Das FC-Bayern-Prinzip

Bildung Deutschland schneidet im Pisa-Test zwar immer besser ab. Aber an das größte Defizit traut sich die Politik nach wie vor nicht heran
Christian Füller | Ausgabe 49/2013 10

Das war kein gutes Timing. Wenige Tage bevor die neue Pisa-Studie veröffentlicht wurde, meldete sich ein Chor von Kritikern. Wie von einem unsichtbaren Taktstock dirigiert, hatten Süddeutsche Zeitung und Spiegel das Halali auf die Pisa-Studie geblasen: Pisa macht dumm, skandierten da die Professoren. Bildung kann man gar nicht messen, trompetete der erste Kritiker, ein Mathematikdidaktiker namens Wolfram Meyerhöfer, ein „Experte“, von dem man bis dahin kaum etwas gehört hatte.

Und dann das: Mit der Bekanntgabe der Pisa-Ergebnisse wechselte die Tonlage sofort in Dur – und die Pisa-Kritiker verstummten. Denn, wer hätte es geglaubt, die deutschen Schüler steigen im internationalen Bildungs-Ranking der OECD auf, und zwar in allen Fachgruppen. In Mathematik, Naturwissenschaften und beim Lesen liegen die deutschen Schüler erstmals deutlich über dem Durchschnitt des Teilnehmerfeldes.

Es gibt erneut leichte Zugewinne bei den Kompetenzen. Aber die Rangfolge zwischen den Staaten ist eigentlich ziemlich egal. Die wirklich gute Nachricht lautet nämlich: Der enge Zusammenhang zwischen Leistung und sozialer Herkunft schwächt sich ab. Das hat damit zu tun, dass die jetzt insgesamt fünfte internationale Studie für die deutschen Schüler eine bemerkenswerte Entwicklung zeigt. Der Sockel der Bildungsarmen wird kleiner. „Die leistungsschwachen Schüler sind nicht nur weniger, sondern auch besser geworden“, sagte die deutsche OECD-Direktorin Barbara Ischinger.

Nur eine Pisa-Studie ist in der Lage, die Risikogruppe unter den deutschen Schüler mess- und sichtbar zu machen. In Zahlen bedeutet das: Im Jahr 2000 konnten 22 Prozent der 15-Jährigen nur einfachste Aufgaben lösen. Bei der aktuellen Pisa-Studie sind es nur noch 17,7 Prozent, das „nur“ in dicken Anführungszeichen geschrieben. Die eigentliche Frage muss lauten: Ist dieser Fortschritt angesichts eines dramatischen Fachkräfte- und Akademikerschwunds ausreichend? Mit anderen Worten: Deutschland kann gar nicht so schnell neue qualifizierte Menschen heranziehen, wie das Know-how der Rentner und Pensionäre in den Ruhestand entschwindet.

Hase und Igel

Die Pisa-Kritiker würden jetzt wahrscheinlich deklamieren: „Egal, die Zahlen sagen sowieso nichts über die wahre Fähigkeit aus, eine mathematische Fragestellung zu lösen“. Denn Pisa messe und vergleiche die Kompetenzen von Schülern an einem willkürlich gegriffenen Mittelwert. Der Einwand ist zwar richtig, der Mittelwert ist mit 500 Pisa-Punkten gesetzt. Dennoch gelingt mit der Studie etwas ganz Erstaunliches: Die Prozentwerte der Risikoschüler bei Pisa ähneln den Werten der sozial Deklassierten aus ganz anderen Statistiken und Erhebungen. „Der Sockel der Abgehängten“, wie ihn die Forscher des Bundesbildungsberichts schon vor zwei Jahren nannten, zieht sich durch die Schulkarriere: Bei den 10-Jährigen ist er zwar noch deutlich kleiner, aber mit dem Gang in die weiterführende Schule wächst er dann auf den Wert von 15 bis 20 Prozent an. Und da bleibt er auch. Quer durch die Zahl der Ungelernten, der Jugendarbeitslosen, den Sockelarbeitslosen.

Das bedeutet etwas. Es sagt, erstens, etwas aus über die Validität der Pisa-Studie, und damit sind nicht die Messverfahren gemeint, sondern überhaupt die Fähigkeit, soziale Wirklichkeit kenntlich zu machen. Zweitens ist es ein Warn- und ein Hoffnungssignal zugleich: Man ist in der Lage, den Wert der Pisa-Verlierer zu senken, aber er befindet sich eben immer noch im prekären Bereich. Die Nachfrage nach Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt steigt schneller als das Bildungssystem sein Angebot verbessern kann. Bildlich gesprochen ist es ein Hase- und Igel-Rennen. Nur dass die Rollen vertauscht sind. Der Igel, das sind die nur langsam aus der Bildungsarmut aufsteigenden Risikoschüler. Aber die Hasen, das sind die Hochqualifizierten und gut ausgebildeten Facharbeiter, die sich immer schneller aufs Altenteil zurückziehen. Das Spiel hat einen Namen: demografischer Wandel.

Hier kommt der dritte Punkt, und der gibt zu keinerlei Hoffnung Anlass. Die Pisa-Kritiker sind gar nicht in der Lage, diese Entwicklung wahrzunehmen. Denn sie wollen nicht anerkennen, dass die Pisa-Studien überhaupt eine analytische Funktion hätten. Das musste niemanden scheren, solange es sich bei den Pisa-Kritikern nur um beleidigte Bildungsphilosophen handelte, die den Aufträgen und Posten nachtrauern, die seit einigen Jahren reihenweise an die Empiriker gehen. Aber diese Schwafelprofessoren, die seit gefühlten 200 Jahren über den Bildungsbegriff räsonnieren, ohne einen einzigen Gedanken den Hauptschülern und ihren Chancen zu widmen, sie haben am vergangenen Wochenende mit ihrer Pisa-Verachtung die Feuilletons erobert. Es ist, als liefe man durch den dunklen Wald und die Professorenschaft, die in den philosophischen Diskurs vertieft ist, fordert: Schmeißt die Taschenlampen weg, sie beleuchten sowieso nicht den wahren Weg.

Ein ulkig-fatales Verbot

Warum besiegt die Sorge um eine Pisa-Kritik, die den Menschen die Augen verbinden will, die Freude über die verbesserten Pisa-Ergebnisse? Weil es im politischen Apparat, im Steuerzentrum des deutschen Bildungswesens gerade einen kompletten Stromausfall gegeben hat. Gemeint sind die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD. Dabei ging es auch um das sogenannte Kooperationsverbot, jener ulkig-fatale Zustand, der es dem Bund verbietet, sich an den Schulen der Bundesländer finanziell zu beteiligen. Nur bei den Hochschulen sind davon Ausnahmen möglich.

Die Spitzen von Bundestag und Bundesrat hatten die bisherige Regelung geradezu verdammt. Die Chefs der Bundestagsfraktionen von SPD und Union schmähten sie als „unsinnig“ oder gar „blödsinnig“. Der Präsident des Bundesrats, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), nannte sie „vorsintflutlich“. Nur, was steht in der Koalitionsvereinbarung?

Die Große Koalition hat das Kooperationsverbot nicht abgeschafft. Union und SPD haben die Nation hinters Licht geführt. Beide hatten vor der Wahl noch angekündigt, die grundgesetzliche Finanzierungsblockade in der Bildung aufzuheben, mindestens aber zu lockern. Verhindert hat dies eine sehr denkwürdige Koalition: eine aus CSU, SPD und Grünen.

Dass die CSU das Kooperationsverbot nicht stört, war bekannt. Bayerische Abgeordnete haben stets mit großer Lässigkeit erklärt, warum das Kooperationsverbot bleiben muss: „Wir in Bayern können uns das leisten.“ Aber zugleich haben sich das rot-grüne Nordrhein-Westfalen und das grün-rote Baden-Württemberg für die Beibehaltung des Kooperationsverbots ausgesprochen. Die drei größten Bundesländer haben die kleinen und armen Bundesländer kurzerhand niedergestimmt, die zusätzliche Bildungs-Euros aus Berlin dringend gebrauchen könnten. Zum Beispiel um Ganztagsschulen zu bauen, um Studienplätze zu errichten oder um Sozialarbeiter für Schulen in Problembezirken zu bezahlen.

Mit dem Rücken zur Wand

Was dabei herausgekommen ist, ist ein neues Prinzip FC Bayern. Ab sofort gilt es auch in der Bildungsrepublik. „Mia san mia. Der Rest des Landes soll schauen, wie er zurecht kommt.“ In der Bundesliga geht das vielleicht. Für einen Bundesstaat ist es der Offenbarungseid. Denn die Bayern werden den anderen Ländern nun auch die besten Lehrer wegkaufen, sie werden sich Ganztagsschulen bauen und so fort. Nur: Was hat Hannelore Kraft und Winfried Kretschmann geritten, dem Prinzip FC Bayern zuzustimmen? Beide Regierungschefs stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie brauchen jeden Euro – vor allem Hannelore Kraft, die erst noch zeigen muss, ob sie den Abstieg des einstigen Boomlandes NRW zum Armenhaus der Republik zu stoppen vermag. Nur kann sie dazu keine Zuschüsse aus Berlin gebrauchen, die sie verpflichtend und überprüfbar in den Bildungssektor stecken muss. Das ist das Ungeheuerliche an der Vereinbarung, die CDU, CSU und SPD im Bildungsbereich getroffen haben. Der Bund schenkt den Ländern drei Milliarden Euro, indem er ihre Forschungsausgaben übernimmt. Die Länder sollen das Geld in die Hochschulen stecken, aber überprüfen kann das niemand. Die Bayern kaufen sich damit schlau und kreativ. Kretschmann und Kraft, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen, haben damit Zugriff auf eine schwarze Kasse Bildung, die sie für alles mögliche plündern können.

Der Koalitionsvertrag des Jahres 2013 korrigiert also nicht etwa die Fehler der Föderalismusreform von 2006, er zementiert sie. Wie groß die Blockade ist, die von einem Kooperationsverbot ausgeht, wird an anderer Stelle deutlich: bei der dringend notwendigen Modernisierung der Wissenseinrichtungen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor einem radikalen Wandel stehen. Es steht viel zu digitaler Bildung im Koalitionsvertrag, der Bereich dominiert den Teil „Allgemeine Bildung“. Nur klingen viele Formulierungen seltsam altbacken, etwa die Idee eines „zeitgemäßen Informatikunterrichts“. Sie geht von der falschen Vorstellung aus, man brauche mit Informatik nur ein Fach energisch zu renovieren. In Wahrheit führt das nicht weiter. Das Web 2.0 durchdringt alle Fächer, es wird das Lernen überhaupt revolutionieren.

An anderer Stelle heißt es, Medienkompetenz sensibilisiere Kinder „für mögliche Risiken“ des Internets. Das ist nicht nur altbacken, sondern auf gefährliche Weise naiv. Offenbar gehen die Koalitionspolitiker davon aus, man könne mit Medienpädagogik Kinder und Jugendliche im Netz schützen. Jeder, der mit seiner Tochter fünf Minuten in einem sogenannten Kinderchat zugebracht hat, weiß, wer sich dort alles tummelt. Aber wieso konnte sich die Koalition nicht zu eindeutigen Schritten entschließen? Weil der Föderalismus der Bildungsrepublik Fesseln anlegt. Weder Medienbildung noch Kinderschutz sind unter solchen Bedingungen zeitgemäß und wirksam machbar.

Am sinnfälligsten wird dies bei den digitalen Endgeräten, den Tablets und Laptops für die Schulen. In einer frühen Fassung des Koalitionsvertrages war noch notiert worden, jeder Schüler solle ein mobiles Endgerät erhalten. In der letzten Variante des Dokuments sind Laptops und Tabletcomputer für alle wieder rausgeflogen. Nun hätten sicher „Tablets für alle“ Lehrer wie Schulen vor größte Herausforderungen gestellt, gerade pädagogisch. Schule 2.0 geht nicht über Nacht.

Die Entscheidung, dass Schulen keine mobilen Endgeräte bekommen, war absehbar. Solange das Kooperationsverbot nicht aufgehoben wird, puzzelt jedes Land nach seinen Möglichkeiten vor sich hin. Im Kern heißt das nichts anderes, als dass Deutschland strukturell nicht in der Lage ist, sich für oder gegen eine neue Lerntechnologie zu entscheiden. Laptop- und Tabletklassen werden wie schulpolitische Lackmuspapierchen wirken. Mit smarten Lernmitteln werden deutsche Schüler nur an ausgewählten Orten arbeiten können, im reichen Süden des Landes aber ausnahmlos jeder Schüler. Die Bildungsrepublik Deutschland als digitaler Schweizer Käse. Das 21. Jahrhundert darf offenkundig nur in die bayerischen Schulen.

Christian Füller ist Bildungsexperte und bloggt unter anderem auf pisaversteher.de

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