganten Mantel reicht einem Soldaten Essen. Das Bild ist unterschrieben mit: "Kurze Pause im Inferno: Eine Ungarin versorgt einen Angehörigen der Waffen-SS während der Kämpfe in Budapest." Den Tag der deutschen Kapitulation illustriert ein Foto, das zwei Rotarmisten auf der mit Nazi-Ordensschachteln übersäten Treppe der zerstörten Reichskanzlei zeigt. Die Bildunterschrift scheint sich an alte antirussische Stereotype anzulehnen und ist nicht ohne unfreiwillige Komik: "Sowjetische Soldaten wühlen vor der ehemaligen Reichskanzlei in Schachteln deutscher Orden" - Auftakt, so könnte man sarkastisch anfügen, für das zerstörerische, typisch russische Herumwühlen in zivilisierter deutscher Ordnung und Kultur.

Das Buches endet mit einer akribischen Opferbilanz der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Unter den deutschen Opfern werden Juden, Siniti und Roma, Behinderte, Bombenopfer, Gefallene und diejenigen genannt, die in sowjetischer Gefangenschaft oder bei den Vertreibungen starben. Selbst die Nachkriegs-Opfer infolge sowjetischer Besatzung und Internierung sind verzeichnet - aber wie viele Deutsche durch Nazis und willige Staatsbeamte seit 1933 ihrer politischen und weltanschaulichen Orientierung wegen ermordet wurden, scheint hier keiner Erwähnung wert. Mit ihrer am Massenpublikum orientierten, simplifizierenden Darstellung setzen die in zwei nicht unbedeutenden zeitgeschichtlichen Institutionen tätigen Autoren einen revisionistischen Kontrapunkt zu den heutigen Standards in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg - effektiv und subtil zugleich. Der Nationalsozialismus erscheint als eine über die Deutschen hereingebrochenen Apokalypse, in der ein angeblich homogenes "Wir" gegen die Anderen und gegen die Schrecknisse der Zeit stand. Wer in Nazi-Deutschland die Minderheit war, die sich verweigerte oder Widerstand leistete, wird ausgeblendet. Wer Träger und Profiteure der NS-Diktatur und was die ideologischen und wirtschaftlichen Grundlagen des massenhaften europaweiten Raubmordes waren, wird ebenfalls nicht thematisiert.

Die Einordnung der Katastrophe wirkt, als stammte sie aus dem Ende der vierziger Jahre. Damals sprach man von der "satanischen Raffiniertheit" des Nationalsozialismus und dessen "totaler Kontrolle über das deutsche Volk" (Pechel 1947). Man beschrieb Nazi-Deutschland als ein "besetztes Land" (Pechel 1947; Rothfels 1949). Und im Jahr 2005 im knappen Vorwort ihres Bandes schreiben Hartmann und Hürter: "Ist der Diktator im Bunker der Reichkanzlei, der uns im Kinofilm gezeigt wird, nicht ›Bruder Hitler‹, ein Teil des ewig Bösen in der Welt und in uns selbst?" Die durch diese Gedankenführung suggerierte Bejahung dieser Frage spricht die Täter frei und macht deren Opfer zumindest moralisch mit haftbar. Zudem relativiert sie jede Rede über die deutsche Schuld mit dem Verweis auf das "ewig Böse in der Welt und in uns selbst". Wohlwissend riskieren die Autoren die Bejahung ihrer rhetorischen Frage nicht - das überlassen sie ihrem Publikum. Danach schreiben sie: "Weder der Blick in den Führerbunker noch die Perspektive des Flüchtlingstrecks genügen, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Wo der Bericht des Zeitzeugen aufhört, fängt Geschichte erst an". Dieser Aussage kann man sich anschließen. Für das Buch wie auch für dessen in 100, bereits vom 30. Januar bis 8. Mai 2005 täglich in der Bild-Zeitung veröffentlichten Folgen, blieb sie ein bloßes Lippenbekenntnis.

Der Text-Bild-Band Kriegsende in Deutschland hingegen übt sich nicht in dezent gehaltener Entschuldung. Er setzt - ganz programmatisch - noch vor den einleitenden historischen Überblick einen kurzen Essay von Ralph Giordano über die zweite deutsche Schuld und den Antisemitismus. Danach zeigen Ulrich Herbert und Axel Schildt in einer übergreifenden Einleitung das Finale des Zweiten Weltkrieges als gesamteuropäische Katastrophe - ohne jedoch die deutschen Verantwortlichkeiten zu relativieren. In den nun folgenden achtzehn Aufsätzen widmen sich namhafte Historiker den letzten zweieinhalb Jahren Nazideutschlands. Die Themen sind beispielsweise das Kriegsende im Westen, das im Osten, die Endphase des Luftkrieges, der Zusammenbruch des NS-Staates, die Rolle der NSDAP in der deutschen Gesellschaft, die "Kinderlandverschickung", die Situation in der Wehrmacht, die in der Hitlerjugend und die Erosion der sogenannten Volksgemeinschaft in der zweiten Kriegshälfte. Über das Kriegsende hinaus weisen die Aufsätze zu Heimatlosigkeit, Flucht und Vertreibung in Europa, über die KZ-, Internierungs-, Spezial- und Flüchtlingslager. Sie verweisen darauf, dass das große Sterben nach Kriegsende weder für die Deutschen noch für die durch Nazi-Deutschland einst Gefangenen und Versklavten zu Ende war.

Zu den Vorzügen des Bandes gehören die erhellenden Querverbindungen, die sich immer wieder zwischen den Einzeldarstellungen auftun. Sie zeigen die nochmalige Zuspitzung des Terrors nach innen oder die immer weitere Bereiche von Staat und Gesellschaft okkupierende Macht der NSDAP als Signum der Endphase des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Auch zur anhaltenden Diskussion dazu, ob der Luftkrieg gegen Deutschland lediglich eine Kette militärisch ineffizienter Terrorakte gewesen sei und die Deutschen nur noch fester zusammengeschweißt hätte, liefern gleich mehrere Aufsätze Argumente.

Demnach hat das deutsche Militär deswegen eines seiner effektivsten Kampfmittel gegen die Offensiven der Sowjettruppen verloren, weil zur Abwehr der Luftangriffe auf Deutschland die Bomberproduktion zugunsten der Jagdflugzeugproduktion gedrosselt wurde. Und obwohl der Rüstungsausstoß noch im Sommer 1944 ein Rekordniveau erreicht hatte, konnten die Transportmittel und -wege für die Wehrmacht nicht mehr schneller ersetzt werden als sie aus der Luft zerstört wurden. Eine der Folgen der verheerenden Großangriffe auf Hamburg war es auch, dass nach der "panischen Massenabwanderung von 0,9 Millionen Menschen" nur noch 56 Prozent der Industriearbeiter im Produktionsprozess arbeiteten; 80 Prozent der Ausgebombten mussten sich selbsttätig eine neue Bleibe suchen. Anders als die Angehörigen des Bürgertums und der traditionellen Eliten, die sich auch nach 1943 den Kriegseinwirkungen zu entziehen vermochten, konnte die Mittelschicht und die Arbeiterschaft der Städte diese Belastungen nicht mehr kompensieren. Sie lebten isoliert und nur noch auf das tägliche Überleben ausgerichtet in einer "individualisierten Trümmergesellschaft" vor sich hin, während geheime Stimmungsberichte forderten, mit "brutaler Härte das Letzte von jedem zu verlangen" und die Erosion der "Volksgemeinschaft" aufzuhalten.

Alle Aufsätze verweisen, ohne den Lesefluss zu stören, auf einen detaillierten Anmerkungsapparat und ein umfängliches Literaturverzeichnis am Ende des Bandes, der mit einer ausführlichen Chronik der Jahre 1943-1945 schließt. Das Buch besticht den Leser auch dadurch, dass das hohe Niveau der Texte visuell kongenial gespiegelt wird - nämlich mit Hunderten exzellenten Fotos, die passgenau zum Textinhalt platziert und denen noch einmal ausführliche Kommentierungen beigegeben sind. Solche Bücher sieht man selten. Kriegsende in Deutschland ist ein großer Wurf, ein modernes, inhaltlich und ästhetisch vorbildliches Geschichtsbuch, das große Verbreitung in den Leihbibliotheken finden sollte. Es zeigt, was die Zukunft zeitgemäßer populärwissenschaftlicher Geschichtsdarstellung sein könnte.

Christian Hartmann, Johannes Hürter. Die letzten 100 Tage des Zweiten Weltkriegs. Droemer, München 2005, 222 S., 18 EUR

Kriegsende in Deutschland. Mit einer Einleitung von Ralph Giordano. Ellert Richter, Hamburg 2005, 256 S., 24,95 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 03.05.2006

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare