Das Feld der Ehre ist für alle da

USA Die Spekulationen über eine Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht häufen sich - und die Glasur des Patriotismus wird plötzlich recht dünn

Nur weil Amerika den allgemeinen Wehrdienst vor 30 Jahren beerdigt hat, heißt das nicht, der Draft ist tot...", kommentierte der Seattle Intelligencer vor kurzem. Damit brachte die Zeitung die aufschäumende Debatte um eine Rückkehr zum Wehrdienst auf den Punkt. Der US-Kongress hat zwar gerade eine entsprechende Gesetzesvorlage mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert, und auch Verteidigungsminister Rumsfeld, Präsident Bush und Herausforderer John Kerry werden nicht müde öffentlich zu beteuern, sie planten keine Wiedereinführung des allgemeinen Wehrdienstes, doch glauben die Amerikaner seit dem Irak-Krieg erst recht nicht mehr alles, was ihre Regierenden verkünden. Bei der GI-Hotline rufen im Monat etwa 3.000 misstrauische und wehrunwillige junge Leute an.

Eine Umfrage der Washingtoner Organisation Alliance for Security, eines auf Militär- und Wehrdienst-Fragen spezialisierten Instituts, hat ergeben: eine Mehrheit der Amerikaner geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis der Draft reanimiert wird. Das könnte schon im Frühjahr 2005 passieren, wird spekuliert, sollte Präsident Bush wiedergewählt werden.

Die direkt Betroffenen - Oberschüler im wehrpflichtigen Alter etwa - sind von dieser Aussicht nicht begeistert: Über die Hälfte der Befragten würde versuchen, sich vom Wehrdienst zurückstellen zu lassen oder den Dienst an der Waffe zu verweigern. Unterstützt werden sie dabei in hohem Maße von ihren Eltern: 40 Prozent würden ihren Söhnen heute vom Wehrdienst abraten und diese auf jeden Fall ermutigen, sich freistellen zu lassen.

Das ist - verglichen mit den Einstellungen vor gut drei Jahrzehnten - eine geradezu historische Wende. Während der ersten Jahre des Vietnam-Krieges war die Mehrheit der Amerikaner noch von einem zweifelhaften Patriotismus erfüllt: 1970 schickten mehr als 75 Prozent der Eltern ihre Kinder aus voller Überzeugung nach Indochina.

Heute - nach Afghanistan und angesichts des Debakels im Irak - herrscht größte Skepsis. So schreibt der 17jährige Schüler Nick Leonhard in der Baltimore Sun: "Einige ängstliche Teenager und ihre Eltern zeigen sich erleichtert, dass Präsident Bush und Senator Kerry abstreiten, den Wehrdienst wiedereinführen zu wollen. Aber zynische Jugendliche glauben, dass Kandidaten ihre Versprechen routinemäßig brechen, wenn sie erst einmal gewählt sind. Der Mann, der ihnen im Laufe seiner Kampagne die Hand drückt, mag nach seiner Amtseinführung den militärischen Salut verlangen ..."

Zu den Zweifeln gesellt sich Konfusion, weil es außerdem Politiker im Lager der Demokraten gibt, die den Wehrdienst so schnell wie möglich reaktivieren wollen. Zwei liberale Demokraten hatten die zunächst abgewiesene Gesetzesvorlage eingereicht: Senator Fritz Hollings und der schwarze Abgeordnete Charles Rangel. Letzterer ist Vietnam-Veteran. Er erinnert sich gut an den unfairen "Poverty Draft", den "Wehrdienst für die Minderbemittelten". Der upper class sei es seinerzeit wunderbar gelungen, Vietnam auszusitzen, sagt Rangel. Er wolle die Leute mit dem neuen Gesetz zum Nachdenken bringen. Sie sollten sich Gedanken über die in Afghanistan und im Irak kämpfenden Truppen machen, vor allem darüber, warum sich diese Soldaten zur Freiwilligen-Armee gemeldet hätten. Nicht weil sie kämpfen, sondern weil sie besser leben wollten.

Seit Beginn der US-Invasion im Irak gibt es Hinweise, dass hinter den Kulissen längst an Plänen zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht gearbeitet wird. Für den von George Bush ausgerufenen Krieg gegen den Terrorismus werden ständig mehr Soldaten benötigt. So wurde beispielsweise die Dienstzeit der Nationalgarde und der Reservisten verlängert, Veteranen wurden zum sogenannten "Stop-Loss"-Programm der Armee eingezogen, ein Programm, das Zehntausende Soldaten zwingt, bis zu 18 Monate länger als geplant zu dienen. Auch die Verlegung von 3.500 US-Soldaten aus Südkorea in den Irak lässt erkennen, wie akut die Personalknappheit der Truppen ist.

Weil immer mehr junge Amerikaner kein Bedürfnis verspüren, im Irak oder anderswo im Kampf gegen Terroristen verheizt zu werden, stellte die Armee 1.000 neue Rekrutierungsoffiziere ein. Sie sollen junge Leute mit cash-money, bar auf die Hand und extra Vergünstigungen, für das Berufsheer anwerben. Verdächtig wirken auch Versuchsballons aus dem Pentagon, die auf eine modifizierte Wehrpflicht hinauslaufen würden, unter anderem auf einen "special skills draft", der den Mangel an Spezialisten beheben soll. Momentan wird eine Datenbank aufgebaut, die Computerfachleute, Sprachexperten und medizinisches Personal erfasst.

An Amerikas Universitäten würde sich ein Sturm der Entrüstung erheben, sollte die Wehrpflicht wiedereingeführt werden. Die schlummernde Friedensbewegung wäre über Nacht massiv auf der Straße und könnte auf kräftige Unterstützung der Mainstream- Amerikaner rechnen. Welcher Politiker würde sich das antun, heißt es in Pressestimmen von rechts und links. Doch absolut ausgeschlossen wird der Draft auch nicht - dafür sorgen nicht zuletzt latente Kriegsgerüchte um Syrien, Nordkorea und Iran.


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00:00 15.10.2004

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