Das falsche Bild vom echten Vater

IM KINO Malte Ludins bemerkenswert-erregender Dokumentarfilm "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" über den widersprüchlichen Umgang der Familie mit dem Nazi-Vater

Erinnerung findet in Zyklen statt. Wer sich heute über die Masse der Rückblicke auf das Dritte Reich mokiert, mag nicht ganz Unrecht haben. Er übersieht aber, dass die NS-Zeit ein Thema war, mit dem sich Deutschland nach dem Krieg fortwährend beschäftigt hat, in den Landser-Heften der Adenauer-Ära ebenso wie im staatlich betriebenen Antifaschismus der DDR. Gewandelt haben sich einzig die Formen der Erinnerung. 1968 waren die Kinder, die im Umkreis des Kriegsendes geboren wurden, alt genug, um die Elterngeneration nach ihrer Beteiligung am Grauen des Dritten Reiches zu befragen. Heute sind diese Kinder um die sechzig, und das näher rückende Lebensende hat eine wiederholte Auseinandersetzung mit der Schuldfrage innerhalb der eigenen Familie provoziert, wie die Bücher von Uwe Timm (Am Beispiel meines Bruders) oder Wibke Bruhns (Meines Vaters Land) belegen. Aufgearbeitet wird, was liegengeblieben ist im Mentalitätsbruch 1968, der vielmehr als eine persönliche eine gesellschaftliche Diskussion bewirkt hatte. Anders gesagt: Es geht heute nicht mehr um die Elterngeneration, sondern um die Eltern.

Malte Ludin, Sohn von Hanns Ludin, Hitlers Gesandtem in der Slowakei, einem Nazi der ersten Stunde, hatte ursprünglich ebenfalls eine Suche nach dem unbekannten Vater im Sinn, der Titel seines Dokumentarfilms 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß kündet davon. Entstanden ist jedoch ein Dokument, das weniger die Biographie des Vaters erkundet, die ob der zahlreichen Relikte bis hin zu Bildaufnahmen vom Prozess 1947, in dem Hanns Ludin zum Tode verurteilt wurde, beinahe lückenlos geheimnislos ist. Das eigentliche Thema von 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß ist der unterschiedliche Umgang der Familie mit dem Täter-Vater. Das lässt den Film herausragen aus der Meer der Postum-Biographien: Er eröffnet ein neues Feld, das die Selbstbefragung eines Autors zum Tischgespräch der Gesellschaft weitet.

Solange die Mutter noch lebte, sagt Malte Ludin, hätte er den Film nicht machen können. Erla Ludin hat über das Andenken an ihren Mann gewacht wie eine Löwenmutter, erst ihr Tod 1997 hat die Nachgeborenen gleich berechtigt in eine Diskussion eintreten lassen. Zwei von Maltes Geschwistern sind tot, ein Bruder starb, die Älteste ist zerbrochen, wie der Film nahe legt, an Schatten der Schuld, den der Vater warf. Bleiben Barbel, Ellen und Andrea, die drei Schwestern. Wenn man sich fragt, warum sie überhaupt in den Film eingewilligt haben, da sie anders als der jüngste Sohn Malte kein Fehlen im Tun des Vaters erkennen können und in der Sicht des Zuschauers also schlecht wegkommen, dann verkennt man, wie tief sie von ihrer Wahrheit über Hanns Ludin überzeugt sind, die sie vertreten wollen, denn "den Film hättest du so oder so gemacht." "Wenn du denkst, dass du mit dem Film etwas ändern kannst, dann bist du einem Fehlschluss aufgesessen", sagt Barbel gleich am Beginn von 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß zu ihrem Bruder. Dass sie in gewisser Weise Recht behalten wird, zeigt sich für den Zuschauer, der das in Erwartung der Enthüllungen nicht glauben möchte, erst am Ende. Die Schönheit der Schauplätze, an denen die Schwestern und ihre Ehemänner fotografiert werden; die Ateliers, geschmackvollen Inneneinrichtungen und toskanischen Landhäuser werden dann von ihrem Reiz verloren haben.

Der Film erzählt vom Ringen um eine Wahrheit, die - nüchtern betrachtet - offensichtlich ist. Es gibt aus den frühen Tagen der "Bewegung" Bilder, auf denen Hanns Ludin zwischen Hitler, Göring und Heß zu sehen ist. Es gibt Reden, Akten und Befehle, die unzweideutig beweisen, dass Hanns Ludin, der Nazi-Deutschland an prominenter Stelle gedient hat, zutiefst überzeugt war von der Menschen verachtenden Ideologie des NS-Staates. Und trotzdem ist der einzige Vorwurf, den Barbel ihrem Vater machen will, dass er sich "ab 1941 nicht richtig informiert hatte", um gleich darauf einzuschränken, "aber wer hätte ihm was sagen können". In solchen Momenten wird deutlich, wie sehr die Schwestern Kinder ihres Vaters sind, der sich wie viele Nazis vor der Verantwortung für seine Taten durch Leugnung entziehen wollte. Die Strategie des Kleinredens und Beschönigens setzt sich fort, vielmehr: sie wiederholt sich zwanghaft, wenn für Barbel die im Machtbereich ihres Vaters getöteten Juden allesamt Partisanen gewesen sein müssen, deren Ermordung sich in die Logik des Krieges fügen ließe. Wenn Ellen sagt, dass sie sich nicht als Täterkind bezeichnen kann, weil sie ihren Vater als Opfer sieht. Wenn Andrea als Alibi für ihre Haltung auf den Vater beruft, der seiner Frau aus dem Gefängnis schrieb, sie solle den Kindern sagen, dass sie stolz auf ihren Vater sein könnten: "Das macht doch nicht einer, der in Wahrheit der übelste Verbrecher gewesen ist. Das hält doch keiner aus." Die Schwestern haben sich auf die Inseln ihrer Ignoranz im stürmischen Meer einer gruseligen Vergangenheit zurückgezogen. Sie agieren aus der Defensive, in der beredter als alle Ausflüchte die Szenen wirken, in denen sie nach Worte ringen, in denen sie empört ansetzen und doch keinen Laut herausbringen, in denen sie schweigen, weil eigentlich nur noch das Eingeständnis der väterlichen Schuld übrig bleibt. In diesen Momenten begreift man Barbels Eingangssentenz; die drei Schwestern werden sich wohl nicht mehr ändern, ein Satz wie "Vater war ein Nazi", auf den der fragende Bruder drängt, wird ihnen nicht über die Lippen gehen. Dabei, sagt einer der Enkel im Keller des Familienhauses, wo in einer großen Truhe die Wahrheit über den Vater verschlossen liegt: "Sie wissen es doch alle."

Das ist in gewisser Weise ein erlösender Spruch, denn für den Zuschauer ist 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß nicht leicht auszuhalten. Das Gespräch über den Vater gerät zur gescheiterten Austreibung einer fatalen Erinnerung. Man erhält Einblicke in die Psychopathologie einer deutschen Familie, die derart erschütternd und erregend sind, dass man Gefahr läuft, selbst Opfer einer, psychoanalytisch gesprochen: Übertragung zu werden. Die konsequente Verlogenheit, die zum Himmel schreiende Ignoranz bedrängen den Betrachter in solchem Maß, dass er womöglich glaubt, sich nur noch durch Häme Luft verschaffen zu können. Das hieße aber zu übersehen, wie viel Unwohlsein die zur Lebenslüge geronnene falsche Wahrheit ihren tapferen Verteidigerinnen bereitet.

In diesem Sinne kann man Malte Ludins Film verstehen als einen Fall, der exemplarisch zeigt, wie schwer die allgemein gültige Handlungsanweisung an Nachgeborene, "Schuld nein, Verantwortung ja", zu praktizieren ist. Das Drama der Schwestern besteht in ihrer sturen Uneinsichtigkeit, in der die Vorstellung nie Raum hätte, dass es sich im Bewusstsein der wahren Tatsachen vielleicht befreiter leben ließe als an der Front des ewigen Selbstbetrugs. Das Merkwürdige sei doch, meint ein Enkel am Ende des Films, dass durch das falsche Bild, das Teile der Familie von dem Vater verbreiteten, wozu gehört hat, die Kindeskinder mit dem Märchen großzuziehen, der Opa sei im Krieg gefallen und eigentlich eine Art Widerstandskämpfer gewesen, dass dieses falsche Bild dem nicht gerecht werde, den sie zu lieben vorgeben, weil die Überzeugungen - und damit: das Leben - von Hanns Ludin in Abrede gestellt würden.

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß macht sichtbar, woran es einer Gesellschaft mangelt, in der man wie etwa im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf geschehen, keinem Opfer der Nazi-Herrschaft mehr gedenken will, ohne zugleich die eigenen Kriegstoten aufzubieten: an Demut. Dabei bietet Malte Ludins Film genug Anlass dazu. Wenn er etwa einen jüdischen Mann zeigt, der mit seinen Eltern Ende der dreißiger Jahre in Bratislava aus der Nachbarschaft der Ludins fliehen und sich in einer Scheune auf dem Land verstecken musste, während die Schwestern von ihrer unbekümmerten Kindheit berichten. Oder von der Begegnung mit Hitler nur erinnern, dass das vorbereitete Gedicht vor Aufregung nicht aufgesagt werden konnte. Wie schwer die reflektierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der eigenen Familie fällt, zeigt zuletzt, dass Malte Ludin noch bei den Recherchen zu dem Film die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, doch noch etwas zu finden, das seinen Vater entlasten könnte.


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00:00 08.04.2005

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