Das große Schattenboxen

Viel Aufregung, wenig Analyse In der Debatte über Berlins NS-Gedenkstätten wird hoch gepokert und platt polemisiert

Etwas Merkwürdiges ist geschehen: die Berliner NS-Gedenkstätten, bis gestern im In- und Ausland hoch geschätzt und ob ihrer erfolgreichen Arbeit allgemein gelobt, sehen sich massiven Vorwürfen ausgesetzt. Die Pauschalurteile, auf unterschiedlichem Niveau vorgetragen von den Historikern Ulrich Herbert in der FAZ und Götz Aly in der Süddeutschen Zeitung, werden inzwischen auch von Korrespondenten großer Zeitungen als erwiesene Tatsachen referiert.

Unfreiwillig ausgelöst wurde diese Debatte durch den Vorschlag der Staatsministerin für Kultur, vier der Berliner Einrichtungen künftig in einer Bundesstiftung zusammenzufassen. Nun besteht kein Grund, nur entlang bestimmter Vorgaben zu diskutieren und lediglich Modifikationen im Detail anzuregen. Natürlich muss auch die Frage erlaubt sein, ob eine solche Stiftung überhaupt nötig ist, und welche Vorteile sie bringen soll und kann. Ebenso darf man den Anlass benutzen, die bisher geleistete Arbeit der Gedenkorte kritisch zu evaluieren und womöglich Gegenentwürfe zu entwickeln. Ein erster Schritt dazu wäre eine nüchterne Analyse der Ausgangslage. Leider muss man konstatieren, dass schon die Beschreibung des sogenannten Ist-Zustandes in beiden Fällen die Sachverhalte verändert, bis sie als Argument für die eigenen Thesen taugen.

Preisgekrönte Ausstellungen sämtlich Schrott?

Statt sich auf die Berliner Situation einzulassen, beschreibt Ulrich Herbert in zwei langen Absätzen die Bemühungen der westdeutschen Bürgerinitiativen, verschüttete lokale Spuren der NS-Herrschaft aufzudecken und deren Geschichte in die eigene Stadt zurückzubringen. Er nennt sie "gut gemeint, aber ... amateurhaft", die entstandenen Ausstellungen "überwiegend wissenschaftlich und museumsdidaktisch nicht mehr auf dem neuesten Stand", um sofort hinzuzufügen, das gelte auch für die Berliner NS-Gedenkstätten.

Der authentische Ort als Ausgangspunkt habe zweitens eine regionale oder ortsbezogene Perspektive und damit drittens eine Focussierung auf die in Deutschland Verfolgten und Ermordeten zur Folge gehabt, die weniger als fünf Prozent der Opfer ausmachten. Auch hier fügt Herbert hinzu: "Auf spezifische Weise gilt das auch für die Berliner Situation".

Nun stehen zwar am Anfang der Entwicklung auch in Berlin Bürgerinitiativen, ohne die es vermutlich weder das "Haus der Wannsee-Konferenz" noch die "Topographie des Terror" auf dem ehemaligen Gelände des Reichssicherheitshauptamtes gäbe. Aber damit endet auch schon die Analogie. Dank der Umsicht des Berliner Senats wurde an all diesen Orten von Anfang an professionell gearbeitet. Auch von einer nur lokalen Perspektive und einer Vernachlässigung der Opfer außerhalb der deutschen Grenzen kann keine Rede sein.

Natürlich lassen sich, ist eine Einrichtung einmal aus dem Nichts aufgebaut, am Ende immer noch Defizite und Detailfehler finden oder Verbesserungen aufgrund inzwischen zugänglich gewordener Quellen vorschlagen. Aber so zu tun, als habe hier bisher ein sympathischer Zirkel von wohlmeinenden Amateuren agiert, denen man die Arbeit nun endlich aus der Hand nehmen müsse, um sie zu professionalisieren, ist schon ein starkes Stück. Die als Leiter der Gedenkstätten verantwortlichen Historiker, ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter und die namhaften Ausstellungsarchitekten - alle zusammen nur eine verdienstvolle Laientruppe, ihre international anerkannten, im Ausland eingeladenen beziehungsweise preisgekrönten Ausstellungen sämtlich Schrott? Vor einem dreiviertel Jahr, als Ulrich Herbert in einer Laudatio zur Verabschiedung seines Kollegen Reinhard Rürup dessen Verdienste um die "Topographie" schilderte, klang das noch ganz anders.

Dass die seit dem Staatsakt der Grundsteinlegung am 8. Mai 1995 ständige Verzögerung des Neubaus die "Topographie des Terrors" in ihren Aktivitäten blockiert hat, wird niemand bestreiten. Aber dass eine revidierte und erweiterte Dauerausstellung die jetzige ablösen sollte, war stets unstrittig, ein Konzept lag vor. Das kann auch Ulrich Herbert, der seit einem Jahrzehnt Mitglied des internationalen Beirats ist, nicht unbekannt sein.

Ein Musterbeispiel, wie beliebig Behauptungen aufgestellt werden, ist das "Haus der Wannsee-Konferenz", dessen Ausstellung man - je nach Ideologie oder Interesse - abwechselnd die Ausblendung der Täter, dann wieder das Fehlen der Opfer nachgesagt hat. Ulrich Herbert geht noch einen Schritt weiter und behauptet, die Ausstellung präsentiere nur "die Entscheidungsbildung der NS-Spitze bis zum Beginn des Massenmords", obwohl sie bekanntlich die gesamte Verfolgungsgeschichte von 1933 bis 1945 dokumentiert.

Erstaunlich auch, wie Herbert die neuen großen "Holocaust"-Ausstellungen in einigen europäischen Hauptstädten "oder gar in Washington" (!) als Maßstab setzende Gegenbeispiele zu Berlin anführt. Ohne Zweifel verfügt man dort über üppigere Budgets, größere Räume und reiche Sammlungen. (Im Urteil von ausländischen Fachleuten schnitten die Berliner mit ihren nüchtern, zu Konzentration und Stringenz gezwungenen Darstellungen gleichwohl stets gut ab.) Die Behauptung, die ausländischen Ausstellungen bewegten sich wissenschaftlich und museumsdidaktisch auf der Höhe der Zeit, hält hingegen einer ernsthaften Überprüfung nicht stand.

Von Dimitroff und Thälmann bis zu Harro Schulze-Boysen

Im Niveau drei Etagen tiefer argumentiert Götz Aly in der Süddeutschen Zeitung. Unter dem Titel Hochdotierte Verwahrlosung beklagt er "Das Elend der Berliner NS-Gedenkstätten". Bleibt Herbert im Ton jovial, so spricht aus dieser Polemik eine kalte Wut, deren Ursache sich nur ahnen lässt. Die Berliner Ausstellungen nennt Aly sämtlich: peinlich, missproportioniert, unübersichtlich und in den Aussagen verschwommen, schwer genießbar, geschichtsfeige. Sie ließen alle zentralen Fragen unbeantwortet und betrieben objektiv Gegenaufklärung.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen diesem Generalverdikt und den vergleichsweise peripheren Beispielen, die sich fast ausnahmslos auf den Katalog der "Topographie" beziehen, dem er ein "anspruchsloses Komsomolzen-Layout" bescheinigt, was immer das heißen mag. Wo er von der Ausstellung spricht, greift er gleich zweimal daneben. Sein Spott über die Ausführlichkeit der Ortsgeschichte vergisst die Entstehung der "Topographie" als Annex der Ausstellung zum 750-jährigen Bestehen der Stadt Berlin. Seine Kritik am "Übermaß" der deutschen NS-Opfer übersieht, dass es sich - von Dimitroff und Thälmann bis zu den Mitgliedern der Harnack/Schulze-Boysen-Gruppe und den Verschwörern des 20. Juli - um Insassen des Hausgefängnisses der Gestapo handelt. Auf solche lokalen Bezüge zu verzichten hieße, die Wirkung der Authentizität des Ortes auf den Besucher zu verschenken. Der Charakter von Himmlers Hauptquartier als Gehirn und Organisationszentrale des Verbrechens für ganz Europa verhindert im Übrigen zuverlässig jedes Steckenbleiben im Lokalen.

Beide Kritiker verkennen völlig, was eine dokumentarische Ausstellung leisten kann und soll. Ohne praktische Erfahrung in der Profession, unterschätzen sie, welchen Problemen sich gegenüber sieht, wer historische Vorgänge mit den spezifischen Mitteln dieses Mediums visuell darstellen will. Natürlich darf die Dokumentation nicht im Widerspruch zum Stand der wissenschaftlichen Forschung stehen. Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, dass sie jedes ihrer Ergebnisse widerspiegeln könnte. Wo es nur darum gehen kann, Grundlinien einer Entwicklung so nachzuzeichnen, dass Interesse und Aufnahmevermögen des Durchschnittsbesuchers nicht überanstrengt werden, bleiben viele Aspekte, die den Historiker interessieren müssen, gänzlich irrelevant. Eine Ausstellung ist nun einmal keine fachwissenschaftliche Studie und kann deren Lektüre niemals ersetzen. Sie kann den Besucher jedoch zu weiteren Fragen anregen und in der Hausbibliothek wie in begleitenden Seminaren Antworten anbieten.

Eine "Verwissenschaftlichung" der Ausstellungen, die sich vornimmt, zum Beispiel die komplexen administrativen Strukturen der Mordmaschinerie abzubilden, die der Besucher sich weder merken kann noch muss, oder mit dem Metermaß die vorhandene Fläche je nach Zahl der Opfer zwischen den einzelnen Ländern aufzuteilen, wäre dagegen der sichere Tod des ganzen Unternehmens.

Ich bezweifle auch, dass eine zentrale Gesamtdarstellung der Geschichte der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik (Herbert), geschweige denn des NS-Regimes insgesamt (Aly) überhaupt möglich ist, die nicht alle Dimensionen sprengt und gleichwohl immer noch kursorisch bleibt. Der einzig denkbare Platz dafür wäre das Deutsche Historische Museum, das mit den dafür vorgesehenen 1.600 Quadratmetern jeden Besucher physisch überfordern wird. Die übrigen Berliner Einrichtungen, unter einem organisatorischen Dach integriert oder nicht, können dazu nur "Vertiefungsräume" sein, wie die Ausstellungsmacher das nennen. Thematisch gehörten dazu allerdings noch die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht und die von der "Topographie" erarbeitete Ausstellung "Der Krieg gegen die Sowjetunion", die bisher nicht als Dauereinrichtungen zur Verfügung stehen.

Wenn Aly von Verwahrlosung spricht, so beschreibt er damit zutreffend das intellektuelle und moralische Niveau, auf das eine notwendige Debatte unter seiner Mitwirkung herabgekommen ist. Sollte es sich bei den beiden Artikeln um verdeckte Bewerbungsschreiben ihrer Autoren handeln, so hätten sie sich - der eine, weil er zu hoch gepokert, der andere, weil er zu platt polemisiert hat, und beide, weil sie ihre Pauschalaussagen nicht hinreichend begründen können - selbst aus dem Rennen katapultiert.

Gerhard Schoenberner ist Autor zeitgeschichtlicher Bücher und Ausstellungen, war - zusammen mit Professor Wolfgang Scheffler - wissenschaftlicher Berater der "Topographie" und Gründungsdirektor der Gedenkstätte "Haus der Wannsee-Konferenz".


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00:00 01.04.2005

Ausgabe 38/2020

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