Das Gefühl ist die Botschaft

Rap Die Britin Little Simz veröffentlicht mit „Sometimes I Might Be Introvert“ ihr bislang persönlichstes Album
Das Gefühl ist die Botschaft
„Ich möchte mir selbst die Angst nehmen.“

Foto: Nwaka Okparaeke

Im Oktober 2019 spielte Little Simz ein ausverkauftes Konzert im Berliner Club Berghain. Während der Performance des Songs Backseat, ein absoluter Liebling der Fans, reichte die Londoner Rapperin einer Zuschauerin das Mikrofon. Die rappte beinahe den ganzen Song im Alleingang, einwandfrei. Weil Foto- und Videoaufnahmen im Berghain untersagt sind, bleibt von diesem Moment keine Dokumentation. Was bleibt, ist das Strahlen in den Augen derer, die dabei waren, wenn sie die Geschichte erzählen.

Ähnlich wie dieser Moment ist auch die Künstlerin selbst ein Mysterium. Wenig ist sie in den sozialen Medien aktiv, wenig ist bekannt über ihr Privatleben. Ihr viertes Album Sometimes I Might Be Introvert ist ihr bei Weitem persönlichstes Album, produziert von ihrem Kindheitsfreund Inflo.

Während des digitalen Interviews hat sie die Kamera ausgeschaltet, sie ist hörbar erschöpft vom Pressetag, freut sich auf den Feierabend und die Freiheit, mit niemandem mehr sprechen zu müssen. Über ihre Vorabsingle Woman sagt sie bloß, sie wollte Weiblichkeit zelebrieren – ein Gemeinplatz wie aus dem liberal-feministischen Handbuch eines Global Players. „Simz the Artist or Simbi the person?“ lautet eine Zeile im Song Introvert. Auf die Frage, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen Privatperson und Kunstfigur gebe, sagt sie nur, die Antwort sei den Hörer:innen überlassen. Schnelle Erkenntnis: Mehr als je zuvor gibt sie nur dann preis, wenn der Beat läuft.

Schon im ersten Lied des Albums fängt sie die diversen Facetten ihres Lebens als Schwarze Frau ein, sie rappt über Ängste und Erschöpfung, über den politischen Befreiungskampf und darüber, inmitten des Chaos Frieden mit sich selbst zu schließen. Unterfüttert wird Introvert von einem epochalen Instrumental samt Marsch-Trommeln und Fanfaren, zum Abschluss steuert Emma Corrin, die als Diana in der Serie The Crown bekannt wurde, einige Worte bei.

Vater oder Samenspender?

In gewisser Weise macht Little Simz Conscious Rap, doch das Gefühl ist die Botschaft. Der Vielfältigkeit des emotionalen Repertoires entsprechen die häufigen musikalischen Stilwechsel. In der Me-Time-Hymne Protect My Energy gleitet Simz über Disco-Musik, im zweiten Teil von Rolling Stone haucht sie ihre Zeilen auf einem reduzierten Trap-Beat. Und wenn die Rapperin ihre Stimme wie auf dem Soul-Sample von Two Worlds Apart immer wieder herunterschraubt, bekommt die Performance den Charakter einer Konversation, in die man eintritt, wenn man sich entscheidet, auf Play zu drücken.

Großen Raum nehmen Beziehungen ein, die verschiedener nicht sein könnten. So endet das Album mit Miss Understood, einer Reflexion über die Beziehung zur Schwester, und auf Little Q PT2 erzählt die Rapperin die Geschichte ihres Cousins, der Opfer einer Messerattacke wurde. In I Love You I Hate You richtet sie sich direkt an ihren lange abwesenden Vater: „Is you a sperm donor or a dad to me?“ Am Schluss rappt sie: „I’m not forgivin’ for you, man, I’m forgivin’ for me.“ Vergangenheitsbewältigung als Vehikel des eigenen emotionalen Wachstums: „Mit diesem Album konnte ich einige Dinge angehen, die ich gescheut habe“, sagt sie. „In der Zukunft möchte ich in der Lage sein, diese Probleme stärker zu konfrontieren. Ich möchte mir selbst die Angst nehmen.“

Info

Sometimes I Might Be Introvert Little Simz Age 101/ Awal

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 02.09.2021

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2