Das Gift im Apfelkuchen

Positive Verweigerung In seinem Roman "Die Korrekturen" und seinen Essays über "Die Kunst der Einsamkeit" kämpft Jonathan Franzen gegen den Niedergang der Literatur

Als im Juni letzten Jahres Jonathan Franzens Roman Die Korrekturen auch auf dem deutschen Markt erschien, schien das manchen wie eine Art vorgezogenes Weihnachten, an dem der Gemeinde der Buchanbeter ein neuer Heiland erschienen war. Das Feuilleton überschlug sich in Lobeshymnen. Des Staunens wollte es Monate lang kein Ende nehmen. Das Thema des Romans, der Wunsch von Enid Lambert, ein letztes Mal mit ihren Kindern im alten Familienhaus in der Kleinstadt St. Jude im amerikanischen Mittelwesten Weihnachten zu feiern, war eine Steilvorlage für die Marketingstrategie bis zum Jahresende 2002. Auf einer Kaskade von Rezensionen schwamm Franzens opus magnus zum Verkaufswunder unterm Weihnachtsbaum. Noch in ihrer Weihnachtsausgabe schwärmte die, auch wenn es darum geht, sich über die Weltferne allzu intellektueller Kunstformen herablassend zu belustigen, immer gern einen Tick zu euphorische Literarische Welt von einem "Wunder".

Nun liegen Literatur und Religion vielleicht doch näher beieinander als man als gläubiger Atheist so denkt. Für den 1959 in Western Springs/Illinois im amerikanischen Mittelwesten geborenen Franzen liegt die Gemeinsamkeit dieser scheinbaren Gegensätze in dem, was er "Unvorhersehbarkeit" nennt. Jede Literatur, räsoniert Franzen in seinem Schlüsselessay von 1996, Why Bother, gleiche der Religion darin, dass sie "nichts Abgeschlossenes" sei und bei jeder Lektüre "neue Bedeutungen" entfalten wolle. Das erste Wunder jedoch, dass man verspürte, wenn man den Band in den Weihnachtstagen zur Hand nahm, war das Wunder der Konventionalität. Wie viel Durchhaltevermögen braucht es, um so ein endloses, klassisches Epos, so ohne jede stilistische Überraschung oder sonst wie aus der Reihe zu fallen, hintereinander weg zu schreiben?

Gewiss: Die Charaktere von Chip, dem als Internetschwindler kläglich gestrandeten Literaturprofessor; Gary, dem ehrgeizlosen, spießigen Investmentbanker aus Philadelphia und der Tochter Denise, einer erst gefeierten, dann gefeuerten Restaurantdirektorin werden komplex ineinander verschachtelt und entwickelt. Doch wie viel Selbstüberwindung braucht der Leser, um sich über fast achthundert Seiten (in Worten: 782) einen so selbstgefällig und gottähnlich orakelnden, auktorialen Erzähler gefallen zu lassen? Nur zwei kurze Male wechselt Franzen die Perspektive. Da schaut der Erzähler die Welt durch die Augen des an Alzheimer erkrankten Familienvaters Alfred Lambert. Der ein Leben lang gegen sich und seine Familie mehr als strenge, prüde Eisenbahningenieur sieht sich in seiner Altersdepression nachts im Bad von einem "Geschwader" von Fäkalien und zum Schluss im Hospital plötzlich von schwarzen Bastarden umringt. Dieser unbeirrbar durchgehaltene Rückgriff auf das alte Eisen einer ästhetischen Konvention ist natürlich auch eine Leistung. Obwohl man es sich auch kürzer hätte vorstellen können. Heinrich Böll hat das zum subtilen Psychoterror geronnene Familienritual in die satirische Kurzgeschichte Nicht nur zur Weihnachtszeit gefasst, die bis heute manchen seiner Romane überragt.

Gerade wegen dieses Rückgriffs sind Franzen und sein Roman zu einem ideologischen Paradigma (v)erklärt worden. Manch einer seiner bereitwilligen Apologeten sah gar die Postmoderne von dem Roman tödlich getroffen, so wie er ein verloren geglaubtes Genre noch einmal in Buddenbrookscher Größe entfaltete. In der Tat kann man Franzen´s Essay Why Bother als die Bekenntnisse eines Bekehrten lesen. Franzen schilt die Wirkungslosigkeit des "depressiven Realismus" der literarischen Gesellschaftskritik. Belustigt erinnert er sich der Tage am College, als "mir der Marxismus den Kopf verdreht" hatte. Und noch im Herbst 2001 rechnet der Jungautor unter dem süffisanten Titel: Mr. Difficult im New Yorker mit dem (zu Beginn seiner Schreiberei auch seinem) Heros der literarischen Postmoderne in den USA, mit William Gaddis, ab. Symbolisch tritt er vom "Status Model" zum "Contract Model" über. In diesem Kontrakt mit dem Leser geht es in erster Linie um eines: Verständlichkeit. Trotzdem ist sein Buch kein Bekenntnis eines Renegaten. Am Tag von George Bushs Amtseinführung begleitet der Reporter Franzen Jungsozialisten bei einer Demonstration vor dem Supreme Court in Washington. Sein Essay über die mysteriösen Briefverluste bei der Chicagoer Post zeigt einen der präzisesten Kenner der Abgründe des amerikanischen Alltags. Angewidert spricht er vom "Zuckerwasser der amerikanischen Gegenwartskultur", nennt seine Landsleute "Konsumentenkrieger" und geißelt die "Schattenregierung der Wallstreet". Auch seine fundamentalistische Kritik an den amerikanischen Medien oder an dem Irrwitz seines Todesstrafsystems zeigen: Franzen hat keineswegs seinen Frieden mit den amerikanischen Verhältnissen gemacht. Er will ihre Subversion nur anders erreichen.

Dazu backt er einen süßen Kuchen, gespickt mit den Fruchtwürfeln des Vertrauten, Bekannten und Nachvollziehbaren. In den Kinderhoffnungen, Ehekrisen und der Altersschwermut können sich alle Leser erkennen. Aber genau hier liegt auch das Hauptproblem dieses literarischen Mammuts. Denn was hat Franzens Produkt monatelanger Klausur in einem Appartement in New York für "neue Bedeutungen" erbracht? In der Überfülle seiner Motive und der Springflut von Details aus dem Alltagsleben - mitunter hat man das Gefühl die ganzen USA werde einem in die Suppenschüssel des Lesers geleert - hat dieser Roman etwas zutiefst amerikanisches. Er gleicht einem voll bepackten Einkaufswagen aus der WalMart-Kette. Von den eichhörnchenverseuchten Vorgärten der amerikanischen suburbs über den elektrischen Stuhl bis zu "mothers little helpers", den gelbgoldenen Kapseln der allgegenwärtigen Antidepressiva - kaskadenartig ergießt sich der Strom der Motive und der alltäglichen Dingwelten aus prall gefüllten Erzählerregalen in den Korbwagen des gierigen Lesers. Für einen Schriftsteller, der in seinen Essays Kafka, Proust und Rilke als Vorbilder nennt, legt Franzen erstaunlich wenig Wert auf das formvollendete Gleichnis, auf Symbol oder unterschwelliges Geheimnis. Auf der einen Seite regte sich Franzen in Why Bother noch über die "Tyrannei des Tatsachenrealismus" auf. In den Korrekturen muss man sein schwindelerregendes Stoffaufgebot noch als spätes Bekenntnis zum amerikanischen Glaubenssatz What you see is what you get! werten.

Woher rührt nun der Reiz des Franzenschens Unterfangens? In seinem Essay Lesen in der Asche über die Paradoxie des Rauchens in der modernen Gesellschaft beschreibt Franzen fasziniert eine Frau in New York, die an dem Oberlicht eines Hauses steht und schweigend raucht. In dem Bild des Menschen, der seinen eigenen Widerspruch inhaliert, offenbart sich der Raucher Franzen als Anhänger der Ambivalenz. Aus ihr will er ästhetische Funken schlagen. Wie die USA, die Franzen in einem anderen Essay als "Suchtpersönlichkeit" bezeichnet, ist auch die Familie Inkarnation eines unauflöslichen Widerspruchs. Wenn der Erzähler über Denise, die kurz vor Weihnachten für eine ganze Woche nach Hause gekommen ist, um ihren alt gewordenen Eltern zu helfen, mitteilt: "sie liebte ihre Eltern mehr als alles andere auf der Welt; und kaum lagen die beiden im Bett, zog sie sich um und floh aus dem Haus", kann man es am besten sehen: Franzens Buch handelt von der Unmöglichkeit der Familie und von der Unmöglichkeit, ihr zu entkommen. Wenn man den Korrekturen einen Reiz abgewinnen kann, dann den dialektischen, dass Franzen das ganze Chaos unter der Maske der Ordnung noch einmal in einen verbindlichen Rahmen gepresst hat.

So wie dieses Sozialsystem immer weiter ins poröse diffundiert, ist das eigentlich eine unmögliche Form. Franzen weiß um die Gefahr, dass die geschlossene Form ein ausgehöhltes, zerfallendes Phänomen ästhetisch restabilisieren könnte. Deshalb streut der Erzähler sacht wie ein Nervengift wirkende Zweifel an der Souveränität der Charaktere und der Form, die er mit seinem sonst so seriösen Auftreten befestigen will. Der in vielen Fachgebieten belesene Franzen weiß um die prekäre Idee vom stabilen Ich. Wenn Gary Lambert im Ehekrieg plötzlich Gefühle wie Reue oder Scham übermannen, schiebt er die chemische Erklärung für diesen emotionalen Ausweis des scheinbar einzigartigen Individuums "(Neurofaktor 26)" in Klammern hinterher. So behutsam, wie Franzen den Backring des großen Gesellschaftsromans durchlöchert, kann diese eigentlich unmögliche Form die Dialektik aus innerer Aushöhlung und zäher Persistenz einen sozialen Nucleus überraschend gut anschaulich machen.

Franzens Protokoll einer Kernspaltung, tollkühn gebändigt mit dem Stahlband der Epik, steht als Sinnbild natürlich pars pro toto. Es reicht von den Ruinen der Industrialisierung über die ausgebrannte Feuerstelle des Zweier-Universums, von dem political-correctness-Inferno der Wissenschaft bis zur geplatzten Blase der New Economy. Franzens dritter Roman ist der Versuch, das Gift der Erkenntnis über die Implosion des amerikanischen Traums in einem american-apple-pie zu verabreichen. Ganz ohne Hoffnung verlässt der Leser dieses Department of Corrections (so heißen in Amerika auch die Gefängnisverwaltungen) nicht. Nicht die Kinder, Mutter Enid steht nach dem Tod ihres Mannes plötzlich vor dem kleinen Türchen neuer Freiheit, das ihre korrektursüchtigen Kinder eigentlich immer aufstoßen wollten. Franzen probt so etwas wie die positive Verweigerung. Das darf man nicht mit einer Komödie verwechseln. Franzens "tragischem Realismus" geht es um das Drama des ganzen Lebens. Er will sozusagen einen verständlichen Gaddis abliefern. Insofern ist sein Buch einer der spannendsten Versuche der Selbstbehauptung der Literatur im Strudel von Globalisierung, Medialisierung und Beschleunigung, der in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren unternommen wurde.

"Der Roman ist nicht tot", schreibt Franzen 1995, "aber als kulturelles Leitmedium balanciert er am Rande des Abgrunds". Man muss es diesem Künstler hoch anrechnen, dass er nicht hinter die körperliche Verfassung seines Genres zurückfallen will. Franzens Versuch gleicht dem letzten Aufbäumen vor dem Verschwinden. Bei der Lektüre seines Werks fühlt man sich mitunter wie beim Zirkusbesuch. In der Manege steht ein einzelner Mann, der den Wandel, den Niedergang einer alten Kunst mit einem letzten großen Salto Mortale - der ultimativen Kunstform - aufhalten will. Man weiß, dass das eigentlich nicht gut gehen kann. Aber dass es einer versucht, ist schon so etwas wie ein Wunder. Manchmal ist es wunderbar, einfach nur Leser zu sein: Man sitzt in der Loge und hält den Atem an.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Ababarnell. Rowohlt-Verlag. Reinbek bei Hamburg 2002, 782 S., 24,90 EUR


Jonathan Franzen: Anleitung zum Einsamsein. Essays. Deutsch von Chris Hirte. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2002, 320 S., 15 EUR


Jonathan Franzen: Mr. Difficult. William Gaddis and the problem of hard-to-read-books. The New Yorker, September 30, 2002


John Leonard: Nuclear Fission. The Corrections by Jonathan Franzen. The New York Review of Books. September 20, 2001

00:00 17.01.2003

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