Das Geschick der Vermummten

Vor zehn Jahren Zapatistischer Aufstand im Süden Mexikos

Als Kämpfer der bis dato unbekannten EZLN - Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung - in der Nacht auf den 1. Januar 1994 in der Provinz Chiapas mehrere Bezirkshauptstädte und das regionale Zentrum San Cristobal besetzten, galt ihnen die Aufmerksamkeit der gesamten westlichen Welt. Der Aufstand erntete viel Sympathie, fand er doch zu einer Zeit statt, da der Siegeszug des Kapitalismus allen Ortes gefeiert wurde - es schien keine Alternative mehr zum neoliberalen Wirtschaftsmodell, zum angeblich alles regulierenden Markt zu geben.

Die FSLN in Nicaragua war 1990 abgewählt worden, der mexikanische Politologe und spätere Außenminister Jorge Castañeda hatte das Ende der revolutionären Linken Lateinamerikas proklamiert, deren Parteien bewegten sich auf sozialdemokratische Modelle zu. Und plötzlich ein bewaffneter indianischer Aufruhr - die Indígenas, bisher mehr als Objekt paternalistischer Entwicklungskonzepte denn als handelndes Subjekt behandelt, übernahmen plötzlich eine "führende" Rolle in der Neudefinition linker Politik. Zugleich wurden traditionelle Strukturen in Frage gestellt, wie an den 1993 verabschiedeten "revolutionären Frauengesetzen" der EZLN deutlich wurde. Mit ihnen erhielten die Frauen unter anderem das Recht, über den Ehepartner oder die Beteiligung an der Guerilla selbst zu entscheiden.

Die Zapatisten lösten in Mexiko einen beeindruckenden Politisierungsschub und international einen Bewusstseinssprung aus, sie galten mit ihren "intergalaktischen Treffen" 1996 und 1997 auch als Geburtshelfer der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung. Ihre poetische Sprache, der Humor und die geistige Eleganz des charismatischen Subcomandante Marcos, die Nutzung des Internet und der bis heute geltende Waffenstillstand nach nur zwölf Tagen des bewaffneten Konflikts Anfang 1994 machten die indianischen Rebellen schnell bekannt. Im Gegensatz zu anderen Gruppierungen wurden sie von den Medien als "gute Guerilla" hingestellt, für die man Sympathie empfinden durfte.

Wer kann schon etwas gegen genuine Maya-Indianer einwenden. Am Publicity-Erfolg der EZLN wollten in Mexiko viele teilhaben, allen voran die linksliberale Partei der Demokratischen Revolution (PRD).

Als schließlich mit der mexikanischen Regierung verhandelt wurde, war das Resultat enttäuschend. Es kam zwar zur Unterzeichnung des Abkommens von San Andrés, das dem Buchstaben nach den indigenen Rechten und der indigenen Kultur Respekt zollte, doch setzte die Regierung das Vertragswerk nie wirklich um.

Während Präsident Vicente Fox 2001 den Marsch der Zapatisten in die Hauptstadt nutzte, um der Welt ein demokratisch-pluralistisches Mexiko vorzuführen, fand sich in der internationalen Presse kaum ein Wort über die Hintergründe des Protestzuges. Auch verlief die Mobilisierung gegen das verfälschte Autonomiegesetz eher dürftig - es schien, als habe die EZLN an Rückhalt verloren.

Tatsächlich sind die Zapatisten heute dabei, die vielleicht entscheidenden Schritte ihrer jungen Geschichte zu tun und eine Autonomie zu gewinnen, wie sie ihnen keine Regierung zugestehen wollte. Sie agieren dabei weitaus weniger spektakulär als während des bewaffneten Aufstandes und mit einem geringen "Nachrichtenwert" für die internationale Presse. Auch wird diese Entwicklung kaum von linksliberalen Intellektuellen diskutiert, wie das noch bei Marcos´ literarischen Kampfansagen an Neoliberalismus und Armut der Fall war. Die meisten aus dieser Gilde haben sich mit dem neuen Mexiko arrangiert oder anderen Themen zugewandt.

Die PRD kommt inzwischen für die EZLN immer weniger als Bündnispartner in Frage, einige ihrer Abgeordneten stimmten gar für das verstümmelte Autonomie-Gesetz. Die Politik des von der PRD mitgetragenen chiapanekischen Gouverneurs Pablo Salazar Mendiguchía unterscheidet sich bestenfalls in Nuancen vom Kurs vorangegangener Provinzregierungen. So schreiten Militarisierung und Paramilitarisierung in Chiapas voran, wird der Plan Puebla-Panama zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen hofiert und der Strategie des "teile und herrsche" gefolgt. Interne Kritiker dieser PRD-Politik sehen sich durch Sanktionen oder Parteiausschluss zum Schweigen gebracht.

Die EZLN hat ihr Hauptaugenmerk während der vergangenen Jahre auf den Erhalt ihrer Basisgemeinden gelegt. Dies geschah nicht zuletzt durch den Aufbau eigener Unternehmen, um so den Dorfgemeinschaften eine Überlebenschance zu geben. In die Reihe dieser Projekte gehört ohne Zweifel auch ein Hörfunkprogramm, das in mehreren Sprachen etwa zwölf Stunden täglich auf UKW ausgestrahlt wird und in Chiapas über 250.000 Menschen erreicht. Radio Insurgente - die Stimme der EZLN sendet mittlerweile sogar auf Kurzwelle und ist so in ganz Lateinamerika und mit etwas Glück in Europa zu empfangen. So lässt sich das zapatistische Projekt im Augenblick vorrangig über den Aufbau eigener Verwaltungsstrukturen ergründen - über die 30 autonomen Gemeinden ebenso wie - seit August 2003 - über die fünf übergeordneten Regionalverwaltungen des "guten Regierens". Von der Schule über die Landwirtschaft bis zum Gesundheitswesen wird alles selbst entschieden, sogar autark Recht gesprochen. Damit besteht auf einem Viertel des chiapanekischen Territoriums de facto eine Administration, die sich von der offiziellen Regierung Mexikos gelöst hat.

00:00 09.01.2004

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