Das ewig Mängelwesen

Masculinities Mittlerweile gilt nicht mehr die Frau, sondern der Mann als der "dunkle Kontinent" der Geschlechterforschung. Ein Streifzug durch neue Publikationen in Sachen Männlichkeit

Bertrant Cantat, rebellischer Frontmann der legendären, französischen Rockband Noir Désir (Schwarzes Verlangen), ein unerschrockener Kämpfer gegen Le Pen, gegen Ausländerhass und für ein gewaltfreies Miteinander der Kulturen, schlug kürzlich seine Freundin Marie Trintignant zusammen und verletzte sie tödlich. "Sie hatte eine Vorliebe für schwierige Personen. Eine unbändige Liebe, die sie nun sterben ließ." (Berliner Zeitung) Die Presse denkt über das Gewaltopfer nach, die Schauspielerin, über die amour fou eines Filmstars. Paris Match schreibt "Opfer der Leidenschaft" über Trintignants Bild.

Bleibt der Mann im Dunkeln? Freuds berühmte Frage "Was will das Weib?" beschäftigte im letzten Jahrhundert Armeen von WissenschaftlerInnen, um den "dunklen Kontinent" der Weiblichkeit zu erhellen. Zu Anfang unseres Jahrhunderts haben sich die Seiten vermutlich vertauscht, meinen die LiteraturwissenschaftlerInnen Britta Herrmann und Walter Erhart in ihrem Beitrag XY ungelöst im Sammelband Masculinities - Maskulinitäten. Mythos - Realität - Repräsentation - Rollendruck. Während Freud noch ganz selbstherrlich Männlichkeit in der psychosexuellen Entwicklung als primär ansetzte, so behandeln inzwischen nicht wenige naturwissenschaftliche wie auch soziologische Theorien Männlichkeit als sekundär, als Deformation und vor allem als brisantes gesellschaftliches Problem.

"Männlichkeiten - The Dark Continent (?)" nannten die Potsdamer Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung bereits vor drei Jahren einen Themenschwerpunkt. Vormals formulierte Freuds Zeitgenosse, der Soziologe Georg Simmel, dass "die aus dem Männlichen und für das Männliche erwachsenen Ideen und idealen Forderungen zu übergeschlechtlich-absoluten werden". Doch diese Gleichsetzung des Mannes mit dem Menschen ist endgültig passé. Ganz im Gegenteil. Avanciert der Mann zum "ewig Mängelwesen" (Therese Steffen) mit krankhafter Neigung zu Gewalt, übertriebenem Autonomiezwang, Körperferne, Überbetonung der Rationalität? Der Mann hat nicht nur Probleme, sondern wird selbst zum Problem, das in gewichtigen Sammelbänden abgehandelt werden muss. Elisabeth Bronfen hat ihre Analyse der Verfilmungen der/des ermordeten Teena Brandon in Steffens Buch plakativ mit "Masculinity; see under crisis" überschrieben.

Das Geschlecht par excellence, vormals unumstritten die Frau, wird zum Mann. Während vor einigen Jahren noch von Männerstudien die Rede war, wobei von einigen Männern eingefordert wurde, dass sie auf Grund ihrer ureigenen Erfahrungen von Männern durchgeführt werden sollten, scheint sich der Titel "Masculinities studies" durchzusetzen, dies allein schon deswegen, weil ein Großteil der Forschungen von Frauen erstellt werden, die sie zum integralen Bestandteil der Gender studies machten. Die Dynamik der Geschlechterverhältnisse ist auch als Beziehung von Männern untereinander zu verstehen. Männergewalt ist nicht nur die Gewalt von Männern an Frauen. Die epidemische Gewalt, die Männer einander antun, wird ebenfalls als geschlechtlich geprägt analysiert, wie Jeff Hearn in seiner Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Gewalt im zweiten Band der in England erschienen Moulding Masculinities (geformte Männlichkeiten) herausarbeitet.

Die Kritik an der "hegemonialen Männlichkeit" (Robert Connell, im ersten Band der Moulding Masculinities) ist zwar ursprünglich von Frauen angestoßen worden, zugleich hat sie aber auch mit den gewandelten Lebensverhältnissen zu tun, etwa dass Männer nicht mehr mit einer durchgehenden Erwerbsbiografie rechnen können. Entsprechend ändert sich auch das Selbstverständnis der Männer. Darauf kann auch die Motivation von Männern aufbauen, die Geschlechterverhältnisse zu ändern. Sowohl das zweibändige Werk von Søren Ervø (Uni Kopenhagen) und Thomas Johansson (Uni Göteborg), als auch der Sammelband von Therese Steffen (Uni Basel und Harvard) tragen "Masculinities" im Titel. Der Plural ist Programm. Die Einheit und die gemeinsame Genese der Männlichkeit, wie sie Klaus Theweleit in seinen Männerphantasien in den siebziger Jahren formulierte, scheint weitgehend passé. Der weltweit bekannte Männerforscher beschreibt immer noch das nur geringfügig variierte Räderwerk eines monotonen, gewaltsamen Prozesses, in dem sich fließende Männerkörper in mehr oder weniger identische Körperpanzer verwandeln. "Der Kleinkindkörper ist, zunächst, kein tötendes Wesen. Man übersieht immer, dass auch kleine heranwachsende Jungen von der gesellschaftlichen Männergewalt erst einmal vergewaltigt werden müssen, bis sie als die Vergewaltigermänner funktionieren, die sie später, meistens, sind."

Theweleits nicht mehr ganz frische Polemik Männliche Geburtsweisen. Der männliche Körper als Institutionenkörper, ein Text vom Anfang der neunziger Jahre, spricht mit der mitunter brachialen Verbalradikalität der frühen Frauenbewegung, gewürzt mit den Theorien Wilhelm Reichs. Die Differenz der Geschlechter bleibe uns immer erhalten. Auch wenn der Mann sich emanzipiere, wenn er emotional beteiligt sei, "auch wenn er mithilft, so gut es geht, das Austragen des Kindes und der Geburtsschmerz bleiben ihm fremd, sind nicht Teil seines körperlichen Erlebens. Das ›Ins-Leben-Pressen‹ eines neuen Menschen bleibt seiner Erfahrung unzugänglich, er erlebt nicht die physische und psychische Metamorphose, die der Frauenkörper bei der Geburt durchläuft." Der Duktus des Nestors der Männerforschung, sein Fundamentalismus in Bezug auf körperliche Erfahrungen, aber auch sein Pessimismus in Bezug auf die Veränderbarkeit der Männlichkeit fallen völlig aus dem Rahmen der Masculinities studies. Theweleit steht für eine andere Generation in und eine anders Sprache in Sachen Männlichkeit. Seine Forderung nach einem Frauenparlament, gewählt nur von Frauen, frappiert nach all den Dekonstruktionen à la Judith Butler, die in den letzten Jahren die Geschlechterforschung beherrschten. Trotz seiner Sperrigkeit ist sein Beitrag nicht nur bei Steffen, sondern gekürzt als Male Ways of Giving Birth auch in Moulding Masculinities abgedruckt. Braucht das junge Fach das Renommee eines in die Jahre gekommenen Wissenschaftlers?

Ein vielgestaltiges doing gender und doing masculinity, das auf Nachahmung, Maskerade und Schauspiel beruht, beschreiben hingegen Herrmann und Erhart in XY ungelöst als Fundament einer Theorie der Männlichkeiten. In Steffens Sammelband wird deutlich, wie stark Butlers Theorien die kulturwissenschaftlichen Studien auch über Männlichkeiten prägen. Da Körper und Geschlecht Konstrukte darstellen und die Grenzen zwischen den Geschlechtern diffundieren, sind nicht nur female masculinity, also Männlichkeit bei Frauen, sondern sogar male masculinities, also die Maskerade von nachgeahmten und dadurch uneigentlich gewordenen Maskulinitäten denkbar. Wer Shakespeare kennt, weiß, dass dies nicht nur postmoderne Verstiegenheiten der Gegenwart sind.

Skandinavien, und vor allem Schweden, gilt als das Land der vorbildlichen Förderung von Vätern. Nicht zuletzt für die Sozialdemokratie war in der Familienpolitik Schweden mit seinem großzügig unterstützten Väterurlaub seit den achtziger Jahren das gelobte Land. Die Bände Moulding Masculinities, die im Rahmen des Nordic Network for Masculinity Studies mit der Unterstützung des Nordischen Ministerrats zustande kamen, stoßen schon deshalb auf Interesse.

Es stellt sich die Frage, warum Männer in Skandinavien trotz intensivster staatlicher top-down-Strategien immer noch relativ wenig Engagement in die Familie stecken. Christian Kullberg von der schwedischen Uni Örebro will gegensteuern und spricht hoffnungsvoll von einer Zunahme an Familienorientierung bei jungen Männern. In Norwegen zum Beispiel äußerten viele junge Männer Interesse daran, dass Frauen Karriere machen, da dadurch der Druck auf sie als "ökonomische Versorger" vermindert werde. Insgesamt möchte Kullberg die verbreitete Schuldzuweisung der Gesellschaft an Väter für ihr mangelndes Engagement mildern. In der Einstellung in punkto Verteilung von familiären Pflichten zwischen Frauen und Männern bestünden vor allem Differenzen hinsichtlich der drögen Hausarbeit, weniger hinsichtlich des Engagements mit den Kindern. Kullberg betont die einflussreiche Rolle, die Frauen in der Familie spielen, so die Rolle des Gatekeepers, also der Zuweisung bei häuslichen Pflichten, auch die verbreitete demotivierende Haltung in Bezug auf die Fähigkeiten ihrer Partner.

Sind Väter die Lösung oder Teil des Problems, fragt Thomas Johansson in seiner Untersuchung über alleinerziehende Mütter und ihre Söhne. Alleinerziehende Väter gelten generell als kompetenter als alleinerziehende Mütter. SozialarbeiterInnen halten Mütter für das Fehlen eines männlichen Rollenmodells verantwortlich, wenn es Verhaltensprobleme mit den Söhnen gibt. Die bloße Präsenz eines Mannes in der Familie erscheint sehr schnell als Lösung; "maskuline" Kompetenzen werden diesen Müttern grundsätzlich abgesprochen. Das Rollenmodell, das hier aufscheint und das auch für sozialpädagogische Ersatzväter gilt, beruht auf einem äußerst konservativen Dualismus.

Die Männlichkeitsstudien stehen erst am Anfang. Die vorliegenden Reader sind disparat zusammengefügt und noch voller Widersprüche zwischen den einzelnen Ansätzen. Überdeutlich wird dies bei Therese Steffen in ihrem hübsch getitelten, aber schlecht recherchierten Schlusskapitel Masculinities/ Maskulinitäten: Gender Studies and its Mal(e)Contents, das die Entwicklung der Männlichkeitsforschung im anglophonen und deutschsprachigen Raum zu analysieren vorgibt, doch bei einem skizzenhaften und teilweisen falschen Stand der Forschung stecken bleibt. Nicht nur diesem Band, sondern generell dem noch blutjungen Zweig der Masculinities studies wäre eine Fundierung zu wünschen. Symptomatisch ist die äußerst schludrige Herstellung des Verlags - selten findet man so viele Schreibfehler (sogar auf dem Umschlag), falsche Zeilenumbrüche, Wiederholung eines ganzen Absatzes, von der öden Gestaltung ganz zu schweigen -, so dass man sich fragt, ob das Thema nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für SeminaristInnen gedacht ist.

Sollen die Masculinities studies akademische Fremdwörter und -körper bleiben? Die Rezeption außerhalb der universitären Zirkel scheint minimal zu sein. Sonst wäre unverständlich, dass alle Jahre wieder Bestsellerautoren wie Matthias Mattssek (Die vaterlose Gesellschaft) oder Dietrich Schwanitz (Männer - eine Spezies wird besichtigt) auf der lukrativen Welle des populären Interesses am Mann surfen. Allerdings wandelt sich der antifeministische Krawall-Effekt zur resignativen Melancholie. Den Aufstieg und Fall des so gut wie überflüssigen Y-Chromosoms beschreibt der Biologe Steve Jones in seinem demnächst erscheinenden Buch Der Mann. Ein Irrtum der Natur? Der Schriftsteller Hans-Christoph Buch beklagte jüngst in der Welt den Übergang vom Patriarchat zum Matriarchat in der Literatur, so dass das auf Härte und Aggressivität beruhende männliche Über-Ich durch weibliche Werte wie Konsens und Kompromiss verdrängt werde. Frank Schirrmacher von der FAZ, tonangebend im deutschen Feuilleton, beklagt das Peter-Pan-Syndrom bei den ewig pubertären Männern, die er mit den Orang-Utans in der geschlossenen Gesellschaft des Zookäfigs vergleicht. Männer in unserer Gesellschaft scheinen einem Wachstumsstopp zu unterliegen, einer Inhibition, die den "Typus des ewig pubertären Jugendlichen noch mit sechzig Jahren erzeugt." Eine seichte Pop-Psychologie greift bei klugen Köpfen um sich und sieht das Unheil der pubertären Unmännlichkeit in den Schuhsohlen des Guido Westerwelle wie auch den Bestsellern einer Frau über einen heranwachsenden Harry Potter.

Während Männer Klagelieder ob der Verluste anstimmen, nehmen Frauen - wie immer praktische Trümmerfrauen in Zeiten des Umbruchs - die Männer an die Hand. Birgit Rommelspacher, Professorin an der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule, die sich ansonsten gegen Rassismus engagiert, denkt im Bereich der Sozialarbeit an eine "Quote für Männer", wie sie in der Publikation Quer-/Gender/Geschlechterfragen update der Fachhochschule schreibt. Sie plädiert nicht nur für mehr Leitungspositionen für Frauen, sondern es sei wichtig, sich zugleich auch für eine stärkere Besetzung von Assistenzberufen wie etwa Sekretariatsstellen mit Männern einzusetzen. Solange Frauen beruflich benachteiligt sind, rechnet sie zwar mit Widerstand von Frauen, eine gezielte Männerförderung im Erwerbsbereich anzustreben. Doch es kann für Frauen keine substanzielle Verschiebung auf dem geschlechtersegregierten Arbeitsmarkt geben, wenn man sich nur für eine Seite interessiert.

Rommelsbacher wird wohl mit dem geballten Widerstand von Frauen und von Männern gegen eine solche Männerquote zu rechnen haben. Gegen Bluttaten à la Cantat fehlen weiterhin Rezepte - auch für die Opfer aus dem weniger prominenten Milieu.

Neue Literatur zum Thema Männerforschung:

Søren Ervø, Thomas Johansson: Among Men. Moulding Masculinities, Vol. 1 Ashgate, Aldershot 2003

Søren Ervø, Thomas Johansson: Bending Bodies. Moulding Masculinities, Vol. 2 Ashgate, Aldershot 2003

Therese Steffen (Hg.): Masculinities - Maskulinitäten. Mythos - Realität - Repräsentation - Rollendruck. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2002

Steve Jones: Der Mann. Ein Irrtum der Natur? Rowohlt, Reinbek 2003

00:00 08.08.2003

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