Arwa Mahdawi
23.10.2013 | 12:10 8

Das Googeln der Anderen

Gesellschaftskritik Eine Kampagne von UN Women thematisiert die Diskriminierung von Frauen durch Googles Autocomplete-Algorithmen

Das Googeln der Anderen

Foto: Memac Ogilvy & Mather Dubai

Es ist eine durch Algorithmen bestätigte Wahrheit, dass ein Mann ejakulieren und eine Frau in ihre Schranken verwiesen werden muss.

Irritiert? Zu Recht. Aber machen Sie nicht den Überbringer der sexistischen Botschaft für deren Inhalt verantwortlich. In diesem Fall sind es die Vereinten Nationen. Eine für UN Women entwickelte Anzeigen-Kampagne macht anhand realer Google-Suchanfragen deutlich, wie verbreitet die Diskriminierung von Frauen ist. Die Kampagne zeigt Nahaufnahmen von Frauengesichtern über deren Mund Autocomplete-Resultate für Begriffe wie "Frauen sollten ..." und "Frauen müssen ..." angezeigt werden. Dazu gehören Glanzstücke wie "Frauen müssen diszipliniert werden" und "Frauen sollten keine Rechte haben". Der kurze Text auf jedem Plakat lautet: "Reale Google-Suche am 9/3/13." Bei den Beispielen handelt es sich um eine englische Auswahl. Sucht man am 23. Oktober 2013 in der deutschen Google-Version, erhält man Antworten wie "Frauen müssen draußen bleiben", Eva Hermans Forderung "Frauen sollten öfter mal den Mund halten", oder "Frauen sollten nicht arbeiten!!!". Aber auch Vorschläge mit dem Thema, dass Frauen doppelt so hart arbeiten müssen wie Männer, um das Gleiche zu erreichen.

Während viele von uns täglich mehrmals mit Googles Autocomplete-Funktion zu tun haben, denken wir selten über die dahinterstehende Funktionsweise nach. Autocomplete agiert wie jemand, der sich für besonders schlau und schnell hält und die Sätze seiner Mitmenschen für sie vervollständigt. Während der menschliche Schlauberger aus dem Gefühl heraus agiert, arbeitet Autocomplete mit Algorithmen. Sie brauchen nur ein paar Buchstaben einzugeben und der Algorithmus durchsucht auf der Basis dessen, was andere Leute vor ihnen in der Vergangenheit gesucht haben, die Datenbanken, um vorwegzunehmen, was sie suchen.

Google, ein Beichtstuhl

Die Autocomplete-Vorschläge variieren nach Region und Zeit, scheinen aber zu einem gewissen Grad konsistent. Als ich die Suchbegriffe, die die Macherinnen der Kampagne in New York eingegeben haben, am Montagabend in London wiederholte, waren die ersten drei Vorschläge für "Frauen sollten ...": "Frauen sollten den Mund halten", "Frauen sollten erwachsen werden" und "Frauen sollten wissen, wo ihr Platz ist". Die Eingabe von "Männer müssen ..." ergab: "Männer müssen ejakulieren", "Männer müssen das Gefühl haben, gebraucht zu werden" und "Männer müssen erwachsen werden" – letzteres immerhin ein kleiner Sieg für die Geschlechtergerechtigkeit.

Google ist zu so etwas wie der säkularen Entsprechung eines Beichtstuhls geworden. Wir tippen Fragen und Meinungen in das Suchfenster, zu denen wir uns nie im Leben öffentlich bekennen würden. Unsere beliebtesten Suchanfragen sind, zu einem gewissen Grad, eine unzensierte Chronik dessen, was eine Gesellschaft denkt, aber sich nicht unbedingt zu sagen traut. Was die UN Women-Kampagne so überzeugend macht, ist, dass sie den Schleier der öffentlich akzeptierten Rhetorik wegzieht und offenlegt, wie weit verbreitet sexuelle Vorurteile noch immer sind.

Aber man muss aufpassen. Ohne die sehr realen und widerwärtigen Meinungen, die die Kampagne in den Blick rückt, kleinzureden, sind Autocomplete und kollektive Psyche nicht identisch und das eine spiegelt das andere nicht akkurat wider. Autocomplete-Vorschläge können so bizarr sein, dass sie einen eigenen Twitter-Account – @GooglePoetics – angeregt haben, der sich den gelegentlich äußerst dadaistischen Ergebnissen widmet. Ein typisches Gedicht lautet wie folgt:

"mein Gott ich bin eine Tomate 

mein Gott ich bin köstlich 

mein Gott ich bin schwanger und frage ich, wer das bloß gewesen sein könnte"

Effizienz ist alles

Die Welt, die man durch die Brille von Autocomplete zu sehen bekommt, ist eine seltsame und nicht immer besonders schöne. David Cameron ist hier "eine Eidechse", Obama "ein Muslim" und Putin ein "Brutalo". Aber selbst aus dem, was eindeutig als Unsinn identifizierbar ist, lässt sich immer noch einiges über unsere tiefsitzenden Ressentiments erfahren.

Darüber hinaus ist die Autocomplete-Funktion ein beunruhigender Indikator dafür, wie sehr wir unsere Gedankengänge im Interesse der Effizienz immer mehr von der Technik vervollständigen lassen. Einer Untersuchung von – äh – Google zufolge gelten 400 Millisekunden oder ein Blinzeln heute im Netz bereits als unzumutbare Verzögerung. Die Technik hat uns alle unglaublich ungeduldig gemacht: "Jede Millisekunde zählt", wie ein "Speed-Maestro" von Google gegenüber der New York Times erklärte.

Weil jede Millisekunde zählt, bemisst Google den Wert von Autocomplete weitgehend nach seiner Effizienz. Auf der Autocomplete-Seite mit häufig gestellten Fragen ist zu lesen, die Funktion sei praktisch, weil sie einem erlaubte, "die Finger zu schonen". Leider nicht nur die Finger, sondern auch das Gehirn. Wir als Gesellschaft müssen unsere Geschwindigkeitssucht überwinden und für eine Minute einen Gang zurückschalten, um nachzudenken. Wenn Sie sich jetzt fragen, was Autocomplete dazu wohl einfällt: "We need to think about Kevin".

Kommentare (8)

ch.paffen 23.10.2013 | 13:56

danke für den "genderview" auf google * ich gestehe irgendwie bin ich weder irritiert, noch wirklich erbost * ein plattes "tja mädels, it´s a man´s world " ist aber wohl wirklich zu platt * das die UNO den ball wieder ins spiel gebracht hat ist ohne frage zu begrüßen * dies jedoch als ausgangspunkt zur gesellschaftkritik zu mobilisieren finde ich fast sexistisch * natürlich hab ich selbst frauen sollen bei google gesucht und auch google germany kann nicht wirklich überzeugen * zur ehrenrettung der suchmaschine hab ich aber als 1 vorschlag n24 bekommen, da hab ich den feinen egriff automatisierten Google-Chauvinismus gefunden * das sprich für mehr mädels in den mint berufen, die dann emanzipizierte autocomplete funktionen gestalten können * heute ist wohl noch nix mit fair gender im web 2.0 * aber ernsthaft wen wunderts? * menschliches web für die zukunfft könnt ja durchaus ein gesellschaftliches ziel werden * feinen resttag noch cp

kolumnarde 24.10.2013 | 10:28

Es kann doch nicht erstaunen, daß bei Wortkombinationen wie „Frauen sollten“ weit überwiegend auf Boulevard-Seiten – und Foren verlinkt wird, die wiederum wissen wie man titeln und Anzeigen schalten muß, um in die Google-Rankings hinein zu kommen.
Bei metager u.a. unabhängigen Meta-Suchmaschinen sieht das Ergebnis – unter der Standardsucheinstellung
nach Relevanz dann doch etwas anders aus. Aber es bleibt dabei, Frauenthemen sind überwiegend im Boulevard angesiedelt, wozu auch etliche Frauenzeitschriften und deren Online-Ausgaben der Marktführer, die i.d.R. eine strategische Werbepartnerschaft mit Google pflegen, zählen.
Deren Marketingexperten wissen selbstredend, daß Prinzip sex-sells marktgängig anzuwenden und im Fahrwasser dieser Angebote tummeln sich eben Sexismen aller Art, die ab einer bestimmten Masse dann Eingang in Suchergebnisse finden, was die Urheber aber nicht für ihr Problem halten, denn Frauen als Konsumentinnen dieser durchaus nicht geschlechtsneutral verpackten Produkte fördern diese Boulevardisierung lebhaft durch ihren massenhaften Zuspruch bzw. ihr Interesse an diesen Formen der Thematisierung und deren Vermarktung nach o.g. Muster.

Als Beleg und zur Abhilfe bei Geschwindigkeitssucht, habe ich mal einen Vergleich angestellt, siehe nächsten Kommentar.

kolumnarde 24.10.2013 | 10:30

Die Geschwindigkeitssucht zu überwinden ist ganz leicht. Es braucht dazu nur mal einen Systemvergleich zwischen einer kommerziellen Suchmaschine wie Google und z.B. Metager, die viel kleiner erscheint, aber gefühlt genau so schnell und die qualitativ besseren Ergebnisse zeitigt, wie ich finde.

Google
Suchergebnisse zu >Frauen sollten<

"Frauen sollten...keine Rechte haben ... - N24

www.n24.de/n24/.../n24.../-frauen-sollten---keine-rechte-haben-.html

Dürfen frauen männer schlagen?

forum.gofeminin.de

Google Autocomplete: Frauen sollten nicht ...

Für eine Kampagne hat die UNO sich angeschaut, was Google ergänzt, wenn man im Suchfeld "Women should" oder "Women cannot" eingibt.
DiePresse.com

Dinge, die Frauen aufhören sollten zu tun

Madonna24‎

Frauen ohne Rechte und Männer ohne Flip-Flops UN startet Kampagne gegen Sexismus

neues deutschland‎

Frauen sollten nach Parfum riechen und nicht nach Zigaretten oder ...

https://www.facebook.com/FrauensolltennachParfumriechen
Pro und Kontra: Frauen sollen sich wieder mehr um die Familie ...

www.wen-waehlen.de/btw09/kandidaten/begruendung_1104.html
Frauen sollen nicht vom Staat zur Kindererziehung verdonnert werden, sondern der Staat muß den Müttern klar machen, dass sie die besten Erzieherinnen sind, ...

Frauen sollten öfter mal den Mund halten, Eva Herman ...

www.mscperu.org/deutsch/0kontrovers/evaHerman.htm

Was Frauen vor einer Brust-OP beachten sollten

Eine Bruststraffung ist selten medizinisch erforderlich, sondern meist ein ästhetischer Eingriff: Dennoch entscheiden sich immer mehr Frauen ...

www.welt.de › Wissen › Gesundheit‎


Wie forsch dürfen Frauen sein?

www.t-online.de › Lifestyle › Liebe › Partnersuche

Sollen Frauen beim Dating den ersten Schritt machen?

www.trotula.at/idee‎

Dinge, die Frauen aufhören sollten zu tun
Madonna.oe24.at

- - - -
Ergebnisse von www.metager.de – hier die ersten 10:

Kalte Füße vor der Hochzeit: Frauen sollten auf ihr Bauchgefühl hören

http://www.spiegel.de/gesundheit/sex/scheidungsrate-frauen-sollten-zweifel-vor-der-hochzeit-ernst-nehmen-a-856235.html#ref=rss

Freida Pinto: Frauen sollten Beziehungen dominieren

http://www.westfalen-blatt.de/nachricht/2013-03-17-freida-pinto-frauen-sollten-beziehungen-dominieren/1301/

Frauen sollten so nackt wie möglich sein"

http://www.bild.de/lifestyle/mode-beauty/haare/show-charlie-le-mindu-31145246.bild.html

Frauen: Frauen sollten Badesachen rasch ausziehen

http://www.news.de/gesundheit/855263986/frauen-sollten-badesachen-rasch-ausziehen/1/

Expertin über Rentenvorsorge: "Frauen sollten genau rechnen" - taz.de

http://www.taz.de/!86356/

Studie: Minijobs eine Sackgasse, keine Brücke

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/studieminijobs100.html

Satirevideo in Indien: "Es ist deine Schuld!" | tagesschau.de

http://www.tagesschau.de/ausland/satirevideo-indien100.html

Frauen sollten nicht arbeiten !!!! : Forum goFeminin

http://forum.gofeminin.de/forum/f77/__f1811_f77-Frauen-sollten-nicht-arbeiten.html

Frauen sollten öfter übers Gehalt verhandeln - Beruf &amp; Bildung ...

http://www.wz-newsline.de/home/ratgeber/beruf-bildung/frauen-sollten-oefter-uebers-gehalt-verhandeln-1.940041

Familie: Perfektionszwang: Frauen sollten lockerer werden

http://www.news.de/reisen-und-leben/855086189/perfektionszwang-frauen-sollten-lockerer-werden/1/

Interessant was der Metager-Sprüchemaschine dazu zufällig einfällt:
"Geistig selbstgenügsam sind nur die Genies und die Idioten."
Stanislaw Jerzy Lec

Johannes Renault 25.10.2013 | 18:10

Nicht nur dass Googles Autocomplete-Algorithmen Frauen diskriminieren, nein! Ich habe neulich selbst gesehen wie diese Algortihmen in Gruppen Frauen an Strassenbahnhaltestellen nachstellten. Sie pfiffen den Frauen hinterher und ahmten ihren Gang nach. Mit Glück kam es zu keinen weiteren Übergriffen.

Manche Frauen verpixeln sich schon, und meiner eigenen Lebensgefährtin musste ich energisch klarmachen sich unscharf zu machen. Sie sollte mal Ihren Artikel lesen, dieses Frauenzimmer, dann begriffe sie.

Johannes Renault 25.10.2013 | 18:41

1. Ich habe gerade im Selbstversuch festgestellt dass Googles Autocomplete-Algorithmus tatsächlich mein Geschlecht sieht - also.. kennt.

2. Ich fragte Es nach meiner Person und war geschockt was Es über mich weiss, ob es mich als Frau fehlinterpretiert - dissed, oder mich als Mann repektiert.

3. Ich tippte mündlich, mit der ausgezeichneten Diktierfunktion eines legendären Abbey Road-Computers (Apple Records, 1969), in das premierte interne Mikrofon: ich bin

ich bin ein berliner

ich bin du bist

ich bin ein berliner speech

ich bin gut

Alles stimmt.