Das große Kopfschütteln

Die BBC soll schuld sein Nach der Veröffentlichung des Berichts von Lordrichter Brian Hutton muss der staatliche Rundfunk um seine Unabhängigkeit bangen

Das Essen ist teuer, erreicht aber selbst in Londons West End nur mittelmäßige Mensaqualität. Kleider und Schuhe aus der Oxford Street sehen zwar cool aus, beginnen aber schon an dem selben Tag auseinander zu fallen, an dem man sie gekauft hat. Allerdings gibt es einen Bereich, auf dem immer noch kaum jemand mit den Briten mithalten kann: der Qualitätsjournalismus der BBC. Fernsehdokumentationen aus ihrer Produktion sind berühmt und überall auf der Welt kann man beim Kanäle-Durchzappen bei BBC International hängen bleiben und sich über das Neueste vom Neuesten objektiv informiert fühlen. Doch mit einen Mal hat die goldene Medaille des Vereinigten Königreichs einen Kratzer abbekommen, der so tief gehen könnte, dass sie zerbricht.

"Als der Hutton Report letzte Woche veröffentlicht wurde, erwartete ich, dass Geoff Hoon [der Verteidigungsminister] zurücktreten muss. Ich erwartete außerdem zumindest eine zu Kreuze kriechende Entschuldigung von Tony Blair. Seit Monaten hatte ich mich darauf gefreut." Was Thom Yorke, Sänger der Band Radiohead, in einem Artikel in der Tageszeitung The Guardian schrieb, gibt das Gefühl von Hunderttausenden wieder. Doch der 28. Januar - der Tag, an dem Lord Hutton seinen Untersuchungsbericht über die Gründe für den Selbstmord des Waffenexperten David Kelly vorlegte - war ein Tag der Überraschung, um es milde auszudrücken, auch für Thom Yorke: "Stattdessen musste ich einen sich diebisch freuenden, vom hohen Ross herab moralisierenden Blair verdauen, während das Establishment dieses gottverlassenen Landes seine Reihen schließt, um sich selbst, seinen Geheimdienst und die ach so wundervollen Massenvernichtungswaffen zu schützen."

Der in einer Radiosendung ausgestrahlte Vorwurf des Reporters Andrew Gilligan, die Regierung habe ihr Dossier zur Rechtfertigung des Krieges gegen Irak übertrieben aufgebauscht ("sexed up"), hatte zu einem regelrechten Krieg zwischen Blair und der BBC geführt. Was die Lage extrem verschärfte, war der Tod Kellys, der aus Regierungskreisen als Quelle für Gilligans Behauptung benannt worden war, gegen die man sich heftig wehrte. Auf einer Pressekonferenz während eines Staatsbesuchs in Tokyo mit der Frage konfrontiert, ob er Blut an den Händen habe, wusste der Premier sich nicht anders zu verteidigen, als eine unabhängige Untersuchung anzuordnen. In Großbritannien gelten die Lordrichter als hohe moralische Instanzen, weshalb Blair einen von ihnen - den Nordiren Brian Hutton - einsetzte.

Noch vor der Veröffentlichung seiner Ergebnisse forderte die Untersuchung ein erstes schwer zu verdauendes Opfer auf Regierungsseite - Blairs intimen Kommunikations-Berater Alastair Campbell, der schon lange Zeit als sich wenig ums Nüchtern-Reale kümmernder, die Medien nach Kräften vor den Regierungskarren spannender "Spin doctor" verschrien war. Doch als Hutton seinen Bericht dann in einer Kurzzusammenfassung vorstellte, konnte sich selbst der am wenigsten zimperliche Ex-Mann aus Blairs Team von jeder Schuld am Tod des Waffenexperten freigesprochen fühlen - ganz zu schweigen von dem strahlenden Prime Minister selbst.

Nein, befand Hutton, die BBC-Behauptung, die Regierung habe ihr Dossier wissentlich "sexier" als die Wahrheit gemacht, sei nicht korrekt. Auch sei Campbell durchaus befugt, die Position der Regierung in diesem Bedrohungs-Szenario bis zu einem gewissen Grad zuzuspitzen. Als Regierungsvertrauter habe David Kelly eindeutig gegen den Ehrenkodex verstoßen, als er sich mit Andrew Gilligan traf. Der aus der Boulevardpresse eingekaufte Reporter konnte keinerlei beweiskräftige Tonbandmitschnitte von Aussagen Kellys vorweisen, und Hutton machte deutlich, dass er Worte wie "sexed up" kaum dem Mund des Wissenschaftlers selbst zuschreibt. Nicht zuletzt auch für Kellys Familie äußerst überraschend dürfte Huttons Aussage gewesen sein, das Verteidigungsministerium habe keine moralische Verfehlung begangen, als es Kellys Namen als Quelle für den BBC-Bericht angab - schließlich habe man lediglich Anfragen der Presse, ob dies der richtige Name sei, bestätigt.

Am folgenschwersten für den Sender waren jedoch Huttons Ausführungen über dessen höchstes Gremium - die so genannten Governors. Sie persönlich machte er dafür verantwortlich, dass der redaktionelle Prozess "defekt" und es nur deshalb möglich gewesen sei, dass Gilligans "unberechtigte" Vorwürfe durch keine redaktionsinternen Kontrollmechanismen abgefangen wurden. Und als sich die Regierung gegen Gilligan verteidigte, wäre es die Aufgabe der Governors gewesen, "detaillierter auszuforschen, ob die Aufzeichnungen des Reporters seine Behauptungen wirklich stützen konnten". "Wäre das getan worden, hätten sie höchstwahrscheinlich herausgefunden, dass seine Aufzeichnungen die Behauptung nicht stützen konnten, dass die Regierung gewusst habe, dass die Dossier-Information, Irak könne Massenvernichtungswaffen innerhalb von 45 Minuten bereitstellen, falsch ist. Deshalb sollte die Leitung der BBC öffentlich eingestehen, dass dieser schwere Vorwurf niemals hätte gesendet werden dürfen."

Lord Huttons Ergebnisse fielen wie eine Bombe in das Hauptbüro der BBC, und es hatte etwas Gespenstisches, BBC-Reporter in den BBC-Nachrichten aufgeregt und ratlos vor dem BBC-Hauptgebäude stehend über die Aufregung und Ratlosigkeit berichten zu sehen, die in dem BBC-Hauptgebäude herrsche. Sofort waren die Worte von der "schlimmsten Krise" des Senders in seiner bislang 82-jährigen Geschichte bei der Hand und Chairman Gavyn Davies trat zurück. Seine entschuldigenden Worte konnten nicht verhehlen, dass er sich nicht wirklich entschuldigen wollte. Greg Dyke, Generaldirektor des Senders, trat bald darauf ebenfalls zurück, nicht ohne hinzuzufügen, dass er nicht wisse, wofür die BBC um Verzeihung zu bitten habe. Dennoch gab es die von Tony Blair erwünschte öffentliche Abbitte der Leitung, was den Druck auf Andrew Gilligan so erhöhte, dass auch er seine Position aufgeben musste - nicht ohne zu betonen, dass der Hutton Bericht allzu einseitig sei.

Spontan versammelten sich Tausende BBC-Mitarbeiter landesweit vor ihren Arbeitsstellen, vor allem um gegen den Rücktritt des beliebten Dyke zu protestieren. Sie befürchten, der Sender könne seine Unabhängigkeit einbüßen. Und tatsächlich trifft die Institution Huttons Verdikt in einer schwierigen Zeit. Eine Revision der Struktur und ihrer Kontrollorgane steht an, und obwohl Blair betont, dass er die Unabhängigkeit der BBC niemals in Frage stellen würde, befürchten viele, dass er genau das tut.

Jeremy Dear, Generalsekretär der National Union of Journalists, sagt: "Der Hutton-Report stellt eine reale und äußerst gefährliche Gefahr für den Journalismus dar. In jedem Fall werden Journalisten von nun an stärker unter Druck stehen, ihre Quellen offen zu legen, und Leute, die etwas Brisantes wissen, werden sich zweimal überlegen, ob sie es wirklich wagen können, einen Journalisten zu kontaktieren und einzuweihen." Die "uneingeschränkte Entschuldigung" der BBC habe Politikern, die die öffentliche Meinung in ihrem Sinne beeinflussen wollen, nun Tür und Tor geöffnet.

Der von Hutton rein gewaschene Tony Blair, der nun möglichst schnell wieder zur Tagesordnung zurück kehren möchte, hat noch ein anderes Problem. Die Öffentlichkeit gewinnt nicht nur den Eindruck, dass er die BBC nicht so leben lassen will, wie sie (derzeit noch) ist, sie glaubt ihm auch nicht - trotz Hutton. Oder gerade wegen Hutton? "Der Spruch des Lordrichters war keine Überraschung", sagt ein Kommentar. "In Nordirland ist er doch schon seit Jahrzehnten der Schutzengel des Establishments." "Ich kann immer noch nicht einsehen, warum Gavyn Davies und Greg Dyke gehen mussten", schreibt Thom Yorke, "das ist Absurdes Theater". "Jeder", so der Radiohead-Sänger, "schüttelt ungläubig und wütend den Kopf; was da passiert ist, sollte uns alle wirklich besorgt um die Zukunft unseres Landes machen."

In einer Umfrage des Guardian waren nur gut 20 Prozent der Befragten der Meinung, dass Davies und Dykes Rücktritte notwendig waren. 31 Prozent dagegen sagten, dass sie Vertrauen in die BBC hätten, während nur zehn Prozent angaben, der Regierung zu vertrauen. In einer anderen Umfrage, in der Times, meinten 36 Prozent der Befragten, Blairs Ruf habe durch den Tod des Waffenexperten Kelly Schaden genommen - trotz der Entlastung durch Lord Hutton.

Hauptkritikpunkt aller Verwunderten ist, dass Hutton die Frage, wie wahr oder unwahr die Behauptung der Regierung war, Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen, vollkommen ausklammerte. Dazu könne er nichts sagen, zukünftige Entdeckungen oder Nicht-Entdeckungen dieser Waffen würden zeigen müssen, ob die Behauptungen der Regierung, die sich auf Geheimdiensterkenntnisse stützten, wahr gewesen seien oder nicht. Er habe nur der - inzwischen verneinten - Frage nachgehen können, ob die Regierung wissentlich gelogen habe. Nun hat dieser Tage Blair zwar nach wochenlangem Drängen und dem Vorbild der USA eine Untersuchung angeordnet, wie diese Geheimdienstinformationen eigentlich zustande gekommen sind. Doch wird natürlich, wie von Lord Hutton vorgezeichnet, bei einem negativen Ergebnis die Schuld an dem britischen Geheimdienst hängen bleiben, nicht jedoch an der Regierung.

Dieser Logik widersetzte sich nicht nur die BBC, zumindest bis zu ihrer Entschuldigung, etwa darauf hinweisend, dass bei der Erstellung des Kriegsgrund-Dossiers niemand fragte, ob die "45-Minuten-Massenvernichtungswaffen" - wenn sie denn überhaupt existierten - Kurz- oder Langstreckenraketen sind. Warum, so fragt man sich, macht man dem Sender moralische Vorwürfe über sein "defektes" Redaktions-System, wenn an Alastair Campbells Dossier nicht dieselben Maßstäbe angelegt werden?

Campbell erkläre jetzt öffentlich, meint Yorke, die BBC habe nicht die Wahrheit gesagt. "Wie? Sie hat ihre Geschichte nicht ordentlich nachgeprüft? Mir scheint, mein Herr, ihre kleine Geschichte über die Massenvernichtungswaffen wurde auch nicht richtig durchgecheckt. Und wir würden gerne wissen, warum wir gegen internationales Recht verstoßend aufgrund einer einzigen, nicht sehr glaubwürdigen Quelle in den Krieg gezogen sind."

Und Tony Blair? "Er hat einen sehr großen politischen Fehler gemacht, der die globale Stabilität gefährdet, und hat Tausende in den Tod geschickt. Er sagt uns, er weiß, dass er einmal seinem Schöpfer Rede und Antwort stehen muss. Nun, Lord Hutton gegenüber musste er das jedenfalls sicher nicht."


00:00 13.02.2004

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