Das Geschäft der Demokratie

Bühne Peter Kastenmüller inszeniert in Frankfurt die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in drei Teilen. "Schwarz Gold Rot" ist ein interessantes thesenhaftes Denkstück

Schwarz-Rot-Gold: Schwarz war die Nachkriegszeit, rot eine Etappe auf dem Weg zur goldenen Zeit des Finanzkapitalismus, für die das Sony-Center in Berlin als Symbol figuriert. So weit, so schlüssig – aber was ist Schwarz Gold Rot, wie der Titel von Peter Kastenmüllers ausgezeichneter, aus drei Teilen bestehender Inszenierung im Schauspiel Frankfurt lautet?

Der erste Teil besteht aus Wochenschauberichten der Amerikaner, die sich mit der Frage plagten, wie dem Volk der Deutschen nach dem Faschismus Demokratie vermittelt werden könne; der zweite ist eine dramatisierte und gekürzte Fassung von Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum, der dritte eine Adaption von Ulrich Peltzers Roman Teil der Lösung. Der Beginn der Zeitreise im Jahr 1949 könnte einen Hinweis geben: „Wie werde ich Demokrat?“ Über 100 Filme wurden den Deutschen vorgesetzt, Kastenmüller präsentiert in einem leeren Raum unter einem riesigen schwarzen Tuch einige signifikante Ausschnitte. Den Eingeborenen wurde etwa erklärt, wie sie gehen könnten, ohne dabei unwillkürlich in den Marschtritt zu verfallen. Noch ist Demokratie das, was von außen kommt und der einzige Befehl, der ungern befolgt wird.

1974 hat sich die Lage gewandelt. Katharina Blum (Hilke Altefrohne) entdeckt das Glücksversprechen, das in einer demokratischen Gesellschaft auf alle wartet – und gleichzeitig seine Bedrohung durch Justiz, Politik, Boulevardmedien. 2003 lautet die Zeitformel Glück plus Erfolg. Das Versprechen individuellen Wohlergehens ist an den Erwerb geknüpft, und wieder passt bei diesem Volk historisch einfach nichts zusammen. Demokratie ist das, was im Schauspiel im Raume schwebte; ergreifen konnte es niemand.

Kongenial ist das Bühnenbild von Michael Graessner. Der Nachkriegspart besteht aus einem offenen, karg möblierten Raum, im Hintergrund laufen die Bilder der Wochenschau. Aber die Akteure gehen nur vorgedachte Wege ab und wissen den Platz nicht zu nutzen. Im zweiten Teil steht schon ein alter VW-Käfer herum, dazu ein paar Accessoires, vollgekaufte Plastiktüten. Katharina Blum, Beamte, Journalisten können sich auf der Bühne tummeln, aber sie sind so sehr mit Verdächtigungen und Anklagen oder Verteidigung beschäftigt, dass sie vor lauter geistiger Enge die Bewegungsmöglichkeiten nicht wahrnehmen. Im dritten Teil steht alles voll – Schreibtische, Stühle, Computer, Bürokrempel. Irgendwo muss auch die Demokratie geblieben sein, eben war sie jedenfalls noch da. Der freie Autor und Journalist Christian (Martin Butzke) und seine Freundin Nele (Elisabeth Müller), die beiden Protagonisten aus Peltzers Roman, sind ständig in Bewegung. Sie müssen aufpassen nicht anzuecken, kraxeln über die Tische, suchen sich zusammen, begehren auf und stehen unter der Observation der Staatsgewalt, die bereits wieder auf der Suche nach einem geeigneten Staatsfeind ist.

Hier ist keine deutsche Misere zu besichtigen, auch kein Leiden an Deutschland. Die Energien der Figuren sind beträchtlich, Verteidigungskämpfe und Proteste mobilisieren große Reserven. Aber die individuellen Vermögen fügen sich zu nichts zusammen, und am Schluss explodiert eine Stange Sprengstoff. In dieser theatralisch sparsamen, thesenhaften Inszenierung wird viel Denkstoff angehäuft. Deutschland und die Demokratie: Ob es in der nächsten Krise gelingt, beide einander näher zu bringen?

Schwarz Gold Rot Regie: Peter Kastenmüller, wieder am 27. Februar, 11. und 18. März

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12:20 27.02.2009

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