Das geht #ausnahmslos alle etwas an

Gewalt Wir müssen Sexismus in allen Bereichen bekämpfen, fordert die Co-Initiatorin von #ausnahmslos. Die Debatte darf nicht nach rechts abdriften
Teresa Bücker | Ausgabe 02/2016 74
Das geht #ausnahmslos alle etwas an
Gewalt gegen Frauen ist keine Ausnahme, sondern Normalität
Foto: Viennaslide/Imago

Wenn man 100 Feministinnen befragte, welches Unrecht sie als Erstes bekämpfen würden, würde Gewalt gegen Frauen mit weitem Vorsprung auf Platz 1 landen. Und zwar egal, wo auf der Welt man fragen würde. Auch in Deutschland, das doch die meisten von uns als aufgeklärtes, weitgehend gleichberechtigtes Land verstehen, ist Gewalt gegen Frauen nicht die Ausnahme, sondern Normalität. Etwa 8.000 Vergewaltigungen werden hier pro Jahr angezeigt, etwa 20 pro Tag. Die vom Bundesfamilienministerium herausgegebene Studie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland hat erfasst, dass 95 Prozent der Frauen, denen eine Form der strafrechtlich relevanten Gewalt geschah – Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung –, sie nicht zur Anzeige bringen. Und viele derjenigen, die es tun, machen es erst, wenn sie sich sicher fühlen, Monate oder Jahre später.

Hochgerechnet kommt man so auf 160.000 Übergriffe jährlich – Belästigung und Vergewaltigungsdrohungen im Internet nicht mit eingerechnet. Bei den angezeigten Vergewaltigungen ist die Verurteilungsquote aufgrund der oft schwierigen Beweisführung und Lücken im Sexualstrafrecht skandalös niedrig: Sie lag 2012 laut Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen bei 8,4 Prozent. In der Pressemitteilung zur Studie heißt es: „Für einen Rechtsstaat sind diese Befunde problematisch.“ Die Frauen nutzen die juristischen Möglichkeiten oft nicht, und wenn sie es tun, haben sie eine minimale Aussicht auf Gerechtigkeit.

Verurteilungen werden dabei durch mehrere Vorurteile beeinflusst: Die Studie Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern. Länderbericht Deutschland von Corinna Seith, Joanna Lovett und Liz Kelly kam zum Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung des Täters steigt, wenn er einen Migrationshintergrund hat, nicht mit der Frau bekannt war und Alkohol konsumiert hatte.

Verzerrtes Bild

Diese Verzerrung spiegelt sich auch in der medialen Berichterstattung wider: Medien neigen besonders dann zur Unschuldsvermutung, wenn der Täter ein prominenter weißer Mann ist und die Frau und er sich bereits kannten. Entgegen dem Mythos, dass Falschanschuldigungen ein beliebtes Racheinstrument bei gescheiterten Beziehungen seien, liegt ihre Quote laut Seith, Lovett und Kelly in Deutschland bei etwa drei Prozent. Ebenso trifft die Horrorstory, mit der insbesondere junge Mädchen zur Vorsicht angehalten werden, meist nicht die Realität: Die Fälle, in denen ein Fremder eine Frau in einer dunklen Gasse überfällt, machen nur einen kleinen Teil aus. Fast 70 Prozent der Übergriffe erleben Frauen in ihren eigenen Wohnungen.

Dass die sexualisierten Übergriffe, die in der Silvesternacht in Köln Dutzende Frauen verletzten und verängstigten, erst spät in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, wurde auch Feministinnen in die Schuhe geschoben – also den Aktivistinnen, die sich seit Jahrzehnten mit Strategien gegen Gewalt beschäftigen. Auf dem Blog des Publizisten Roland Tichy, der immer dann in Talkshows geladen wird, wenn es den Blick von gestern braucht, las man die Überschrift: „Köln und die Kälte des Feminismus“. Bislang war Tichy nicht damit aufgefallen, besonders engagiert für Frauenrechte zu kämpfen. Die rechtspopulistische Autorin Birgit Kelle, die nach der #Aufschrei-Debatte ein Buch mit dem Titel Dann mach doch die Bluse zu schrieb und meint, dass Frauen Belästigung mit dem richtigen Verhalten aus der Welt schaffen könnten, glaubt an eine feministische Verschwörung und schrieb: „Es waren offenbar Männer mit Migrationshintergrund. Und wohl deswegen bleibt das feministische Netz stumm.“ Immerhin: Kelle ordnet richtig ein, dass viele Feministinnen sich anti-rassistisch engagieren und auch über die Zuwanderung Geflüchteter diskutieren.

Teresa Bücker ist Redaktionsleiterin von Edition F, einem Online-Magazin für Frauen. Und sie zählt zu den Initiatorinnen von #ausnahmslos, einem Aufruf, mit dem sich Feministinnen gegen die Vereinnahmung der Ereignisse von Köln durch Rechtspopulisten wehren

Dass Populisten jetzt sexualisierte Übergriffe dafür instrumentalisieren, die Flüchtlingsdebatte anzuheizen und gleichzeitig die feministische Arbeit gegen sexualisierte Gewalt unsichtbar machen wollen, ist eine perfide Strategie, die aber in sich schlüssig ist: „Böse Ausländer“ und traditionelle Geschlechterbilder finden sich in den gleichen Denkmustern und politischen Milieus wieder. Die AfD wird von der Debatte um Köln sicher profitieren.

Doch wenn die Silvesternacht von Köln der Anlass ist, um über Kriminalität zu sprechen, dann haben wir jetzt die Chance auf eine breite Debatte über sexualisierte Gewalt, die sich als gesellschaftliches Problem durch alle Gruppen zieht. Diese Gewalt betrifft 100 Prozent der Bevölkerung weltweit – denn wir sind Teil der Kulturen, in denen Gewalt zum Alltag gehört, toleriert oder gar strategisch eingesetzt wird. Gegen sexualisierte Gewalt wird auch auf dem Tahrir-Platz demonstriert. Genau wie muslimische Feministinnen in Deutschland und anderen Ländern über Geschlechterbilder debattieren. Dass die Gesellschaft in Deutschland sich nun vermehrt mit Sexismus in migrantischen Milieus beschäftigen will, ist zudem gut, da am Ende einer konstruktiven Debatte nur eine bessere Integrationspolitik als Lösung stehen kann.

Dass insbesondere männliche Publizisten die Herkunft der Täter betonen, dient aber allzu oft auch der Rückversicherung, dass mit dem Frauenbild herkunftsdeutscher Männer alles zum Besten steht. Doch so ist es nicht. Nicht die Behauptungen von Feministinnen, sondern Studien, die von offiziellen deutschen und europäischen Stellen beauftragt wurden, belegen, dass sexualisierte Gewalt und Belästigung für Frauen zum Alltag gehören. Rund 40 Prozent der Frauen berichteten in der Studie des Bundesfamilienministeriums, mindestens einmal seit dem 16. Lebensjahr sexualisierte Gewalt erfahren zu haben, bei sexueller Belästigung sind es 60 Prozent.

Als Journalistin, die sich schon länger mit Gewalt gegen Frauen beschäftigt, kann ich all diese Zahlen im Schlaf aufsagen – sie ändern sich ja kaum. Ich bewundere jede Kollegin, die schon Jahrzehnte darüber berichtet, wenn sie sich immer wieder diesem Thema zuwendet. Ich bewundere aber auch jeden, der mit Blick auf diese stabilen Zahlen sagt, mit dem Frauenbild in diesem Land sei alles in Ordnung. Wir alle müssen diese Fakten anders interpretieren, denn die Masse der Gewalt lässt sich nicht auf individuelle Entgleisungen zurückführen. Sie belegt ein strukturelles Problem – auch in aufgeklärten europäischen Gesellschaften. Auch wenn wir das Bett oder die Vorstandssitzung miteinander teilen, die Geschlechter in Deutschland leben nach wie vor in verschiedenen Realitäten.

Ohne das Ende von sexualisierter Gewalt ist eine freie Gesellschaft aber nicht möglich. Frauen in Deutschland mögen mehr Freiheitsgrade besitzen als in den Ländern, in denen sie gesetzlich diskriminiert werden, doch auch in Deutschland führt ein Ungleichgewicht in der Macht der Geschlechter dazu, dass Frauen unterdrückt werden. Sexualisierte Gewalt, Belästigung sowie Geschlechterstereotype sind nichts anderes als Unterdrückungsformen, die in unserer Kultur gern mit einem Habt-euch-nicht-so relativiert werden. Die #Aufschrei-Debatte, die drei Jahre zurückliegt, war ein Paradebeispiel für diesen Mechanismus.

Ich persönlich bin gegenüber sexualisierten Übergriffen abgestumpft. Ich habe aufgehört, sie zu zählen, weil sie zu oft geschehen. Unabhängig davon, was ich gerade anhabe, ob ich gekämmt und geschminkt bin, sogar wenn ich den Kinderwagen schiebe. Mehrere Dutzend Männer haben im Laufe der vergangenen Jahre gegen meinen Willen meine Brüste, meinen Hintern oder mein Haar angefasst. Ich hätte jedem davon am liebsten auf die Schuhe gekotzt. Dem Manager auf einer Business-Konferenz, dem Berlin-Touristen, dem Jugendlichen aus Kreuzberg – so unterschiedlich ihre Herkunft auch war, ihre Übergriffe haben sich für mich immer gleich schlecht angefühlt. Die verbalen Belästigungen höre ich nur leise durch die Kopfhörer, die ich fast immer trage, manchmal habe ich zurückgefaucht, geohrfeigt oder mit all meiner Kraft den Angreifer weggestoßen.

Es bleibt etwas zurück

Ich rede mir ein, dass mir nichts passieren kann, um die Gewissheit zu betäuben, dass schon jugendliche Männer immer stärker sind als ich. Als ich mit Anfang 20 von zwei Männern in einem Club sexuell genötigt wurde, habe ich nicht Nein sagen können – ich war viel zu perplex und hatte Angst, die Situation noch weiter zu verschärfen. Als Gewalt habe ich es damals nicht eingeordnet, viel mehr als ein „Das passiert nun einmal, wenn man eine junge Frau ist und ausgeht“. Erst heute, mit Anfang 30, weiß ich es besser. Als mich neulich abends in einem U-Bahnhof jemand gegen die Wand drückte, ich mich aus seinem Griff herauswinden und weglaufen konnte, ist mir auf dem Weg nach Hause bewusst geworden, welchen Knacks in meinem Selbstbewusstsein diese unzähligen Situationen hinterlassen haben. Situationen, in denen ich die Schwächere war und etwas gegen meinen Willen passierte. Der Schaden, den der in unserer Kultur übliche Sexismus verursacht, beginnt lang, bevor er einen Straftatbestand erfüllt.

Wirklich schockiert hat mich sexualisierte Gewalt erst, als sie anderen geschah: Als mir die erste Frau, die mir sehr nah steht, erzählte, dass ihr Freund sie über Jahre geschlagen habe und sie, nachdem er ihr die Rippen brach, mehrere Tage in der gemeinsamen Wohnung eingesperrt habe, damit sie keinen Arzt aufsuchen konnte. Sie brauchte zwei Jahre, bis sie ihre erste Therapie begann.

Das zweite Mal liefen mir die Tränen herab, als eine andere Frau, mit der ich seit Jahren eng befreundet bin, von der Gewalt durch ihren Partner erzählte – ein herzlicher, lustiger Akademiker. Beide Frauen öffneten sich mir gegenüber erst lange nach den Taten, bei beiden habe ich zu keinem Zeitpunkt etwas geahnt. Das war für mich die Gewissheit, dass es nichts gibt, dass Frauen schützt: weder Bildung noch Geld noch ein stabiles soziales Umfeld.

Es ist nicht so, dass über sexuelle Gewalt nicht gesprochen wird. Das Thema wird aber vor allem unter Frauen diskutiert. Im vergangenen Jahr veröffentlichte eine Autorin bei dem Magazin, für das ich arbeite, die Geschichte ihrer Jahre zurückliegenden Vergewaltigung unter Klarnamen – sie bekam daraufhin Dutzende Zuschriften von Frauen, die mit ihr ihre Geschichte teilten.

Die Betroffenen haben gute Gründe, ihre Geschichten entweder nie oder in einem engen Kreis und vertraulich weiterzugeben: Offenheit reißt Wunden neu auf – sie macht erneut verletzlich. Ein großer Teil der Lösung wird sein, dass jeder, wann immer er kann, Unterstützung anbietet und Sexismus und Gewalt entgegentritt. Und dass man den Frauen glaubt.

Es wäre ein bizarrer Vorwurf gewesen, aber ich hätte Birgit Kelle beigepflichtet, wenn sie gesagt hätte: „Ihr Feministinnen habt die Gewalt noch immer nicht abgeschafft.“ Ja, so ist es. Wir schaffen das nicht allein.

Info

Lesen sie mehr zum Thema in Ausgabe 2/16 des Freitag

06:00 14.01.2016

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