Das F-Wort

A-Z Frauen wollen nicht aufsteigen, trinken Latte und wissen, dass zu Hefeteig am besten geworfene Tomaten passen. Oder? Ein kleines Kompendium des Feminismus

Arbeit

Bereits Simone de Beauvoir beschreibt eine Arbeitswelt, in der Frauen zu Hause alles versorgen, während Männer handeln, herstellen und sich damit verwirklichen. Bis heute herrscht in der Arbeit eine Trennung nach Geschlechtern. Sie stammt aus einer Zeit, in der es in bürgerlichen Familien ein Statussymbol war, sich eine nicht arbeitende Frau zu „leisten“. Dieses Symbol wurde von Arbeitern übernommen und mit der Idee eines „Mutter-Mythos“ (➝Mutter) verknüpft. So erledigen Frauen 60 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer.

Dazu kommt eine Lohndiskriminierung der Frauen, gegen die es zwar seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt, die aber weiter besteht. „Frauenberufe“ werden zudem schlechter bezahlt. Der Gender Pay Gap, die Lücke zwischen den Einkommen von Männern und Frauen, thematisiert solche Fragen, die sich in der Zahl 23 Prozent symbolisch ausdrücken. Der Equal Pay Day findet an jenem Tag des neuen Jahres statt, bis zu dem Frauen zusätzlich arbeiten müssen, um das durchschnittliche Gehalt des vergangenen Jahres der Männer zu erwirtschaften. Am Equal Pay Day gehen Frauen mit einer roten Tasche auf die Straße, die ihre roten Zahlen im Einkommen symbolisiert. Katrin Rönicke

Bauch

Der Bauch einer Frau ist öffentlich diskutiertes Terrain – und ein einziges Paradox. Es gibt aktuell eine Debatte, ob potenzielle Kinder, die in diesem Bauch wachsen sollen, auf massive Gendefekte untersucht werden dürfen. Gleichzeitig gibt es das Recht, diese Kinder bis kurz vor der Geburt zu töten, sollte der Gendefekt erst dann entdeckt werden.

Aber auch fern des juristischen Bereichs werden Frauenbäuche begutachtet, besprochen und verhandelt: Seit einigen Jahren beliebtes Trend-Accessoire für junge Frauen sind prall gerundete Schwangerschaftsbäuche – zu begutachten an Promis, in hippen Stadtteilen deutscher Metropolen und auf Magazintiteln. Das Paradox: Weiter hinten in denselben Magazinen gibt es auch in dieser Saison wieder die „zehn besten Tipps für den perfekten Sommerbauch“ oder ein paar Adressen von Schönheitschirurgen. Runde Bäuche ganz ohne Nachwuchs darin: keine Option. Susanne Klingner

Cyberfeminismus

1985 publizierte Donna Haraway ihr Manifest für Cyborgs, das in Rückgriff auf die Ideen feministischer Science-Fiction eine Vision für das Zeitalter der Technikwissenschaften entwarf. Dabei wurde mit einem „männlich“ geprägten Verständnis von Technik gebrochen und ein geschlechtergerechtes, sich gegen Rassismus richtendes Leitbild entworfen.

Cyberfeminismus, 1991 als Begriff gesetzt, versteht sich seitdem als eine Bewegung, die darauf setzt, dass Frauen sich digitale Technologien aneignen und sie für die eigene politische Vernetzung nutzen. Außerdem soll der Feminismus im Cyberspace verbreitet werden. Dabei behält sich der Cyberfeminismus Vielfalt vor: Sozialistische, liberale, konservative und viele andere Strömungen, die es im Feminismus immer schon gab, sind erlaubt und willkommen.

In Deutschland beschäftigten sich Cyberfeministinnen in den neunziger Jahren vor allem mit Kunst. So kam es auch, dass die erste „Internationale Cyberfeministische Konferenz“ 1997 auf der documenta, der großen Kunstmesse, in Kassel stattfand. Die jungen Feministinnen, die vor allem im Netz arbeiten und sich dort vernetzen, nennen, was sie tun, hingegen nicht explizit Cyberfeminismus. Sondern Feminismus. Katrin Rönicke

Do it yourself

Spätestens als Abgeordnete der Grünen Wolle und Stricknadeln mit in den Bundestag brachten, wurde klar: Stricken ist nicht nur ein nettes Hobby aus der Frauenzeitschrift, sondern auch eine politische Handlung. Organisiere dich selbst, ermächtige dich selbst, distanziere dich vom passiven Konsum.

Die Idee des Selbermachens, ob nun mit Stricknadeln, Nähmaschinen, Texten oder Musikinstrumenten, entstand in den fünfziger Jahren in England, wurde von den Hippies und Punks der Sechziger und Siebziger aufgegriffen und hat bis heute einen Platz in der Subkultur – und in der Frauenbewegung. Von Fanzines und Magazinen über Blogs (➝Cyberfeminismus) bis zu den Ladyfesten: DIY ist ein fester Bestandteil des heutigen Feminismus. Dabei geht es weniger um das perfekte Nachmachen einer Vorlage, als um den Ausdruck des eigenen Ichs durch das Selbergemachte. Barbara Streidl

Haltung

Feminismus ist eine Haltung und kein Thema. Klingt erstmal einfach, ist aber für die meisten Menschen schwer zu verstehen. Also noch mal kurz und knackig: Die Themen sind Beruf, Familie, Sex, Mode, Politik, Kunst, Kriminalität, Umwelt, Macht, Alltag, Bildung, Liebe, Identität, Medien, Gesundheit, Literatur, Migration und so weiter und so fort. Auf diese Themen kann man einen feministischen Blick werfen, so wie man sie auch mit einer wertkonservativen, neoliberalen, linksalternativen oder esoterischen Haltung betrachten kann.

Und trotzdem: Wer sich mit einer feministischen Sichtweise in Debatten einmischt, wird gern in die Themenecke „Feminismus“ gestellt. Was es Frauen und Männern nicht einfacher macht, feministische Meinungen zu äußern – wer will schon die- oder derjenige sein, die oder der immer nur „was zu Feminismus“ sagt? Gut: Es trotzdem zu tun und einfach immer mal wieder auf den Unterschied zwischen den Wörtchen „Haltung“ und „Thema“ hinzuweisen. Susanne Klingner

Mutter

Durch Bascha Mikas Buch Die Feigheit der Frauen sind die Mütter mal wieder in den Fokus der Feuilleton-Gesellschaft geraten. Sie seien zu feige, sich dem Kampf um die berufliche Karriere zu stellen, versteckten sich hinter dem Gehalt ihrer Partner und der Betreuung des Nachwuchses, so der Vorwurf. Sie seien so lange einfach nur Mütter, bis der Traum aus sei, der Partner über alle Berge und jede berufliche Chance dahin. Als „Latte Macchiato-Mütter” werden sie despektierlich bezeichnet, als Frauen, die Kinderbetreuung gerne mit Kaffeekonsum kombinieren – weil sie dafür Zeit haben.

Die anderen Mütter, die den Spagat der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wagen, werden oft immer noch als „Rabenmütter“ bezeichnet. Schließlich geben sie ihre unter dreijährigen Kinder in fremde Hände und folgen nicht ihren sogenannten Mutterinstinkten. Diese Zeugnisse der Evolutionsgeschichte, an denen auch der Einfluss der Gesellschaft abzulesen ist, werden den Müttern je nach Standpunkt vorgeworfen oder abgesprochen, gerne in Kombination mit Handlungsunfähigkeit dank „Mutter-Hormonen“. All das gipfelt im „Mutter-Mythos“, eine in Deutschland ausgeprägte Rollenzuschreibung, die – von Barbara Vinken in ihrem ausgezeichneten Buch Die deutsche Mutter belegt – historisch verwurzelt ist: Mit der Geburt eines Kindes wird eine Frau zur Mutter, dem Inbegriff der Fruchtbarkeit, der Weiblichkeit. Dass die Frau dann immer noch ein eigenständiger Mensch ist, übersehen viele nur zu gerne. Barbara Streidl

Pornografie

Pornografisch waren sexuelle Darstellungen 1973 laut Gesetz, wenn sie „die im Einklang mit allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstandes eindeutig überschreiten“. Feministinnen setzten sich im Zug der sexuellen Befreiung gegen diese schwammige Definition ein und forderten eine Einengung des Begriffs auf „sexualisierten Frauenhass oder Fremdenhass“. Das Ziel war, eine willkürliche Verdammung diverser sexueller Praktiken (etwa homosexueller) zu verhindern, und stattdessen die zu verbieten, die mit Gewalt und Hass einhergingen.

Ende der Achtziger gab es von FDP- und SPD-Politikerinnen eine Initiative, Pornografie im Gesetz auf den „Verstoß gegen die Menschenwürde“ einzuengen. Auslöser war ein Gesetzesvorschlag der Zeitschrift Emma, der Pornografie als „Verknüpfung von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt“ definierte. Beide scheiterten. Eine viel breiter gefasste Definition setzte sich durch, nach der Pornografie „die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität oder des Sexualakts“ ist, „mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen“. Die Emma beharrt bis heute auf ihrer Definition. Die unterschiedlichen Definitionen sind seitdem Ursache diverser Missverständnisse. Viele glauben, die Emma sei gegen jede Sex-Darstellung. Daher rührt der Begriff „sex-positiver“ Feminismus. Katrin Rönicke

Quote

Großes Thema Anfang dieses Jahres: eine Frauenquote für Aufsichtsräte und Vorstände. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will verbindliche 30 Prozent der Posten für Frauen. Gleichstellungsministerin Kristina Schröder will das nicht. Kanzlerin Angela Merkel entschied: Es gibt keine Quote, sondern weiterhin freiwillige Selbstverpflichtungen – wie seit zehn Jahren. Und seitdem hat sich nichts in Sachen Frauen in Top-Positionen verändert.

Im Gegenteil, heute arbeiten noch weniger Mütter in Spitzenjobs als vor zehn Jahren (➝Arbeit). Eine Quote kann man mögen oder nicht; sie wäre ein Instrument, um den Kreislauf zu unterbrechen, dass weiße akademisch gebildete Männer aus der Mittelschicht weiße akademisch gebildete Männer aus der Mittelschicht um sich versammeln und fördern. Oder um Vorurteile abzubauen wie: „Frauen sind zu emotional für Führungspositionen“ oder „Frauen wollen gar nicht aufsteigen“. Und um auch gleich noch das Schimpfwort „Quotenfrau“ zu ruinieren – weil es nicht verfängt, wenn auf mindestens drei von zehn Posten Frauen zeigen können, was sie drauf haben. Wenn man sie endlich lässt. Susanne Klingner


Mit einer Tomate, die die Studentin Sigrid Rüger am 13. September 1968 in Berlin in der Mittagspause einer Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gekauft hatte, wurde den Worten der aufgebrachten Rednerin Helke Sander Nachdruck verliehen: Die Tomate flog auf das ausschließlich männliche SDS-Gremium, dass die dringend nötige Diskussion auf Sanders Rede übergehen wollte: Sie hatte das Konzept des „Aktionsrats zur Befreiung der Frau“ vorgestellt, dem SDS seine Frauen stark diskriminierende Trennung von Politischem und Privatem vorgeworfen und bemängelt, dass die Männer, die sich in Kinderläden engagieren, nach Führungspositionen Ausschau hielten.

Sander bezeichnete den SDS als „aufgeblasenen konterrevolutionären Hefeteig“. Dazu passen geworfene Tomaten ganz wunderbar. Das Engagement des „Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ gilt als Beginn der zweiten Welle der Frauenbewegung (➝Zetkin, Clara) in Deutschland. Barbara Streidl

Vätermonate

In den Texten zur Elternzeitregelung heißen sie „Partnermonate“, und gemeint ist nicht explizit der Vater, sondern das Elternteil, das nicht den Großteil der Elternzeit nimmt. Eigentlich können auch Väter bis zu zwölf Monate Elternzeit nehmen. Trotzdem hält sich die Annahme, die Vätermonate (ein Begriff, den es nicht gibt) seien auf acht Wochen beschränkt. Sogar die taz schrieb, Vätern sei mehr Teilhabe an der Familienarbeit verwehrt, wenn „die Vätermonate“ nicht auf vier Monate aufgestockt würden. Das ist Quatsch. Dass Väter ihre Elternzeit meist auf zwei Monate beschränken, ist eine private, von der Politik nicht vorgegebene Entscheidung. Dass es mittlerweile „Vätermonate“ heißt, die mit zwei Monaten Elternzeit gleichgesetzt werden, sagt viel über das reaktionäre Elternbild: Das Kind gehört zur ➝Mutter, der Vater darf mal mitmachen. Susanne Klingner

Zetkin, Clara Josephine

Sozialistische Politikerin und Frauenrechtlerin. 1907 leitete sie das Frauenreferat der SPD, die sie 1917 verließ, um sich dem Spartakusbund und schließlich der 1919 gegründeten KPD anzuschließen. Zetkin sorgte mit Käte Duncker dafür, dass 1911 der erste Internationale Frauentag stattfand. Sie gehörte der sogenannten ersten Welle der Frauenbewegung an (➝Tomate), die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas dafür einsetzte, Frauen die gleichen politischen Rechte einzuräumen wie Männern. Ein erster Erfolg war die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland 1918. Katrin Rönicke

12:00 08.05.2011

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