Das Frankensteinexperiment

Gruselig Von der Geschichte der Arbeit als fortgesetztem Versuch am Menschen

Frankenstein war keine rein fiktive Figur. Seine Schöpferin Mary Shelley hatte sich von Andrew Ure inspirieren lassen, einem schottischen Professor, der für Aufsehen sorgte, als er die Leiche eines hingerichteten Mörders durch elektrische Stimulationen wiederzubeleben versuchte, ihm jedoch lediglich erschreckende Mimiken entlockte. Allerdings ist Ure in die Geschichte dank einer anderen, nicht minder monströsen Leistung eingegangen, nämlich seiner Philosophy of manufactures (1835), einem Buch, das als Pionierwerk der Managementtheorie gelten darf. Sein ambitioniertes Projekt stellte Ure wie folgt dar: "Allein mit Hilfe der Wissenschaft kann es dem Kapital gelingen, den unbeugsamen Arbeiter zu zwingen, sich gefügig zu verhalten." Unbeugsam heißt auf Englisch "inflexible", darum darf hier, obgleich es den Begriff damals noch nicht gab, von einem frühen Beitrag zur Flexibilisierung, zum Biegsamwerden des Menschenmaterials, gesprochen werden.

Die Geburt des Managements aus dem Frankensteinschen Geist dürfte nicht überraschen. Ohne Übertreibung könnte die Geschichte der Industrie als ein gigantisches Menschenexperiment beschrieben werden, in dem jede Firma ein Labor und jeder Angestellte einen lebenden Versuchsgegenstand darstellt. Da probieren Wissenschaftler, erstarrte Glieder des Betriebskörpers künstlich zu beleben und Gehirne zu manipulieren, in der Hoffnung, einen neuen Menschen zu schaffen, dessen Wesen endlich so sei, wie die Ökonomie es behauptet - fleißig, egoistisch, bieg- und beugsam. Dies ist der blinde Fleck des Liberalismus: Ideell soll die Wirtschaft frei und ohne Lenkung funktionieren, doch konkret müssen zu diesem Zweck Produzenten wie Konsumenten umerzogen werden. Seit zweihundert Jahren stellt sich dieselbe Frage: Wie kann man Menschen dazu bringen, eine Arbeit gut und bereitwillig zu leisten, die sie unter normalen Bedingungen niemals ausführen würden? Allein die Lösungsansätze variieren im Laufe der Zeit.

Das Experiment begann mit einem Gewaltakt. Männer, Frauen und Kinder wurden aus ihren vertrauten Zusammenhängen gerissen und gezwungen, bis zur kompletten Erschöpfung in Fabriken zu schuften, die sich von Zuchthäusern kaum unterschieden. Zeitgenössische Berichte wie Engels´ Lage der arbeitenden Klasse in England sind haarsträubend. Selbst der hartgesottenste Neoliberale würde heute solche Brutalität (zumindest gegen die eigene Bevölkerung) missbilligen. Diese Grausamkeit war jedoch kein Überbleibsel von Willkür und Barbarei in einem sonst vernünftigen System, sondern dessen zwingende Bedingung. Ohne Terror wäre kein Mensch in der Fabrik geblieben. Dieses Drama spielte sich nicht nur 1840 in Manchester ab, sondern wiederholte sich bis weit ins 20. Jahrhundert, wenn Landstriche industrialisiert wurden.

Aus der heutigen, befriedeten Sicht fragt sich, weshalb Fortschritt, maschinelle Hilfe und Wohlstandsverheißung mit Gewalt erzwungen werden mussten. Hätte es nicht anders gehen können? Kaum. Für die Zeitgenossen überwog bei weitem der erlittene Verlust dem versprochenen Gewinn. Quellen zeigen, dass von den ersten Fabrikarbeitern der Verlust des Gemeinwesens schlimmer empfunden wurde als Not und physische Mühsal. Drei in ihren Augen lebenswichtige Faktoren wurden von der Industrialisierung angegriffen: Autonomie, Zeit und Gemeinschaft. Vorindustrielle Produzenten waren unabhängig genug von den Käufern ihrer Erzeugnisse, um die Menge, die Weise und den Ablauf ihrer Arbeit selbst zu bestimmen. Ihre Arbeitszeit war nicht messbar, sie konnte beliebig unterbrochen werden. Eine klare Trennung zwischen den Tätigkeiten, die eine Lebensführung ausmachen, gab es nicht. Zwar waren die Menschen arm, sie hatten jedoch viel "freie" Zeit. Eigentlich eine Zeit, die für außerwirtschaftliche, doch als zwingend empfundene Verrichtungen verwendet wurde - Seelenpflege oder Feierlichkeiten, die die Gemeinschaft zusammenhielten. Ihre Wirtschaftsweise war nicht effektiver, weil die anderen Dimensionen ihres Lebens keinen Spielraum dazu ließen. Ob sie damals auf das Angebot eines Mephisto eingegangen wären, Zentralheizung und Urlaub gegen doppelt so viel Arbeit einzutauschen, darf bezweifelt werden. Wenn wir unter Flexibilität die Möglichkeit des Umschaltens von einer Erfahrungssphäre zur anderen verstehen, ist Flexibilität nur in einer polyzentrischen Welt zu haben und nicht unter der Alleinherrschaft des Tauschwertes. Erst das 19. Jahrhundert hat das komplexe System der menschlichen Motivationen auf zwei Elemente reduziert: die Gewinnsucht der einen, die Hungersangst der anderen. Diese Reduktion war die Voraussetzung des industriellen Aufschwungs.

Damit soll nicht ein vergangenes Zeitalter romantisiert, sondern der Hintergrund des Managementprozesses beleuchtet werden. Die Triade von Autonomie, Zeit und Gemeinschaft, die mit der ersten Industrialisierung zerstört wurde, geistert weiter durch die Geschichte bis jetzt. Das Drama des Verlusts ist als psychischer Phantomschmerz geblieben und verursacht bis heute soziale Missbildungen wie Stress, Mobbing und Karoshi (Tod durch Arbeit). Andererseits schlägt die Sehnsucht immer wieder in Versuche der Rückaneignung um. Beharrlich bemühen sich die Entmachteten um heimliche Spielräume, unerlaubte Pausen und kollektives Zurwehrsetzen. Schließlich wurde aus der Sicht des Managements das Zerstörungswerk nie vollendet. Die Beschäftigten sind nie verfügbar genug, Zeit wird knapper und individueller Wettbewerb wird von erstarrten Bünden behindert. Infolgedessen wird bei jeder neuen Stufe der Weltvermarktung die Urszene aktualisiert.

Es ist schwer zu entscheiden, ob die Philosophy of manufactures ihrer Zeit voraus war oder umgekehrt, das heutige Unternehmensberatergerede antiquiert ist, jedenfalls weisen beide Diskurse frappierende Ähnlichkeiten auf. So führt Ure alle sozialen Konflikte auf "Missverständnisse" zurück, die mit verbesserter Kommunikation zu vermeiden seien. Arbeitern, die damals den Zehnstundentag forderten, sollte man in Nachhilfestunden lehren, dass eine solch unrealistische Arbeitszeitverkürzung die Wirtschaft und somit ihre eigene Lebensgrundlage zugrunde richte - und ihre Forderung zudem "unmoralisch" sei: Wer eine dampfbetriebene Maschine bedient, strenge sich physisch weniger an, solle also länger arbeiten als ein Bauer oder Handwerker. Der Gerechtigkeit halber.

Selbstredend war Ure auch ein Verfechter der Kinderarbeit. Die Gruselszenen von rachitischen Zehnjährigen, die sechzig Stunden pro Woche Karren in Schächten schoben, entstammten einer rationalen Überlegung (obgleich die wirtschaftliche Rentabilität gering war). Für die neu entstandene Industrie waren erwachsene Arbeiter so gut wie unbrauchbar, sie hatten zuviele schlechte Gewohnheiten. Eine neue Generation musste von ihrer tradierten Umgebung abgeschottet werden. Die Kinderkäfighaltung entsprach dem Mythos eines durch tabula rasa neu programmierten Menschenmaterials. Als die ersten Generationen gezüchtet waren, konnte großzügig auf Kinderarbeit verzichtet werden. Der Zwang, glaubte man, sei verinnerlicht worden. Nunmehr würde die Schule ausreichen, um Disziplin zu schaffen.

Dennoch entpuppten sich jene Züchtigungsphantasien als illusorisch. Wie Frankensteins Unhold gerieten die Arbeiter schnell außer Kontrolle und begannen, gegen ihre Erzeuger und für ihre Emanzipation zu kämpfen. Als Streiks und Aufstände sich mehrten, verschwand der Traum, eine Zucht nachgiebiger Zombies schöpfen zu können. Die Strategie wurde gewechselt. Wenn es nicht möglich war, die Arbeiter zu motivieren, sollte auf ihre Motivation verzichtet werden. Die Wissenschaft verschob ihr Tätigkeitsfeld von der Erziehung zur Organisationsform. Frederick Winslow Taylor, Namensgeber des neuen Systems, meinte, der Mensch sei "von Natur aus ziemlich faul", darum sollten die Produktionsvorgänge unabhängig von der subjektiven Neigung der Arbeiter gestaltet und deren Geist ins System selbst verlagert werden. Die Maschinen wurden rationalisiert, die Menschen mechanisiert. Henry Ford erzählte gern, dass er für die Herstellung seines Model T nur 949 kräftige Männer benötigte, da "670 Arbeitsgänge ebenso gut von Beinlosen, 2637 von Einbeinigen, 2 von Armlosen, 715 von Einarmigen und 10 von Blinden" verrichtet werden könnten. Entsprechend war der Arbeitsvertrag eine Willensverzichterklärung. Der "fordistische Kompromiss" hieß: Geistige Ausschaltung gegen Tariflohn. Letzterer war nicht als gerechte Vergütung einer positiven Tätigkeit zu begreifen, sondern als Lösegeld für die entwendete Zeit. Insofern teilten Arbeitgeber und -nehmer ein gleich instrumentales Verhältnis zur Produktion: ein nebensächliches Mittel, um an Geld zu kommen. Das erstrebenswerte im Leben lag außerhalb der Arbeitszeit.

Aus diesem Grund konnte das System nicht ewig währen. Da ihr Engagement aus Prinzip verneint war, hatten die Belegschaften kein Motiv, ihren Job wertzuschätzen. Fehlzeiten, Verlangsamungen, Sabotagen und Unterschlagungen nahmen dramatisch zu. Auch die Lohnforderungen wurden zunehmend von Kräfteverhältnissen bestimmt. So platzte der Kompromiss. Die Versuchsarbeiter lehrten ihre Manager, dass das Taylorsche Experiment ein kapitalistischer Mythos, eine unmögliche Phantasie gewesen war. Keine Organisation kann die Motivation ihrer Beschäftigten ersetzen. Selbst beim stumpfsten Arbeitsgang kann es zu Pannen oder Störungen kommen, die Initiativen erfordern. Der Taylorismus ist ein Zwillingsbruder der politischen Diktatur. Wie sie stammt er aus einer Zeit, die vom "Aufstand der Massen" und deren Beherrschung durch allmächtige Organisationen besessen war. Die Unruhen der sechziger und siebziger Jahre erbrachten den negativen Beweis der Macht der Arbeiter: Verzichten sie auf jede Initiative, verhalten sie sich so mechanisch wie im Plan vorgesehen, funktioniert nichts mehr. Aufs neue musste das Experiment Menschenkapitaloptimierung umgestaltet werden.

Zudem machten technische Fortschritte Henry Fords Arm- und Beinvorräte überflüssig. Maschinen arbeiten nun schneller, effektiver und billiger. Entgegen einer populären Vorstellung heißt dies aber nicht, ein Ende der Arbeit sei in Sicht. Maschinen können zwar endlos reproduzieren, jedoch keine Produkte entwerfen, auf Veränderungen reagieren, sich der Konkurrenz anpassen, in einem Wort: innovieren. Auch können sie nicht selbstständig verhandeln, verführen und belügen, in einem Wort: verkaufen. Dazu sind Gehirne unentbehrlich. Selbst in call centers, jener postindustriellen Entsprechung des Fließbands, heißt es, man möge ins Telefon lächeln. Im globalen Vampirismus kann kein Betrieb auf motivierte und engagierte Mitarbeiter verzichten. Je weiter die Automatisierung der Produktion voranschreitet, umso ausschlaggebender wird der menschliche Anteil am Gesamtprozess.

Man hätte glauben können, Zustände wie in Chaplins Modern times seien an Entmenschlichung nicht zu überbieten. Doch die nächste Folge sorgte für weitere Überraschungen. Die Tyrannei versprach, ihre Untertanen vom verhassten System zu befreien, um ihnen eine Rückkehr zur bukolischen, vorindustriellen Lebensweise zu ermöglichen. Schließlich würde die Nutzung postindustrieller Produktionsmittel (Computer, Handy) keine Fabrikhalle, nicht einmal eine feste Stätte benötigen. Man konnte am Strand arbeiten, die Füße im Wasser, von Palmbäumen beschattet. Wer mochte da noch von Entfremdung reden? Und doch sollte sich bald zeigen, dass sich die Traumgestalt der Flexibilität in einen Ghul verwandelt hatte.

Die Trennung zwischen Freizeit und unfreier Arbeit war euch unerträglich? Sie wird aufgehoben. Rund um die Uhr verfügbar, kennt ihr keinen Feierabend mehr. Ihr habt euch wie eine anonyme Nummer in der großen Maschinerie gefühlt? Jetzt bekommt jeder von euch ein individualisiertes Hamsterrad, infolgedessen werdet ihr auf kollektive Schutzstrategien und Absprachen zur Normsenkung verzichten müssen. Ihr wollt euch von den Ausbeutern befreien? Werdet selbständig und beutet euch selbst aus. Die Hierarchie könnt ihr nicht ausstehen? Kein Problem, sie wird abgeflacht, zumal sich auf diese Weise sparen lässt. Nicht mehr Vorarbeiter, sondern ihre Werkzeuge kontrollieren die Beschäftigten. Die Technik bestimmt das Tempo, speichert das Getane bzw. Nichtgetane und zeigt es notfalls an - eine Kontrollverlagerung, die zu weiterer Vereinzelung führt: Immerhin waren Chefs gemeinsame Feinde, gegen die sich Belegschaften zusammenschließen und wehren konnten. Ohnehin ist der Befehlshaber nicht mehr der Boss, sondern der Kunde. Der Kunde, also wir alle, lässt Firmen keine andere Wahl, als Löhne zu senken, um preiswert zu bleiben. Wer gegen Lohnsenkung kämpft, kämpft gegen sich selbst.

Mehr denn je ist das neue System ein Zwangsapparat. Seine Stärke zieht es nicht aus positiver Bindung, sondern aus der Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit. Doch eine Sache ist es, Menschen zur Arbeit zu zwingen, eine andere, sie dazu zu bringen, gut zu arbeiten. Die Tyrannei von heute kleidet sich in Ideale von gestern. Dies betrifft auch die "Qualitätsoptimierung" und das "Nullfehler-Prinzip", das nur zu mehr Betrug und Mogelei geführt hat. Ist das Ziel unerreichbar, wird so getan, als ob. Die Rhetorik gewinnt die Oberhand über das tatsächlich Geleistete. Vom Vorstandsvorsitzenden bis hin zur Praktikantin herrscht Simulation im Betrieb. Selbst die Motivation wird simuliert. Doch Abwesenheit zuverlässiger Informationen macht jede Strategie unmöglich.

Hinzu kommt die nicht unbegrenzte Belastbarkeit des Menschenmaterials. 2007 nahm in Frankreich eine Welle von Suiziden am Arbeitsplatz derartige Dimensionen an, dass sich eine nationale Debatte entfaltete. Allein in einer Produktionsstätte der Peugeot-Gruppe hatten sich binnen kurzer Zeit sechs Angestellte umgebracht. Alle Opfer waren in der flexiblen Hochleistungssparte beschäftigt. Die Regierung erklärte sich "tief besorgt" und Sarkozy versprach, Stress am Arbeitsplatz per Verordnung zu verbieten. Zu diesem Anlass erklärte ein Experte in der Zeitung Le Monde: "Wir können nicht das Humankapital kontinuierlich aufsaugen, ohne uns um die Konsequenzen zu kümmern. Irgendwann wird es nichts mehr aufzusaugen geben, und das Wirtschaftssystem wird aufhören zu funktionieren. Vielleicht haben wir bereits diese Grenze erreicht." (Die Betonung von "Aufsaugen" ist ein weiterer Hinweis auf die Draculasche Prägung des moderneren Managements.) Die Selbstmorde ausgepresster Angestellter nennt er unterdessen "ein beunruhigendes Alarmsignal für den Fortbestand des Systems." Auch eine Lösung hält er parat. Das "Zusammenleben" soll wiederhergestellt werden, denn obwohl nicht unmittelbar rentabel, sei es doch ein unverzichtbares Fundament des Systems. Ausgerechnet das Zusammenleben, auf dessen Trümmern die Marktgesellschaft aufgebaut wurde, wird zur Rettung ihrer selbst heraufbeschworen. Es scheint, dass nach einem Vierteljahrhundert der Flexibilisierung die Grenzen der Biegsamkeit erreicht worden sind. Man wird sich ein neues Wundermittel einfallen lassen müssen, vielleicht eine Rückkehr zu väterlichem Autoritarismus oder die ultimative Anpassungsdroge. Auf die nächste Episode des Frankensteinexperiments darf man gespannt sein.

In anderer Fassung in: Reinigungsgesellschaft und Miklós Erhardt: The Social Engine - exploring flexibility, Hg.: Studio of Young Artists Association und ACC Galerie Weimar 2007, englisch/deutsch/ungarisch, 148 Seiten, 10 EUR

Guillaume Paoli ist 1959 geboren, er ist Mitbegründer der Glücklichen Arbeitslosen.

00:00 19.10.2007

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