Das Fernrohr heißt „konkrete Utopie“

Erinnerung Eine Gedenkrede am Ort des Attentats auf Rudi Dutschke
Das Fernrohr heißt „konkrete Utopie“
„Es ist von elementarer Bedeutung, dass sich die sozialistischen und radikaldemokratischen Kräfte daran machen, eine politisch-organisatorische Widerstandskraft zu werden.“

Foto: Keystone/Getty Images

„Der Tod ließ sich Zeit. Elf Jahre lang/ Hat er gewartet. Ach Possen/, tottraurige Possen treibt das Leben/Mit den Toten auf Urlaub“, sang Wolf Biermann, von den schaurig-schönen Klängen seiner Gitarre begleitet, im Dezember 1979 im überfüllten Audi-Max der FU Berlin zur Trauerfeier um RudiDutschke, der an den Spätfolgen des Attentats starb. Wenn er das Herz auch nicht auf der marxistisch geschulten Zunge trug, die sich manchmal zu schwer nachvollziehbaren begrifflichen Abstraktionen verstieg, so spürte man doch in der Art, wie er mit den Augen sprach, wie er lachte und zuhören konnte- auch seinen politischen Gegnern-, die Offenheit und Herzlichkeit dieses Menschen, der nicht nur im Plural dachte, sondern auch lebte. Sterben musste er trotzdem allein.

Zwischen diesen revoltierenden Berliner Intellektuellen, mich eingeschlossen, denen bei aller Militanz und rhetorisch-politischer Kraftmeierei die Stigmen einer autoritären und postfaschistischen Erziehung anzumerken waren, wirkte Rudi fast ein wenig exotisch: so herzlich, frei und zugewandt, so bar aller Ängste, die unsereinen damals plagten. Vor wissenschaftlichen, politischen und sonstigen Autoritäten schien er so wenig Bammel zu haben wie davor, sich durch sein radikales politisches Engagement den Weg zu einer bürgerlichen Karriere zu verbauen- eine Angst, die doch manche(n) der „verlorenen Söhne und Töchter“, schon bald nach ihrem revolutionären Aufbruch wieder heim ins Reich der väterlichen Wertordnung kehren ließ.

Rudi war im Wortsinne arglos, d.h. ohne Arg, ohne Falsch. Er hatte ein fast kindliches Vertrauen zu den Menschen. Und ich weiß bis heute nicht, ob sich diese fast unterschiedlose Zugewandtheit und Offenheit mangelnder Menschenkenntnis oder jener höheren Art von Humanität verdankte, die Goethe auf die Formel brachte: „Sieh einen Menschen so wie er ist, und er wird schlechter. Sieh ihn so, wie er gerne sein möchte, und er wird besser.“ Jedenfalls habe ich im SDS oft beobachten können, wie gerade die zugeschnürten und schüchternen Genossen sich bei Rudi plötzlich aufmachten und die arroganten und bissigen in seiner Gegenwart zahm wurden. Auch darin war er ein Vorkämpfer der „konkreten Utopie“: Er verstand es, die besseren Seiten der Menschen, ihr „alter Ego“ gleichsam, freizusetzen.

Auch haftete seiner Militanz nichts Verbissenes und Selbstzerstörerisches an, sie war nur die andere, empörte Seite seiner christlich imprägnierten Menschenliebe, Ausdruck seiner „tätigen Solidarität“ mit den „Erniedrigten und Beleidigten“, die selbst den politischen Gegner mit einbezog. Auf einer der ersten großen Massendemonstrationenin West-Berlin, bei der eine Garde der „jungen Union“ die roten Fahnen und Spruchbänder der demonstrierenden StudentInnen zerriss und vor deren Zorn auf einen Baukran flüchtete- in dieser aufgeheizten Stimmung war Rudis erste Reaktion Besorgnis statt Schadenfreude: „Mein Gott, wenn die da runter fallen!“ Und er beschwichtigte die aufgebrachten StudentInnen, indem er durchs Megaphon rief: „Beruhigt Euch, Genossen! Die können noch nicht anders!“ So verstand Rudi Dutschke die Menschlichkeit in der Revolte.

Was ihn vor anderen Sprechern und Wortführern der Protestbewegung auszeichnete, war, außer seiner Menschlichkeit, seiner Unbestechlichkeit und seiner Immunität gegen jegliches Prestigedenken, vor allem seine großartige Fähigkeit zur Selbstkritik, eine Fähigkeit, die sich seinem völlig uneitlen Wesen und seiner lebendigen Auffassung vom Marxismus verdankte. Entgegen den orthodox- marxistischen Auffassungen von der totalen Determiniertheit der Geschichte und der Klassenkämpfe bestand Rudi auf der „Subjekthaftigkeit der Geschichte“,d.h. darauf, dass die Menschen ihre Lebensgeschichte selber machen (was ihm oftmals den Vorwurf des Voluntarismus eintrug). Dass „die Erzieher selbst erzogen werden müssen“ (Marx) und dass erst der Zusammenhang von Gesellschaftsveränderung und Selbstveränderung das politische Handeln zur revolutionären Praxis macht, diesem Grundsatz ist Rudi bis zuletzt treu geblieben. Als er nach dem Attentat, infolge der Beschädigung seines Sprachzentrums, die eigene Muttersprache wie eine Fremdsprache wieder erlernen musste, unterlief ihm beim Lesen der Marxschen Feuerbach-Thesen ein charakteristischer Lesefehler: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sich zuverändern“,während es im Original heißt; „es kommt aber darauf an, sie zu verändern“. Der ihnbetreuende Freund und Psychologe Ehleiter weist Rudi auf seinen Fehler hin. Der stutzt, dann lacht er. Er findet den „Fehler“ richtig! Bereits fünf Wochen nach dem Attentat bekennt der Rekonvaleszent: „Ich habe Fehler gemacht. War einfach noch zu jung, um Politiker zu werden.“ Die Fähigkeit zu permanenter Selbstkritik und zum prozesshaften Denken machte ihn auch gefeit gegen jegliche Form von Sektierertum, wie es sich in der dogmatischen Phase der Studentenbewegung mit den Partei- und K-Gruppen-Gründungen am grünen Tisch entwickelte.

Auch seine in den letzten Lebensjahren veröffentlichten Publikationen belegen sein völlig undogmatisches Herangehen an die großen Probleme der Gegenwart, seine enorme Lernfähigkeit und nicht zuletzt seine Courage, auch von der Linken lange tabuierte Themen wirklich anzugehen. Dazu gehören seine prognostischen Thesen zur „nationalen Frage“, die die westdeutsche Linke zu lange den rechten Kräften überlassen hatte. Dazu gehört sein 1974 erschienener „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“, der – ausgehend von Marxens später Analyse der russischen Gesellschaft und ihrer besonderen „halbasiatischen Formationsgeschichte“- den blinden Fleck des Lenin’schen Revolutions- und Entwicklungskonzeptes genau bezeichnete- ein analytischerAnsatz, den ich in meinem 1992 erschienenem Buch „Das Ende eines Jahrhundertmythos. Eine Bilanz des Staatssozialismus“ wieder aufgenommen und vertieft habe. Seine (auch durch die Freundschaft mit dem ehemaligen Spanienkämpfer und Co-Autoren Günter Berkhahn angeregten) Analysen des „asiatischen Kommunismus“ mit seinen sich über die Jahrhunderte stagnierend erhaltenden despotisch-bürokratischen Herrschaftsformen, für die die Linke bislang keinen Blick und kein analytisches Instrumentarium besaß, wiesen Rudi Dutschke bis zuletzt als überragenden marxistischen Theoretiker in der Tradition Rosa Luxemburgs und Karl August Wittfogels (des Soziologen der „orientalischen Despotie“) aus.

In den letzten Monaten seines Lebens richtete er seine Hauptenergie auf die Reorganisation der zersplitterten Sozialisten und Radikaldemokraten im Lande. In den Bürgerinitiativen, der „grünen“ und Anti-Atom-Bewegung sah er eine neue Massenbewegung entstehen, die auch Elemente der alten APO, Basis-Demokratie, alternative Lebensformen und außerparlamentarische Opposition in sich trug. Eben dass der Marxist Dutschke kein „Grüner“ im engen Sinne war, machte sein Engagement für die „Grünen“ so wichtig. So sagte er nach dem Wahlsieg der Bremer „Grünen“, an dem er mitgewirkt hatte: „Alle wissen, dass der Weiterbestand der Gattung in Frage steht. Es geht heute nicht mehr nur um ein Klasseninteresse.“ Und an anderer Stelle: „Die trotz Krise weiterschwelende Wachstumsbesessenheit und Gesellschaft wie Natur bedrohenden Destruktivkräfte haben einen Zustand erreicht, in welchem es von elementarer Bedeutung ist, dass sich die sozialistischen und radikaldemokratischen Kräfte im Lande daran machen, eine politisch-organísatorische Widerstandskraft zu werden.“ Rudis Diagnose von 1979 – ist sie nicht gerade heute hochaktuell?

Seine Hoffnung dabei war (dies weiß ich aus Gesprächen mit ihm und G. Berkhahn),die antikapitalistisch-soziale und die ökologische Bewegung, Basis-Demokratie und Sozialismus auf lange Sicht zusammenzubringen, wobei er leninistische und stalinistische Traditionen entschieden ausschloss. An dieses, sein politisches Vermächtnis heute wieder anzuknüpfen, scheint mir umso notwendiger, als die realexistierende Linke schon lange keine soziale Utopie mehr zu formulieren vermag, die über den Kapitalismus hinausgeht und der verordneten Alternativlosigkeit eine bessere Zukunft entgegensetzt; könnte sie doch auf diese Weise auch junge Menschen motivieren und mobilisieren, „realistisch zu sein und doch das Unmögliche zu fordern“ (wie es im Pariser Mai 1968 hieß).Gerade in utopielosen und -leeren Zeiten wie der unsrigen, ist es notwendig, wieder jenes „weitest reichende Fernrohr konkrete Utopie anzulegen, um den wirklichen Stern Erde zu sehen,“ wie Rudi Dutschke es mit Ernst Bloch, den er hoch schätzte und mit dem er persönlich befreundet war, wohl formuliert hätte.

Michael Schneider ist Schriftsteller, Prof. an der Filmakademie BadenWürttemberg und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac-Deutschland. Sein letzter Roman ist Ein zweites Leben, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 2016

06:00 22.04.2018

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