Das Freizeichen hören

DDR-Familiensaga Marion Brasch hat ein mitreißendes Buch über ihre erste Lebenshälfte geschrieben. Hauptfigur ist nicht der berühmte Bruder Thomas, sondern der linientreue Vater

Das Schöne an der DDR ist, dass jeder Bewohner über sie eine interessante Geschichte erzählen könnte: seine Lebensgeschichte. Die Nachgeborenen staunen über die archaischen Verhältnisse, in denen man gelebt hat – wie auch immer sie sie bewerten –, und selbst staunt man ja auch schon, wie historisch man sich geworden ist. Manchmal kann man sich mit fremden Erzählungen identifizieren, manchmal provozieren sie Widerspruch. Je nach familiären Voraussetzungen, Veranlagung, Zufall, Ort und Jahrzehnt, in dem einer geboren ist, wurde die DDR ganz anders erlebt. Deshalb bleibt das Zeitzeugen-TV, in dem einzelne Personen authentische Einschätzungen zu irgendwelchen Themen abgeben, immer so unbefriedigend, es müssten auch noch alle anderen befragt werden.

Wenig bis gar nichts wussten die DDR-Bürger über das Privatleben ihrer Politiker. Es gab keinen sozialistischen Boulevard, es gab lediglich Gerüchte, meistens über Alkoholmissbrauch, verheimlichte Krankheiten und auffällig häufig aus der Art geschlagene Kinder. Öffentlichkeitsarbeit jenseits der Propaganda fand nicht statt. Es hätte einen auch nicht interessiert. Vermutlich hat in der DDR kein Politiker und kein Fußballspieler je ein spontanes Fernseh-Interview gegeben, und man bekam direkt Mitleid, wenn man sah, wie hilflos und ungeschickt sich Egon Krenz zur Wende dieser für ihn neuen Herausforderung stellte.

Der berühmte Bruder

Es gab natürlich ein paar berühmte Familien im Land, meistens aus dem Kulturbereich, die große Netzwerke zu bilden schienen. Die Langhoffs, die Thalbachs, die Hagens, die Schnitzlers, und spätestens mit Marion Braschs Buch Ab jetzt ist Ruhe auch die Braschs. Wobei es eigentlich schon Insiderwissen war, dass ihre Brüder die Schriftsteller Thomas und Peter Brasch und der Schauspieler Klaus Brasch (Solo Sunny) waren und ihr Vater Horst Brasch, zeitweise stellvertretender DDR-Kulturminister, aus der speziellen Gruppe der in der Nazizeit in den Westen emigrierten jüdischen Kommunisten, die für Ulbrichts Leute, weil sie nicht im KZ gewesen sind, als „Verfolgte zweiter Klasse“ galten.

Marion Brasch ist für viele eine Identifikationsfigur geworden. Sie ist eine der wenigen noch aus dem Osten stammenden prominenten Figuren in den Medien, eine markante Stimme beim Berliner Sender radioeins. Für manche ist ihre anti-intellektuelle und emphatische Art, Gespräche mit ihren Gästen zu führen, ein rotes Tuch. Gerade ihre Kritiker werden nun aber staunen, was für ein souveränes, mitreißendes Buch sie über ihre erste Lebenshälfte geschrieben hat, wobei es schon im Titel die Behauptung trägt, ihr einziges zu bleiben. Sie hat es für ihre Tochter geschrieben, mit deren Geburt das Buch endet.

Die größte Herausforderung dieses Buchs ist es, kein Buch über Thomas Brasch zu sein. Dass er als Kind Uniformen liebte und manchmal mit Pioniertuch schlafen ging – das Buch enthält wenige solcher schwesterlichen Indiskretionen. Als kleine Schwester kennt Marion Brasch die Situation sehr gut, durch ihren Namen plötzlich interessant zu werden. Und sie hat es gehasst. Es ist ihr gelungen, ihre Geschichte zu erzählen, ohne wie ein Unterkapitel seiner Biografie zu wirken. Die meiste Zeit ist er ja auch abwesend, lange vor ihr zu Hause ausgezogen, im Gefängnis, im Westen, in seiner Schriftsteller-Einsamkeit. So wie sie nicht will, dass man sich für sie interessiert, weil ihr Bruder berühmt ist, so interessiert sie sich für ihren Bruder nicht deshalb, weil er berühmt ist, sondern weil er ihr Bruder ist. Immer wieder taucht er im Buch auf, auf Eltern-Besuch, über seine Bücher, die sie liest, die Hörspiele, aber vor allem als großer Kummer im Leben des Vaters.

Beispielhafter Generationenkonflikt

Daneben verläuft ihre DDR-Jugend ganz typisch, mit Klappfahrrad, Alkoholexperimenten, Trampen durch Ungarn und mit Jungs, die einem im Pionierlager beim Tischtennis Vorhand beibringen (im Buch steht „Rückhand“, einer der wenigen Fehler, denn Mädchen hatten ja immer eher Probleme mit der Vorhand). Die Omas heißen Oma London und Oma Potsdam, bei der sie als Kind Westfernsehn sehen darf, während sie ihr Zigaretten dreht. Ungewöhnlich für heutige Maßstäbe ist vor allem die konsequente, beruflich bedingte Abwesenheit der Eltern, die in ihre politische Arbeit eingebunden sind, weswegen Marion in die Wochenkrippe ging – eine Einrichtung, die heute, wenn es sie noch gäbe, für sämtliche Missstände der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden würde.

Der Generationenkonflikt zwischen Vater und Söhnen, in dieser Familie steht er beispielhaft für die Unfähigkeit der DDR-Führung, ihrem eigenen Volk zu vertrauen, vor allem der Jugend, die man für zu unreif hielt, die Macht zu verteidigen. Was sich die Alten abverlangt hatten, verlangten sie jetzt auch von ihren Söhnen. Heiner Müller hat den Konflikt der Braschs in Der Findling aus Wolokolamsker Chaussee verarbeitet. Thomas Brasch selbst hat es in Vor den Vätern sterben die Söhne getan. Aber einen Familienroman wollte er nicht schreiben, obwohl ihm das Angebot eines unbegrenzten New-York-Stipendiums dafür gemacht worden sei. Es hat ihn nicht interessiert, er war ein politischer Schriftsteller, seine Biografie, von der er sicher besessen war, war für ihn Material und nicht Thema.

Bei Marion Brasch wird das Drama vor allem aus der Sicht ihres Vaters erzählt, eigentlich ist er die Hauptfigur des Buchs. In seiner ideologischen Unerbittlichkeit und kämpferischen Askese muss sich der Sohn irgendwann immer mehr wiedererkannt haben. Und es war ja nicht nur ein Sohn, es waren drei, die alle Künstler geworden sind und sich zugrunde gerichtet haben, auch weil sie sich in ihrer gegenseitigen künstlerischen Konkurrenz verzehrt haben.

Rock'n'Roll und Levis

Der dramatische Höhepunkt: Horst Brasch zeigt seinen Sohn Thomas bei der Stasi an, weil er selbst verfasste Flugblätter gegen den Einmarsch der Russen in Prag verteilt hat. Beide Seiten haben recht, es gibt keine Lösung. Wie es sich für einen Kommunisten gehört, sucht Horst Brasch die Schuld bei sich: „Sie haben recht, ich habe in deiner Erziehung versagt“, sagt er zu Thomas. Thomas kommt ins Gefängnis und wird nach Karl-Marx-Stadt versetzt, eine Demütigung durch die eigenen Genossen, die für die Tochter etwas ganz anderes bedeutet, eine neue Stadt, eine andere Schule, eine fremde Umgebung.


Während die Brüder gegen den Vater rebellieren, muss Marion mit dem Druck leben, für den Vater die letzte Hoffnung auf ein gelungenes Erziehungsprojekt zu sein. Er verschließt tagsüber das Empfangsgerät für die West-Sender, und sie möchte ihn nicht auch noch enttäuschen, zumal ihre Mutter an Krebs stirbt und sie fortan alleine beim Vater lebt. Sie ist ganz froh, dass er viel auf Reisen ist, die Pubertät macht sie mit sich selber aus. Mit den Jungs ist es meistens so: „Ich war nicht verliebt, doch ich fand schön, dass er es war.“ Dass sie jüdisch ist, spielt für sie keine Rolle. Sie hat die seltene Gabe, begeistert zu sein, vor allem von ihren Brüdern, die sie bewundert, die aber lange brauchen, um in ihr einen erwachsenen Menschen zu sehen.

Horst Brasch hält seiner Marion Vorträge, wenn sie anderer Meinung ist. In der DDR war auch Mode politisch, und was in normalen Familien ein Konflikt zwischen den Generationen wäre, wurde hier zum Klassenkampf: „Wir produzieren in unserem Land doch auch anständige Kleidung“, sagt Horst Brasch, wenn sie Levis-Jeans will. Die Führung dachte bis zuletzt, die Jugend laufe ihr zu Unrecht weg, sie hätten doch alles, jedenfalls mehr, als sie damals hatten. Und das stimmte ja auch. Man kann sich lange darüber streiten, ob die DDR-Führung ein patriarchales oder ein matriarchales Verhältnis zu ihrem Volk hatte. Den Rock’n’Roll haben die Funktionäre nie verstanden, das machte ihn ja gerade so reizvoll. Wie könnte man einen Westberliner Auftritt von David Bowie stilvoller verfolgen als heimlich vom Klo des Ostberliner Künstlerclubs „Möwe“ aus?

Stolz auf die Schwester

In den dramatischen Momenten erzählt Marion Brasch die DDR unbewusst als Märchen. Als im Westen Thomas’ erstes Buch erscheint: „Es handelte von ihm und von seinem Land. Er liebte das Land, doch es machte ihm diese Liebe und das Leben schwer. Und weil er davon erzählte, wollte das Land seine Geschichten nicht haben.“ Solche scheinnaiven Stellen sind aber die Ausnahme. Es hat allerdings seinen Reiz, die Geschichte einmal so zu lesen. (Wie im Märchen gibt es eine böse Stiefmutter, die auch noch für die Stasi berichtet.) Thomas Brasch soll nach seiner Ausreise im Westen als Kronzeuge gegen die DDR auftreten, was er natürlich nicht tut. Er nimmt damit die kritische Haltung vieler Intellektueller zur Wiedervereinigung vorweg und macht die Erfahrung, die nach der Wende jene machen, die den Westen nicht als reines Geschenk verstehen. „Im Gefängnis zu sein, ist überall schlimm“, das wollte man von einem DDR-Dissidenten nicht hören.

Anders als bei den Kindern unserer heutigen oberen Zehntausend verläuft Marions Werdegang eher gewöhnlich. Berufsausbildung mit Abitur, sie kann wählen zwischen Handelskaufmann oder Schriftsetzer. Wie so viele lernt sie Schriftsetzer, vielleicht weil das irgendwie schon fast wie Künstler klingt, aber doch ein solides Handwerk ist. Sie findet sich nicht begabt und hat kaum Ehrgeiz. In dieser Familie ist das ein Überlebensvorteil. Lernt sie Jungs kennen, klingt das so: „Hast du am Wochenende schon was vor?“ „Nö.“ „Gut.“ Genau so war das. Der Vater will sie in einer Plattenbau-Wohnung unterbringen, wer das nicht möchte, kann eigentlich nicht für die DDR sein. Sie tauscht die Wohnung gegen eine Altbau-Wohnung, in der unter den Tapeten noch Jahrgänge vom Völkischen Beobachter kleben. „Und alle zwei Wochen sind Sie mit der Treppe dran.“ Als sie Telefon bekommt, ruft sie von einer Zelle aus bei sich an, um das Freizeichen zu hören. Irgendwann kommt die Wende, und das hieß zunächst einmal, dass man sich lächerlich machte, weil man die Schale der Garnelen mitaß.

Immer wieder glänzt dieses schöne Buch mit solchen lakonischen Details. Es rührt einen an, dass es nur geschrieben werden konnte, weil die meisten seiner Protagonisten schon tot sind und die Autorin wie eine Überlebende ihrer eigenen Familie wirkt. Wenn ihre Brüder es noch lesen könnten, wären sie vielleicht auch einmal stolz auf ihre Schwester.

Ab jetzt ist Ruhe: Roman meiner fabelhaften FamilieMarion Brasch S. Fischer 2011, 400 S., 19,99

11:50 23.02.2012

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