Das Gefühl, in der Geschichte festzustecken

Film „Das Loch im Kopf“ versucht, die Probleme des italienischen Südens in eine ästhetische Form zu bringen

Ende April wurden in Paris sieben ehemalige Angehörige der „Brigate Rosse“, des italienischen Pendants zur RAF, auf Geheiß des französischen Präsidenten verhaftet. Die meisten von ihnen hatten seit den Achtzigern auf politisches Asyl gedrungen; sie wähnten sich nicht nur von italienischen, sondern auch von amerikanischen Diensten verfolgt, war doch Italien damals ein wichtiger Schauplatz im Hinterhauskrieg der Blockmächte gewesen. Francois Mitterand gewährte zwar keinen offiziellen Rechtsstatus, mahnte jedoch an, die Asylsuchenden als politische Überzeugungstäter und nicht als Kriminelle zu behandeln. Als Macron am 28. April vor die Presse trat, rechtfertigte er die Aufkündigung der stummen Duldung, indem er die Brigate Rosse mit dem islamistischen Terror verglich. Entrüstet widersprachen die Anwälte der Auslieferungskandidaten, ebenso die französische Linke. In Italien sprach man von einem Erfolg Draghis, um die Rechte zur Raison zu rufen.

Wenige Wochen später gelangte ein Film in die Kinos, der während der Pandemie fertig geschnitten und auf dem (diesmal digitalen) Filmfest von Turin, dem für einheimische Produktionen wichtigsten Schaulaufen, respektvoll begrüßt und für den „Nastro argento“, den italienischen Filmpreis, nominiert wurde. Il buco in testa („Das Loch im Kopf“) beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Neapolitaner Antonio Capuano, der seinen über achtzig Jahren ein stoisches Arbeitsethos entgegensetzt, erzählt darin vom Versuch einer schon nicht mehr jungen Frau, den Mann, der ihren Vater, einen Polizisten, auf einer Demonstration erschossen hatte, nicht davonkommen zu lassen.

Der Mann, Guido, ist ein ehemaliger „Brigatista“, der soeben aus dem Gefängnis entlassen wurde. Seine Resozialisierung soll in einem bürgerlichen Viertel von Mailand erfolgen; er hat ein Restaurant, einen Sohn, eine Frau, die ihn abschirmt und sich seiner annimmt – auch wenn sie nicht zu ihm durchdringt. Maria hingegen versucht im neapolitanischen Vorort Torre del Greco irgendwie über die Runden zu kommen, als Lehrerin angestellt zu werden, ihre Mutter am Selbstmord zu hindern und einer Freundin beizustehen, die sich vor Übermut hat schwängern lassen und einsehen muss, dass eine alleinstehende Frau um die vierzig an alles Mögliche denken sollte, nur nicht an ein Kind. Eingeklemmt zwischen den Schicksalsmächten Vesuv und Meer sieht Maria, wie die Menschen sich an etwas Großes, an Wünsche und Ideale zu hängen versuchen. Aber das Große schleift die Menschen nur einen Moment mit und geht dann einfach über sie hinweg.

Marias Wunsch nach Rache kommt also aus einem verpfuschten Leben. Darin ist der Geruch der Rosen mit dem Bild des Toten verbunden anstatt mit galanten Verehrern. Darin können die Väter ihre Töchter nicht vor Zudringlichkeiten beschützen, sie aber auch nicht in Schranken weisen. Schon gar nicht vermögen sie ihnen den Weg nach zu draußen bahnen, zu den für ihre Zukunft hilfreichen Kontakten. Maria ist eine robuste Frau, liebeshungrig im besten Sinn – nicht um sich zu vergessen, sondern um sich zu spüren – illusionslos, eine mitfühlende Kameradin. Aber sie ist eben auch reizbar und kennt keine innere Ruhe.

Anfällig für populistische Demagogen

Abwesende Väter gehören zum Alltag im sozial deklassierten Torre del Greco. Wie Racheengel lassen sie von ihren Nachfahren nicht ab und verleihen so der Geschichte den Anstrich einer antiken Tragödie. Maria hat in der Schule einen Kollegen, der um sie wirbt und den sie abweist. Auch sein Vater ist tot. In diesem Fall ist die Mafia schuld, und bald liegt ein toter Mafioso am Strand. Wie wird sich Maria entscheiden? Auf das Motiv des abwesenden Vaters traf man bereits in früheren Filmen von Antonio Capuano – etwa in der ebenfalls nach wahren Ereignissen gedrehten Milieustudie Nunzio der im Mai 14 Jahre alt wird, der von einem Femminiello, einem Transsexuellen, handelt, der sich selbst als Waise erlebt.

Im Motiv des toten Vaters verbirgt sich ein Versuch, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des italienischen Südens, das Gefühl, in der Geschichte festzustecken, in eine ästhetische Form zu bringen. Dazu passt, dass der in Italien geradezu kultisch verehrte Psychoanalytiker Massimo Recalcati vor wenigen Jahren vom „vaterlosen Vaterland“ sprach– nicht nur, weil er sich mehr Respekt vor Recht und Gesetz wünschte, sondern vor allem, weil die Väter für eine Art von Konflikten stehen, an denen eine Gesellschaft wachsen könne. Dass es weder in der Kirche und im Staat, noch in den in Familien richtige Väter gibt, meint Recalcati, sei der Grund für die ewige Infantilität seiner Landsleute. Das Fehlen der Väter mache sie anfällig für populistische Demagogen.

Der Polizistenmörder im Film dagegen ist ein Vater, der mit dem Sohn streiten kann und lange mit seinem Vater gestritten hat. Der Generationenkonflikt, den er in den „anni di piombo“, den „bleiernen Jahren“, auslebte, kostete allerdings einen jungen Süditaliener das Leben. Dieser war nicht etwa aus Staatsliebe zur Polizei gekommen, sondern um seiner Familie eine Zukunft zu sichern. Die Söhne des Nordens begingen eben keine Vatermorde. Stattdessen projizierten sie die väterliche Repression auf die Staatsdiener aus dem Süden, die als „Büttel des Kapitals“ getötet wurden. Im Showdown zwischen Maria und Guido meint man für einen Augenblick zu verstehen, dass manche der nach 1968 radikalisierten Bürgerkinder keinen Freiheitskampf führten, sondern bloß auf ihre Weise die Überlegenheit der Wohlhabenden und des Nordens gegenüber dem Süden ausspielten. Maria hält ihre Pistole geladen unter dem Tisch.

Sozialstudie und psychologisches Kammerspiel

Antonio Capuano vergisst, den deutlich formulierten Thesen zum Trotz, das Filmische nicht. Im melancholisch dreinblickenden Tommaso Ragno, der so gerne über sich hinauswüchse, und in der ebenso kratzbürstigen wie anmutigen Teresa Saponangelo fand er zwei der besten Schauspieler, die das Kino derzeit in Italien aufbieten kann. Der Film verzahnt Sozialstudie und psychologisches Kammerspiel, er hat keine Farbe zu viel und ist um keine Minute zu lang.

Il buco in testa beginnt als Rückblick auf die Zugreise Marias nach Mailand. Die Untertitel vermerken die Widmung des Regisseurs an die Brüder Lumière. Deren Einfahrt des Zuges im Bahnhof von La Ciotat von 1896 ist eine Urszene des Kinos: Die Zuschauer, heißt es, seien vor Angst auseinandergestoben. Der Zug, das neue Medium, fährt seither unaufhaltsam weiter. Dass der Zug auf der Leinwand in dem Moment einfährt, da die Kinos nach dem Lockdown wieder öffnen, hat mehr als nur einen italienischen Kritiker gerührt.

Mit der Auslieferung der sieben Brigatisti, so sie denn von französischen Gerichten bestätigt wird, könnte auch die Geschichte der „bleiernen Jahre“ mit Wucht nach Italien zurückkehren. Capuanos ebenso parteiischer wie melancholischer Film wird sie dabei begleiten.

Das Loch im Kopf (Il buco in testa) Antonio Capuano Italien, 2020, 95 Minuten

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09:51 23.06.2021

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