Das Gift in der Knolle

Lebensmittelsicherheit Forscher und Verbraucherschützer warnen vor den gesundheitlichen Risiken, die von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln ausgehen

Im Vorfeld der UN-Konferenz über biologische Vielfalt wurden in Bonn auch die offenen Fragen zur Biosicherheit (geregelt im Cartagena-Protokoll) verhandelt. Die NGOs begleiteten die Konferenz mit einer Aktionswoche "Planet Diversity". Inge Wenzl berichtet von einem Forum über Biosicherheit und gentechnisch veränderte Lebensmittel. Regina Bartel befasst sich mit den auf der Artenschutzkonferenz zu überprüfenden EU-Naturschutzprogrammen.


Vor zehn Jahren sorgte ein Experiment des renommierten Forschers Arpad Pusztai für großes Aufsehen: Ratten, die mit der genmanipulierten Kartoffelsorte Desirée gefüttert worden waren, zeigten funktionale und strukturelle Schäden ihrer Verdauungsorgane, die Entwicklung ihrer Leber, Bauchspeicheldrüse und Immunorgane war gestört. Der Kartoffel war zuvor das Gen eines Schneeglöckchens eingepflanzt worden. Dieses produziert das so genannte GNA-Lektin, ein ungiftiges Protein, das die Pflanze vor dem Befall von Blattläusen und Fadenwürmern schützen sollte. Zwei Tage nachdem der britisch-ungarische Wissenschaftler in einem Fernsehinterview über seine beunruhigenden Erkenntnisse berichtet hatte, wurde er nach fast 30-jähriger Tätigkeit von dem schottischen Rowett-Research Institute entlassen und mit einer beispiellosen Verleumdungskampagne überzogen.

Beunruhigende Forschungslage

Doch konnte nicht nur eine Gruppe internationaler Wissenschaftler ein Jahr später die Richtigkeit seiner Ergebnisse nachweisen, sondern auch andere Untersuchungen kommen zu alarmierenden Ergebnissen. Der Leiter des US-amerikanischen Instituts für Verantwortliche Forschung, Jeffrey Smith, erinnert an ein Experiment der russischen Biologin Irina Ermakova, die im Jahre 2005 weibliche Ratten während ihrer Trag- und Stillzeit mit Roundup Ready-Soja gefüttert hatte: "Über die Hälfte der Nachkommen starben binnen von drei Wochen. In der Kontrollgruppe waren es dagegen nur zehn Prozent. Dabei handelte es sich vielleicht nicht um die rigoroseste aller Studien, aber um die mit den drastischsten Ergebnissen!", versichert Smith. In einem dritten Versuch in Australien traten bei Mäusen schwere Lungenschäden auf. Sie waren zuvor mit Erbsen gefüttert worden, die ein Kidneybohnen-Gen in sich trugen. Die Mäuse, die die Bohnen selbst oder unbehandelte Erbsen fraßen, blieben dagegen gesund.

Anders als etwa bei Bt-Mais handelt es sich bei den hier beschriebenen Versuchen nicht um Gene, die von vornherein Toxine produzieren. Arpad Pusztai macht vielmehr die Technik des Gentransfers selbst dafür verantwortlich: "Unsere Arbeit zeigte, dass es nicht das Transgen, sondern seine Einpflanzung in das Genom der Kartoffel die Funktionsweise der pflanzeneigenen Gene veränderte, ihren Nährwert modifizierte und einige möglicherweise giftige Eigenschaften hervorbrachte." Bisher, so der Forscher, hätten nämlich alle überprüften Gen-Kartoffelsorten in Tierversuchen unerwünschte Eigenschaften gezeigt, unabhängig davon, um welches übermittelte Gen es sich handelte. So scheint sich die Toxizität des Nachtschattengewächses durch eine Mutation auch auf die Knolle auszudehnen, die normalerweise essbar ist.

Obwohl in Europa mehrere Genmaissorten kommerziell angebaut werden und im Rest der Welt auch andere genmanipulierte Pflanzen wie Soja, Baumwolle, Zuckerrüben oder Reis erlaubt sind, gibt es nur eine Handvoll unabhängiger Studien über ihre Risiken für Tiere. Wie genmanipulierte Lebensmittel auf Menschen wirkten, ist laut Arpad Pusztai überhaupt nur einmal wissenschaftlich untersucht worden. "Alle diese Studien beschrieben besorgniserregende Gesundheitsschäden. Die meisten von ihnen wurden jedoch von Industrie und Politik übergangen", kritisiert er. Ob wir uns solchen Versuch allerdings unterziehen würden? Auch wenn der "Großversuch" im Alltag längst läuft, können wirs uns im Supermarkt immerhin noch gegen Genfood entscheiden.

Michael Hansen, Biologe und Sprecher der US-amerikanischen Consumers´ Union, bemängelt, die US-amerikanischen Lebensmittelbehörde (FDA) überlasse es den Gentechnikkonzernen, die Sicherheit genetisch veränderter Nahrungsmittel zu testen - mit voraussehbaren Ergebnissen. So erklärte die Firma Aventis ihren StarLink-Mais für unbedenklich. Ende 2000 stufte die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA diesen dennoch als "mögliches Nahrungsmittelallergen" ein, ließ ihn als Futtermittel jedoch zu. Immer wieder tauchten in Supermärkten US-amerikanische Fertigprodukte auf, die mit StarLink-Mais verseucht waren.

"WHO und FAO fordern, dass alle Lebensmittel, die Gentechnik enthalten, auf Allergene untersucht werden müssen. Das jedoch wird seitens der Behörden völlig ignoriert", so Hansen. Dabei befinden sich vor allem in den USA, aber auch in Großbritannien Lebensmittelallergieen auf dem Vormarsch, und es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass genveränderte Pflanzen die Ursache dafür sind. So klagten etwa indische Bauern, die auf dem Feld mit Bt-Baumwolle in Berührung gekommen waren, vermehrt über Juckreiz, Hautausschlag und Atembeschwerden.

Korruption, Klüngel und Hexenjagd

Jeffrey Smith erklärt die Untätigkeit der FDA und ihre industriefreundliche Politik mit personellen Verquickungen: So habe Michael Taylor, der seit 1992 innerhalb der Behörde für Lebensmittelsicherheit zuständig war, zuvor als Anwalt der Biotech-Branche gearbeitet. Später stellte ihn der Saatgutkonzern Monsanto im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ein. So sei es kein Wunder, dass er alles getan habe, um sämtliche Sicherheitsbedenken über Genfood unter den Teppich zu kehren.

Auch in Europa sind Politik, Wissenschaft und Wirtschaft eng miteinander verwoben. "Bisher hat die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) nur positive Meinungen über genmanipulierte Pflanzen gelten lassen. Sie behauptet, Genpflanzen seien genauso sicher für die menschliche Gesundheit und die Umwelt wie konventionelle", beanstandet Werner Müller, Genexperte beim österreichen Büro für Ökologische Risikoforschung. Toxikologische Langzeitstudien, wie sie vor der Zulassung von Pestiziden üblich seien, fehlten ganz.

Ob die Europäische Kommission eine gentechnisch veränderte Pflanze genehmige, hinge von dem jeweiligen Urteil der EFSA ab. Als Quantensprung in diesem Sinne - wenn auch nur ein kleiner - kann man den jüngsten Beschluss der europäischen Entscheidungsträger Anfang des Monats betrachten, die genmanipulierte Stärkekartoffel Amflora und zwei neue Genmaissorten zu einer erneuten Sicherheitsprüfung an diese Behörde zurückzugeben. Zu einem Verbot der Sorten konnte sie sich jedoch nicht durchringen. Die Amflora-Kartoffel enthält ein Antibiotikaresistenz-Gen, das bereits seit 2004 nicht mehr verwendet werden soll. Denn die Resistenz könnte sich, so fürchtet die WHO, auf Krankheitskeime übertragen und so die ohnehin schwindenden Chancen, schweren Infektionskrankheiten mit Antibiotika beizukommen, noch weiter verringern.

Der Rausschmiss Arpad Pusztais und die Verleumdungskampagne gegen ihn ist kein Einzelfall. Auch die russische Forscherin Irina Ermakova wurde nach ihrem Gensoja-Versuch von der Gentechniklobby als "unwissenschaftlich" diffamiert. Politische Interessen behindern Wissenschaftler: In einem Gutachten des US Fish and Wildlife Service sagten 44 Prozent der Befragten, sie seien dazu angehalten worden, Daten zurückzuhalten, die auf die Wichtigkeit des Artenschutzes hinwiesen. "Unabhängige Forschung ist ein Mythos, so lange Wissenschaftler vor solchen Eingriffen nicht geschützt werden", betont Pusztai.

Eine Regelung darüber, wer für mögliche - auch gesundheitliche - Schäden gentechnischer Organismen haftet, ist vier Jahre nach dem Cartagena Protokoll nach wie vor ungeklärt. Die Biosicherheitskonferenz, die dazu vergangene Woche in Bonn tagte, scheiterte an der starren, wirtschaftsfreundlichen Position Japans und Brasiliens. Die Vertragsstaaten werden erst 2010 wieder zusammentreten.

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00:00 23.05.2008

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