Das Falsche am Luftbild

Fotografie Edward Burtynsky zaubert die Naturzerstörung einfach weg
Lennart Laberenz | Ausgabe 46/2013

Wir sollten mal über Luftbilder sprechen. Spätestens seit den Arbeiten des großen Luftbildpathetikers Yann Arthus-Bertrand sind Aufnahmen aus größerer Höhe einer gewissen Langeweile des Monumentalen anheimgefallen. Hinter dem beruhigenden Blick auf die leicht konsumierbare Schönheit der Welt steht oft eine naive Haltung, der der quasiesoterische Dokumentarfilm Koyaanisqatsi von 1980 die Tür öffnete. Oder eine Moral riecht etwas säuerlich: Wenn uns Bilder die Naturzerstörung vorführen wollen, die wir Menschen verursachen.

Es stimmt zweifellos: Die gegenwärtigen Lebens-, Konsum- und Produktionsformen sind eine kaum beschreibbare Katastrophe für unseren Lebensraum. Und nichts scheint uns davon abzuhalten, sie weiter zu betreiben. Luftbildaufnahmen jedoch schmecken latent nach Arztpraxis, sie machen den Betrachter etwas träge. Sogar wenn sie vom berühmten kanadischen Fotografen Edward Burtynsky stammen.

Burtynsky schreibt in seinem neuen Band Water, dass er sich, anders als bei seinen vorhergehenden Bänden Oil und China, jetzt weniger mit konzeptionellen Vorarbeiten aufgehalten als vielmehr auf seine Intuition verlassen habe. Wer aber von Intuition spricht und seinem Band eine Widmung voranstellt, die Water is the reason we can say its name lautet, der übersiedelt rasch ins Pathos. Natürlich macht Burtynsky keine schlechten Bilder. Sie sind sogar grandios. Auch ist der fast 3,5 Kilogramm schwere Band in der hervorragenden Qualität hergestellt, für die der Steidl-Verlag steht. Nur schimmert durch viele Aufnahmen eben das Wasserzeichen einer Moral, die gerade ihre Nase ob unserer Unvernunft rümpft.

Zugleich rückt Burtynsky die Formationen der Destruktionsmuster wieder von uns weg. Aus der Höhe betrachtet, gerinnen sie zu abstrakter Schönheit. Die Grandiosität, das Monumentale der Aufsicht lässt uns kalt. Wohl deshalb bemühen sich die im Band versammelten Kommentatoren, die Ambivalenz der Aufnahmen zu unterstreichen. Natürlich: Gegenwärtig gibt es keinen Fotografen, in dessen manufactured landscape-Werk diese Reihe genauer passen könnte. Nur verlieren wir mit zunehmender Höhe Assoziationsräume, die bei vorherigen Arbeiten präsenter waren: Zerstörung ist bei größerer Nähe fast riechbar, Eingriffe und Konfigurationen können absurd aussehen, bleiben eindringlich.

Große Mythologen

Vermutlich um diesen Eindruck zu überdecken und aller Wahrscheinlichkeit nach eben intuitiv spannt Burtynsky den Rahmen um das Thema Wasser sehr weit auf. Fliegend schauen wir auf die Einförmigkeit von Siedlungen in Florida, die Kreismuster der Bewässerungsanlagen im mittleren Westen, jungfräulich wirkende Bergmassive, das kaputte Delta des Colorado Rivers, einen Fluss in Island, Monokulturen industrieller Landwirtschaft. Dass alles mit allem zu tun hat, ist auch irgendwie klar.

Wenn, wie Roland Barthes schrieb, die großen Porträtisten große Mythologen waren, dann gilt das heute für die Vielflieger der Fotografie: Luftbildaufnahmen fallen leicht aus dem Feld des Politischen heraus. Selbst Umweltverschmutzung wird dann gut verdauliche Ästhetik.

Water
Edward Burtynsky Steidl 2013, 225 S., 98 €

Lennart Laberenz lebt als freier Autor in Berlin und ist als Dokumentarfilmer viel auf Reisen

06:00 27.11.2013

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