Das Gefühl haben, alles sei möglich

Wende Annett Gröschner hat Erinnerungen an die größte, unabhängige Demonstration vor der Wende gesammelt, die am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz stattfand

Als der Dichter Franz Jung Ende der fünfziger Jahre an seiner Autobiographie Der Weg nach unten schrieb, erinnerte er den 1. Mai 1933 als einen Tag, an dem das Wetter besonders schlecht gewesen sei. In Wirklichkeit war es ein strahlender Sonnentag - Franz Jung hatte seine Niederlage mit der Großwetterlage in eins gedacht.

Ähnlich, nur umgekehrt, geht es mir mit dem 4. November 1989. In die Chroniken eingegangen ist er als Tag der größten nichtstaatlich organisierten Demonstration in der Geschichte der DDR. Aufgerufen hatten das Neue Forum und verschiedene Künstlerverbände. Eine halbe Million Menschen, so die offizielle Zahl, versammelten sich, um gegen Gewalt und für verfassungsmäßige Rechte zu demonstrieren. Ich habe diesen Tag als warm und sonnig in Erinnerung. Der Wetterdienst verzeichnet aber als Tagesmittel nur 9,2 Grad, die Sonne schien insgesamt zehn Minuten und 2,3 mm Regen fielen in den in 24 Stunden. Vielleicht kam mein Trugschluss daher, dass ich an diesem Tag am Gedenkstein für Karl-Liebknecht in der Prenzlauer Allee sechs buddhistische Mönche sah, die aus der Menge herausstachen. Sie hatten Gewänder von einem so warmen Orange, wie ich es noch nie gesehen hatte. Woher sie gekommen waren, ich weiß es nicht. Ich habe sie bald aus den Augen verloren.

Ich habe Freunde und Bekannte nach ihren Erinnerungen gefragt. Herausgekommen ist ein Chor von Stimmen.

Treffpunkt Mollstraße

Was ist mir in Erinnerung? Der Tag davor. Gegen fünf Uhr am Nachmittag des 3. November versammelten sich Freunde bei mir, wir zogen mein Laken vom Bett, nähten ein anderes daran, schnitten "Luftlöcher" - das hatten wir auf Demos im Westfernsehen so gesehen - hinein und malten mit Hingabe bis etwa gegen vier Uhr morgens den Spruch: "Für eine sozialistische deutsche Räterepublik - bildet Räte". Als Tragestangen wurden vier Dachlatten verwendet, die zuvor das Regal meiner "Expressionistischen Bibliothek" waren. Die habe ich erst Jahre später ersetzt. // Wir hatten ein Flugblatt gedruckt mit einem Gedicht von Johannes Jansen "Bleibt auf der Straße". // Die Vorbereitung der ganzen Sache hat am Deutschen Theater stattgefunden. Ausgerechnet während unserer Hamlet-Proben. Heiner Müller hatte die Regie, Ulrich Mühe die Hauptrolle. Der erste unwirkliche Moment trat ein, als sich die Gewerkschaftsleitungen der Theater darauf einließen, den Termin zu verschieben, weil die Staatsmacht so schnell nicht zurechtkam mit der Vorbereitung. // Es gab ja diese ominöse Sicherheitspartnerschaft zwischen Organisatoren und Polizei. // Ich fand es nicht mehr unbedingt nötig, in Berlin dabeizusein; meine damalige Lebensgefährtin und ich hatten unseren entscheidenden Beitrag schon am 25. September 1989 auf der ersten Montagsdemo in Leipzig geleistet. Damals hatte ich ungeheuren Schiss. Am 4. November gehörte kein Mut mehr dazu. // Ich war bei ziemlich allen Sachen dabei, auch am 4. November 1989. // Ich war damals kurz vor der Niederkunft, deshalb sind mir die Ereignisse nicht mehr sehr gegenwärtig. // Ich war verliebt in Silke Kuß und deshalb in Erfurt // Wir hatten unsere Kinder als Pfand im Prenzlauer Berg gelassen und waren an dem Tag das erste Mal gemeinsam im Westen, zum Geburtstag von Tante Gisela. Erst am 9. November sind wir wiedergekommen, den umgekehrten Weg zur Bornholmer Brücke, gen Osten. // Leider hatte ich am 4. nur das Vergnügen am Fernseher. // Ich habe von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen. Ich war im Krankenhaus Buch und irgendwann wurde mir bewusst, dass ich zwischen lauter Frauen lag, die Krebs hatten, eine völlig andere Relation. // Ich war seit einer Woche bei der Armee und sollte die Fenster im Fernsehzimmer putzen. Ich bin verzweifelt, weil der Trick mit dem zerknüllten Zeitungspapier nicht funktionierte. // Geplant war der Tag von mir als ein Familienfest. Ich habe meine Söhne, damals 7 und 10, mit einer Entschuldigung vom Unterricht befreien lassen, die ziemlich schlicht lautete: "Antrag auf Befreiung am 4.11.1989. Wir üben heute, was die Kinder lernen möchten: Demonstration." Wir hatten den Bettvorhang, auf dem eine wunderschöne kleine Dampflok mit Hängern appliziert ist, als Symbol für Reisefreiheit dabei, auf dessen Rückseite ich geschrieben hatte, "Traum statt Trauma". // Wir hatten keine Angst, als wir zu der Demonstration gingen, sonst hätten wir unsere Kinder nicht mitgenommen. Meine Tochter, noch nicht ganz vier Jahre, saß überwiegend auf meinen oder auf anderen Schultern. // In der Gruppe der Demonstranten fühlte ich mich sicher. // Der Morgen des 4. November 1889 war grau, kalt und verregnet. // Was mir sofort auffiel: Die vielen Menschen schon auf dem Weg die Prenzlauer Allee herunter zur Mollstraße. Heitere Gesichter, wie man sie in so großer Zahl nie gesehen hatte. // Als wir die Straße am Prenzlauer Berg hochkamen, standen da Hunderte Menschen, und es herrschte eine grandiose fröhliche Stimmung. Ein witziges Transparent übertraf das andere. // Alle selbstgebastelt. // Andauernd musste man lachen. // An der Ecke vor dem Institut für Marxismus-Leninismus sagte einer: "Das ist das Haus des großen Irrtums!" // Diese Riesenmenge friedlicher Demonstranten - als ob die ganze Stadt sich versammelt hätte. // Und alle hatten diese hässlichen Klamotten und Frisuren. // Mir schien, dass mein eigenes Erstaunen über die vielen geistreichen Sprüche in den Augen der anderen tausendfach gespiegelt und verstärkt wurde: Ist das wahr? Geht das so einfach? Sind das dieselben Leute von gestern, von vor einem Jahr? // Plötzlich stiegen wie zu einer 1. Mai-Demonstration die Werktätigen mit ihren Transparenten aus den U-Bahn-Schächten auf, die noch ein halbes Jahr vorher, den Wahlbetrug abgezogen, zu mindestens 80 Prozent die Kandidaten der Nationalen Front gewählt hatten. // Ich traute dieser Masse von Ostbürgern, die immer gegen uns waren, gegen Künstler, gegen Punks, nichts Gutes zu. // Da wir Jahre lang in der Opposition eine verschwindende Minderheit waren, konnten wir nicht glauben, dass plötzlich über Nacht Hunderttausende zu Demokratiekämpfern wurden. // Ich habe der Vorbereitungsgruppe gesagt, auf der einen Seite beklagt ihr, dass die Leute immer mehr verblöden, und dann wollt ihr mit dieser Masse von Blödmännern auf die Straße gehen, was soll denn dabei rauskommen? // Ich hatte so ein theatralisches Bild im Kopf: Das Volk probt unter freiem Himmel, zusammengedrängt, in wenigen Stunden eine Rolle, die es historisch noch nie gespielt hat. Für ein Stück, das möglicherweise längst abgesetzt ist. // Ich habe eine Abneigung gegen Menschenmassen, ein ungeheures Misstrauen gegen Sprechchöre. // Unter so vielen Menschen war ich noch nie gewesen. // Ich lag mit hohem Fieber im Bett an dem Tag. Was ich im Fernsehen sah, begeisterte mich. Diese heiter wirkende Stimmung, als sei etwas von den Leuten abgefallen. // Um uns von der Masse abzuheben, hatten wir das erste Mal einen Schwarzen Block organisiert, allerdings waren es schließlich zwei, weil die Anarchisten vom seit Sommer 89 besetzten Haus Schönhauser Allee 20 ihren eigenen Block machen wollten. // Wir haben mit unserem Transparent zwischen ADN- und Berliner-Zeitungsgebäude herumgestanden, und uns den Arsch abgefroren. Lange ging es nicht los. // Auf der Höhe Prenzlauer Allee/Mollstraße hatten meine Söhne die Faxen dicke ("och, langweilig!") und sind mit einer Nachbarin nach Hause gefahren. Ich blieb. Die eine Tochter war an der Spitze der Demonstration, bei den Veranstaltern, saß auf einem Wagen und spielte in der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot ihre Tuba, hinter Ulrich Mühe. // Wir spielten „Das Lied vom Graben“, „Der Dybuk“, „Die Spanienparaphrase“, „Linker Marsch – Abweichung“ oder „Der 8. Elephant“.

Der Demonstrationszug

Ich hatte die Stadt vorher noch nie so als Stadt wahrgenommen: die breiten Straßen rund um den Alexanderplatz und am Palast der Republik, die Massen, keine Autos. // Und dann noch die vielen Leute, die aus dem Fenster buchstäblich hingen, immer ungefähr fünf aus einem Fenster. // An den Straßenrand zu schauen, verursachte mir Schwindelgefühle der Angst. Deutlich vor Augen ist mir der Moment, als wir die S-Bahnbrücke Alexanderplatz passierten, weil mir da die Möglichkeit gänzlichen Scheiterns schwante. // Neben den Stasi-Typen am Rande der Demonstration fielen mir besonders die, noch sehr vereinzelten, Deutschlandfahnen auf. Ich hatte den Eindruck: Die werden bald mehr. Und sie wurden bald mehr. // Wir haben diese Deutschlandfahnen auch bemerkt.// Auf den Bildern, die ich von der Tribüne aus gedreht hatte, ist keine zu sehen. // An Deutschlandfahnen kann ich mich überhaupt nicht erinnern. // Nur an die Armbinden: Keine Gewalt! // Die Kollegen vom Parteiaktiv des Berliner Verbandes Bildender Künstler mussten Ordner für den Demonstrationszug stellen, das sah das Versammlungsgesetz so vor. Sie bekamen »Keine Gewalt«-Schärpen, und wurden am 4. November frühmorgens im Saal der Volksbühne durch die Volkspolizei vergattert. // Wir anderen Künstler haben auf dem Fußboden gelegen und Transparente gemalt. // Der überbordende Witz der Losungen machte uns glücklich. // Manche Sprüche kann heute keiner mehr verstehen, der nicht dabei war. „Krenz zu Tisch“ zum Beispiel: eine genial verdichtete Rücktrittsforderung. Heute muss man erklären, dass mit dem Tisch Harry Tisch gemeint war, der FDGB-Vorsitzende, der ein paar Tage vorher zurücktreten musste. // Ich saß vor dem Fernseher und malte die Plakate nach. Zum Beispiel die verschlungenen Hände, unter denen „Tschüss“ stand. // Dieser seltsame Spruch: „Wohngebiet = Heimat“. Warum hat das jemand geschrieben, wogegen wehrte er sich? Gegen die Behauptung eines Vaterlandes? // Wegen unseres Transparentes suchten westdeutsche Trotzkisten das Gespräch mit uns. Wir hatten mit Vertretern der "Vierten Internationale" so viel zu tun wie Kühe mit Eierlegen und fühlten uns doch geschmeichelt. Wir waren blöd. // Ganz deutlich sehe ich ein Plakat vor mir: STALIN ENTSORGEN. // Das haben wir gemalt. // Aber diese Vorstellung vom Müll der Geschichte, auf den man etwas einfach werfen kann, blieb mir fremd. // Unvergesslich eine Beobachtung am Rande: Inmitten der Menge holte ein älterer, gebeugter, unrasierter Mann eine Flasche Goldbrand aus seiner Zellophantüte und trank. Ein Pärchen mittleren Alters, extra schick gekleidet für die Demo, schaute missbilligend zu ihm. Da nahm der Alte die Flasche vom Mund und sagte: „Ick trinke jeden Tag, warum soll ick et ausjerechnet heute sein lassen?“ // Die meisten der vergatterten Ordner sah ich an der Ecke Lustgarten wieder, wo der Zug links rum um den Palast ziehen sollte. Dort waren sie als eine fröhlich winkende Gruppe aufgestellt, die verhindern helfen sollte, dass der Zug zum Brandenburger Tor zieht. // Am lautesten war das Lachen, als wir am Palast nach links abbogen und dort an dem Ort früherer Feiertagsjubel, drei, vier Leute auf einer 10 cm hohen Holzpalette standen und uralte Greise mimten, die mit welken Nelken zitternd in die Menge winkten und die in begeisterte Hochrufe auf die Winkenden ausbrach. // Kurzzeitig ging das Gerücht um, der Zug würde sich auf die Mauer zubewegen. // An der Kurve zum Palast gab es einen Stau und um ihm auszuweichen, ging eine Gruppe in Richtung Brandenburger Tor. Sie wollten ein Stück weiter unten abbiegen. Es gab sofort ein großes Pfeifkonzert und Rufe: „Zurück da“ und „Hier geht’s lang.“ Es zeigte, wie schmal der Grat war, auf dem wir wandelten. // Ein Mauerdurchbruch war die größte Angst der Veranstalter und der Polizei. // An gleicher Stelle haben sie uns Berliner Oberschüler im Mai 1976 zur Manifestation der FDJ zum IX. Parteitag der SED in Berlin aufmarschieren lassen und wir sollten "Die Partei, die Partei, die hat immer recht" singen. Zähne zusammenbeißen nützte nichts gegen die unglaubliche Demütigung. // Vom Umzug erinnere ich nur noch, dass wir zwischen Palast der Republik und Dom vorbeizogen und auf der anderen Seite die Menschen schon wieder zum Alex gingen. Das beruhigte mich. Angesichts so vieler Menschen konnten sie keinen Unfug mehr machen. // Da ich mein Kind zu tragen hatte, das in meinen Armen eingeschlafen war, bin ich zurückgefallen und befand mich zum Schluss vor dem autonomen Block, der mich mit seinem breiten Transparent vor sich her schob. // Wir, als Schwarzer Block haben versucht, vor unserer ersten Reihe einen Abstand von zehn Metern zu den anderen Demonstranten einzuhalten, mit einem Leittransparent, flankiert von einer sehr großen schwarz-roten Fahne. // Meine Arme waren eiskalt und eingeschlafen, das Kind völlig entspannt, und ich versuchte die ganze Zeit, die Euphorie, die mich am Anfang gepackt hatte, zu bewahren.

Auf dem Alexanderplatz

Bei den Redebeiträgen auf dem Alexanderplatz schweiften meine Gedanken immer wieder ab: Hier hatte ich als Kind meine große Schwester getroffen, sie durfte zum Treffen junger Sozialisten und bekam einen Anorak in leuchtendem Orange, ich war noch zu klein. // Hier auf den Brunnenschalen hatten in der Sommerhitze 1973, Ulbricht lag im Sterben, Leute gesessen und Gitarre gespielt, und kein Polizist pfiff sie herunter. // Komischerweise dachte ich, als ich da unter den vielen Menschen stand, an die ungenehmigte Demonstration vor allem junger Leute am Abend des 7.Oktober 1976 an gleicher Stelle und unmittelbar nach einem Rockkonzert. Es war ein Protest gegen die ständige Willkür des Staates. Reinigungsfahrzeuge fuhren in die Menge, um die Leute auseinanderzutreiben. Damals hatte ich eine gute Fluchtposition. // Auf dem Alexanderplatz traf ich meine älteste Tochter. Sie zog den Mund schief und meinte: „Ihr glaubt wohl an diesen Scheißvolkstanz.“ Es gab diesen Witz, bei dem ein Hase, der mit dem Kopf in der Schlinge vor einem Hofhund liegt, sich durch Volkstanz rettet. Der Hund schläft nämlich ein dabei. Ich verstand meine Tochter erst Wochen später, als ich die Fotoausstellung vom 4. November im Berliner Verlag sah. // Ich sah ein glückliches, heiteres Lächeln einer Bekannten aus einem etwa 20 Meter weit entfernten Menschenpulk. In diesem Lächeln lag alles, was dieser Tag hätte sein sollen oder können. // Ein Bild prägte sich für immer ein: Schalck-Golodkowski überragt die Menge um Haupteslänge. // Die kleine Tochter meiner Freundin ging auf dem Alexanderplatz verloren, denn sie wollte dichter an die Tribüne heran. Meine Freundin wurde dann per Lautsprecher aufgefordert, ihr Kind an der Bühne abzuholen. Es ging doch sehr geordnet zu. // An den Fahnenmasten vor der Kongresshalle zogen wir unsere schwarz-rote Fahne hoch. // Als wir schließlich auf dem Alex ankamen, waren die wesentlichen Reden schon gehalten. Heiner Müller sprach gerade über die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Selbstorganisation "in diesen Zeiten". Wir hatten keine Ahnung davon, was "diese Zeiten" gerade waren. Besser wäre es gewesen. // Angehörige einer unabhängigen Gruppe kamen in das Café, in dem wir alle saßen und meinten, sie hätten dieses Papier. Ob man das verlesen könne? Müller hatte keinen Text und sagte: Gut, macht er. Wer das genau war? Keine Ahnung. // Auch ich erinnere mich am stärksten an Heiner Müller, der in seiner nüchtern-skeptischen Art die Leute irritierte, manche sogar empörte. Mir gefiel es, dass er irgendwie so die Gräte im Hals der Veranstaltung war, obgleich er mir inhaltlich gesehen etwas kryptisch vorkam. // Für mich waren die Pfiffe für Heiner Müller, unverständlich. // Die Offiziere im Fernsehraum der Kaserne fragten angesichts von Heiner Müller: „Wer iss’n die?“ // Ich war verwirrt, weil der Text so schlecht geschrieben war. Das passte nicht zu dem großen Dichter. // Die Demonstration war ein Aufstand gegen eine Kulturpolitik, ein Ruf nach Liberalisierung der Umgangsformen, nicht nach Abschaffung der Verhältnisse, deshalb auch die Reaktion gegen Heiner Müllers Kuckuckstext der Gewerkschaftler, in dem eine Perspektive aufschien, die niemand an diesem Tag sehen wollte. // Am stärksten beeindruckt haben mich von den Rednern die Frauen, die Schauspielerin Steffi Spira mit ihrer kraftvollen Erscheinung und den guten, klugen Worten. // Ich kannte sie so gut wie gar nicht und war beeindruckt von ihrem rhetorischen Talent. // Die alte Steffi Spira, großartig! Mehr war nicht zu sagen - die ganzen bemühten Ansprachen ans Volk dagegen - keine Chance mehr. // In Erinnerung sind mir die zwei Opponenten geblieben. Günther Schabowski, der den Mut hatte aufzutreten und ausgebuht wurde und Ulrich Mühe, der aber letztlich als Vertreter des Reformkurses von innen heraus genauso scheiterte. // Als Schabowski sprach, tobte neben mir ein recht alter Mann. Er schüttelte die Faust und rief: „Was hast du mit deinem Bruder gemacht?“ Die Frage blieb unbeantwortet. // Am wunderbarsten fand ich, dass Markus Wolf ausgebuht wurde. // Wir hatten ein feministisches Flugblatt geschrieben, auf dem Sätze standen wie: „Die Frau gehört ins Haus – ins Rathaus“ und als wir die verteilten, gab es Männer, die sagten, jetzt wollen die Weiber ooch noch was und ihre Frauen nickten dazu. // In der Menge traf ich zwei alte Maler, Lothar Böhme und Manfred Böttcher. Die beiden sprachen wie immer über Kunst. Sie gingen dann in den Intershop Whisky kaufen, um in einem Atelier weiterzureden. // Später traf ich Heiner Müller und Ekkehard Schall schon recht betrunken in dem Café des Hauses des Reisens, das für die Redner reserviert, in der Absperrung lag. // Wir hörten eher gelangweilt den Reden zu und überlegten uns, in welchen Biergarten wir anschließend gehen. Wir entschieden uns für einen auf der Karl-Marx-Allee, der dann leider geschlossen war. 

Was geblieben ist

Es war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, wenn nicht der glücklichste überhaupt. // Das Bild, das für mich diesen Tag symbolisiert, zeigt die Dichterin Elke Erb mit einem Plakat: „ES LEBE DIE STRASSE!“ // Meine selbstgemachten Plakate hängte ich am nächsten Tag heimlich an die Fassade meiner Schule. Sie blieben einen Tag dort, dann hatte der November die Schulmalfarbe und das schlechte Papier ruiniert. // Danach haben wir in der Kantine gesessen. Da habe ich gedacht: das war’s. Das war die Abschlussfeier der Revolution. Die Wut war kanalisiert und der Apparat machte einfach weiter. // Ich konnte emotional erst später teilhaben. // Meine persönliche Empfindung war an diesem Tag, dass man etwas ändern könnte in diesem Land. Als Wende hätte ich es nicht bezeichnet, eher als tiefe Krise, so, wie man sie mit engsten Vertrauten mitunter durchlebt. // Es war etwas erreicht, was niemand zurückdrehen konnte. // Der 4. November wird mir immer in Erinnerung bleiben. Ein Volk hat sich aus seiner Geducktheit erhoben und seine Lage angstfrei, souverän und mit Witz zur Sprache gebracht. Ein großer Moment. // Ich fühlte mich wie in einem historischen Wurmloch. Die Geschichte schien wieder offen, gestaltbar. // Mir wurde damals vorgeworfen, ich habe das Volk missachtet. Aber ich hab das noch nie missachtet, ich kenn’s einfach. Und die kannten es nicht, sonst wären sie ja nicht so verblüfft gewesen über diesen ganzen Quatsch, der danach kam. // Alle wussten, dass etwas passieren wird nach diesem Tag, doch keiner wusste, was. Das macht den 4. November so leicht und frei, so unantastbar und unsterblich. // Es war so ein heiterer, leichter Tag. // Es gibt ein Foto von dem Moment vor dem autonomen Block und mein Sohn, der heute 20 ist, ist sehr stolz, dass er damals schon dabei war. // Ich finde, das war eine der wichtigsten politischen Demonstrationen, deren Wahrnehmung aber zwischen den Leipziger Montagsdemonstrationen und dem Mauerfall vollkommen untergegangen ist, wohl auch, weil ihre Botschaft nicht so glatt in das heutige Bild von einem ordentlichen historischen Verlauf passt. // Es war der fröhlichste Tag außerhalb der eigenen vier Wände. Ein so großes Lachen erlebt man nur einmal im Leben. Der Tag ist mir als absurd, surreal und irgendwie schizophren in Erinnerung. Es war diese »Halten zu Gnaden«-Empörung des Vaters der Luise Millerin zu spüren, der sich gegen seinen Brotgeber in aller Form dagegen verwahren will, dass der ihm die Tochter schändet. // Es war de facto das Ende der DDR. Ich fand und finde es richtig, dass sie einfach so ins Klo gespült wurde. Dass hinterher manches anders lief, als es hätte besser laufen können, ändert daran gar nichts. // Zu meinen wichtigsten Erinnerungen an diesen Tag gehört, dass hinterher im Prenzlauer Berg nur noch Leute herumgingen, die sich frei und grad ins Auge sahen. // Die wachen Gesichter vom 4. November habe ich danach nicht mehr gesehen. // Soviel Hoffnung war nie mehr. // Mit der Öffnung der Mauer vier Tage später war es vorbei. // Die hat dazu geführt, dass die Köpfe mit Produkten beschäftigt wurden, nicht mehr mit Ideen. // Ein Menetekel der 10. November: die leere Ostberliner Innenstadt, Menschenmassen an den geöffneten Übergängen. Der Druck war aus dem Kessel. // Die »friedliche Revolution« ist ein Oxymoron. // Ja, es hat heut noch eine Bedeutung für mich. Außerdem hab ich wie verrückt Losungen mitgeschrieben - zuerst, weil ich dachte, das glaubt dir sonst kein Mensch, dann, weil sie wirklich witzig waren, später, weil ich es selbst nicht glauben konnte und nicht so schnell vergessen wollte. Noch später wurde meine Diplomarbeit daraus // Ich habe dann die Plakatgestaltung zu meinem Beruf gemacht. // Meine Erinnerungen an diesen Tag verblasst durch die Realität, die uns so schnell eingeholt hat. // So unvermeidbar Grenzöffnung und spätere Vereinigung auch waren, die meisten Menschen hätten eine längere Lernphase des Selbermachens, des Demokratieübens dringend gebraucht. Aber die Substanz der DDR war aufgebraucht, die Geduld der meisten am Ende. // Und überhaupt. Man kann dem Westen den 4. November nicht erklären, und die Trauer, die mich beim Denken an dieses Ereignis ergreift, erst recht nicht. Seit dem Großplakat "Wir waren das Volk" vor zehn Jahren am Haus des Lehrers ist eigentlich alles dazu gesagt. // Die anschließende Heroisierung dieser Demo fand ich immer ätzend. // Es wären genauso viele Leute auf den Alex gekommen, wenn es dort Freibier oder Westgeld gegeben hätte. // Der 4. November 1989 hatte für uns beide nie die Bedeutung, wie der 7.Oktober in Berlin und der 9. Oktober 89 in Leipzig, als der Ausgang vollkommen offen war. // Ich habe die Erinnerung an ein Gefühl, auch hier nicht dazuzugehören. Es blieb der Verdacht mangelnder Echtheit der Umzüge und Reden, des gewissermaßen Gespielten. // Schön wäre trotzdem, wenn an der Ecke Alexanderplatz die holzgezimmerte Tribüne als Bronzeskulptur zur Erinnerung wieder errichtet würde, vielleicht braucht man so ein Podium ja irgendwann einmal wieder. // Bis heute ist es mir wichtig, erlebt zu haben, dass man den normalen deutschen Bürger eben doch mit intellektueller Kraft erreichen, stärken und aktivieren kann. // Das Gefühl für die Kostbarkeit erkämpfter Freiheit ist nie gewichen. // An diesem 4. November hatte ich das Gefühl, alles sei möglich. Vielleicht nur an diesem Tag. // Ja, es war ein merkwürdiger Tag.

Stimmen zur Demo von Torsten Schulz, Grischa Meyer, Rita Böttcher, Antje Baumann, Olaf Briese, Anke Feuchtenberger, Thomas Heise, Wolfgang Kil, Wolfram Kempe, Gunter Begenau, Lothar Feix (+), Viola Sandberg, Ina Kutulas, Dirk Teschner, Frank Diersch, Peter Lang, Gerd Adloff, Brigitte Struzyk, Jörg Foth, Bolschewistische Kurkapelle, Frank Böttcher, Jakob Hein, Lenore und Bert Neumann, Petra Gruner, Uwe Schoor, Marianne Streisand, Erdmut Wizisla, Jochen Schmidt und Annett Gröschner

In den Chor dieses merkwürdigen Tages darf eingestimmt werden. Notieren Sie gern als Kommentar ihre eigene Erinnerung.

Annett Gröschner,

1964 in Magdeburg geboren, lebt als freie Autorin in Berlin.

Zuletzt erschienen von ihr Verlorene Wege, zus. m. Arwed Messmer (Bild), 2009 im Verlag für moderne Kunst

und

Parzelle Paradies. Berliner Geschichten, 2008 in der Edition Nautilus

11:00 29.10.2009

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare