Das gewisse Nichts

Kino Joel und Ethan Coen begleiten in dem Film „Inside Llewyn Davis“ einen erfolglosen Folkmusiker liebevoll durch das New York vor Bob Dylan
Johannes von Weizsäcker | Ausgabe 49/2013
Das  gewisse Nichts
Bild: StudioCanal

„Alles, was du anfasst, wird zu Scheiße“, faucht die junge Folksängerin Jean den jungen Folksänger Llewyn Davis recht früh im Film an. Obwohl man die von Carey Mulligan gespielte Jean bereits zu diesem Zeitpunkt als hübsch garstige Migränetante eingeordnet hat, kommt man im weiteren Verlauf nicht umhin, ihr zuzustimmen. Der Junge kriegt tatsächlich eher wenig auf die Reihe. Nachdem sich sein vormaliger Musikpartner von einer Brücke gestürzt hat, führt Davis’ geld- und wohnungslose Existenz im Greenwich Village von 1961 als Odyssee über die Sofas und Fußböden von Bekannten und Gönnern; ein Kater (namens Ulysses!) begleitet ihn dabei und entläuft; eine Aufnahmesession, bei der er mitwirkt, produziert zwar einen Hit, nur hat sich Davis aus akuter Not mit einer tantiemenlosen Sofortbezahlung für erbrachte Dienstleistungen begnügt. Schließlich schlägt sogar der Versuch fehl, die eigene Musikerkarriere zu beenden.

Der Gitarrenzupfstil

Mit Inside Llewyn Davis haben die Brüder Joel und Ethan Coen ein tolles Loser-Epos geschaffen. Wieder einmal: Die Erfindung ikonischer Verlierer ist eins ihrer Markenzeichen. 1990 etwa verzweifelte der neurotische, von New York nach L.A. transplantierte Theaterautor Barton Fink in einem Hotel mit schlecht klebenden Tapeten an seiner Unfähigkeit, B-Movie-Skripte zu verfassen, und brachte den Brüdern die Goldene Palme in Cannes ein. Wenig später scheiterte im verschneiten Fargo Jerry Lundegard, als er zwei so grandios dumme wie gemeingefährliche Kleingangster mit der Entführung seiner Frau beauftragte. 1998 folgte der vermutlich bekannteste und gleichsam heldenhafteste Loser, der „Dude“ in The Big Lebowski. Und vor einigen Jahren irrte der Midlife-Crisis-geplagte Physikprofessor Larry Gopnik in A Serious Man durch sein zerfallendes Suburbia-Idyll. Der Blick der Coen-Brüder auf ihre Loser ist dabei stets so erbarmungslos wie liebevoll, die meisterhaften Kamerafahrten berühren immer das existenzielle Große und Ganze – und laufen elegant ins Leere.

So auch im Fall von Llewyn Davis. Obwohl der Titelheld einiges erlebt, passiert eigentlich gar nichts. Die Handlung ist zyklisch, der Zuschauer verlässt den glücklosen Llewyn Davis, wie er ihn zu Beginn vorgefunden hat: buchstäblich niedergeschlagen, direkt nachdem er im Gaslight Café ein Lied übers Gehängt-Werden vorgetragen hat. Dabei handelt es sich bei Davis um einen durchaus talentierten Folkmusiker – bei dem ihn verkörpernden Schauspieler Oscar Isaac übrigens auch. Isaac hat die meisten Lieder im Film live beim Dreh eingesungen und sich in der Vorbereitungsphase den für die amerikanische Folkmusik der fünfziger und sechziger Jahre typischen Gitarrenzupfstil des „Travis Picking“ angeeignet. Die Musik wurde vom ehemaligen Gitarristen T-Bone Burnett und Marcus Mumford, Sänger der biritschen Folkrock-Charttopper Mumford And Sons produziert. Burnett war auch zentral in der Liedauswahl – wie bei Brother, Where Art Thou, einem weiteren Coen-Brüder-Film, der amerikanische Folk-Tradition homerisch einbettet.

Durch die ausschließliche Verwendung eigens eingespielter Folksongs unterscheidet sich Inside Llewyn Davis von den meisten anderen Coen-Filmen. In beinahe allen anderen ihrer Werke begleitet die Musik von Carter Burwell die Höllenfahrten der Protagonisten in elegisch klingender Zurückhaltung. Kaum ein Filmkomponist versteht es wie Burwell, ohne Bombast Spannung, Grauen und Komik zugleich zu betonen; man vermisst ihn bei Inside Llewyn Davis schon auch. Es wäre wohl aber zu gemein gewesen, dem armen Davis aus dem Off in die musikalische Dokumentation seiner Misere hineinzufuhrwerken.

Zumal Davis wirklich recht ordentlich singt. Im Gesang weiß er sich adäquat auszudrücken, ansonsten, „draußen im Leben“, ist er nicht der geschmeidigste Kommunikator. Bei einer öden Dinnerparty vergrätzt er seine Gönner von der Upper West Side, das Ehepaar Gorfein, mit einem divenhaften Auftritt. Zugegeben, Mrs. Gorfein hatte den Widerwilligen zum Liedvortrag aufgefordert und auch noch die Stimme seines verstorbenen Partners übernommen. Aber in der Folkszene der frühen sechziger Jahre – zumal vor dem durch Bob Dylans Ankunft ausgelösten Folkboom – galt ebenso wie heute das erste Gesetz der erfolgreichen künstlerischen Selbstausbeutung: netzwerken, netzwerken, netzwerken.

Das kann Davis nicht. Für ihn teilt sich die Welt in Hipster und Squares, und die von ihm angebetete Jean und deren Gatte Jim (adrett und stilsicher im engen Früh-Sechziger-Pullover: Justin Timberlake ) gehören mitsamt ihrem Militärdienst ableistenden und von Stark Sands großartig als All-American-Good-Kid dargestellten Sängerkumpel Troy Nelson eben zu den Squares, an die man keine Konzessionen macht, selbst wenn sie einem Gigs verschaffen und die Couch zum Schlafen anbieten. In Wahrheit ist Davis’ Kratzbürstigkeit aber eine Auflehnung gegen die eigene Mittelmäßigkeit – trotz schöner Stimme und musikalischem Talent besitzt er das gewisse Etwas vielleicht einfach nicht.

Das Tieftraurige

Das wird ihm auch auf einer albtraumhaften Fahrt nach Chicago vom grandios abgehalfterten Jazz-Mann Roland Turner in deutlichen Worten nahegelegt. Turner ist so eine Rolle, die die Coen-Brüder ihrem Lieblingsnebendarsteller John Goodman offensichtlich auf den massiven Leib geschrieben haben – und Goodman absolviert sie so angenehm abstoßend, wie nur er es vermag. Überhaupt verkörpert der Exkurs nach Chicago mehr als alles andere in diesem Film die Essenz der Coen-Brüder-Ästhetik: grandiose Aufnahmen schrecklicher Leere und zunehmender Finsternis (gefilmt vom Coen-Neuling Bruno Delbonnel), John Goodman fläzt auf dem Rücksitz und macht alles noch schlimmer, und der wahnsinnig komische Dialog transportiert das Tieftraurige.

Tieftraurig ist es auch, als sich ein unscharf im Hintergrund zu sehender Bob Dylan im Gaslight Café anschickt, Weltruhm zu erlangen, während unser Titelheld vor der Tür mit Prosaisch-Handgreiflichem umzugehen hat. Und merkt, dass das alles nichts mehr wird mit ihm und der Musik – obwohl er das eigentlich schon die ganze Zeit gemerkt hat. Womöglich ist Davis sogar für immer gefangen im fruchtlosen Folksängerdasein des Coen-Films.

Die Katze, sagten die Coen-Brüder übrigens in einem Interview, hätten sie „hineingeworfen“, weil der Film zuvor „keinen Plot“ besessen habe. So führt nun die Katze Llewyn Davis durch den Nicht-Plot seines Lebens als Künstler. Wie ein gespenstisches Vorbild gleicht sie in ihrer katzentypischen Widerborstigkeit erst Llewyn, dann aber eher dem phonetisch verwandten Dylan. Anders als Davis findet sie ihren Weg.

Inside Llewyn Davis Joel und Ethan Coen USA, F 2013, 105 Minuten

Johannes von Weizsäcker ist Popmusiker in der Band The Chap und tritt unter dem Namen Erfolg auch solo auf bzw. mit dem „besten Damenchor der Welt“: 20. 12., Berlin (Kaffee Burger), 28. 12., Leipzig (Schauspiel).

thechap.org und erfolgsmusik.tumblr.com

 

12:00 04.12.2013

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