Das große Spiel geht weiter

Ost-West An die Konfrontation gewöhnt, auf Kooperation angewiesen: Die NATO braucht Russland, um in Afghanistan bestehen zu können. Dies darf aber kein Nullsummenspiel sein

Das politische Moskau wartet mit verhaltener Spannung auf die erste Aprilwoche, wenn sich die Präsidenten Medwedjew und Obama zu ihrem Gipfeltreffen sehen. Dann wird sich zeigen, ob die russisch-amerikanischen Beziehungen den erklärten „Neustart“ erleben oder die Offerten der US-Regierung Rhetorik bleiben. Die Erwartungen gehen weit über bilaterale Horizonte hinaus, berühren sie doch das Verhältnis zwischen Moskau und dem Westen insgesamt, den viele Russen mit der NATO gleichsetzen, um darin entweder ein Fossil des Kalten Krieges oder einen Dämon zu sehen, der es auf unsere territoriale Integrität abgesehen hat. Eines jener bizarren Stereotype, von denen wir nicht lassen können.

Auf der anderen Seite hält sich hartnäckig die Überzeugung, Moskau strebe danach, die Sowjetunion – wenn auch stark gestutzt – wiederauferstehen zu lassen. Was immer im postsowjetischen Raum passiert, es unterliegt diesem Deutungsmuster. Manche Politiker in Westeuropa – hofiert vom Baltikum und Polen – errichten gedanklich eine neue „Berliner Mauer“, wenn der russischen Grenze näherkommen.

Die tragischen Ereignisse im Kaukasus vom August 2008 boten einen offenbar willkommenen Anlass, der Versuchung nachzugeben, sich auf Seiten des „schutzlos“ ausgelieferten Tiflis einzumischen und Moskaus „aggressive Politik“ zu bestrafen. Letzteres fand Gott sei Dank nie so statt wie gefordert – man beschränkte sich auf militante Statements und medialen Druck. Zu einer ähnlichen Konstellation kam es Monate später, als die NATO-Außenminister trotz erheblichen Drucks der USA dem Wunsch Georgiens und der Ukraine nach Beitritt zum Membership Action Plan nicht stattgaben. Damit war der Boden bereitet, den NATO-Russland-Rat Anfang März zu reanimieren.

Das Große Spiel um eine Weltregion

Die NATO braucht Russland, um in Afghanistan bestehen zu können. Leider verstehen in Moskau nicht alle, dass es hier kein Nullsummenspiel geben kann. Sollte die NATO vorzeitig vom Hindukusch lassen, wären damit reale Gefahren für die nationalen Interessen Russlands in Zentral­asien heraufbeschworen. Daher erscheint die in Moskau offen gezeigte Freude über den eventuell erzwungenen Abzug der Amerikaner vom kirgisischen Luftwaffenstützpunkt Manas, den ein erheblicher Teil des für Afghanistan gedachten Nachschubs passiert, eher deplatziert. In den nächsten Jahren wäre Russland nie und nimmer in der Lage, das Afghanistan-Problem selbstständig zu lösen. Statt zu frohlocken, wäre es sinnvoller, die kirgisische Regierung von der Notwendigkeit zu überzeugen, bei adäquater Finanzierung die Rechte der Amerikaner auf das Luftkreuz Manas zu verlängern.

Die NATO hat bereits ein Agreement über den Transfer nichtmilitärischer Güter in Richtung Kabul mit Russland, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan getroffen – Moskau stimmte zugleich dem Transit von Militärgütern für deutsche und französische Basen am Hindukusch zu. Die NATO könnte sich revanchieren, indem sie in Zentralasien auf neue oder den Ausbau vorhandener Stützpunkte verzichtet. Was sie freilich kaum tun wird, denn auch unter Obama geht das Große Spiel zwischen den USA und Russland um eine Weltregion weiter, die von der Ukraine bis Pakistan reicht. Gewiss ist dabei heute die Geografie wichtiger als die Ideologie. Der Kommunismus musste zwar abdanken, aber der Wettbewerb zwischen West und Ost bleibt davon unberührt als sei nichts oder nicht viel geschehen. Wenn also im Moment viel von einem neuen Fenster der Möglichkeiten geredet wird, das sich zwischen Russland und der NATO öffnet, sollte besser die Metapher vom Zeitfenster gebraucht werden, das sich schnell wieder schließen kann. Es gibt auf beiden Seiten genügend Skeptiker, für die es normal ist, in einem Zustand der Konfrontation miteinander auszukommen. Russland sollte dennoch bei seiner Idee bleiben, einen einheitlichen atlantischen Sicherheitsraum zu fordern.

Wladimir Walerjewitsch Jewsejew gehört zum Führungskreis des Zentrums für internationale Sicherheit am Moskauer Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen (IMEMO)

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