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Das grosse Essen

Als wir aus der Tür traten, fassten wir einander an der Hand und schwiegen bis zum Bahnhof. Der Zug war nicht überfüllt, wir fanden ein leeres Abteil, und dann, dann umarmten wir uns. Schon seit mehr als vierzig Minuten war die Sonne untergegangen, endlich konnten wir essen: Ein kleines weißes Tischtuch breiteten wir auf dem Sitz aus, legten den sorgsam eingepackten Proviant darauf. Langsam fingen wir an, brachen kleine Bissen ab und steckten sie uns gegenseitig in den Mund. Nein, geredet haben wir überhaupt nicht. Ein Ungar, mit vollem Mund? Das selbstgebackene Brot war noch warm, die Hühnerschenkel knusprig. Immer wieder biss einer ein Stückchen von der Gurke ab, oder aus der Tomate heraus, und reichte es dem anderen in den Mund. Wir glänzten vom Fett. Wir leckten einander die Finger ab, dann glänzten sie anders. Und schon kam das nächste Stück Brot, der nächste Bissen Fleisch, in Preiselbeermarmelade getunkt, wir spürten gegenseitig unseren Appetit, den Geschmack auf dem Gaumen. Dann reichten und kauten wir die Bissen schneller. Und spürten gegenseitig unseren Durst, und gaben einander Wein zu trinken. Und wieder einen Bissen. Und wieder einen Schluck. Und wieder Finger, Zungen, Zähne, Rachen, Speiseröhren, Mägen. Bis dahin. Bis dahin gingen wir. Bis dahin hatten wir noch nie in unserem Leben mit so viel Ernst gegessen.


Grand Hotel

Stellt euch ein Hotel vor, den Namen muss man sich nicht vorstellen, es heißt: Grand Hotel. Man muss sich einfach ein Hotel vorstellen, das unendlich viele Zimmer hat. Fertig? Man muss sich auch noch vorstellen, dass jedes Zimmer besetzt ist. Das ist alles. Der Rest ist Logik. Denn daraus, dass das Grand Hotel eine unendliche Anzahl besetzter Zimmer hat, folgt, dass es immer ein freies Zimmer gibt. Wie? Na das ist einfach, man muss nur eine Superaufgabe lösen: Den Gast von Zimmer eins muss man in Nummer zwei umziehen lassen, den von Nummer zwei in Nummer drei, den von Nummer drei in Nummer vier, und so weiter, und so weiter, da es eine unendliche Anzahl von Zimmern gibt, ist immer ein Zimmer da, wohin der Gast am Ende der Reihe umziehen kann, so wird Zimmer Nummer eins frei. Mehr noch, man kann so nicht nur ein freies Zimmer schaffen, sondern, indem man die Superaufgabe ein bisschen abwandelt, eine unendliche Anzahl freier Zimmer. Folgendermaßen: Aus Nummer eins geht der Gast in Nummer zwei, der von Nummer zwei zieht in Nummer vier, der Bewohner von Nummer drei in Nummer sechs, und so weiter, und so weiter, jedes Zimmer mit ungerader Nummer wird damit leer, bitte sehr, bitte sehr! Und man kann auch noch unendlich viel mehr freie Zimmer schaffen, aber jetzt erzähle ich nicht, wie, die Hauptsache: Im Grand Hotel, in dem jedes Zimmer besetzt ist, gibt es eine unendliche Anzahl leerer Zimmer.


Roter Riese

In fünf bis sechs Milliarden Jahren wird die Sonne den Wasserstoffvorrat in ihrem Kern verbraucht haben, und da es nichts anderes gibt, wird sie den Wasserstoff in der den Kern umgebenden Schicht zu verbrennen beginnen. Da die Energiequelle somit näher an die Oberfläche gelangt, wird sie sich ausdehnen. Ihre Strahlung wird stärker zunehmen als ihre Leuchtkraft. Ebenso verhält es sich bei den jetzt existierenden "Roten Riesen": Sterne, die den Wasserstoff an ihrer Oberfläche verbrennen; sie wachsen, werden immer kälter und röter. Während die Sonne sich aufbläht, wird sie die Planeten des Sonnensystems schlucken (darunter auch die Erde).


Siebzehn Tage

Lilian hatte schon seit zehn Tagen überhaupt nicht geschlafen. Zuerst, weil sie Tag und Nacht arbeitete, dann versuchte sie zwar einzuschlafen, es gelang aber nicht. Zwischen drei und vier Uhr morgens war es unerträglich. Eine nicht zu steigernde Negativität überkam sie, und es schien, als könne man ihr nicht entrinnen. Sie dachte darüber nach, wie sie sterben könnte. Jede Lösung hätte den Menschen, die Lilian gern hatte, zu großen Schmerz, zu großes Erschrecken oder Grauen zugefügt. Dass sie mit diesen Menschen hätte reden können, vielleicht ja, aber sie befürchtete, wenn sie erzählte, was für Sorgen sie quälten, dann würde sie genau denen, die sie gern hatte, zu großen Schmerz, zu großes Erschrecken oder Grauen zufügen. Die Bilder in ihrem Kopf wechselten: ihr Chef, wie er in aller Seelenruhe die Auszeichnung für die Arbeit entgegennimmt, die er von Lilian gestohlen hat; die einst wunderschöne Judit, wie sie im Rollstuhl vor dem Theater darauf wartet, dass jemand sie die Treppen hoch trägt; ihre alten Eltern und ihr alter Hund, die im Winter erfrieren, weil die Rente nicht ausreicht, die Heizung zu bezahlen, der zweideutige Antrag ihres Chefs, und sie will flüchten, aber ihre Beine sind in der Erde festgewurzelt; eine Frau, wie sie ihr Blumen bringt und mit den Worten übergibt: Die sind für die Nutte; Mimi, die ihr mit einem merkwürdigen Grinsen obszöne Zeichen macht und ruft, komm auch; die Studenten, die in ihren Seminaren sehr interessiert mitgearbeitet hatten und ehrlich an ihr hingen, wie sie jetzt in einer Spelunke über sie herziehen; sich selbst sieht sie, wie sie auf dem Hof eines Irrenhauses Katzen füttert, ihre paar grauen Haare werden vom Wind zerzaust - während alledem hört sie noch dazu Sting, da muss man wirklich verrückt werden. Am elften Tag aber schneit Edit zu ihr herein, eine ihrer Studentinnen, sie sieht sofort, was los ist, hilft Lilian sich umzuziehen und bringt sie zum Universitätsarzt, schnelle Untersuchung, Blutdruck, Augenhintergrund, und schon schreibt er die Einweisung in die Nervenheilanstalt. Mit Glukose-Infusionen werden ihr Beruhigungsmittel verabreicht, nach drei, vier Tagen friedlichen Bewusstseinsverlustes darf sie schon auf den Hof des Krankenhauses gehen. Ihre Mutter kommt aus Szatmár zu ihr, putzt Lilians Wohnung, kauft Blumen, Kuchen, Obst, setzt durch, dass Lilian zwei Tage später aus dem Krankenhaus entlassen wird und von zu Hause aus zwei Mal wöchentlich zur Behandlung gehen kann. Vergeblich ist der rumänische Arzt so geduldig, Lilian kann auf Rumänisch nicht genau antworten, sie hat das Gefühl, egal was sie sagt, es ist falsch, und sie dürfte diese vielen starken Beruhigungsmittel nicht einnehmen, die er ihr am Ende doch immer wieder aufschreibt.


nackt

Stell dir dieses dunkle Augenpaar vor, wie es sich anschaut, und umsonst hast du so sorgfältig die unscheinbaren, alltäglichsten Sachen ausgesucht, sagen wir braune Cordhose, braune Halbschuhe, schwarzer Pullover, oder sagen wir: grün, völlig egal, denn vor diesem Blick bist du nackt.


Aus dem Ungarischen von Agnes Relle in Zusammenarbeit mit Werner D. Stichnoth

Zsuzsa Selyem wurde 1967 in Tîrgu Mures, Rumänien, geboren. Sie arbeitet als Literaturkritikerin und Schriftstellerin in Cluj (Klausenburg), Rumänien, wo sie an der Universität auch als Dozentin tätig ist. Die Texte schrieb sie als Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude im vergangenen Jahr.


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00:00 23.02.2007

Ausgabe 43/2021

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