Joachim Sartorius
20.02.2012 | 11:15 1

Das Gewicht des Körpers

Gefühlsmechanik Wie das Unbewusste ein Bewusstsein einfordert: In seinem epochalen Roman „Parallelgeschichten“ beschreibt Péter Nádas, was es heißt, ein menschliches Tier zu sein

So wie wir das eigene Leben nicht kohärent zusammensetzen können, so können wir diesen gewaltigen Roman nicht zusammensetzen: drei Bücher, neununddreißig Kapitel, 1724 Seiten mit jähen Wechseln und Verknüpfungen, einer zunächst verantwortungslos scheinenden Streuung von Personen und Motiven. Weil die zahlreichen Geschichten wirklich parallel laufen, fast nie einen Anfang oder ein Ende haben, ist der Leser erst einmal frustriert und sucht nach Linearität, nach Helden, die sich entwickeln, nach einem Hochsitz, von dem er das Ganze überblicken kann. Doch dann, mit einer Ausdauer, die überreich belohnt wird, sieht er, angelangt im letzten Buch, die große, ingeniöse Architektur, welche Figuren und Zeitläufte zusammenhält.

Péter Nádas hat Fragen nach der Struktur seines Romans mit dem Hinweis auf das Chaos und die Orientierungslosigkeit, die unser Leben auszeichnen, beantwortet. Er arbeite „mit einer offenen Struktur, die nicht höher hinaus will als die chaotisch empfundene Welt.“ Das entspreche seiner Absicht, „Geschichten von Menschen zu schreiben, die sich niemals begegnet sind oder sich nur sehr oberflächlich kennen und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt ist“.

In dem Roman finden sich viele Stellen, die diese Romanstruktur metaphorisch beschreiben. Am eindringlichsten in dem ­Kapitel „Hans von Wolkenstein“, das von ­einem Internat für Knaben berichtet, an denen rassenbiologische Messungen vorgenommen werden. Hans, unter extremer Observation stehend, hat sein Elternhaus in Annaberg, in einer Gegend, deren Adelshäuser aus dem lokalen Gneis errichtet wurden. Es heißt da: „Dieses verbreitete, wenn auch nicht immer an der Oberfläche sichtbare Gestein verdankt seine Karriere als Baustein seiner parallelen Struktur, seiner leichten Spaltbarkeit. Seine schieferartige Struktur ist in verschiedenen Varianten bekannt, im geäderten Gneis ist der Glimmer in vertikalen Bändern angelegt, im Lagengneis wechseln die hellen und die dunklen Bänder (...).“ Und etwas weiter lesen wir: „Der Gneis bedeckt die Erdkugel in einer dicken und mächtigen Schicht. Auf ihm ruhen die verschiedenen Sedimente, und wenn das Magma darunter in Bewegung gerät und die bestehenden Spalten öffnet, brechen die Eruptionsgesteine durch diesen stellenweise bis zu dreitausend Meter dicken Gesteinsmantel.“

Kaputtbare Menschen

Im Zentrum des Romans, an dem Péter Nádas achtzehn Jahre schrieb, stehen die großen Katastrophen und Verwerfungen des letzten Jahrhunderts. Sie sind das Magma, stets präsent, doch meist nicht sichtbar. Von Deportationen, von der Auflösung eines Lagers am Kriegsende und marodierenden Häftlingen ist die Rede, die beiden Kriege tauchen als Erinnerungstrauma bei einigen Protagonisten auf, der Antisemitismus wird in allen Schattierungen vorgestellt. Der Holocaust selbst ist nicht explizit Gegenstand des Romans, ebenso wenig wie der stalinistische Terror. Nádas zeigt die Monstrosität dieses Jahrhunderts in den Menschen auf, in den Malen und Furchen, die es in ihre Psyche und in ihre Körper gegraben hat. Es gibt keine unkaputtbaren Menschen in diesem Buch. Sie verraten sich und andere, bekämpfen sich, lieben sich und nutzen sich ab, alle ungeheuerlich und alle versehrt vom Säkulum.


Hauptschauplatz der Parallelgeschichten ist der mitteleuropäische Raum zwischen den zwei Weltkriegen. Die Jahre 1938, 1945, der Ungarn-Aufstand 1956 und der Mauerfall 1989 sind zentrale Daten. Neben vielem anderen ist dieser Roman auch ein Werk der wissenschaftlichen Recherche. Als Nádas Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin war, hat er bis zur Erschöpfung die einschlägigen Archive zum Dritten Reich durchforstet, aber auch zur Architektur, zur Kriminologie, zur Mode, überhaupt zu allen Fragen der Zeitgeschichte. Offenbar wird dies – um nur eines von vielen markanten Beispielen zu nennen – an dem glänzenden, biografisch fundierten Porträt von Otmar Freiherr von der Schuer, des Direktors des Instituts für erbbiologische Forschung in Berlin. Von der Schuer (eigentlich: Freiherr von Verschuer), der perfekte deutsche Soldat, gebildet und diszipliniert, hatte im Ersten Weltkrieg Massaker befohlen und Erfahrungen gemacht, die sein M­­­­­enschen- und Weltbild zertrümmerten. Aber er gesteht sich diese „innere Blutung“ nicht ein.

Expeditionen in Seelenlandschaften

Nun ist er Wissenschaftler im Dienst der Nazis, dem Rassengedanken verpflichtet, ein Zyniker, der die Niederlage im Ersten Weltkrieg mit einer primitiven Ersatzreligion aufheben will. Es ist faszinierend, dem analytisch-psychologischen Scharfblick des Autors zu folgen, der keine Meinungen bekundet und keine Urteile fällt, sich aber so intensiv in diese Figur, ihre psychotischen und libidinösen Zerfaserungen hinein beugt, dass das Verständnis für diesen abstoßenden Charakter in erschreckendem Maße zunimmt. Dieser fiktive Text ist an jeder Stelle empirisch unterfüttert – „er watet in Erfahrung“, wie Nádas einmal selbst formulierte. Der endlos erscheinende Wirbel an Informationen mag an das „Passagen-Werk“ von Walter Benjamin erinnern, auch an Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Doch hält er Expeditionen in Seelenlandschaften bereit, in die auch die Größten der Literatur nur selten vorgedrungen sind.

Dieser Freiherr von der Schuer hat einen ungarischen Gefolgsmann, Istvan Lehr Lippay, der die ungarischen Kapitel des Buches mit seinem abartigen Nationalismus und Rassismus vergiftet. Schon zu Beginn des Romans liegt er in Agonie im Krankenhaus und, obwohl stets im Hintergrund, bleibt er den ganzen Roman hindurch als Moribunder präsent. Seine Frau, Erna Démen, eine imposante Figur des ungarischen Bürgertums und eine der sechs oder sieben zentralen und hochkomplexen Gestalten des Romans, fährt – als sie die Nachricht vom baldigen Sterben ihres Mannes erreicht – an einem stürmischen Morgen zur Klinik. Da ihr Neffe Kristóf sie nicht begleiten will, nimmt sie die Geliebte ihres Sohnes Ágost mit, Gyöngyvér, eine attraktive junge Frau mit drahtigem Körper, die ihren Weg vom Findelkind in die Häuser der gebildeten Schicht gemacht hat und sich zur Opernsängerin ausbilden lässt.


Diese bis ins kleinste Detail geschilderte Taxifahrt von Pest nach Buda ist eine der Glanzleistungen des Romans. Die physische Anziehung, die Gyöngyvér auf Erna Démen ausübt, verwirrt die ältere Frau. Die behandschuhten Hände der beiden Frauen berühren sich, ihre Schultern, die Schenkel. In Ernas plötzlich überströmende Gefühle schiebt sich eine andere Geschichte, die intime Umarmung und fast schon sinnlich-mystische Erfahrung mit Geerte van Groot, einer jungen holländischen Frau in Groningen. Während diese ferne Erinnerung in Erna auflebt und Nádas die Tiefenschichten der weiblichen Sexualität auslotet, erwacht in dem Taxifahrer die Erinnerung an die kurze Liebesfreundschaft zu dem Architekten Madzar. Gyöngyvér stellt ihrerseits Vergleiche zwischen ihrem jungen Geliebten und seiner alternden Mutter an, die neben ihr im Taxi sitzt und sie berührt. Sie erinnert sich an die körperliche Vereinigung mit Ágost: „Die Angst war verflogen, an ihre Stelle strömte ein Glücksgefühl, wie es ihr bisher nur dieser Mann hat vermitteln können. Als gäbe es einen Pfad vom Körper des einen Menschen in die Seele des anderen. Als verstünde sie in Frau Ernas Nähe Ágosts Körper besser.“

Diese Kunst der unmerklichen Übergänge beherrscht Nádas auf einzigartige, meisterliche Weise. Nicht nur spielen sich in den Köpfen der beiden Fahrgäste und auch in dem des Fahrers Bellardi parallele Geschichten ab, auch innerhalb der einzelnen Personen laufen innere Wahrnehmungen, Bewusstes und Unbewusstes, Vergangenes und Gegenwärtiges parallel ab. Nádas gelingt es, zwei gleichgeschlechtliche Lieben – zwischen Erna und Geerte, zwischen Bellardi und Madzar – und eine heterosexuelle Beziehung – zwischen Gyöngyvér und Ágost – über- und ineinander zu blenden. Für Nádas – das wird hier deutlich, mehr aber noch in dem wahnwitzigen Kapitel über Kristófs Cruising unter den Schwulen auf der Margareteninsel – ist die gleichgeschlechtliche Beziehung, da weniger codiert und von den bürgerlichen Normen noch nicht ganz erfasst, tiefer, existenzieller und auch ‚blinder’ als der Geschlechtsakt zwischen einem Mann und einer Frau.

Ficken, Bluten, Schwitzen

Wenn das Chaos die Struktur ist, der Gneis mit seinen spaltbaren Schichten für das Erzählmuster steht, dann ist der Bereich des Körpers die Grundmetapher für das Eruptive. Er ist das Epizentrum des Romans. Wie Nádas die Rolle der körperlichen Existenz in der Literatur ausdehnt – des Körpers mit allen seinen wilden und stummen Bedürfnissen, seinen Gerüchen und Ausscheidungen, seiner Anmut und seiner Hinfälligkeit – das ist das Zentrale, das Revolutionärste an diesem Roman. Ich kenne kein anderes Buch, das die Erforschung dessen, was es heißt, ein menschliches Tier zu sein, so weit vorangetrieben hat. Die Romanfiguren ficken, bluten, lutschen, schwitzen, scheißen und sie tun das in allen manischen Einzelheiten. In den Romanen, die wir kennen, ist das Unbewusste ein Vasall des Verstandes. Hier, in den „Parallelgeschichten“, tritt der Körper selbst nach vorne, um sein eigenes Bewusstsein einzufordern, seinen eigenen Platz in einem verwirrenden Tableau aus Gedächtnis und Geschichte. Paradebeispiel ist der sich über vier Tage und zweihundert Seiten erstreckende gigantische Geschlechtsakt zwischen Ágost und Gyöngyvér. Mit fast schon hysterischer Akribie werden die Geschlechtsorgane, ihre Mechanik, ihr Ineinandergreifen und die davon losgelösten Gedanken der beiden Liebenden beschrieben. „Der Perspektivenwechsel ist hart“, sagt Nádas zu dieser langen Liebesszene, „weil ich das Liebesgeschehen bis zum ersten Orgasmus mal aus der Perspektive der Frau, mal aus der des Mannes abrollen lasse.“

Aber nicht nur diese zwei, keine einzige seiner Personen kann das Gewicht des Körpers von der Seele ablösen, und in allen diesen Körper haben Ängste, Bitternisse, Schrecken feine Risse hinterlassen. In den ‚unpassendsten’ Momenten tauchen Erinnerungen auf, schieben sich als Trauma oder Sehnsucht in die Gegenwart. Die Feinmechanik, mit der alle diese Räder ineinander greifen, ist stupend. Einmal sagt Gyöngyvér, gegen Ende des langen Koitus, zu Ágost: „Du bist ein Ingenieur.“ Auch Péter Nádas ist ein Ingenieur, ein Ingenieur von herrlicher Detailversessenheit, so dass wirklich eine jede seiner Personen eine Geschichte des Körpers, eine Geschichte der Seele und eine Geschichte der gesellschaftlichen Beziehungen hat, die von einem Erzählstrang unversehens in den nächsten gleiten. Das ausufernde Palaver der drei Freunde Ágost, Andre Rott und Hans von Wolkenstein im Lukács-Bad in Budapest, die mehrfach unterbrochene Verfolgung einer Verkäuferin aus einem Kaffeegeschäft durch den bisexuellen Kristóf, einer Nachstellung, die in einer alkoholdurchtränkten Saturnalie endet, oder die anrührende unerfüllte Liebesgeschichte zwischen ihm und der verheirateten jüdischen Psychoanalytikerin Frau Szemzö sind Höhepunkte dieser Erzählkunst, die jede Konvention meidet und den Leser in jenen Fluss wirft, der gemäß dem Eingangsmotto von Parmenides Quelle und Mündung gleichsetzt.

Nádas ist ein Feinmechaniker der Gefühle, und ein Komponist. Die „Parallelgeschichten“ sind – auch dank der bewunderungswürdigen Leistung der Übersetzerin Christina Viragh – ein sprachmusikalisches Großprojekt. Dem Text liegt „eine stumme poetische Struktur“ zugrunde. Nádas versteht darunter all das, was nicht beschrieben und dennoch im Text enthalten ist: das Netz seiner Entscheidungen, die dem Text Gestalt geben, wann Literatur-, wann Umgangssprache verwendet wird, die Proportion und die Intensität der einzelnen Handlungsstränge. So werden zum Beispiel lange Absätze immer wieder unterbrochen durch kurze Sätze, gleich einem poetischen Ruck oder Stich, der dem Leser ein wunderbares Gefühl von Bewegung und großflächigem Rhythmus gibt. Mit dieser Sprachkunst das letzte Jahrhundert psychologisch, physiologisch und historisch durchdrungen zu haben, ist der große Verdienst dieses in jeder Hinsicht kolossalen Romans.

Péter Nádas wurde 1942 in Budapest geboren und wuchs im Ungarn der stalinistischen Diktatur auf. Er gehört einer Generation an, die sich weder am Krieg, noch an der Diktatur noch am Ungarischen Volksaufstand 1956 bewusst beteiligt hatte. Traumatisiert von der niedergeschlagenen Revolution, studierte Nádas zunächst Chemie, später Fotografie. In den sechziger Jahren arbeitete er als Journalist und Fotograf für Magazine und Tageszeitungen. Für seine Dramen, Essays und Romane fand er wegen der Zensur bis 1977 keinen Verlag. 1985 erschien sein Buch der Erinnerung, an dem er zwölf Jahre lang gearbeitet hatte. Für den Roman wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 1981 lebte Nádas ein Jahr lang in Deutschland. 2005 erschien Parallelgeschichten in Ungarn. Heute lebt er mit seiner Frau in Budapest und Gombosszeg, einem Dorf im Süd-Westen Ungarns.

Parallelgeschichten, Péter Nádas, Aus dem Ungarischen von Christina Viragh, Rowohlt 2012, 1728 S., 39,95

Kommentare (1)

Columbus 21.02.2012 | 00:18

Freunde und Projektpartner sollten sich nach Möglichkeit nicht rezensieren. Das wirkt aufgesetzt und gekünstelt, dazu auch unverständlich, weil das, was der Freund dem Freunde, aus Bekanntheit und Vertrautheit mitteilte, was aus dessen Werk zu lesen dem Freund ganz leicht fällt, einem Publikum unnötige Lasten auferlegt. So schreckt die Literaturnachricht eher ab, als zu einer "epochalen" Entdeckung anzuregen.

Beste Grüße
Christoph Leusch