Das Geld, bitte

Kino Rüstig-romantisch gibt Robert Redford einen „Gauner und Gentleman“

Steht denn irgendwo geschrieben, dass die Kamera bei einer Verfolgungsjagd immer nur die einander hetzenden Autos und ihre Fahrer im Blick behalten darf? David Lowery nimmt sich zu Beginn seines Films nonchalant die Freiheit, abzuschweifen. Nachdem Forrest Tucker einen Bankraub verübt hat, wechselt er den Fluchtwagen. Der Kamera bleibt dieser Moment verborgen, stattdessen folgt sie ein paar spielenden Kindern, schwenkt über die Graffiti auf einer Wand, um dann den Faden der Handlung wieder aufzunehmen.

Lowery inszeniert diese Standardszene des Gangsterfilms mit einer Beiläufigkeit, die sie in den Fluss des Alltags einbettet. Der wahren Geschichte, die Ein Gauner & Gentleman erzählt, gebricht es nicht an Spektakulärem: Der tadellos gekleidete, stets zuvorkommend auftretende Forrest (Robert Redford) überfiel Hunderte von Banken und brach aus 16 Gefängnissen aus. Aber Lowery erzählt diesen amerikanischen Schelmenroman ohne äußere Dramatik. Die Verbrechen interessieren ihn als Zeugnisse einer Lebensweise.

Der Film setzt 1981 ein, als sein Held über sechzig ist und auf fast ein halbes Jahrhundert der Gesetzlosigkeit zurückblicken kann. Wir dürfen uns dies als Biografie ohne Brüche vorstellen. Seine Gefängnisaufenthalte unterstreichen die Kontinuität nur: als anspornende Parenthese. Er widerlegt F. Scott Fitzgeralds Diktum, es gebe keinen zweiten Akt im amerikanischen Leben. Noch im dritten kennt Forrest kein Bedauern. Ein abwesender Vater gewesen zu sein, erfüllt ihn nicht mit Schuldgefühlen; er hat sein Dasein episodisch eingerichtet. Zwar schlägt Lowery mit Elisabeth Moss’ brillantem Kurzauftritt als Tochter einen Widerhaken in dieses Selbstverständnis, aber Forrest bleibt einer, der mit leichtem Gepäck unterwegs ist.

Diese unbelastete Mobilität korrespondiert mit der Logik, der Redfords Karriere in den letzten zwei, drei Jahrzehnten gehorcht. Seit dem epochalen Flop Havana von 1990 ist er gleichsam der Verantwortung enthoben, Kassenmagnet zu sein. Zwar blieb er den thematischen Linien seines Werks weitgehend treu: als Instanz eines liberalen Hollywood, die sich noch im Scheitern an den Idealen der 1960er ihre Redlichkeit bewahrt. Jedoch ist ihm in der farbsatten Dämmerung seines Starruhms die Offenheit zugewachsen, unerwarteten Verlockungen nachzugeben: einem Abstecher ins Marvel-Universum (Captain America: The Winter Soldier) etwa oder der Einhandsegler-Tour-de-Force All is lost, wo dieser eminent kommunikative Schauspieler sich nur mit Requisiten, den schwindenden Werkzeugen des Überlebens, austauschen kann. Die entspannte Dramaturgie und die heiter unaufgeräumten Bilder von Ein Gauner & Gentleman fügen sich glücklich in diese Phase darstellerischer Gelöstheit.

Lowery hat den Film auf 16mm-Material gedreht, einem Format, das aus der Zeit fällt und dessen Kontrastreichtum das Dämmerlicht dieser Gangsterexistenz weich und warm wirken lässt. In das Katz-und-Maus-Spiel mit seinem hartnäckigen Verfolger, dem allerdings betont unaufgeregten Cop John Hunt (Casey Affleck), legt Redford rüstigen Elan, mit dem sich Vertraulichkeit anbahnen könnte. Redfords Gabe zu verbindlicher Innigkeit, das Versprechen auf eine ungeteilte Aufmerksamkeit, die den jeweiligen Ort und Augenblick in den Mittelpunkt der Welt verwandeln kann, ist längst nicht erloschen. Sie kommt in der Begegnung mit der Witwe Jewel (Sissy Spacek) zum Tragen, deren Leben ebenfalls eine eigene, unverwechselbare Handschrift tragen darf. Ihre Begegnung ist ein Herantasten voller romantischer Zuversicht. Sie darf sich als forschender Dialog der Erfahrungen und Hoffnungen entwickeln.

Info

Ein Gauner & Gentleman David Lowery USA 2018, 93 Minuten

06:00 30.03.2019
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