Das große Fressen

Kapitalismus In der Marktwirtschaft diktierte einst der Konsument die Regeln. Heute hat die Finanzindustrie diese Rolle übernommen – mit fatalen Folgen. Das Beispiel Kraft schluckt Cadbury

Der Nahrungsmittel-Konzern Kraft schluckt den britischen Süßwarenhersteller Cadbury und zahlt dafür in Bargeld und Aktien etwa 20 Milliarden Euro – gut das Dreifache des Jahresumsatzes von Cadbury. Kann diese Rechnung aufgehen? Wer diese Frage beantworten will, muss nicht die Nahrungsmittelindustrie kennen, sondern unser Finanzsystem.

Die ersten sicheren Profiteure dieses Deals sind die Institute Citigroup, Deutsche Bank und Lazard auf Seiten von Kraft – und Goldman Sachs, Morgan Stanley und UBS für Cadbury. Sie kassieren 390 Millionen Dollar an Beratungshonoraren. Auch für den Rest der Banken-Meute fällt etwas ab: Die schwungvolle Spekulation im Rahmen des Übernahmekampfes und der Übertragung der Kraft-Aktien im Wert von rund acht Milliarden Dollar dürften dem Bankensektor mindestens weitere 200 Millionen Dollar eingebracht haben. Zweiter Sieger ist Cadbury-Boss Todd Stitzer. Er hat sich zwar lange gegen den Verkauf gewehrt und damit nicht nur den Kaufpreis hochgetrieben, sondern auch seine Abfindung. Er erhält zwölf Millionen Pfund oder 13,7 Millionen Euro.

Im Geld ertrinken

Dass die Banken zurzeit keine Mühe haben, Firmenbosse und deren Hauptaktionäre zu Übernahmekämpfen zu überreden, hat noch einen anderen Grund: Die meisten Großunternehmen ertrinken fast im Geld. Kraft etwa hat 2008 einen Cashflow von 4,14 Milliarden Dollar erzielt, wovon gerade 960 Millionen für Investitionen gebraucht wurden. Dazu kamen dann noch die 3,7 Milliarden Dollar, die das Unternehmen für den Verkauf seines Pizza-Geschäfts an den Rivalen Nestlé kassiert hat.

Statt neue Fabriken zu kaufen, übernimmt man halt den Konkurrenten – und dessen ebenfalls prall gefüllte Kasse.

Cadbury hat sich in den vergangenen Jahren zielstrebig für eine Übernahme fit getrimmt. Der 2008 lancierte Restrukturierungsplan mit dem schönen Namen Vision into Action sah die Verlegung von Fabriken von England nach Polen und den Abbau von 15 Prozent aller Stellen vor. Als Folge davon konnte die Umsatzrendite von 10,1 Prozent im Jahr 2007 auf 13,5 Prozent Mitte 2009 erhöht werden. Bis 2011 werde man bei 16 Prozent angelangt sein, verkündete das Cadbury-Management und trieb damit den Übernahmepreis noch höher.

Nach der Fusion wird es im gleichen Stil weiter gehen. Presseberichten zufolge sollen weitere 10.000 der noch gut 40.000 Cadbury-Angestellten gehen. Kraft-Geschäftsführerin Irene Rosenfeld hat angekündigt, der Konzern werde nach der Fusion seine Marktmacht als weltweite Nr. 1 im Schokoladen- und im Zuckerwaren-Markt und als Nr. 2 im Kaugummi-Markt nutzen, um weitere Synergien zu erzielen und die Umsatzrendite von acht auf zehn Prozent zu erhöhen. Geht das überhaupt? Nach dem Lehrbuch der Marktwirtschaft müsste doch eine knallharte Konkurrenz dafür sorgen, dass die Margen sinken, statt ständig zu steigen. Eben. Genau deshalb lohnt es sich, die Konkurrenz aufzukaufen. Die jüngere Geschichte von Kraft ist ein Musterbeispiel für das große Fressen in der Fressindustrie.

1985: Philip Morris kauft General Foods. 1986: Kraft kauft Tombstone Pizza. 1988: Philip Morris kauft Kraft. 1989: General Foods und Kraft fusionieren. 1990: Kraft Generals Foods kauft Jakobs-Suchard. 1991: Kraft General Foods kauft Capri Sun. 1993: Kraft General Foods kauft Freia Marabou, den führenden Konfektionshersteller Skandinaviens. 2000: Philip Morris kauft Nabisco Holding, fusioniert diese mit Kraft General Foods und bringt sie in die Altria Group ein. Der Kaufpreis von 19,2 Milliarden Dollar setzte damals eine neue Rekordmarke. 2001: Kraft General Foods wird an die Börse gebracht. 2007: Kraft übernimmt das Biscuit-Geschäft von Danone. 2008: Kraft verkauft für 2,6 Milliarden Dollar sein Getreideprodukte-Geschäft. 2009: Kraft verkauft für 3,7 Milliarden Dollar sein Pizza-Geschäft an Nestlé. 2010: Kraft kauft Cadbury.

Hinter diesem scheinbaren Wirrwarr steckt eine Logik. Es ist nicht mehr die des klassischen Marktes, wo derjenige gewinnt, der beste Produkte zum billigsten Preis anbietet. Auf den modernen Märkten herrschen andere Gesetze, und sie werden von der Finanzindustrie diktiert.

Wer zuerst kauft, der gewinnt

Regel Nr. 1: Wer in die Zukunft investiert oder wer die Preise senkt, um Marktanteile zu gewinnen, und dafür vorübergehend tiefere Renditen erzielt als die Konkurrenz, wird gekauft. Konkret geht das so: Tiefe Renditen führen zu tiefen Aktienkursen und das ruft die Raider auf den Plan. Sie kaufen die Firma billig auf, maximieren kurzfristig die Rendite, erhöhen so den Aktienkurs und verkaufen die Firma – oder Teile davon – mit Gewinn.

Regel Nr. 2. Wer zuerst kauft, gewinnt. Es bestätigt sich immer wieder: Sobald eine Firma zu viele Reserven ansetzt, wird sie zum Übernahmekandidaten. Grund: Ein hohes Eigenkapital drückt die Eigenkapitalrendite (Gewinn durch Eigenkapital) und damit den Kurs und ruft so Raider auf den Plan. Sie wollen die Kasse plündern, erhöhen damit optisch die Eigenkapitalrendite – und den Aktienkurs – und können so sogar noch einen Zusatzgewinn machen. Um solchen Attacken vorzubeugen, hat das Management ein Interesse, finanzielle Reserven möglichst schnell zum Kauf anderer Firmen zu nützen oder mehr Dividenden auszuschütten.

Damit konkurrieren die Firmen nicht länger auf den Güter-, sondern auf den Kapitalmärkten. Der Preiswettbewerb wird durch den Kapitalwettbewerb ersetzt. Die Folgen davon sind generell steigende Gewinnmargen. Damit geht den Konsumenten und damit den Arbeitnehmern Kaufkraft verloren. Es findet eine Umverteilung zugunsten der Kapitalbesitzer und des Top-Managements, vor allem des Finanzsektors statt. Die Folge sind soziale, regionale und globale Ungleichgewichte, welche die ganze Weltwirtschaft destabilisieren.

Während die Güter-Marktwirtschaft – im Lehrbuch – zum Gleichgewicht und zur Vollbeschäftigung tendiert, ist der Börsenkapitalismus ein Teufelskreis. Je mehr Leute bei Cadbury entlassen werden, desto mehr geraten die Löhne in England und anderswo unter Druck, desto weniger wird konsumiert, desto mehr Stellen werden abgebaut. Auf der anderen Seite ­erhöhen die steigenden Renditen den Kapitalstock, der für Übernahmen zur Verfügung steht. Dazu kommt ein Gewöhnungseffekt: Mit seinen gestiegenen Umsatz­renditen legt Kraft die Messlatte für die Konkurrenz höher. Mit weniger geben sich die Kapitalmärkte nicht mehr zufrieden. Und genau hier liegt das Problem: Damals in der Marktwirtschaft diktierte noch der Konsument die Regeln. Unternehmen, die ihre Produkte verkaufen wollten, mussten knapp kalkulieren. Heute im Börsen-Kapitalismus müssen die Unternehmen die Gewinnmarge erhöhen, um nicht selbst gekauft zu werden. Mit Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun.

16:00 05.02.2010

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