Das Gift kommt mit der Drift

Dioxin "Seveso ist überall" hieß ein Buchklassiker vor 30 Jahren. Doch nicht Industrieunfälle wie in Seveso sind das Problem, sondern das Gift, das sich in die Nahrungskette schleicht

Es ist fast 30 Jahre her: Im Juli 1976 entwich im italienischen Seveso durch Überhitzung bei der Herstellung der Chemikalie Trichlorphenol ein extrem giftiges Dioxin. In der Umgebung ging eine so große Menge des Giftstoffes nieder, dass die oberste Bodenschicht abgetragen und verbrannt werden musste. Ein Unfall, der das Gift weltweit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht hat. Bis heute beschäftigen Dioxine Wissenschaft und Politik.

Dioxin ist krebserregend, doch das ist eigentlich nicht das Problem, denn die Dosis, in der das Gift im Durchschnittsmenschen normalerweise vorkommt, reicht dazu nicht aus. Derartige Konzentrationen treten nur bei Industrieunfällen wie Seveso auf. Auch extreme Krankheitsfälle wie der des ukrainischen Politikers Wictor Juschtschenko, der nach einem Giftanschlag mit Dioxin an schwerer Chlorakne litt, sind selten.

Doch weltweit kommt niemand vorbei an anderen Folgen von mehr oder minder schädigenden Dioxinen, Furanen und dioxinähnlichem PCB. "Ob Effekte auftreten", so der Hannoveraner Lebensmitteltoxikologe Heinz Nau, "ist nicht die Frage. Das ist ziemlich sicher. Entscheidend ist vielmehr, ab welcher Konzentration das passiert." Im Tierversuch treten Störungen im Verhalten, Veränderungen der Hormonproduktion in der Schilddrüse und Schädigung des Immunsystems nämlich schon bei Werten auf, die kaum über denjenigen liegen, die auch ein Mensch im Laufe seines Lebens mit der Nahrung aufnimmt und ansammelt. Mengenmäßig geht es dabei um fast nichts - Belastungen im Pikogrammbereich, Billiardstelgramm. Die in Deutschland pro Jahr ausgestoßene Menge von Dioxin hat sich von anderthalb Kilo auf etwa 70 Gramm verringert. Filteranlagen in der Industrie und verbesserte Produktionsverfahren haben den Ausstoß reduziert. Nun stagniert der Rückgang, denn nicht alle Quellen, aus denen Dioxin stammt, sind bekannt.

Sicher ist: Dioxin ist nicht allein ein Produkt der Industrie. Es entsteht weltweit bei Verbrennungsprozessen. Brände auf jordanischen Müllkippen, die Verbrennung von Zuckerrohrstroh in der Karibik, auch natürlich entstandene Buschbrände in Australien können Dioxin auf dem Boden hinterlassen und in die Atmosphäre blasen. "Wir sind immer noch weit davon entfernt, ein globales Bild zu haben, woher die Dioxine kommen", fasst Heidelore Fiedler zusammen, die bei UNEP Chemicals, der für Chemie zuständigen Institution der Umweltschutzorganisation der Vereinten Nationen, tätig ist.

Weltweit gibt es mehrere internationale Vereinbarungen zum Dioxinausstoß, zum Beispiel das Stockholmer Abkommen über persistente organische Stoffe, das im Mai 2004 in Kraft getreten ist. Es zielt langfristig auf das weltweite Verbot besonders gefährlicher Chemikalien und wurde inzwischen von 119 Vertragsstaaten ratifiziert, Russland und die USA gehören nicht dazu. Das Abkommen umfasst neben den Dioxinen unterschiedliche Schadstoffe, denen gemeinsam ist, sehr langlebig und giftig zu sein, sich in Organismen anzureichern und in der Atmosphäre zu verdriften. Grashüpfer-Effekt nennt sich das Phänomen, das Substanzen wie Dioxine zu einem weltweiten Problem machen: Durch Verdunstung und Kondensation in der Luftströmung wandern die Chemikalien über weite Strecken. So kann die Konzentration einer Substanz auch dort hoch sein, wo sie gar nicht produziert wird. Neben der Tatsache, dass noch nicht alle Dioxinquellen bekannt sind, erklärt dies, warum die Dioxinbelastung sich nicht lokal beenden lässt. "Es ist eine Umweltkontamination, so etwas können Sie nicht von heute auf morgen abstellen", stellt Andreas Hensel vom Institut für Risikobewertung in Berlin fest.

Was nicht abzustellen ist, wird immerhin reglementiert: Die EU hat eine neue Verordnung erlassen. Die Richtlinie 199/2006 vom Februar dieses Jahres tritt im November in Kraft. Sie setzt Höchstgehalte für bestimmte Kontaminanten in Lebensmitteln fest. Ziel soll es sein, die tägliche Aufnahmemenge von Dioxin über die Nahrung zu verringern und schon bei Futtermitteln für Nutztiere auf niedrige Dioxinbelastung hinzuarbeiten. Im Laufe der nächsten Jahre sollen für alle Lebensmittel Höchstgrenzen festgesetzt werden. Doch wo eine EU-Regelung existiert, gibt es auch gleich die Ausnahme: So dürfen zum Beispiel Finnland und Schweden im eigenen Land weiterhin ihren hochbelasteten Ostseefisch verkaufen. Frisch oder aus der Dose ist dabei gleichgültig. Es soll definitionsgemäß in Ordnung sein, diese Produkte zu vertreiben, weil in diesen Staaten den Verbrauchern Informationen und Verzehrempfehlungen zur Verfügung stehen.

Kann der Verbraucher damit etwas anfangen und sich danach richten? Frans Verstraete, Mitarbeiter der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz der Europäischen Kommission, sah es auf einer Tagung der Tierärztlichen Hochschule Hannover zum Thema Dioxin pragmatisch: "Wenn wir nur noch dioxinfreie Nahrung zu uns nehmen wollten, wir würden nicht am Dioxin sterben, sondern vor Hunger." 90 Prozent der Dioxinbelastung eines Normalbürgers stammen aus Lebensmitteln tierischen Ursprungs. Eine im Februar erschienene Studie des Bundesamtes für Verbraucherschutz zeigt, dass auch Gemüse in sehr geringem Maße Dioxin enthält.

Als im Frühjahr vergangenen Jahres die Dioxin-Eier aus Freilandhaltung für Wirbel sorgten, wurde deutlich, dass neben Haltungsform auch Futter, Bodenbearbeitung und viele andere Einflüsse dabei mitspielen, ob ein Lebensmittel Schadstoffe enthält. Auch sind die Dioxine nicht überall gleich verteilt. Hat ein Rind auf einer belasteten Weide gestanden - zum Beispiel dem Überschwemmungsgebiet eines Flusses, an dem sich Industriestandorte befinden -, kann das Rind im Muskelfleisch geringere, in der Leber aber hohe Dioxinkonzentrationen angesammelt haben. Theoretisch käme das Steak in den Handel, die Leber auf den Sondermüll - praktisch streikt in einem solchen Fall der Verbraucher.

Zusätzliche Verwirrung stiften die schwer kommunizierbaren Grenzwerte. Beim Dioxin sind nach der neuen EU-Richtlinie Zielwerte, Auslösewerte und Höchstgehalte festgesetzt. Höchstwerte sind geltendes Recht, Auslösewerte setzen ein Frühwarnsystem in Gang. Andreas Hensel vom Institut für Risikobewertung sieht es positiv: "Grenzwerte machen immer den Eindruck einer Kontrolle und führen langfristig zu einer Verbesserung der Situation, weil keiner erwischt werden will."


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00:00 12.05.2006

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